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Das Ding als Wahrnehmung und seine "Aufhebung" in der Handlung


Eine nicht-repräsentationistische Perspektive aus klassisch-philo­sophischer Sicht



von Axel Ziemke (Klagenfurt)


(erschienen in: Ziemke,A./O.Breidbach (Hg.), Repräsentationismus. Was sonst? Eine Auseinandersetzung mit dem repräsentationistischen Forschungsprogramm in den Neurowissenschaften, Braunschweig, Wiesbaden: Vieweg 1996)





1. Problemstellung



Die verschiedenen Debatten der Kognitionswissenschaft in den 70er und 80er Jahren haben einerseits zu einer Relativierung der Physi­cal Symbol System Hypothesis durch konnektionistische Konzepte ge­führt und andererseits die Fundierung der Kognitionswissenschaft durch neurowissenschaftliche Forschung zunehmend zum Programm er­hoben. Während Kognitionswissenschaftler vor dieser Relativierung die Einheit ihrer Wissenschaft eben mit dieser zentralen Hypothese begründeten (Simon 1990), kann man nach dieser Relativierung von einem einheitsstiftenden Ansatz nur noch in einem sehr abstrakten Sinne sprechen, nämlich in Form eines Konzeptes von "Kognition als Repräsentation" in seiner Explikation durch ein informationstheo­retisches Kategoriensystem: Kognitive Leistungen werden erforscht, indem theoretisch abgeleitet und experimentell begründet wird, wie der "Gegenstand" dieser Leistung in dem untersuchten System "repräsentiert" wird. Explizit oder implizit wird mit diesem For­schungsprogramm ein repräsentationistischer Erklärungsansatz von Kognition verbunden: Eine kognitive Leistung gilt demzufolge als erklärt, wenn die Repräsentation des "Gegenstands" dieser Leistung im System theoretisch verständlich gemacht und experimentell nach­gewiesen werden kann. Die verschiedenen Ansätze im Rahmen dieses Forschungsprogrammes unterscheiden sich hinsichtlich der Organisa­tion der Repräsentationen im Rahmen der kognitiven Architektur (komplexe Symbole, Netzwerke semantischer Atome, quasi-perzeptive Repräsentationen) und besonders dahingehend, auf welcher "Ebene" des Verständnisses jener Systeme die relevanten Repräsentationen, Codes oder Symbole zu finden sind (neuronale, funktionale, mentale Repräsentationen - vgl. Ziemke/Cardoso de Oliveira, dieser Band).


Eine Kritik dieses Forschungsprogrammes am Beispiel der neurobio­logischen Wahrnehmungsforschung soll in diesem Aufsatz versucht werden. Es soll gezeigt werden, daß ein repräsentationisti­scher Erklärungsansatz von Wahrnehmung nur unter Voraussetzung ei­ner Elimination von Subjektivität möglich ist und die "eliminativ-reduktionistischen" Konzepte der "Analytical Philosophy of Mind" (APM) somit die notwendige Konsequenz dieses Forschungsprogrammes sind (P.M. Churchland 1984, P.S.Churchland 1986). Verschiedene Kritikansätze des repräsentationistischen For­schungsprogrammes (besonders Varela 1979, Maturana 1982, Varela & Thompson 1992, aber auch Neisser 1979, Dreyfus 1985) werden als Einforderung von "Subjektivität" im Sinne eines Subjektbegriffes der Klassischen Deutschen Philosophie (KDP) reinterpretiert. Im Rahmen eines solchen Subjektbegriffes wird gezeigt, was "Subjektivität der Wahrnehmung" bedeuten kann, und versucht, die Perspektive eines nicht-repräsentationistischen Ansatzes der experimentellen und theoretischen Neurobiologie abzuleiten. Auf diese Weise wird es nicht zuletzt möglich sein, die sich in der Problemexposition noch recht unvermittelt gegenüberstehenden philosophischen und neuro­wissenschaftlichen Perspektiven zu verbinden. Abschließend sollen Möglichkeiten zur Operationalisierung einer "Logik der Subjektivi­tät" diskutiert werden.



2. Repräsentationismus: Die Elimination von Subjektivität



In der experimentellen und theoretischen Neurobiologie werden nicht nur kognitive Leistungen (im Rahmen der "Kognitiven Neuro­biologie"), sondern auch die funktionelle Architektur des Gehirns (im Rahmen der "Funktionellen Neuroanatomie") erforscht, indem "Repräsentationen" ihres "Gegenstandes" auf neuronaler Ebene un­tersucht werden. So besteht das zentrale Anliegen der "systemisch" orientierten experimentellen Neurobiologie in der Su­che nach "Reizkorrelaten" in der neuronalen Aktivität. An einem zumeist anästhesierten und paralysierten Versuchstier wird die Aktivität einer einzelnen Nervenzelle (in Aktionspotentialen pro Zeiteinheit) durch eine (einzelne) Mikroelektrode in Abhängigkeit der Variation eines Reizparameters gemessen. Auf Grund der Kor­relationen zwischen Reizparametern und neuronalen Aktivitätspara­metern spricht man von einem "neuronalen Code", der "Codierung" der Reizparameter in Form der Aktivitätsparameter. Die neurophy­siologische Forschung hat mit diesem experimentellen Ansatz ein umfangreiches Wissen über "merkmalselektive Zellen", "Merkmalskarten" und "parallel-sequentielle Verarbeitungsströme sensorischer Information" im visuellen, aber auch auditorischen und somato-sensorischen System erarbeitet, das größtenteils mit neuroanatomisch nachgewiesenen Verbindungen und histologischen Differenzierungen in Verbindung gebracht werden kannn (vgl. etwa Zeki 1992, ausführlicher: Kandel & Schwartz 1993, 285-426). Die theoretische Neurobiologie sucht in erster Linie nach Algo­rithmen, die zeigen, wie die "implizit" in den Aktivitätszuständen sensorischer Oberflächen gegebene "Information" in einer solchen Weise "expliziert" wird, daß eine "symbolische Entsprechung" neu­ronaler Aktivitätsparameter mit gegebenen Reizparametern erzeugt wird (Marr 1982). Sie bemüht sich um eine "computational ex­planation" kognitiver Prozesse, die eben den semantischen Gehalt jener neuronalen Aktivitätsparameter abzuleiten versucht (Sejnowski et al. 1988). Anders als in der experimentellen Neuro­biologie liegen hier wohldefinierte Repräsentationskonzepte vor, etwa: "A representation is a formal system for making explicit certain entities or types of information, together with a specifi­cation of how the system does this. And I shall call the result of using a representation to describe a given entity a description of the entity in that representation" (Marr 1982,20). Selbst die in letzter Zeit viel diskutierten Assembly-Modelle (Netzwerkmodelle der neuronalen Ebene) modellieren "Lernprozesse" unter der Voraussetzung, daß gezeigt werden soll, wie Korrelationen gegebener "items" oder "events" über synaptische Verknüpfungen zwischen Einheiten, die diese "items" oder "events" "repräsentieren", "gespeichert" werden (Palm 1986). Explizit oder implizit erheben diese Ansätze den Anspruch, kognitive Leistungen - im Rahmen einer Spezifikation des o.g. re­präsentationistischen Erklärungsansatzes - über Repräsentationen auf neuronaler Ebene erklären zu können: Eine kognitive Leistung gilt dann als erklärt, wenn (experimentell und/oder theoretisch) gezeigt werden kann, wie der "Gegenstand" dieser Leistung (zumeist ein Reizparameter) in Form neuronaler Aktivität "repräsentiert" oder "codiert" wird (vgl. zu all dem wiederum Cardoso de Oli­veira/Ziemke, dieser Band).


Anti-reduktionistische Konzepte im Rahmen der Diskussion der APM führen gegen die Möglichkeit einer Erklärung von Kognition auf der neuronalen Ebene Konzepte wie die "Intentionalität", "Individualität" und "Bewußtheit" mentaler Zustände und die "mentale Verursachung" von Verhalten an. Da an dieser Stelle auf die sehr differenzierte Bestimmung dieser Begriffe in der APM nicht eingegangen werden kann, muß es hinreichen anzumerken, daß "Intentionalität" die Gerichtetheit unserer mentalen Zustände auf Dinge oder Sachverhalte in der Welt meint, "Individualität" die Tatsache, daß diese mentalen Zustände nur dem Menschen zugänglich zu sein scheinen, der sie "hat", "Bewußtheit" die Annahme eines "Erlebnischarakters" dieser mentalen Zustände und "mentale Verur­sachung", die Unterstellung, daß diese mentalen Zustände als (in ihrem Zusammenhang rational oder logisch explizierbare) Gründe un­ser Verhalten "verursachen". Ansätze, die eine Erforschung neuro­naler Strukturen als einen (Dennett 1992) oder sogar den (P.M.Churchland 1984, P.S.Churchland 1986) Zugang zu einer Erklä­rung von Kognition sehen, bemühen sich in letzter Zeit, diese Konzepte als Konsequenz eines alltagspsychologischen Sprachgebrauchs zu verstehen. Ihre Bedeutung würden solche Begriffe demzufolge aus unseren "alltäglichen" Annahmen und Voraussetzungen gewinnen, mit denen wir das Verhalten anderer Men­schen "vorhersagen" und das wir letztlich auch auf uns selbst be­ziehen. Diese alltäglichen Begründungszusammenhänge müßten wir nun nicht nur dahingehend als "Theorie" ("Folk Psychology") interpretieren, daß sie Erklä­rungen und Vorhersagen gestattet, sondern besonders in der Hin­sicht, daß sie sich angesichts der künftigen Entwicklung neurowis­senschaftlicher Forschung durchaus als völlig oder teilweise falsch erweisen könnte ("eliminative Reduktion"). Der Verweis auf die genannten Spezifika mentaler Zustände könnte dann nicht mehr zur Begründung eines anti-reduktionistischen Ansatzes dienen (Churchland 1986, 295ff). Im Gegensatz dazu wird eine Erklärung gerade dieser Spezifika mentaler Zustände von Searle (1992) zum Kriterium einer ("retentiven") Reduktion der (wissenschaftlichen und Alltags-) Psychologie auf die Neurobiologie gemacht: Eine neu­rowissenschaftliche Theorie wird eben dadurch ihren Wert beweisen müssen, daß sie diese vier Merkmale erklären kann.


