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LÄSST? SICH DIE SYNCHRONISATIONSTHEORIE DER HIRNFUNKTION FUNKTIONALISTISCH INTERPRETIEREN?

von Axel Ziemke

Der Funktionalismus behauptet, dass sich mentale Zustände als funktionale Zustände charakterisieren lassen, die bestimmt sind durch ihre kausalen Relationen zu Inputs (sensorischen Stimulationen), Outputs (motorischen Aktionen) und anderen funktionalen Zuständen. Die Gesamtheit dieser zueinander in Relation stehenden und sich somit gegenseitig bestimmenden funktionalen Zustände lässt sich als funktionale Organisation eines Systems verstehen. Der Funktionalismus ist insofern ein anti-reduktionistischer Ansatz als er mentale Zustände unabhängig von ihrer physischen Realisierung definiert. Es ist für einen bestimmten mentalen Zustand in weiten Grenzen unerheblich, in welcher Form er realisiert ist, denn nicht seine physische Beschaffenheit macht ihn zu diesem bestimmten mentalen Zustand, sondern das relationale Gefüge, in das er eingebettet ist. Um zu kennzeichnen, was Schmerz ist, um bei dem meist zitierten, wenn auch hoffnungslos vereinfachten Beispiel zu bleiben, ist es aus funktionalistischer Sicht unerheblich, dass er auf neuronaler Aktivität in Arealen der Großhirnrinde, des limbischen Systems und des Zwischenhirns beruht und in der Regel durch eine Erregung der Hauptschmerzbahn hervorgerufen wird, die wiederum auf die Reizung von Nozizeptoren zurückgeht. Entscheidend ist, dass er durch Verletzungen oder andere Schädigungen des Körpers hervorgerufen wird, mit dem Wunsch nach Linderung, Angst vor Verstärkung und Überzeugungen über seine Ursachen verbunden ist und Rückzugs- oder Vermeidungsbewegungen, Ausrufe oder sprachliches Hilfeersuchen anderen gegenüber zur Folge hat. Die funktionale Äquivalenz (oder token identity), nicht aber die Äquivalenz der neuronale Realisierung (oder type identity) bestimmt, was ein Schmerz ist. Der Funktionalismus ist somit eine Gegenposition zu einem Materialismus oder Physikalismus, der mentale Zustände, in welcher begrifflichen Formulierung auch immer, mit neuronaler Aktivität identifiziert.

Eine wissenschaftliche Erforschung mentaler Zustände erfordert demzufolge aus funktionalistischer Sicht die empirische Untersuchung und die theoretische Konzeptionalisierung der funktionalen Rolle dieser Zustände im Rahmen der jeweiligen funktionalen Organisation durch die Rekonstruktion seiner Relationen zu Inputs, Ouputs und anderen mentalen Zuständen. Die empirischen Grundlagen hierfür hätten in erster Linie Psychologie, Psychophysik und Verhaltensbiologie zu liefern, die theoretische Konzeptionalisierung würde in vor allem in Modellen kognitiver Simulationen zu suchen sein. Grundlage der letzteren war lange Zeit die Computerprogrammanalogie, der zufolge sich mentale Zustände zu neuronalen Zuständen verhalten wie Computerprogramme zu Computern oder Software zu Hardware. Verbunden hiermit war dementsprechend die Perspektive, die funktionale Organisation kognitiver Leistungen des Menschen von ihrer neuronalen Basis „abschöpfen“ und als „Künstliche Intelligenz“ in technischer Hardware realisieren zu können. Der neurobiologischen Forschung kommt aus funktionalistischer Sicht für die empirische Erforschung mentaler Zustände eine untergeordnete Rolle zu, da sie lediglich die konkrete Realisierung funktionaler Zustände in der „Wetware“ des Gehirns zum Gegenstand haben kann. Mentale Zustände durch neurophysiologische Methoden verstehen zu wollen wäre aus dieser Sicht ebenso wenig Erfolg versprechend, wie ein Computerprogramm durch Untersuchung der Ladungszustände von Computerchips entschlüsseln zu wollen.

Ist Funktionalismus „out“?