Während allerdings die meisten anti-reduktionistischen Konzepte Kognition gerade über Repräsentationen auf einer anderen (symbolischen, mentalen) Ebene des kognitiven Systems zu erklären versuchen, richtet sich die hier vorzutragende Kritik prinzipiell gegen alle Formen des Repräsentationismus. Man tut diesem repräsentationisti­schen Forschungspogramm gewiß unrecht, wenn man das "Repräsentieren" als ein passives "Abbilden" der "Wirklichkeit" unterstellt. Vielmehr könnte es für eine Heranführung an das Pro­blem hilfreich sein, dieses "Repräsentieren" in Analogie (und Dis-Analogie) zu der "alltäglichen Praxis" des "Beschreibens" zu be­greifen. Das Beschreiben ist als Handlung ein aktiver Prozeß. Die Beschreibung als Ergebnis des Beschreibens "expliziert" Aspekte des Beschriebenen. Die Beschreibung bezieht sich in einer als symbolische Zuordnung faßbaren Weise auf das Beschriebene. Das Be­schriebene macht seine "Bedeutung" aus. Die Beschreibung ist "Information über" das Beschriebene. In der wörtlichen Verwendung von "Be-Schreiben" könnten wir die propositionale Darstellung des Wahrgenommenen meinen, die dann auch extensional sein könnte. Im übertragenen Sinne könnten wir mit "Beschreiben" auch die Erzeu­gung einer bildlichen Darstellung oder eines "Netzes von Verknüp­fungen semantischer Atome" meinen oder eben - und darum soll es vor allem gehen - das "Beschreiben" der "Gegenstände" kognitiver Leistungen durch die Erzeugung bestimmter "Signale" auf Grundlage des "neuronalen Codes". Im Sinne des frühen Wittgenstein ist eine Beschreibung und in Analogie dazu eine Repräsentation ein (nicht notwendigerweise extensionales) "logisches Bild" einer "Tatsache" als "Bestehen von Sachverhalten".


Über die Analogie des "Beschreibens" kann gezeigt werden, daß ein Repräsentationskonzept von Kognition ein "Subjekt" voraussetzen muß und somit Kognition in ihrer "Subjektivität" nicht erklären kann. Eine repräsentationistische Erklärung von Kognition wäre also nur dann möglich, wenn die "Subjektivität" von Kognition als eine unangemessene Bestimmung des zu Erklärenden eliminiert wird. Eine Beschreibung wird etwas nämlich nur dann, wenn jemand (ein "Subjekt") diese Beschreibung als Beschreibung von etwas "versteht", diese Beschreibung also einem Beschriebenen zuordnet. Dieses Subjekt muß die Beschreibung also "als solche" erkennen. Es muß sie also in ihrer "symbolischen Entsprechung" zu einer Tatsache erfassen, ihre "Bedeutung" oder "aboutness" verste­hen, sie als "Information über" etwas auffassen. Faßt man Kogni­tion also als Repräsentieren eines Gegenstandes in Analogie zum "Beschreiben" dieses Gegenstandes auf, so ist Kognition nicht al­lein dadurch erklärt, daß man die Erzeugung einer solchen Reprä­sentation aufweist, sondern erst dann, wenn die Zuordnung dieser Repräsentation zu einem Repräsentierten durch ein "verstehendes Subjekt" gezeigt wird. Nachdem die Repräsentation der Tatsache "im" System gezeigt wurde, ginge es also darum, zu erklären, wie "der Verstehende", das "Subjekt" in einem "höheren Zentrum" des Gehirns die Zuordnung dieser Repräsentation zum Repräsentierten vornimmt. Auf Grund eines repräsentationistischen Ansatzes ist nun aber eben das nicht möglich, da sich dieser Ansatz sonst in einem unendlichen Regreß verfängt: Ein repräsentationistisches Erklä­rungskonzept würde hier weitere Repräsentationen ("zweiter Ordnung") postulieren müssen, die die Wirklichkeit und ihre ursprüngliche Repräsentation ("erster Ordnung") repräsentiert. Diese Repräsentationen ("zweiter Ordnung") würden dementsprechend weitere Repräsentationen ("dritter Ordnung") impli­zieren etc. Das Erklärungsproblem würde also immer nur auf eine höhere Systemebene verschoben, nie aber gelöst werden. Verkürzter gesprochen würde die Kognition eines Gegenstandes durch die Reprä­sentation dieses Gegenstandes also darum nicht erklärt werden kön­nen, weil es hierfür erforderlich wäre, die "Kognition" der Repräsen­tation und ihres Gegenstandes und der Zuordnung beider zu erklä­ren.


An dieser Argumentation würde sich auch dadurch nur wenig ändern, daß man dem System ein "naiv-realistisches Mißverständnis" unter­stellt, demzufolge es seine Repräsentationen mit "der Wirklichkeit selbst" verwechselt. Die Analogie hierfür wäre eine Beschreibung, die so täuschend "echt" aussieht, daß man sie als das Beschriebene selbst (miß-?)versteht. Auch dann müßte gezeigt werden, wie das System diese Repräsentation (fälschlicherweise) als Gegenstand er­kennt. Auch hier würde sich ein unendlicher Regreß ergeben (der dann der "homunculus fallacy" entsprechen würde). Auch hier würde der Aufweis einer solchen Repräsentation keine Erklärung von Ko­gnition darstellen, weil nun erklärt werden müßte, wie soetwas wie die "Kogni­tion" dieser Repräsentation erfolgt.


Allerdings kann es durchaus so erscheinen, als wäre eine repräsentationistische Erklärung von Kognition möglich, wenn das "Verstehen" der Beschreibung durch das System mit dem "Verstehen" dieser Beschreibung durch den Neurowissenschaftler verwechselt wird. Tatsächlich tritt nämlich in der empirischen oder theoretischen Forschung ein solches "verstehendes Subjekt" auf, nämlich der Neurowis­senschaftler selbst. Wenn im Rahmen der experimentellen Neurobio­logie von einem "neuronalen Code" oder in der theoretischen Neuro­biologie von "Symbolen" oder der "Explikation von Information" ge­sprochen wird, so ist es der Neurowissenschaftler, der diesen Code auf das "Codierte" bezieht, die Symbole als Zeichen "für" be­stimmte Sachverhalte und die Explikation dieser Information in Form der formalen Beziehungen dieser Symbole als "Information über" eine Tatsache, in ihrer "Bedeutung" versteht. Er ist es also, der die Beschreibung dem Beschriebenen zuordnet.


Der Ver­weis auf das Forschungssubjekt ist aber nicht nur in theoretischer, sondern auch in methodologischer Hinsicht interessant. Zunächst wieder in unserer Analogie: Das Be­schreiben impliziert natürlich nicht nur jemanden (ein Subjekt), dem man etwas beschreibt, sondern zuallererst jemanden (ein an­deres oder auch dasselbe Subjekt), der diese Beschreibung er­zeugt. Eben diese Implikation ist es, die dazu berechtigt, vom Re­präsentieren als einem "aktiven" Prozeß zu sprechen. Das "beschreibende Subjekt" erzeugt eine Beschreibung als Zuordnung der Beschreibung zum Beschriebenen. Dieses eigentliche Beschreiben wird in der repräsentationistischen Sichtweise zu einem Kausalpro­zeß oder "automatischen Ablauf", der experimentell erforscht oder theoretisch modelliert wird. Diese "Elimination des Beschreiben­den" ist natürlich unumgänglich, da die Unterstellung eines geson­derten Aktes des Beschreibens Kognition nicht erklären, sondern das Erklärungsproblem lediglich auf das Subjekt dieses Beschrei­bens verschieben würde. Und doch verweist eine Rekonstruktion des Experimentierens und Theoretisierens auf eben einen solchen "Beschreibenden": nämlich den Experimentator bzw. Theoretiker selbst. So folgt das neurophysiologische Experiment dem Zweck der Herstellung der Reizkorrelationen und "mapping relations" als Handlung des Experimentators, dessen Empirizitätskriterium die Er­füllung dieses Zweckes, das Gelingen oder Mißlingen dieser Her­stellung ist. Dementsprechend ist es der Experimentator, der die zu untersuchenden Reiz- und Aktivitätsparameter festlegt, den Ver­suchsaufbau so gestaltet, daß deren Korrelationen erzeugt werden können und der unter den "Störgrößen" dieser Korrelationen nicht zuletzt die Aktivität des Tieres selbst in Form seiner Bewegungen durch Anästhesie und Paralyse auszuschließen gezwungen ist, um überhaupt zu signifikanten Ergebnissen zu kommen. Der Experimenta­tor selbst ordnet im Experiment Beschreibung und Beschriebenes einander zu. Man kann durchaus sagen, der Experimentator "beschreibt" durch den Versuchsaufbau (auf eine recht umständliche Art und Weise) das von ihm erzeugte Reizangebot. Er ist "der Be­schreibende". Auch hier entsteht also der Schein einer Beschreibung durch das System selbst durch die Verwechslung mit der Beschreibung durch den Experimentator. Es ist der Beobachter, nicht das Nervensystem, der die neuronale Aktivität als "Beschreibung" eines Beschriebenen erzeugt.


Wenn der Neurowissenschaftler Kognition in ihrer Subjektivität erklären will, so ist ein repräsentationistisches Forschungspro­gramm dafür nicht geeignet; denn eben diese Subjektivität wird durch die empirische Erforschung und theoretische Modellierung im­mer nur vorausgesetzt. Subjektivität tritt in einem repräsentatio­nistischen Forschungsprogramm immer nur als Subjektivität des Neu­rowissenschaftlers, nicht aber als Subjektivität des Systems auf. Der Schein einer Erklärung dieser Subjektivität beruht auf nichts anderem als der Verwechslung der Subjektivität des Neurowissen­schaftlers selbst mit der des Systems. Wie nach der folgenden Spe­zifikation des Subjektivitätsbegriffes noch anzudeuten sein wird, bedeutet dies nicht zuletzt, daß die in der APM als Merkmale men­taler Zustände diskutierten Konzepte der Intentionalität, Indivi­dualität, Bewußtheit und mentalen Verursachung sich einer reprä­sentationistischen Erklärung notwendigerweise entziehen müssen. All das sagt, wohlgemerkt, nichts darüber aus, ob es sinnvoll ist, selbst unter Voraussetzung einer Subjektivität von Kognition Re­präsentationen etwa im Rahmen einer "funktionellen Neuroanatomie" zu untersuchen. Allerdings kann mit einem solchen "unproblematischen Repräsentationismus" nicht der Anspruch einer Erklärung von Kognition, ja nicht einmal der Anspruch einer "neurobiologischen Kognitionsforschung" oder "Kognitiven Neurobio­logie" verfolgt werden.