Während der Funktionalismus in den 70er und 80er Jahren im Rahmen der sich etablierenden Kognitionswissenschaften ohne Zweifel der dominierende Ansatz zum Verständnis mentaler Zustände gewesen ist, scheint er heute zumindest in der interdisziplinären Diskussion an Bedeutung zu verlieren. Dafür gibt es meiner Beobachtung nach drei Gründe: (1) Mit der Entwicklung immer leistungsfähigerer neurophysiologischer Messmethoden und Auswertungsverfahren haben die Neurowissenschaften eine beeindruckende Basis empirischer Forschungsergebnisse und in deren Folge überzeugende theoretische Ansätze für ein Verständnis des menschlichen Bewusstseins entwickelt, die die ihnen von Funktionalisten unterstellte Zweitrangigkeit ad absurdum führt. (2) Die den frühen Funktionalismus bestimmende und allzu oft mit dem Funktionalismus identifizierte Computerprogrammanalogie hat als forschungsleitende Hypothese bei weitem nicht das erhoffte Verständnis mentaler Zustände geliefert. Sie scheint zudem durch die Einsichten der Neurowissenschaften in die Organisation des Gehirns geradezu widerlegt zu sein. Die hochgradig parallele und rückgekoppelte Architektur des Gehirns scheint das ganze Gegenteil der algorithmisierenden Funktionsweise eines Computerprogramms zu realisieren. (3) Das Qualia-Problem scheint sich im Rahmen des Funktionalismus nicht nur, wie im Falle des Materialismus, nicht lösen, sondern noch nicht einmal formulieren zu lassen. Symptomatisch darf hier das Inverted Qualia Argument gelten: Stellen wir uns beispielsweise zwei Menschen vor, die von Geburt an beim Anblick von als „rot“ und „grün“ benannten Gegenständen die jeweils einander entgegen gesetzten Farbempfindungen aufweisen. Der eine empfindet also beim Anblick des oberen Ampellichtes die gleiche Farbqualität wie der andere beim Anblick des unteren Ampellichtes, der eine beim Anblick reifer Tomaten die gleiche wir der andere beim Anblick unreifer Tomaten. Da beide aber hinsichtlich ihres sprachlichen und nichtsprachlichen Verhaltens die gleichen Lernprozesse durchlaufen haben, werden diese umgekehrten Farbqualitäten identische Relationen zu Inputs, Outputs und anderen funktionalen Zuständen aufweisen. Verschiedene mentale Zustände wären somit funktional identisch – und damit der Funktionalismus nicht begrifflich konsistent.

Die Synchronisationstheorie der Hirnfunktion

Zu den großen Erfolgen der Hirnforschung der 50er bis 80er Jahre gehörte die Entdeckung immer neuer Typen merkmalsselektiver Zellen. Neuronen also, deren Impulsfrequenz (Anzahl von Aktionspotenzialen pro Zeiteinheit) dann am höchsten ist, wenn in ihrem rezeptiven Feld (dem ihre Aktivität beeinflussenden Abschnitt einer Sinnesoberfläche) bestimmte Reizmerkmale auftreten. Im visuellen Systems findet man also beispielsweise Zellen, die dann besonders häufig „feuern“, wenn der sie innervierende Bereich der Netzhaut bzw. des korrespondierenden Gesichtsfeldes von Kanten einer bestimmten Orientierung oder einer bestimmten Bewegungsrichtung überstrichen werden, wenn die Reize eine bestimmte Farbe aufweisen, wenn sie expandierenden oder kontrahierenden Flowfields entsprechen, aber auch, wenn die Reize Gesichter, Hände oder andere Gegenstände repräsentieren. Auf Grundlage dieser zunächst an Versuchstieren gewonnenen Ergebnisse in Verbindung mit dem durch bildgebende Verfahren gewonnenen Wissen über die Lokalisation kognitiver Leistungen konnte die Hirnforschung zumindest für das visuelle System einen sehr genauen Überblick über die Verarbeitungswege im Gehirn gewinnen. Es wurde dabei deutlich, dass die Verarbeitung sensorischer Information zwar in den frühen Verarbeitungsstufen eine gewisse hierarchische Organisation aufweist, spätestens auf Ebene der Großhirnrinde aber hochgradig divergent und parallel erfolgt. So erfolgt etwa die Verarbeitung von Orts- Bewegungsinformationen eines visuellen Reizes im Anschluss an den primären und sekundären visuellen Cortex über die parietal (zum Scheitel hin) anschließenden Areale der Großhirnrinde, die Verarbeitung der Informationen über Form und Bedeutung des Gegenstandes hingegen über die temporal (zur Schläfe hin) anschließenden.