Will der Neurowissenschaftler demgegenüber den Anspruch vertre­ten, Kognition im Rahmen eines repräsentationistischen Forschungs­programmes zu erklären, so ist er gezwungen, die Subjektivität von Kognition zu leugnen. Der von den Churchlands und Dennett vertre­tene Standpunkt, mit den genannten spezifischen Merkmalen mentaler Zustände auch das Konzept eines "Selbst", "Ich" oder eben "Subjekts" zur Disposition zu stellen, ist also die notwendige Konsequenz eines repräsentationistischen Forschungsprogrammes. Un­ter dieser Voraussetzung wird ein Repräsentationskonzept von Ko­gnition gewiß sehr schwer angreifbar. Tatsächlich könnten die vielfältigen durch unser alltägliches Erleben, aber auch auf Grundlage phänomenologischer Methode begründeten Belege für die Subjektivität des "Ich" und des "Du" einer fundamentalen Illusion unterliegen - wenn auch die Erklärung die­ser Illusion nicht weniger problematisch wäre als die Erklärung von Subjektivität selbst. Man könnte als Gegenargument anführen, daß die gesamte Sprechweise zur Formulierung von reprä­sentationistischen Theorien und zur Interpretation der Ergebnisse empirischer Forschung im Rahmen dieses Forschungsprogrammes auf jene Subjektivität der Kognition des Wissenschaftlers verweist, die dieses Programm in Frage stellen müßte. Besonders aber sollten das in Zweifel gezogene Zeugnis unseres alltäglichen Erlebens und der unbestreitbare praktische Nutzen des "mentalistischen" Vokabulars unserer Alltgssprache ein hinreichender Grund sein, über ein Forschungsprogramm nachzudenken, das die Subjektivi­tät von Kognition im Anschluß an empirische Ergebnisse und theore­tische Vorstellungen moderner neurowissenschaftlicher Forschung zu seinem Gegenstand machen könnte. Am Beispiel eines nicht-repräsenta­tionistischen Wahrnehmungsverständnisses soll ein möglicher Ansatz eines solchen Forschungsprogrammes angedeutet werden.



3. Repräsentationismuskritik: Die Einforderung von Subjektivität



Das repräsentationistische Forschungsprogramm ist zunehmend zum Gegenstand von Kritikansätzen geworden, die zu alternativen Erklä­rungsansätzen von Kognition geführt haben. In Bezug auf die neuro­wissenschaftliche Forschung zu nennen wären die Arbeiten zu einer Kybernetik zweiter Ordnung am Biological Computer Laboratory Urbana (Wilson 1976) und die auf dieser Begrifflichkeit aufbauende "Biologie der Kognition" (Maturana 1982, Varela 1979). Maturana argumentiert gegen den Erklärungsanspruch eines repräsentationi­stischen Ansatzes ebenfalls durch den Verweis auf die Vorausset­zung der von einem Beobachter hergestellten Abbildungsrelation: "Ein Beobachter spricht von Repräsentation in seinem Beschrei­bungsbereich, wenn er eine Abbildungsrelation zwischen zwei ge­trennten Phänomenen herstellt. Er benutzt eines dieser Phänomene als Zeichen und das andere als Objekt und sucht mit Hilfe des Zei­chens deskriptive Schlußfolgerungen über das Objekt zu erlangen" (1982,285). Dies setzt nach Maturana voraus, daß der Beobachter sich "außerhalb" sowohl des Zeichens als auch des Objekts befin­det, denn er muß beide als strukturell verschiedene Phänomenberei­che definieren. Dies aber ist für das Nervensystem nicht möglich, da es selbst keine intern-/extern-Unterscheidung vornehmen und so seine eigenen Zustände nicht mit denen der Umgebung in Beziehung setzen kann. Dementsprechend setzt Maturana fort: "Wenn Repräsen­tation als Phänomen nicht zum Operieren des Nervensystems gehört, kann auch adäquates Verhalten nicht durch eine Berechnung des Ner­vensystems mit Hilfe einer Repräsentation der Umwelt entstehen". Der Begriff "Repräsentation" läßt sich also nur hinsichtlich der Beschreibungen eines Beobachters bzw. in dessen konsensuellem Be­reich sinnvoll verwenden, nicht aber zur Erklärung kognitiver Lei­stungen des Systems (Maturana 1982, 295). Repräsentationen sind also "als solche" nur dem Beobachter zugängliche Relationen, die nichts darüber aussagen, wie ein Gegenstand "für" das beobachtete System wird.


Als einzig operationalisierbares Kriterium von Kognition schlägt Maturana "effektives Handeln" vor. "Handlung" verwendet Maturana allerdings synonym mit dem Konzept der "strukturellen Kopplung" eines operational geschlossenen Systems mit seiner Umwelt. Als ausgesprochen abstraktes "Effektivitätskriterium" gilt ihm die Aufrechterhaltung der Autopoiese des Systems. Anknüpfend an diese Theorie entwickelt Varela in seinem "enacting approach" den Erklä­rungsansatz von Kognition als "verkörpertem Handeln", demzufolge kognitive Leistungen im phylogenetischen, ontogenetischen und ak­tualgenetischen Kontext sowohl in ihrer handlungsleitenden Funk­tion als auch in ihrem eigenen Handlungscharakter zu verstehen sind (Varela & Thompson 1992, Thompson, Palacios & Varela 1992). Für die Wahrnehmung bedeutet all das: "Sensory per­ception cannot be understood as an input process, whereby a stimulus cau­ses an effect in a complex process beyond sense organs. Perception and ac­tion cannot be separated, since perception is an expression of the closure of the nervous system. In positive terms, perception is equivalent to the con­struction of invariances through a sen­sory-motor coupling by means of which the the organism becomes viable in its environment. The environmental noise becomes objects through the nervous-system closure" (Varela 1979,247). Neben jenen mehr biologisch orientierten Arbeiten wäre auf Methodendiskussio­nen in der Kognitiven Psychologie zu verweisen. Im Anschluß an Gibsons (1973) "ökologische Psychologie" mahnt etwa Neisser (1979), einer der Begründer der Kognitivistischen Psychologie, in seinem Spätwerk "Cognition and Reality" in seiner Kritik der "ökologischen Validität" kognitionspsychologischer Forschung nicht zuletzt die Handlungsbezüge und den Handlungscharakter kognitiver Leistungen an: Theorien der Mustererkennung sind nicht notwendig Theorien der Wahrnehmung. Objekte und Ereignisse erhalten eine Be­deutung aus ihren Handlungsbezügen. Diese Bedeutung kann man wahr­nehmen und man tut das auch. Nicht zuletzt ist für die Wahrnehmung dieser Bedeutung die Information entscheidend, die durch Bewegung vermittelt wird. Wahrnehmung ist keine "Aufnahme" von Information, sondern eine durch sensorisch-motorische Schemata geleitete Erkun­dungsaktivität. Auch einige Kritiker der Künstlichen Intelligenz sehen in der Handlungskompetenz des Menschen eine entscheidende Leistungsbeschränkung dieses Forschungsprogrammes (Dreyfus 1985; Dreyfus & Dreyfus 1987), während sich in der Forschung selbst etwa zur Konstruktion "autonomer Roboter" eine handlungsbezogene "Intelligenz ohne Repräsentationen" erforderlich zu machen scheint (Brooks 1987).


Diese in dieser Kritik eingeforderte Handlungsbestimmtheit von Kognition im Allgemeinen und Wahrnehmung im Besonderen steht nun in enger Beziehung mit der unter 2. als Erklärungsdefizit des re­präsentationistischen Forschungsprogrammes herausgestellten Sub­jektivität von Kognition. "Subjektivität" wird in den Diskussionen der APM eng assoziiert mit "Intentionalität", "Individualität", "Bewußtsein", "Ich", "Selbst", "mentalen Zuständen" oder einer "Erlebnisdimension". Und eben hier setzt auch die Dekonstruktion von Subjektivität durch die Churchlands, Dennett, aber auch Varela und Thompson an. In der KDP wird Subjektivität hingegen zunächst aus einer Zweck­bestimmtheit der "Tätigkeit" eines "Organismus" abgeleitet und stellt zunächst ein Problem des Fragens nach dem Lebendigen und erst davon abgeleitet ein Problem des Fragens nach dem Bewußtsein dar (vgl. Ziemke 1994b). Für Kant beruht die Verwendung des Zweckbegriffes als "Naturzweck" allerdings lediglich auf einer "entfernten Analogie" mit dem menschlichen Handeln. Demgegenüber versucht der frühe Schelling diese Zweckbestimmtheit in Form einer "naturimmanenten Teleologie" zu globalisieren. Für Hegel schließlich wird eine Teleologie des Organismus, seines Lebensprozesses und der biologi­schen Gattung zum Ausgangspunkt für ein Verständnis der "Logik" des Lebens. Wie bereits bei Kant beruht diese Teleologie allerdings nicht auf einem äußerlich vorgegebenen Zweck, den Organismus und Gattung nun zu erfüllen hätte, sondern entspringt ihrer (zwecksetzenden) Tätigkeit selbst. So entfaltet sich eine solche "teleologische Tätig­keit", Hegels "Wissenschaft der Logik" zufolge, im Wechselspiel der Glieder eines Organismus als deren ge­genseitige Reproduktion zum (Selbst-)Zweck der Selbstreproduktion des Organismus, im Lebensprozeß als "Aneignung" der objektiven Welt zum (Selbst-)Zweck dieser Selbstreproduktion und in der Fort­pflanzung zum (Selbst-)Zweck der Reproduktion der Gattung (5,250ff). Auch Hegel verfolgt mit diesem teleologischen Ansatz eine Art "Dekonstruktion" des zu seiner Zeit herrschenden Subjektivitäts­verständnisses, allerdings nicht mit dem Ziel, das Subjekt im Ob­jekt aufgehen zu lassen, sondern beide im "objektiven Subjekt" oder "Subjekt-Objekt" zu vermitteln. Der globale Selbstzweck einer solchen "Selbstreproduktion" und die vom Organismus selbst gesetz­ten partikulären Zwecke im Rahmen seiner Verwirklichung (Ziemke 1992; Ziemke & Stöber 1992) können uns nun durchaus die Kriterien eines "effektiven Handelns" liefern, wie es in der Repräsentatio­nismuskritik zum Verständnis von Kognition eingefordert wurde.


Es ist nun auch im Rahmen des repräsentationistischen Forschungs­programmes völlig unkontrovers, daß Wahrnehmung wie Kognition überhaupt der Handlungs- oder besser Verhaltensregulation dient. Doch stehen sich Wahrnehmung und Verhalten aus repräsentationisti­scher Sicht weitgehend äußerlich gegenüber. Die Repräsentation ist ihrem Inhalt nach ausschließlich durch das Repräsentierte be­stimmt. Erst im Nachinein wird die Repräsentation zur Verhaltens­regulation genutzt. Allenfalls die Aufmerksamkeitssteuerung be­stimmt, welche "Ausschnitte" einer gegebenen Wirklichkeit vorder­gründig zu repräsentieren sind. "Subjektivität" der Wahrnehmung würde demgegenüber "Zweckbestimmtheit" der Wahrnehmung bedeuten. Handlungen schließen nicht an Wahrnehmungen an, sondern bestimmen das Wahrgenommene (mit). Wahrnehmung ist durch ihren Handlungsbe­zug und Handlungscharakter bestimmt. "Handlungsbezug" meint dabei, daß Wahrnehmungen entsprechend der Zwecke der aktuellen Handlungen des Systems organisiert werden: Was wir wahrnehmen, hängt vom Handlungskontext der Wahrnehmung ab. "Handlungscharakter" meint, daß wir Wahrnehmungen als Verschränkung motorischer, sensorischer und "höherer", kognitiver Anteile verstehen müssen: Wie wir wahr­nehmen, läßt sich nach dem Modell einer Handlung verstehen.


Wie diese "Zweckbestimmtheit" von Wahrnehmung gedacht werden kann, soll Gegenstand des nächsten Abschnitts sein. Doch wie schaut es mit der "Subjektivität" im Kontext des Mind-Body-pro­blems aus, das für die APM von so vordergründigem Interesse ist? Das Körper-Geist-Problem taucht in den Systemen der KDP nicht auf. Hegel behandelt es lediglich in einer kürzlich von Wolff (1992) ausführlich diskutierten Anmerkung zum ⌡389 der Enzyklopädie von 1830 als ein Scheinproblem, das nur dann entsteht, wenn die funda­mentale Subjektivität des Lebendigen bereits verfehlt wurde. Die Schlußfolgerung wäre: Haben wir die Zweckbestimmtheit der Wahrneh­mung einmal verstanden, werden wir vielleicht noch nicht im Ein­zelnen verstanden haben, wie die "Intentionalität", "Individualität" und "Bewußtheit" von Wahrnehmung zustandekommt; aber wir werden die Logik der Lösung dieses Problems "mitgeliefert" bekommen.



4. Was ist "Subjektivität der Wahrnehmung"?



Trotz der breiten, im letzten Abschnitt nur angedeuteten Kritik an einem repräsentationistischen Forschungsprogramm kann bis heute noch von keinem dezidierten Alternativkonzept zum Repräsentatio­nismus gesprochen werden. Es scheint unter Kritikern unkontrovers, daß Kognition in ihrem Handlungsbezug und/oder Handlungscharakter zu verstehen ist. Was aber "das Kognitive" an der Handlung aus­macht, wenn es denn nicht die "Handlungssteuerung durch Repräsen­tationen", aber auch nicht die behavioristisch verkürzte Adaptivi­tät des Verhaltens sein soll, ist weitgehend unklar: "If you're not a representationalist this is quite tricky since it is then not obvious what makes a phenomenon cognitive" (Fodor & Pylyshyn 1988). Angesichts dieser Ratlosigkeit scheint ein möglicher Weg auf der Suche nach einer Alternative zum repräsentationistischen Forschungsprogramm die Befragung der Philosophiegeschichte nach einem anderen Kognitionsverständnis zu sein. Schon nach der bishe­rigen Darstellung scheint die KDP im Allgemeinen und Hegels Philo­sophie im Besonderen hier vielversprechende Ansätze zu bieten. Ge­rade Hegel bietet uns ein Konzept der "Objektivierung von Subjek­tivität", wie es in einer Kognitionswissenschaft gefordert scheint, nimmt diese Objektivierung im Rahmen eines teleologischen Ansatzes vor, der die Anknüpfung an eine handlungsbezogene Reprä­sentationismuskritik möglich erscheinen läßt, und läßt uns hoffen, auch Ansätze zur Lösung der zentralen Probleme aktueller Diskus­sionen in der APM zu finden. Wiederum am Beispiel der Wahrnehmung soll im Folgenden die bei Hegel aufzufindende Alternative zu einem repräsentationistischen Kognitionsverständnis vor dem unverzicht­baren philosophiegeschichtlichen Hintergrund dargestellt werden. Allerdings hat eine solche Aufarbeitung zumindest zwei Vorausset­zungen zu erfüllen, wenn sie Impulse für ein alternatives kogniti­onswissenschaftliches Forschungsprogramm liefern soll. Sie muß er­stens in eine Sprache übertragbar sein, die den begrifflichen und formalen Anforderungen moderner Forschung genügt, und sie muß zweitens nachweisen, daß ein solche Alternative auch tatsächlich zur Grundlage von Theorien- und Methodenentwicklungen werden kann. Ansätze dafür, diese beiden Anforderungen zu erfüllen, sollen der nächste und der übernächste Abschnitt bieten.


Wir wollen Wahrnehmung, wie gleich zu zeigen sein wird, nicht nach der Analogie des "Beschreibens", sondern nach der des "Begreifens" zu begreifen versuchen. Dabei bedienen wir uns - wie­derum zum Zwecke der Heranführung an das Problem in einem zunächst metaphorischen Sinne - der vielleicht (vielleicht auch nicht) zu­fälligen, aber glücklichen Doppeldeutigkeit von wörtlicher und übertragener Rede. "Be-Greifen" vermittelt uns in seiner wörtli­chen Bedeutung eine sehr urspüngliche Form des wahrnehmenden Welt­bezugs, der sehr verschieden von einem "Beschreiben" ist. Wir neh­men den Inhalt des "Be-Griffenen" nicht in uns auf, um es aspekt­haft zu repräsentieren, sondern wir bemächtigen uns dieses Inhal­tes, indem wir ihn mit unseren Händen ergreifen, an seinen Formen entlanggleiten, seine Details ertasten, seine Festigkeit, Schärfe oder Biegsamkeit mit dem Druck unserer Hände überprüfen. Wir las­sen uns nicht nur von dem Gegenstand bestimmen, sondern stellen uns ihm ebenso entgegen. Wir passen den Gegenstand in unsere "Schemata" des "Be-Greifens" ein. Wir integrieren ihn in die Hal­tungen und Bewegungen unserer Hände, unserer Arme, unseres Kör­pers, die alles andere sind, als "Abbilder" des Gegenstands. Dem in der Tastwahrnehmung so offensichtlichen "Be-Greifen" in einem allgemein-motorischen Sinne begegnen wir auch in den anderen Sin­nesmodalitäten: So sind die Leistungen der Okulomotorik eine Grundbedingung für unsere visuelle Wahrnehmung; unsere auditori­sche Wahrnehmung beruht wesentlich auf der Motilität der vorwie­gend effektorisch innervierten "äußeren Haarsinneszellen" und selbst die olfaktorische Wahrnehmung wäre ohne Atembewegung nicht denkbar. Auch das "Begreifen" im übertragenen Sinne, das wir tra­ditionell vor allem unserem Denken zuschreiben, erfahren wir in den "internen" Prozessen unseres Wahrnehmens. Das "Einpassen" ei­nes Wahrgenommenen in eine Szene oder ein "Wahrnehmungsfeld" läßt sich als ein solches "Ergreifen" und "Manipulieren" der Wahrneh­mungsinhalte verstehen und ist zum Begreifen des Wahrnehmens unum­gänglich. Und auch jenes "Begreifen" führt seinerseits in das wörtlich verstandene "Be-Greifen" zurück, indem es uns erlaubt, den Wahrnehmungsinhalt als Mittel und Gegenstand unseres Handelns den Zwecken dieses Handelns gemäß zu ergreifen.


Daß Wahrnehmung selbst in ihrem elementarsten Sinne etwas mit dem "Begreifen" des Verstandes - nun also mit begrifflichem Anspruch - zu tun haben könnte, ist heute nicht mehr selbstverständlich. Doch stellte die Frage nach dem "Anteil" von Sinnlichkeit und Verstand an der Wahrnehmung das zentrale Problem der neuzeitlichen Philoso­phie der Wahrnehmung dar. Am ehsten verträglich (aber keineswegs identisch!) mit einem repräsentationistischen Verständnis von Wahrnehmung ist im philosophiegeschichtlichen Kontext wohl der Sensualismus. John Locke (1898) betrachtet in seiner 1689/90 ver­öffentlichten Abhandlung "Über den menschli­chen Verstand" neben der Selbstbeobachtung ("reflection") die Sinneswahr­nehmung ("sensation") als die einzige Quelle unserer "Ideen" (101) als Ob­jekte des Denkens (100). So wie im Sinne jenes Informationsverarbeitungs­paradigmas alle Information schon in dem sensorischen Input gegeben ist und durch informationsverarbeitende Algorithmen lediglich expliziert wer­den kann, so sind auch jene "einfachen Ideen" dem Verstand (bzw. dem "mind") unhinterfragbar gegeben. Er kann sie auf vielfältige Art vergleichen, verallgemei­nern und verknüpfen, doch bei ihrer Wahrnehmung verhält er sich völlig passiv (119f). Hervorgerufen werden jene "einfachen Ideen" im Geiste durch die Einwirkung der Eigenschaften der Körper. Jene Eigen­schaften unterteilt Locke in "primäre Eigenschaften" (140, 150) und "sekundäre Eigenschaften" (141). Primäre Eigenschaften wie Größe, Ge­stalt, Zahl, Lage und Bewegung "sind in ihnen [den Körpern - A.Z.] vorhan­den, wir mögen sie wahrnehmen oder nicht; und wenn sie groß genug sind, daß wir sie entdecken können, so er­halten wir durch diese eine Idee des Dinges, wie es an sich selbst beschaffen ist" (150). Sekundäre Eigenschaften hingegen können wir in "sinnliche Eigenschaften" und "Kräfte" unterteilen. Sinnliche Eigenschaften beruhen auf einer dem Körper innewohnenden Kraft, "vermöge seiner unsichtbaren primären Eigenschaften in eigentümli­cher Weise auf irgendeinen unserer Sinne einzuwirken, und dadurch in uns die mannigfachen Ideen verschiedener Farben, Töne, Gerüche, Ge­schmacksarten etc. hervorzurufen" (150). Jene Kräfte unterschei­den sich allerdings nicht von denen, mit denen jene Körper auf an­dere Körper ein­wirken, so daß Locke auch jene Kraft zu den sekun­dären Eigenschaften der Körper rechnet, "vermöge seiner unsichtba­ren primären Eigenschaften in der Größe, Gestalt, Textur und Bewe­gung eines anderen Körpers eine sol­che Veränderung zuwege zu brin­gen, daß dieser fortan auf unsere Sinne anders einwirkt, als er vorher tat" (150). Locke spricht hier auch von "unmittelbaren" und "mittelbaren" sekundären Eigenschaften (153). Die Tä­tigkeiten des Geistes (mind) bestehen lediglich in der Verknüpfung einfa­cher Ideen zu "komplexen Ideen", dem Vergleich einfacher oder komplexer Ideen zu "Relationen" und der Absonderung solcher Ideen voneinan­der zu "allgemeinen Ideen" (187). Das Ding mit seinen vielen Ei­genschaften, das gleich zu diskutieren sein wird, erklärt Locke als "komplexe Idee" oder "Substanz" (ganz im Sinne der Assemblymo­delle) aus der Häufigkeit des gemeinsamen Auftretens einfacher Ideen: "Während der Geist, wie ich erklärt habe, mit einer großen Anzahl einfacher Ideen teils - insoweit sie an äußeren Dingen zu finden sind - durch die Sinne, teils durch Reflexion auf seine ei­gene Tätigkeit versehen wird, bemerkt er auch, daß eine gewisse Anzahl dieser einfachen Ideen be­ständig zusammen auftreten, und diese werden, weil sie mutmaßlich einem Dinge angehören, die Wör­ter aber den gewöhnlichen Wahrnehmungen an­gepaßt werden, und zum schnellen Gedankenaustausch dienen, zu einem Subjekt vereinigt und mit einem Namen belegt" (370).