Angesichts dieser verteilten Verarbeitung sensorischer Information über spezialisierte Teilsysteme des Gehirns stellt sich nun die Frage, wie die Information über die vielen einzelnen Merkmale zu Objekten und Szenen gebunden wird, wie sich also aus der Aktivität vieler einzelner Neuronenpopulationen eine integrierte Wahrnehmung ergibt. Wenn ich beispielsweise während eines mediterranen Spätsommerspaziergang eine letzte reife Feige an einem Feigenbaum entdecke, ist mein Gehirn zunächst mit den vielen in Form der Impulsfrequenz von Populationen merkmalsselektiver Zellen codierten Merkmalen des Baumes und der umgebenden Landschaft konfrontiert, aus denen es die Wahrnehmung einer Feige an einem bestimmten Zweig eines bestimmten Astes jenes Feigenbaumes in der mediterranen Landschaft konstruieren muss. Zur Wahrnehmung dieser Feige gehören eventuell noch andere Sinnesleistungen etwa des Geruchssinnes, die mit dem Gesehenen in Beziehung gesetzt werden müssen. Zudem lässt sich dieses Problem noch über den Wahrnehmungsaspekt hinaustreiben: Wenn ich mich nun entschließe, den Baum unter Einsatz meiner körperlichen Unversehrtheit zu ersteigen, müssen die dieses Risiko abwägenden Neuronenpopulationen meines limbischen Systems ebenso wie die die Bewegung planenden und initiierenden Areale der Großhirnrinde in diese Szene eingebunden werden. Andere Neuronenpopulationen werden es sein, wenn ich all dies mich zu Reflektionen über den Baum der Erkenntnis oder Luthers Unkenntnis dieser Frucht bei der Übersetzung der Genesis aus dem Lateinischen anregt.

Entscheidende Experimente zur Lösung dieses so genannten „Bindungsproblems“ gelangen der Arbeitsgruppe von Singer Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre. Sie verwendeten zwei Mikroelektroden, mit denen an narkotisierten Katzen und später auch an wachen Affen die Aktivität von jeweils zwei Populationen von Nervenzellen gemessen und die zeitlichen Beziehungen der Häufigkeit des Auftretens von Aktionspotenzialen in beiden Populationen untersucht wurden. In ihren Experimenten bewegten siezunächst zwei Lichtbalken mit verschiedener Geschwindigkeit und Richtung über die rezeptiven Felder zweier verschiedener Populationen orientierungsselektiver - also bei einem bestimmten Winkel dieses Balkens aktiver – Nervenzellen und stellten fest, dass die Häufigkeit ihrer Aktionspotenziale voneinander unabhängig ist. Bewegten sich beide Balken hingegen mit gleicher Richtung und Geschwindigkeit, so kam es häufiger vor, dass beide Gruppen von Zellen gleichzeitig Aktionspotenziale erzeugten. Bewegte sich letztlich nur ein Balken über beide rezeptiven Felder, so war diese Synchronisation am höchsten. Die Verallgemeinerung dieser Ergebnisse legte den Schluss nahe, dass Objekte durch die synchronisierte Aktivität der für ihre Merkmale selektiven Gruppen von Nervenzellen repräsentiert werden. Nicht die einseitige Beeinflussung der Impulsfrequenz von Nervenzellpopulationen durch hierarchisierte Verarbeitungswege sollte also das „einheitsstiftende“ Prinzip des Gehirns sein, sondern die durch reentrante (wechselseitige) Verbindungen vermittelte gegenseitige Synchronisation und Desynchronisation der Aktivität von Nervenzellpopulationen. Im Zusammenhang mit vielen anderen experimentellen Befunden und theoretischen Überlegungen ergab sich auf einer noch höheren Generalisationsebene eine völlig neue Theorie der Funktion des Gehirns : Alle komplexen Funktionen unseres Gehirns, Wahrnehmung, Denken, Entscheiden, Fühlen, Handeln, beruhen auf der zeitlichen Abstimmung der Aktivität ständig wechselnder Gruppen von Nervenzellen in allen Teilen unseres Gehirns. Zwei Gruppen, die noch eben in ihrer Aktivität untereinander synchronisiert waren, desynchronisieren sich wenig später, um ihre Aktivität mit anderen Gruppen abzustimmen. Immer wieder vereinen sich die Aktivitäten bestimmter Gruppen von Zellen zu globalen Erregungsmustern, die parallel dazu von anderen begleitet und Augenblicke später von wieder anderen abgelöst werden.