In der rationalistischen Tradition hingegen, gegen die sich Loc­kes Sen­sualismus wendet, wurde Wahrnehmung schon immer wesentlich als Akti­vität des urteilenden Verstandes aufgefaßt. Descartes (1980) sucht dies in seinen "meditationes de prima philosophia" aus den Jahren 1641/42 am Bei­spiel der Wahrnehmung eines Stückes Wachs deutlich zu machen, das zunächst in seiner Hand als hart, kalt, von bestimmter Farbe und Form, mit etwas Geschmack von Honig und Geruch von Blumen erscheint, mit dem Knöchel beklopft einen bestimmten Ton ergibt, an das Feuer gebracht aber Geschmack, Ge­ruch und Gestalt verliert, in seiner Größe wächst, flüssig und warm wird und, wenn man darauf klopft, keinen Ton mehr von sich gibt. Es bleibt aber, so Descartes, dieses Stück Wachs, obgleich sich alles an ihm geändert hat, was unter Geschmack, Gesicht, Ge­fühl und Gehör fiel (II,16). Sein Schluß: "Es bleibt mir also nichts übrig, als zuzugestehen, daß ich, was das Wachs ist, nicht in der Einbildung haben, sondern nur denkend erfassen kann [...] - seine Erkenntnis [perceptio] ist nicht ein Sehen, ein Be­rühren, ein Einbilden und ist es auch nie gewesen, auch wenn es früher so schien, sondern sie ist eine Einsicht einzig und allein des Ver­standes [solius mentis inspectio]" (II,19/20). Noch einleuchtender ist vielleicht das folgende Beispiel: "Doch da sehe ich zufällig vom Fenster aus Menschen auf der Straße vorübergehen, von denen ich ebenfalls, genau wie vom Wachse, ge­wohnt bin, zu sagen: ich sehe sie, und doch sehe ich nichts als die Hüte und Kleider, unter denen sich ja Menschen bewegen könnten! Ich urteile aber, daß es Menschen sind. Und so erkenne ich das, was ich mit meinen Augen zu sehen vermeinte, einzig und allein durch die meinem Geiste innewoh­nende Fähigkeit zu urteilen" (II,21). Die Sinnlichkeit wird also für Descartes in seiner Suche nach einer Quelle siche­rer Erkenntnis zum ganz unwe­sentlichen Moment der Wahrnehmung.


Einen ersten Versuch zur Vermittlung des mit einem repräsentatio­nistischen Wahrnehmungsverständnis durchaus verträglichen sensua­listischen mit dem notwendigerweise anti-repräsentationistischen rationalistischen Standpunkts stellt Kants Vernunftkritik dar (1979). Verstand und Sinnlichkeit, so Kant, können nur "in Verbin­dung" Gegenstände bestimmen. "Die Fähigkeit (Rezeptivität), Vor­stellungen durch die Art, wie wir von Gegenständen affiziert wer­den, zu bekommen, heißt Sinnlichkeit. Vermittels der Sinnlichkeit also werden uns Gegenstände gegeben, und sie allein liefert uns Anschauungen, durch den Verstand aber werden sie gedacht, und von ihm entspringen Begriffe" (Kant 1781,19). "Ohne Sinnlichkeit würde uns kein Gegenstand gegeben und ohne Verstand keiner gedacht wer­den. Gedanken ohne Inhalt sind leer, An­schauungen ohne Begriffe sind blind" (52). Wenn auch der Verstand kein anderes Material als die Vorstellungen hat, müssen diese natürlich nicht immer aktuell als Empfindungen gegeben sein. Wahrnehmungen aber sind von Empfin­dungen begleitete Vorstellungen (113) und machen somit das "empirische Bewußtsein" (167) aus. Trotz dieser gegenseitigen Be­dingtheit von Verstand und Sinnlichkeit "darf man aber doch nicht ihren Anteil ver­mischen, sondern man hat große Ursache, jedes von dem anderen sorgfältig abzusondern, und zu unterscheiden" (51f). Wir haben also die "Rezeptivität" der Sinnlichkeit strikt von der "Spontaneität" des Verstandes zu unterschei­den. Hinsichtlich der Wahrnehmung bedeutet dies: Der "Anteil" der Sinn­lichkeit ist die Empfindung der "Materien", die in Raum und Zeit als den "reinen Formen der sinnlichen Anschauung" gemäß der transzendentalen Äs­thetik eingeordnet werden; der "Anteil" des Verstandes hingegen ist die Vereinigung dieses "Mannigfaltigen" vieler Materien zu ei­nem Gegenstand gemäß den Kategorien der transzendentalen Logik und der "Einheit der Apperzeption": "Nun drückt selbst diese Vorstel­lung: dass alle diese Er­scheinungen, mithin alle Gegenstände, wo­mit wir uns beschäftigen können, insgesamt in mir, d.i. Bestimmun­gen meines identischen Selbst sind, eine durchgängige Einheit der­selben in einer und derselben Apperzeption als notwendig aus. In dieser Einheit des möglichen Bewußtseins aber besteht auch die Form aller Erkenntnis der Gegenstände, (wodurch das Mannigfal­tige, als zu einem Objekt gehörig, gedacht wird). Also geht die Art, wie das Mannigfaltige der sinnlichen Vorstellung (Anschauung) zu einem Bewußt­sein gehört, vor aller Erkenntnis des Gegenstandes, als die intellektuelle Form derselben, vorher, und macht selbst eine for­male Erkenntnis aller Ge­genstände a priori überhaupt aus, sofern sie gedacht werden (Kategorien)" (130f). Die Dualität der philoso­phischen Positionen zum Wahrnehmungsproblem bleibt also bei Kant im Grunde genommen als Dualität der "Anteile" von Sinnlichkeit und Verstand an der Wahrnehmung erhalten. Einem repräsentationisti­schen Forschungsprogramm würde ein solches Wahrnehmungsverständnis also durchaus eine Berechtigung zusprechen, sofern es sich auf die "Rezeptivität" von Wahrnehmung beschränkt, würde aber ebenso auf die Grenzen eines solchen Zuganges verweisen, wenn es um ihre "Spontaneität" geht. Die für ein nicht-repräsentationistisches Forschungsprogramm geforderte Integration dieser beiden Pespekti­ven würde man bei Kant allerdings vergeblich suchen.


Hegels "Phänomenologie des Geistes" vollzieht in der "Erfahrungsgeschichte des Bewußtseins" die Vermittlung oder den Übergang zwischen Sinnlichkeit und Verstand als den dualistisch isolierten "Anteilen" des Kantschen Wahrnehmungsbegriffs (2, 92ff). "Wahrnehmung" stellt hier allerdings zunächst eine (relative) Erfahrung des Bewußtseins auf seinem Weg zum "absoluten Wissen" dar. Diese Erfahrung erweist sich hier (wie auch in den folgenden "Gestalten" der Phänomenologie) als widersprüchlich und erfährt ihre "Aufhebung" durch die Reflexion des Bewußtseins selbst auf diese sozusagen "naive" Wahrnehmung. Das "Ding mit seinen vielen Eigenschaften", das die Wahrnehmung zunächst ganz im Sinne der philosophischen Tradition als ihren Gegenstand betrachtet, ist insofern wider­sprüchlich, als es einerseits das "Viele" oder "Auch" der Materien als "Allgemeine" der Wahrnehmung, andererseits aber ihre Zusammen­fassung zum "Eins" des Dinges voraussetzt, einerseits die Unabhän­gigkeit jener Materien voneinander, andererseits aber ihre gegen­seitige Bestimmtheit. Das Ding als "Auch" spielt lediglich die Rolle ei­nes Mediums, in dem sich die vielen Materien bewegen, ein Medium, das er­möglicht, daß z.B. das Salz "weiß, und auch scharf, und auch kubisch ge­staltet, auch von bestimmter Schwere ist", um Hegels (2,94) eigenes Beispiel zu verwenden. Diese Eigenschaften können aber, um bestimmt sein zu können, nicht schlechthin gleich­gültig gegeneinander sein, sondern müssen sich von anderen Eigen­schaften unterscheiden und sich auf andere Eigenschaften als ent­gegengesetzte beziehen. Ein Ding kann nicht gleichzeitig süß und bitter, wohl aber süß und scharf sein. Oder vielleicht auch: ein (einfarbiges) Ding kann gleichzeitig rot und gelb (orange) sein, nicht aber rot und grün. Hierfür muß die Bestimmung des Ding als "Eins" angenommen werden, die eben jene Unterscheidungen und Ent­gegensetzungen vornimmt. Für das Bewußtsein, so müßte man mit He­gel schließen, kann eine "Materie" auf keine andere Weise als diese bestimmt sein. Schließlich kommt aber auch die Bestimmung einer "Eigenschaft" jenen gleichgültigen "Materien" des Dinges als "Auch" noch gar nicht zu, sondern ergibt sich gerade eben aus dem Bezug auf das Ding als "Eins", als die diesem Ding "eigene" Materie. Es gibt keine Röte, Schärfe oder Schwere. Es gibt nur rote, scharfe und schwere Dinge. Das Ding mit seinen vielen Eigen­schaften als Gegenstand der Wahrnehmung selbst ist also wider­sprüchlich, indem es sowohl Eins (nicht Vieles), als auch Vieles (nicht Eins) ist.


In seiner Reflexion über die Wahrnehmung (nicht als Wahrnehmung selbst!) sucht das Bewußtsein diesen Widerspruch aufzulösen, indem es sich selbst in der einen Hinsicht im Sinne Kants das "In-eins-setzen" der als gegeben vor­ausgesetzten vielen Materien zuschreibt, in einer anderen Hinsicht aber das Ding als "Eins" voraussetzt und sich selbst die Erzeugung der vielen Materien zuschreibt. Zunächst faßt das Bewußtsein das Ding als "Eins" auf und sieht sich somit gezwungen, all das, was jenem "Eins"-sein des Dinges widerspricht als seine Reflexion an­zusehen. Explizieren wir dies mit Hegel weiter am Beispiel des Salzes: "Dies Ding ist also in der Tat nur weiß, an unser Auge ge­bracht, scharf auch, an unsre Zunge, auch kubisch, an unser Ge­fühl, und so fort. Die gänzliche Verschiedenheit dieser Seiten nehmen wir nicht aus dem Dinge, sondern aus uns; sie fallen uns an unserem von der Zunge ganz unterschie­denen Auge und so fort, so auseinander" (2,99). Im Gegensatz zu jenem Ding als Eins faßt sich also das Bewußtsein als das allgemeine Medium auf, das dem Ding als "Auch" entsprechen würde. Das Ding als "Eins" ist also "für es", indem es das Moment des "Auch", also die unabhängigen Mate­rien als seine eigene Reflexion ein­bringt. Beide Bestimmungen bezie­hen sich aber, wie wir gesehen haben, notwendig aufeinander. Jene Mate­rien erhalten ihre Bestimmung als Eigenschaften nur in ihrem Bezug auf das Ding als "Eins", das Ding ist "Eins" nur, insofern es gegen andere Dinge durch unterschiedene Eigenschaften bestimmt ist. Wenn aber die Eigenschaften Eigenschaften des Dinges sein sollen, so muß das Ding selbst "für es" ein Vieles solcher Eigenschaften und somit das "Auch" oder gleichgültige Allgemeine oder Medium dieser Eigenschaften sein. Das Bewußtsein schreibt nun sich selbst die Erzeugung des Dinges als "Eins" zu: "Das In-eins-setzen dieser Eigenschaften kommt nur dem Be­wußtsein zu, welches sie daher an dem Ding nicht in Eins fallen zu lassen hat" (2,101). "Für es" ist also das Ding als "Auch" bzw. die unab­hängigen Mate­rien, indem es selbst das Moment des "Eins" konstituiert. Nun kön­nen wir allerdings das Spiel von vorne beginnen lassen: Damit aber das Ding mit vielen Eigenschaften "für es" werden kann, müssen jene Mate­rien gegeneinander bestimmt und somit das Moment der aus­schließenden Allgemeinheit an sich selbst haben. Das Bewußtsein muß, um das Eins kon­stituieren zu können, die Bestimmtheit des Dinges durch seine Eigenschaf­ten festhalten etc.etc.


In dieser Reflexion über die Wahrnehmung macht das Bewußtsein mit seiner Wahrnehmung selbst also die folgenden (widersprüchlichen) Erfahrungen: Indem das Be­wußtsein das "Auch" der vielen Materien konstituiert, wird "für es" der Gegenstand als "Eins", der jene Materien zu Eigen­schaften macht. Indem es das "Auch" jener Materien "in-eins-setzt", werden jene Materien "für es" zu Eigenschaften des Dinges. Wahrnehmung ist so wesentlich "Prädikation". Das Ding mit seinen vielen Eigen­schaften ist so eigentlich nicht ein dem Bewußtsein gegenüberste­hender Gegenstand, sondern als Prädikation die Wahrnehmung selbst. Das Bewußtsein "repräsentiert" somit dieses "Ding mit seinen vielen Eigenschaften" nicht, sondern erzeugt es in seinen Interaktionen: "Es hat sich hiermit für das Bewußtsein be­stimmt, wie sein Wahrnehmen wesentlich beschaffen ist, nämlich nicht ein einfaches reines Auffassen, sondern in seinem Auffassen zugleich aus dem Wahren heraus in sich reflektiert zu sein" (2,98).


Die Widersprüchlichkeit dieser beiden Perspektiven erweist diese Erfahrung des Bewußtseins nun aber als ein relatives Wissen, über das das Bewußtsein in Hegels "Phänomenologie" auf seinem Weg zum absoluten Wissen (dem wir hier nicht folgen können und wollen), aber auch der Hirnforscher auf dem Weg zu einer Kognitionstheorie (den wir hier durchaus vorbereiten wollen) hinausgehen muß. Das Bewußtsein sucht in seiner Reflexion über die Wahrnehmung die Auflösung jener Dualität nun in dem "absoluten Unterschied" der "verschiedenen Dinge": Statt das "Eins" und "Viele" zwischen sich und dem Gegenstand zu "verteilen", schreibt das Bewußtsein jene beiden Momente nun wechselseitig zwei Dingen zu. Reflexionslogisch wird somit "für" das Bewußtsein in seiner Wahrnehmung selbst dieser Erfahrung zufolge das eine Ding, indem es dessen Unterscheidung von dem anderen Ding als Negation dieses Dinges erzeugt. "Die verschiedenen Dinge sind also für sich gesetzt; und der Widerspruch fällt in sie so gegenseitig, daß jedes nicht von sich selbst, sondern nur von dem anderen verschieden ist. Jedes ist aber hiemit selbst als ein Unterschie­denes bestimmt, und hat den wesentlichen Unterschied von dem anderen an ihm" (2, 102). Von all jenen mannigfaltigen Eigenschaften sind nun nur noch diejenigen wesentlich, die das eine Ding von dem anderen unterscheiden und so den "absoluten Unterschied" zwischen ihnen ausmachen. Die sonstigen Eigenschaften hingegen werden unwesentlich. Das Ding ist somit als sein Verhältnis zu dem anderen Ding bestimmt, jenes Verhältnis aber ist gerade die Negation des Dinges als selbständigem Eins (2, 103). Das Ding ist in jenem Verhältnis "aufgehoben", wie Hegel sich ausdrückt. Wir erkennen somit, daß wir nicht Dinge, sondern ihre Unterschiede wahrnehmen. In einer heute vertrauten, wenn auch reduzierten Sprechweise haben wir es in unserer Wahrnehmung also nicht mit Figuren, sondern mit Figur-Grund-Unterscheidungen zu tun.


Das Hegelsche, aber im Grunde auch schon das Kantsche Wahrneh­mungskonzept bietet uns einen Ansatz für ein nicht-repräsentatio­nistisches Kognitionsverständnis. Man mag die "Rezeptivität" ge­genüber den "vielen Materien" oder auch gegenüber dem nicht-prädi­zierten "Ding als Eins" als Repräsentation verstehen. Eine Wahr­nehmung und somit eine Kognition kommt aber erst dann zustande, wenn das "Bewußtsein" selbst das jeweils entgegengesetzte oder "negative" Moment "spontan" erzeugt. Letztendlich aber erfordert eine solche Sichtweise, das "Ding" selbst in Form seiner Unterscheidung von einem anderen Ding zu negieren und Kognition als ein Unterscheiden und Negieren durch das Bewußtsein selbst zu verstehen. Kognition wäre somit nicht als "affirmative Wiederholung" im Sinne einer "Beschreibung" des Gegebenen zu verstehen, sondern ganz im Gegenteil als eine vom Sy­stem selbst vollzogene "Negation" des Gegenstandes, ein konstruk­tives "Begreifen" des Gegenstandes. "Subjektiv" ist Wahrnehmung also genau in dem Sinne, daß die Wahrnehmung die Negation des Gegenstandes erzeugt (wie die Hand eine be-greifende Haltung oder Bewegung erzeugt) und somit das positive Moment "für es" wer­den läßt (so wie die Hand den Gegenstand mit jener Haltung oder Bewegung "für sie" ergreift).


Allerdings wurde mit diesen Wahrnehmungskonzepten der KDP bislang lediglich eine Alternative zu einem repräsentationistischen Wahr­nehmungsverständnis gezeigt, nicht jedoch, inwiefern Subjektivität als "Zwecksetzung" im Sinne der KDP selbst oder als "Handlungsbestimmtheit" von Wahrnehmung im Sinne der Repräsenta­tionismuskritik zum Tragen kommt. Dieser "tätigen Subjektivität" begegnen wir wohl nirgendwo in so eindrucksvoller Form wie in der Hegelschen "Phänomenologie". Doch wäre es recht aufwendig, der "Aufhebung" der Wahrnehmung in der Handlung in der Erfahrungsge­schichte des Bewußtseins zu folgen. Es wäre zu zeigen, wie die Unterscheidung der Dinge als Gegenstand der Wahrnehmung in ihrem Verhältnis als Gegenstand des Verstandes aufgehoben wird, wie sie im Widerspruch der Einheit dieses Verhältnisses und des Auseinanderfallens seiner Momente wieder auftaucht und so die "Gegenwelt" des Selbstbewußtseins erzeugt, in der das Bewußtsein sich selbst zum Gegenstand wird, und wie die Wiederholung dieser gesamten Bewegung in Form des sich seiner selbst bewußten Wissens als Vernunft endlich zu der "an und für sich seinenden Individua­lität" als entfalteter Vernunft führt, die wir als die Hegelsche "Handlungstheorie" interpretieren können (Ziemke 1994a, 242ff). Wir wollen diesen Weg etwas abkürzen und lediglich einen seiner essen­tiellen Aspekte herausstellen, indem wir ausgehend von der Zweckbestimmtheit des "In-eins-setzens" der vielen Materien die Zweckbestimmtheit der Unterscheidung verschiedener Dinge klarzumachen versuchen.


Bislang wurde lediglich behauptet, daß die Subjektivität von Wahrnehmung in einer Hinsicht als Erzeugung des Dinges als "Eins" unter Voraussetzung des "Auch" verstanden werden kann, nicht je­doch als Repräsentation eines gegebenen Dinges. Wie jedoch die Spezifikation dieses "In-eins-setzens" durch das Bewußtsein er­folgt, blieb unerwähnt. Weiterhin wurde gezeigt, wie Wahrnehmung in Aufhebung des Gegensatzes des "Für-es-seins" von "Eins" und "Vielem" als Unterscheidung verschiedener Dinge verstanden werden kann, nicht jedoch, nach welchen Kriterien diese Unterscheidung erfolgt. Die vorausgesetzten Materien können durch das Bewußtsein im Rahmen einer bestimmten Wahrnehmung prinzipiell in unübersehbar verschiedener Weise zu einem Ding zusammengesetzt werden. Den Ausweg, den uns Locke (ebenso wie die Assemblymodelle) bietet, ist ihre Zusammenfassung nach der Häufigkeit ihres gemein­samen Auftretens. Die "Aufhebung" dieses Momentes der Wahrnehmung in der Handlung wäre demgegenüber ihr "In-eins-setzen" nach den Zwecken der Handlung: Die "subjektiven Zwecke" verwirklichen (objektivieren) sich in Form von Objekt-Mittel-Relationen. Sie le­gen also die Objekte des Handelns und die Mittel fest, die jene Objekte den Zwecken entsprechend verwandeln und aus ihnen den "ausgeführten Zweck" dieser Handlung (und gemäß Hegels Dialektik das Mittel für eine andere) machen. Wenn Wahrnehmung also tatsäch­lich durch ihren Handlungskontext bestimmt wird, so sollte das Be­wußtsein unter den vielen "möglichen" Dingen eben die durch den Zweck bestimmten Mittel und Objekte als "Dinge mit vielen Eigen­schaften" wahrnehmen. Ganz in diesem Sinne würde die Unterscheidung verschiedener Dinge also in der Weise erfolgen, daß das Bewußtsein die Mittel und Objekte seiner Handlungen von einem unbestimmten Hintergrund unspezifizierter "Materien" (oder einem Hintergrund als Ding mit vielen Eigenschaften) unterscheidet. Die in der Handlung "aufgehobene" Wahrnehmung hätte also die Mittel und Objekte der Handlung (oder, wie eine genauere Darstellung zeigen würde, Mittel-Objekt-Relationen - Ziemke 1994a) zum Gegenstand. Der Zweck der Handlung würde bestimmen, welche "Materien" zu einem Ding "in-Eins-gesetzt" werden bzw. welche Dinge unterschieden werden (wie eine Szene "segmentiert" wird). Die Erfüllung oder Nichterfül­lung dieses Zweckes würde nicht zuletzt das Kriterium für eine "erfolgreiche" Wahrnehmung bieten, das unterscheiden würde, wie die gegebenen Materien "zweckmäßig" zu Mitteln und Objekten "in-Eins-gesetzt", wie sie als Dinge unterschieden (bzw. zu Mittel-Objekt-Relationen ins Verhältnis ge­setzt) werden können. Wahrnehmung wäre somit durch ihren Handlungsbezug bestimmt. Der Handlungscharakter von Wahrneh­mung würde etwa deutlich werden, wenn Wahrnehmung nicht unmittel­bar auf eine aktuelle Handlung bezogen ist, sondern selbst ein (ggf. "kontemplatives") "Erkundungshandeln" darstellt, das über den "allgemeinen Zweck" spezifiziert werden könnte, die wahrgenom­mene Umwelt als Mittel "besonderer Zwecke" künftigen Handelns zu bestimmen.