Wenn ich also eine Feige wahrnehme, sollte dies dadurch geschehen, dass die die verschiedenen Merkmale dieser Feige (Form, Farbe, Ort, Bedeutung) durch ihre Impulsfrequenz repräsentierenden Neuronenpopulationen die zeitliche Abfolge ihrer Aktionspotenziale untereinander signifikant stärker synchronisieren als sie es mit den die Merkmale der umgebenden Blätter und Zweige repräsentierenden tun. Wenn ich mich entscheide, den Baum zu ersteigen oder eher Betrachtungen über die Frucht vom Baum der Erkenntnis anzustellen, sollten Synchronisationen mit der zeitlichen Abfolge der Aktionspotenziale jeweils anderer Neuronenpopulationen in anderen Arealen der Großhirnrinde und vielleicht des limbischen Systems auftreten. Die Aktivität von Nervenzellen vermittelt demzufolge zwei verschiedene Aspekte: Im Rahmen der sensorischen Informationsverarbeitung repräsentieren sie über ihre Impulsfrequenz die Anwesenheit von sensorischen Stimulationen in ihren rezeptiven Feldern, während sie durch die gegenseitige Synchronisation und Desynchronisation der Abfolge von Aktionspotenzialen Objekte und Szenen konstruieren. In einem weiteren Rahmen repräsentieren sie frequenzcodiert Einzelaspekte kognitiver, emotionaler oder volitiver Leistungen, die über ihre zeitliche Abstimmung in den einheitlichen Zusammenhang einer Szene oder Situation gestellt werden.

Der gewagteste, aber m.E. durchaus plausible Schritt in diesem Forschungszusammenhang ist nun der Versuch, diese zeitliche Synchronisation der Aktivität von Nervenzellpopulationen als neuronales Substrat unseres bewussten Erlebens zu verstehen. Phänomenologisch liegt dieser Schluss nahe, weil die Integration der Mannigfaltigkeit, der durch diese Kohärenz neuronaler Aktivität geschaffen wird, gerade ein hervorstechendes Merkmal mentaler Zustände ist. Wichtigster empirischer Beleg hierfür ist der experimentell bestimmten Frequenzbereiche der beobachteten Synchronisation von Oszillationen in der Aktivität von Neuronenpopulationen, die genau im Bereich der bei aufmerksamer Bewusstheit typischen Frequenzen des EEG liegen (40-60 Hz). Dem gegenüber ist allein der Sachverhalt, dass die meisten Ergebnisse der Erforschung merkmalsselektiver Zellen an narkotisierten Tieren gewonnen wurden, ein Beleg dafür, dass die Codierung von Merkmalen in Form der Impulsfrequenz von Neuronenpopulationen zwar sicher eine notwendige, gewiss aber keine hinreichende Bedingung für bewusstes Erleben ist. Umgekehrt muss allerdings auch davon ausgegangen werden, dass ein gewisses Maß an Kohärenz neuronaler Aktivität schon bei unbewusster Signalverarbeitung möglich ist, denn auch die grundlegenden Experimente von Singers Arbeitsgruppe fanden zunächst ebenfalls an narkotisierten Versuchstieren statt.