Wie man ausgehend von diesem noch sehr abstrakten Ansatz zu neuen Experimenten gelangen könnte, die zur Grundlage neuer theoreti­scher Ansätze werden könnten, soll im nächsten Abschnitt gezeigt werden. Allerdings zeigt wiederum schon die aufmerksame Selbstbeobachtung, daß unsere Wahrnehmung sich nicht mit einem Ne­beneinander von Dingen begnügt, sondern immer (auch) die in der genaueren Darstellung aufzuweisenden relationalen Bezüge verschie­dener Dinge zum Gegenstand hat und zudem die Dinge selbst kon­textabhängig in die Relationen ihrer Teile gliedert. Außerdem wäre über eine Rekonstruktion des Hegelschen Ansatzes zu klären, was denn genau unter dem in den Blick zu nehmenden Handlungskontext zu verstehen wäre, wie weit also etwa der Begriff des "Mittels" und des "Objekts" der Handlung zu fassen ist, inwiefern für den Hand­lungskontext der Wahrnehmung nur die aktuelle Handlung oder auch die Handlungsgeschichte und die Handlungsperspektive eine Rolle spielt, wie "Handlung" sinnvoll von "Verhalten" abzugrenzen wäre und wie der für diese Abgrenzung sicher fundamentale Zweckbegriff näher zu spezifizieren wäre.


5. Subjektivität der Wahrnehmung: Eine experimentelle und theore­tische Perspektive neurobiologischer Forschung


Läßt sich nun die am Anfang des 4.Abschnitts gestellte Vorausset­zung erfüllen, ein solches Wahrnehmungsverständnis zum Ausgangs­punkt für neue Theorien- und Methodenentwicklungen zu machen? Si­cher kann diese Frage an dieser Stelle noch nicht erschöpfend be­antwortet werden. Es kann aber gezeigt werden, daß sich moderne Methoden und Theorien der neurobiologischen Forschung im Rahmen eines solchen nicht-repräsentationistischen Wahrnehmungsverständ­nisses reinterpretieren lassen und somit in dieser reinterpretier­ten Form zum Ausgangspunkt für ein nicht-repräsentationistisches Forschungsprogramm werden könnten. In den Neurowissenschaften selbst stehen den repräsentationismuskritischen Ansätzen zunehmend Versuche gegenüber, die die Voraussetzungen jenes repräsentationi­stischen Forschungsprogrammes durch die Entwicklung neuartiger theoretischer Modelle oder experimenteller Methoden zumindest da­durch implizit in Frage stellen, daß sie nicht in erster Linie die (durch den Beobachter erzeugten und nur ihm zugänglichen) Reizkor­relationen thematisieren, sondern die (vom System selbst erzeug­ten) "internen" Relationen des Systems. Theoretische Schwierigkei­ten, die zu diesem Perspektivenwechsel zwingen, entstehen etwa durch das im ersten Aufsatz dieses Buches ausführlich diskutierte "Bindungsproblem". Wird ein neuronales Assembly etwa mit mehreren Objekten konfrontiert, so entsteht das Problem, daß zwar die Merk­male dieser Objekte "repräsentiert" werden können, nicht jedoch ihre Bindung zu einem Objekt. Auch die dort dargestellten experimentellen Arbeiten zur Organisa­tion des visuellen Systems zeigen eine hochgradige Spezialisierung der verschiedenen Areale für bestimmte Reizparameter und legen die Unterscheidung verschiedener "Verarbeitungssysteme" oder "funktionaler Ströme" nahe. Es würde also auch im "realen Gehirn" zu einem "Bindungsproblem" kommen, da nicht entschieden werden kann, welche Merkmale zueinander bzw. zu einem Objekt gehören. Ausgedrückt werden könnten jene Bindungen durch systeminterne Korrelationen der Zeit­strukturen der Aktivitäten von Populationen merkmalselektiver Zel­len untereinander, wie sie die "Korrelationstheorie der Hirnfunk­tion" von v.d.Malsburg (1981, 1986, 1987) vorschlägt: Die Auf­trittswahrscheinlichkeit eines Aktionspotentials in einer merkmal­selektiven Einheit wäre zu dem Zeitpunkt hoch, wenn ein Aktionspo­tential in einer merkmalselektiven Einheit auftritt, die Merkmale desselben Objekts "codiert", und sie wäre gering, wenn diese Ein­heit Merkmale eines anderen Objekts "codiert".


Der erste Schritt zu einer experimentellen Erforschung einer sol­chen Dynamik von Neuronenpopulationen in der Aktualgenese der Wahrnehmung ist offensichtlich die Entwicklung von Methoden, die die parallele Messung der Aktivität mehrerer Nervenzellen ermögli­chen. Die bislang am meisten diskutierten Ergebnisse gelangen den Arbeitsgruppen um Singer und Eckhorn (Eckhorn et al. 1988, Gray et al. 1989, Engel et al.1992). Durch die parallele Messung mit zwei Mikroelektroden an anästhesierten, aber auch wachen Versuchstieren (Katze, Affe) konnten in der Aktivität von jeweils zwei Neuronen­populationen mit der gleichen Orientierungsselektivität Oszilla­tionen nachgewiesen werden, die unabhängig voneinander sind, wenn die Lichtbalken in ihren rezeptiven Feldern sich unabhängig von­einander bewegen, die sich untereinander synchronisieren, wenn die Lichtbalken sich kohärent bewegen, die aber am stärksten synchro­nisiert sind, wenn nur ein Lichtbalken beide rezeptive Felder überstreicht. Solche Synchronisationen können innerhalb bestimmter Kolumnen, zwischen verschiedenen Kolumnen und, was besonders wich­tig ist, zwischen verschiedenen Hirnarealen und beiden Hirnhemi­sphären nachgewiesen werden. Die Synchronisation von Oszillationen könnte also das Prinzip sein, nach dem das Gehirn die Korrelation der Aktivitäten merkmalselektiver Einheiten erzeugt. Gegen diese Annahme spricht allerdings nicht nur, daß diese Ergebnisse in ei­nigen anderen Labors nicht reproduziert werden konnten, sondern auch, daß sich über die Synchronisation von Oszillationen nur eine Bindung ausdrücken läßt, komplexe Wahrnehmungen aber komplexere Bindungsstrukturen voraussetzen (Ziemke 1994a, 198ff). Die Entwicklung von Methoden zur parallelen Messung einer großen Anzahl von Neuronen, wie sie im Einführungskapitel angesprochen wurden, wird auf diese Weise unumgänglich sein (etwa Aertsen et al. 1989). Eine Durchführung solcher Experimente an wachen und in einem genau zu bestimmenden Sinne "handelnden" Versuchstieren könnte die Grundlage für eine Methodologie zur Untersuchung sowohl des "Handlungsbezuges" als auch des "Handlungscharakters" der Wahrneh­mung darstellen (etwa Aertsen et al. 1991).


Unschwer erkennt man nun in dem "Bindungsproblem", mit dem Assem­blymodelle neuronaler Aktivität konfrontiert sind, das Problem des "In-eins-setzens" der vielen "Materien" aus der Hegelschen "Phänomenologie" wieder. Identifizieren wir die "Merkmale", denen gegenüber Zellpopulationen "selektiv" sind, mit diesen "Materien", so ist nicht einzusehen, wie diese Merkmale sich voneinander "unterscheiden" und auf ein Ding als Eigenschaft beziehen können, wenn wir nicht dem System unter Voraussetzung dieser Merkmalselek­tivität die Erzeugung des Dinges als "Eins" zuschreiben. Konzepte wie die Korrelationstheorie behandeln diesem Interpretationsrahmen zufolge also das "In-eins-setzen" der Merkmale zu einem "Ding mit vielen Eigen­schaften" durch das Nervensystem. Schon diese Interpre­tation zeigt, daß wir ein "Korrelat" synchron feuernder merkmalselekti­ver Zellen nicht als "Objektrepräsentation" oder "Repräsentation des Dinges mit vielen Eigenschaften" auffassen, sondern in diesem "In-eins-setzen" der Merkmale oder Materien durch das System selbst das Werden der vielen Eigenschaften des Dinges "für" das System sehen sollten. Der Gegenaspekt der Zuordnung der "vielen" Materien zu einem gegebenen Ding als "Eins" durch das System er­gibt sich aus einer Reinterpretation der Assemblykonzepte im Kon­text der Ontogenese des Systems (Ziemke 1994a,b.) Die Vermittlung der beiden Sichtweisen wird möglich, wenn wir den Aspekt der "Szenensegmentation" gegenüber jenem der "Merkmalsbindung" betonen. In diesem Interpretationsrahmen ist das bestimmende Moment jenes Ansatzes die Dekorrelation einer anfangs kohärenten Aktivität zu zwei in sich korrelierten Korrelaten. Diese Dekorrelation würde nun einer systeminternen Unterscheidung entsprechen, durch die "für es", das Nervensystem der "Unterschied verschiedener Dinge" wird (ohne daß hierfür eine Repräsentation dieser Dinge unterstellt werden müßte). Das System erzeugt also in Form dieser Dekorrelation die Negation des "Dinges mit seinen vielen Eigenschaften", durch die "für" das System dieses Ding als Figur vor einem Grund und schließlich als Objekt in einer Szene wird. Entsprechend dieser Interpretation müßte die Korrelationstheorie lediglich dahingehend modifiziert werden, daß als "logischer Urzustand" des Cortex nicht die totale Dekorrelation, sondern die totale Korrelation angenommen werden müßte, wie sie etwa regional während eines epileptischen Anfalls auftritt, aber normalerweise durch weitreichende Inhibierungen unterbunden wird.