Synchronisationstheorie und Funktionalismus im Vergleich

Der methodische Reduktionismus neurobiologischer Forschung scheint so eng mit einer materialistischen oder physikalistischen Position zum Körper-Geist-Problem verknüpft, dass man sofort einen Gegensatz neurobiologischer Theorienbildung mit antireduktionistischen Konzepten wie jenem des Funktionalismus mutmaßt. Vergleicht man aber das eingangs dargestellte Verständnis mentaler Zustände als funktionale Zustände mit der anschließend dargestellten Synchronisationstheorie der Hirnfunktion, wie ich sie hier nennen möchte, so ergeben sich auffällige Parallelen. Beide definieren mentale Zustände relational. Es sind die kausalen Relationen zu Inputs, Outputs und anderen mentalen Zuständen, die nach funktionalistischer Auffassung einen mentalen Zustand kennzeichnen. Ebenso verkörpert nach Auffassung der Synchronisationstheorie die Aktivität einer Neuronenpopulation nur dann ein bewusstes Erleben, wenn es in Relation (Synchronisation, Kohärenz) zur Aktivität vieler anderer Neuronenpopulationen steht. So wie für den Funktionalismus die „physische Beschaffenheit“ eines mentalen Zustandes irrelevant für seine Bestimmung ist, so stellt auch für die Synchronisationstheorie die Impulsfrequenz einer Neuronenpopulation lediglich eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für bewusstes Erleben dar. Diese formale Isomorphie möchte ich zum Anlass für die Hypothese nehmen, dass die durch Synchronisation neuronaler Aktivität entstehenden Kohärenzbeziehungen die nach funktionalistischer Auffassung mentale Zustände kennzeichnenden Relationen sind.

Der Wert dieser Hypothese für die Synchronisationstheorie besteht darin, dass sie die bescheidene empirische Basis für die Identifikation der Kohärenz neuronaler Aktivität als Substrat bewussten Erlebens durch die entsprechende funktionalistische Intuition stützt. Der Wert für den Funktionalismus besteht darin, dass die Synchronisationstheorie als Implementationstheorie funktionaler Zustände gelten dürfte und funktionalistische Überlegungen somit perspektivisch auf eine solide neurobiologische Basis stellen könnte.

Für den Funktionalismus würde diese Identifikation allerdings die Modifikation einiger grundlegender Annahmen bedeuten. Zunächst müsste man die funktionale Organisation zumindest der grundlegenden menschlichen mentalen Zustände in Form der relevanten Relationen zwischen mentalen Zuständen auf einer Ebene suchen, die weit näher an dem neuronalen Substrat liegt als man seit Jahren vermutete. Nicht eine Meta-Meta-Meta-Ebene „über“ der neuronalen Aktivität sind mentale Zustände zu suchen, sondern in ihren unmittelbaren Relationen. Ebenfalls aufgeben müsste der Funktionalismus seinen radikal anti-reduktionistischen Anspruch. Die Perspektive einer unmittelbaren Untersuchung mentaler Zustände über nicht-invasive Messmethoden mit hinreichender räumlicher und zeitlicher Auflösung scheint perspektivisch möglich und sollte gleichberechtigt neben psychologische und verhaltensbiologische Methoden treten. Endgültig ad acta zu legen wäre natürlich eine Computerprogrammanalogie des Geistes oder ein wie auch immer geartete „language of thought“. Letztendlich wäre eine weitgehende Modifikation dessen erforderlich, was man in der funktionalistischen Literatur gemeinhin unter „Input“ oder „Output“ versteht. Einbezogen in das durch die Synchronisation neuronaler Aktivität realisierte Relationsgefüge sind den neurobiologischen Annahmen zu Folge nur diejenigen Teile des Gehirns, die untereinander durch massive reentrante Nervenbahnen verbunden sind, welche die Synchronisation und Desynchronisation neuronaler Aktivität vermitteln. Diese Verbindungen sind aber weitestgehend auf das thalamo-kortikale System, also Thalamus und Großhirnrinde beschränkt. Nicht „sensorische Stimulationen“ wären also der „Input“, zu dem mentale Zustände in Relation stehen, sondern die Aktivität von Neuronenpopulationen des Thalamus und/oder der primären und sekundären sensorischen Areale der Großhirnrinde. Nicht Bewegung oder Verhalten, sondern die Aktivität der motorischen und prämotorischen Rindenareale wären der „Output“, zu dem Relationen bestehen können.

Die Wahrnehmung der Feige auf meinem mediterranen Spaziergang würde als mentaler Zustand also unter anderem bestimmt sein durch die über die Synchronisation neuronaler Aktivität vermittelten Relationen zwischen Neuronenpopulationen, die in Form ihrer Impulsfrequenzen die einzelnen Merkmale der Feige und ihres Hintergrundes repräsentieren. Sie würde weiterhin bestimmt sein durch die Synchronisation der Aktivität dieser Populationen merkmalsselektiver Zellen mit Neuronenpopulationen des prämotorischen und motorischen Cortex, die die Planung und Initiation von Bewegungen realisieren, und/oder mit der Aktivität von Neuronen präfrontaler Rindenareale die in irgend einer Form meine kulturgeschichtlichen Gedankengängen verkörpern.

Das Argument der invertierten Qualia als Prüfstein und Verständnishilfe

Das Argument der invertierten Qualia ist insofern zirkulär, als es voraussetzt, dass Erlebnisqualitäten anders als funktional, also etwa der materialistischen Intuition folgend durch die zugrunde liegende neuronale Aktivität bestimmt sein könnten. Sehr schön deutlich wird dies an dem Versuch einer neurobiologischen Plausibilisierung dieses Argumentes, die Martine Nida-Rümelin entwickelt. Wenn man von der Möglichkeit eines gemeinsamen Auftretens zweier zur Rot-Grün-Blindheit führender genetischer Defekte ausgeht (Protanopie, Deuteranopie), dann sollte es möglich sein, dass die normalerweise für Licht langer Wellenlänge sensiblen Zapfen mit bei Licht für mittlerer Wellenlänge zerfallenden Opsin ausgestattet sind und die normalerweise für Licht mittlerer Wellenlänge sensiblen Zapfen mit bei Licht für langer Wellenlänge zerfallenden Opsin. Wenn man zudem eine genetische Festlegung der neuronalen Verbindungen innerhalb der Retina sowie zu Thalamus und visuellem Cortex ausgeht, würden bei Menschen mit einer Kombination dieser Gendefekte normalerweise rotempfindliche merkmalsselektive Zellen bei grünem Licht und normalerweise grünempfindliche merkmalsselektive Zellen bei rotem Licht eine hohe Impulsfrequenz aufweisen. Wäre diese Impulsfrequenz ausschlaggebend für die Farbempfindung, würden solche „pseudonormalen“ Menschen also dort rot sehen, wo „normale“ Menschen grün sehen und umgekehrt. Es entstünde der bereits dargestellte Widerspruch mit der Kennzeichnung mentaler Zustände durch den Funktionalismus, der „normalen“ und „pseudonormalen“ Menschen aufgrund ihrer weitestgehend identischen funktionalen Organisation gleiche Farbempfindungen zuschreiben würde.

Sollte die Synchronisationstheorie ein weitgehend dem Funktionalismus entsprechendes Konzept mentaler Zustände sein, dann müsste sie zu der gleichen Zuschreibung von Farbempfindungen führen wie der Funktionalismus und entsprechend zu anderen als die Nida-Rümelins Argument zugrunde liegende materialistische Intuition. Und eben das ist m.E. der Fall. Denn nicht die Impulsfrequenz ist aus Sicht dieser Theorie der Aspekt der Aktivität einer Neuronenpopulation, der ihre bewusste Erlebnisqualität ausmacht, sondern die Synchronisation und Desynchronisation ihrer zeitlichen Struktur mit derjenigen anderer Neuronenpopulationen. Unabhängig von der Verschaltung dieser farbselektiven Zellen mit den Zapfen der Netzhaut würden sich beim Anblick reifer Tomaten die „rotselektiven“ Neuronenpopulationen des Normalen und die (vermeintlich) „grünselektiven“ Neuronenpopulationen des Pseudonormalen über reentrante Nervenfasern mit Zellpopulationen synchronisieren, die die Form und den Geruch reifer Tomaten oder die Intention zum Zubeißen repräsentieren oder zu sprachlichen Aussagen über ihre Essbarkeit führen. Die die Farbqualität repräsentierenden Neuronenpopulationen wiederum wären dieselben, welche synchronisiert mit anderen Neuronenpopulationen aktiv wären, wenn der Normale oder Pseudonormale das obere Ampellicht, ein von Wut gefärbtes Gesicht oder die Lippen seiner Geliebten betrachtet. Normale und Pseudonormale sollten also der Synchronisationstheorie zufolge aufgrund ihrer Ontogenese und des aktuellen relationalen Gefüges ihrer mentalen Zustände entweder gleiche Farbempfindungen haben oder sich hinsichtlich ihrer funktionalen Organisation wesentlich unterscheiden. Die Synchronisationstheorie würde also der funktionalistischen und nicht der gängigen materialistischen Intuition zum Problem der invertierten Qualia folgen.

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