Die experimen­tellen Ergebnisse belegen nicht nur die "Bindung" der Aktivitäten merkmalsselektiver Zellen zu solchen Korrelaten bzw. die Dekorrelation verschiedener Korrelate untereinander, sondern auch den nicht-repräsentationistischen Charakter der entsprechenden Pro­zesse: Die gemessenen Korrelationen beruhen nicht auf einem "gemeinsamen Input", sondern auf einer "reziproken Aktivierung" der Aktivitäten der beiden jeweils gemessenen Zellpopulationen. Die Korrelate werden also nicht durch "Reizparameter" kausal er­zeugt, beruhen nicht auf einer "Informationsaufnahme", stellen keine "Explikation" "implizit" gegebener Information dar, sondern werden vom System selbst erzeugt. Das Ding als "Eins" bzw. seine Unterscheidung von einem anderen Ding (oder der Figur vom Grund) wird also nicht aus den gegebenen "vielen" Materien abgeleitet, sondern be­ruht auf dem vom System selbst vollzogenen "In-eins-setzen" der Aktivitäten merkmalselektiver Zellen bzw. der Unterscheidung verschiedener Korrelate.


Zwingender würde diese Argumentation werden, wenn in den Experi­menten ein reicheres Reizangebot verwendet würde, das nicht nur eine, sondern mehrere mögliche Bindungen von Merkmalen zulassen müßte - wenn also nicht nur die Alternative zwischen vorhandener und abwesender Bindung zweier Merkmale A und B, sondern - analog zu einem Vexierbild - auch die Möglichkeit der Bindung der Merk­male A und C oder B und C (bzw. der für diese Merkmale selektiven neuronalen Aktivitätsparameter) bestehen würde. Dann würde deut­lich werden, daß die Unterscheidung dieser Möglichkeiten, also das "In-eins-setzen" dieser Merkmale, also die "Segmentation" dieser simplen Szene durch das System selbst vollzogen wird. Um dann al­lerdings zu zeigen, daß diese Unterscheidung nicht zufällig er­folgt, sondern durch die Zwecke der Handlungen des Systems be­stimmt ist, wäre es erforderlich, diese möglichen Bindungen in Be­ziehung zu den "Aufgaben" eines wachen, sich verhaltenden Versuch­stieres zu bringen. Durch ein geignetes Training müßte in einer Aufgabe ein "Ding" mit den Eigenschaften A und B und in einer an­deren Aufgabe ein "Ding" mit den Eigenschaften B und C zum Objekt (oder Mittel) des Handelns werden. Ein "Handlungsbezug" dieser einfachen Wahrnehmung würde dann vorliegen, wenn in der einen Auf­gabe die für A und B selektiven Zellpopulationen, in der anderen aber die für B und C selektiven Zellpopulationen korreliert feuern würden. Wie diese Merkmale "in-Eins-gesetzt" werden, würde also von den Zwecken des Handelns abhängen. Eine Theorie, die einem solchen Ergebnis gerecht werden soll, käme dann nicht umhin, eben jenen Handlungsbezug von Wahrnehmung zu konzeptualisieren.


Die Denkformen der Hegelschen Phänomenologie könnten in diesem Rahmen aber nicht nur Anregungen für ein nicht-repräsentationisti­sches Forschungsprogramm liefern , sondern auch zur Klärung der eingangs angedeuteten Konzepte "Intentionalität", "Individualität", "Bewußtsein" beitragen: In unserer Darstellung bezieht sich die korrelierte Aktivität "merkmalsselektiver" Zellen dadurch auf gegebene Materien, daß es diese Materien "in-Eins-setzt" und somit bestimmt. Die Dekorrelation neuronaler Aktivität bezieht sich auf eine Szene, indem sie Dinge (Mittel und Objekte der Handlung bzw. ihre Relationen zueinander) unterscheidet (Intentionalität). Umgekehrt ist es eben dieser Prozeß des In-Eins-setzens bzw. Unterscheidens im kognitiven System, durch den diese Materien eben "für" das System zu den Eigenschaften eines Dinges bzw. der Unterschied verschiedener Dinge "für" das System werden (Individualität). In Bezug auf die hndlungstheoretische Perspek­tive würden sich Intentionalität und Individualität also aus der Bestimmung der Mittel und Objekte des Handelns durch den Zweck der Handlung ergeben.



6. Negativität statt Repräsentation: Eine Logik der Subjektivität



Als eine weitere Voraussetzung für eine Anwendung der Hegelschen Denkformen als heuristische Basis für die Entwicklung eines nicht-repräsentationistischen Forschungsprogrammes wurde zu Anfang des 4. Abschnitts herausgestellt, daß die Sprache der Hegelschen Phi­losophie in eine Form übertragen werden kann, die einerseits auch ohne fundierte philosophische Vorkenntnisse nachvollziehbar ist und andererseits zur Grundlage von Modellierungsansätzen, zumin­dest aber einer "analysesprachlichen" Behandlung theoretischer Probleme werden kann. In diesem Rahmen ist es sicher nicht sinn­voll, der Hegelschen Begriffsentwicklung bis in die letzten Win­dungen zu folgen. Vielmehr sollte es uns um die (für Hegel "nur") abstrakte logische Struktur dieses Kognitionsverständnisses gehen: Vereinfacht gesprochen ist Hegels Kognitionsverständnis gerade das Ge­genteil des repräsentationistischen. Während die Repräsentation als Ergebnis des Repräsentierens, die Beschreibung als Ergebnis des Beschreibens eine "Affirmation", eine "Wiederholung", eine "Bejahung", ein "logisches Bild" oder eben eine "Wieder-gegenwär­tigung" der Tatsache oder des Gegenstandes ist, wird das Erkennen für Hegel gerade die "Negation", die "Verneinung", die Ent-gegen­wärtigung des Gegenstandes. Diese Sprechweise scheint vom Stand­punkt des modernen logischen Denkens möglicherweise "sinnlos". Würde dies nicht heißen, gerade das "falsche" logische Bild zu er­zeugen, das ja per definitionem sinnlos ist? "Der Satz zeigt sei­nen Sinn. Der Satz sagt, wie es sich verhält, wenn er wahr ist. Und er sagt, daß es sich so verhält" (Wittgenstein 1969, 4.022). Hegels Prinzip der Negativität geht aber gerade von einer Reinter­pretation des Verhältnisses von "wahr" und "falsch" aus. Sehen wir uns dazu ein längeres Zitat an und versuchen, es in Bezug auf un­sere Diskussion zu interpretieren.


"Das Wahre und Falsche gehört zu den bestimmten Gedanken, die be­wegungslos für eigene Wesen gelten, deren eines drüben, das andre hüben ohne Gemeinschaft mit dem anderen isoliert und fest steht. Dagegen muß behauptet werden, daß die Wahrheit nicht eine ausge­prägte Münze ist, die fertig gegeben und so einge­strichen werden kann. Noch gibt es ein Falsches, so wenig es ein Böses gibt [...] Das Falsche [...] wäre das Andre, das Negative der Substanz, die als In­halt des Wissens das Wahre ist. Aber die Substanz ist selbst wesentlich das Negative, teils als Unterscheidung des Inhalts, teils als einfaches Unter­scheiden, d.h. als Selbst und Wissen überhaupt. Man kann wohl falsch wis­sen. Es wird etwas falsch ge­wußt, heißt, das Wissen ist in Ungleichheit mit seiner Substanz. Allein eben diese Ungleichheit ist das Unterscheiden über­haupt, das wesentliches Moment ist. Es wird aus dieser Unterscheidung wohl ihre Gleichheit, und diese gewordene Gleichheit ist die Wahr­heit. Aber sie ist nicht so Wahrheit, als ob die Ungleichheit weg­geworfen wäre, wie die Schlacke vom reinen Metall, auch nicht ein­mal so, wie das Werk­zeug von dem fertigen Gefäße wegbleibt, son­dern die Ungleichheit ist als das Negative, als das Selbst im Wah­ren als solchem noch unmittelbar selbst vorhanden. Es kann jedoch darum nicht gesagt werden, daß das Falsche ein Moment oder gar ein Bestandteil des Wahren ausmache. Daß an jedem Falschen etwas Wah­res sei - in diesem Ausdruck gelten beide, wie Öl und Wasser, die unmischbar nur äußerlich verbunden sind. Gerade um der Bedeutung willen, das Moment des vollkommenen Andersseins zu bezeichnen, müssen ihre Ausdrücke da, wo ihr Anderssein aufgehoben ist, nicht mehr verwendet werden." (2,38).


Zunächst muß einschränkend bemerkt werden, daß das moderne logi­sche Denken weit davon entfernt ist, "das Wahre" und "das Falsche" als "eigene Wesenheiten" zu denken. Heute ist es selbstverständ­lich, Wahrheit und Falschheit auf das Verhältnis von "logischem Bild" und "Tatsache" zu beziehen, in Hegels Sprachgebrauch also auf das Verhältnis von "Wissen" und "Substanz". Ein logisches Bild/Wissen ist "falsch", wenn es "in Ungleicheit" mit der Tatsa­che/Substanz befindet; es ist wahr, wenn an die Stelle der Un­gleichheit "Gleichheit" tritt. Fraglich ist jedoch, wie diese "gewordene Gleichheit" gedacht wird, ob sie also tatsächlich aus "dieser Unterscheidung" "geworden" ist, in welcher Form die "Ungleicheit" in der Wahrheit erhalten bleibt. Tatsächlich würde auch niemand die nach wie vor vorhandene "Ungleichheit" zwischen einer (wahren) Repräsentation und dem Repräsentierten leugnen. Eine Repräsentation ist nicht ihr Gegenstand. Ein logisches Bild ist nicht die Tatsache. Die Zeichen und ihre Verknüpfung sind un­terschieden von der Tatsache als Verbindung von Sachverhalten. Ihre Gleichheit bezieht sich "lediglich" auf die "logische Form" der Abbildung, die "symbolische Entsprechung". Allerdings bestimmt diese Zuordnung völlig die Bedeutung des logischen Bildes, der Re­präsentation, der Beschreibung und somit den Inhalt des Wissens. Die Natur der Zeichen, des "neuronalen Codes", das Medium der Re­präsentationen ist für diesen Inhalt irrelevant. Im Inhalt des Wissens ist die "Ungleichheit mit der Substanz" eben nicht erhal­ten geblieben.


Nach Hegels Auffassung hingegen ist "das Falsche" als "Negatives" selbst der Substanz wesentlich, und zwar "teils als Unterscheidung und Bestimmung des Inhalts, teils als ein einfaches Unterscheiden, d.h. als Selbst und Wissen überhaupt". Nun ist selbst der Gedanke, daß "das Falsche" essentiell zur "Unterscheidung und Bestimmung des Inhalts" eines logischen Bildes ist, in den philosophischen Grundlagen der formalen Logik zumindest implizit mitgedacht: Nicht nur die Kontradiktion, sondern auch die Tautologie wird als "sinnlos" interpretiert, ist als Satz kein "logisches Bild", eben weil sie immer wahr ist, also nicht falsch sein kann. Allerdings spezifiziert das logische Bild nicht, was der Fall ist, wenn es falsch ist. Es drückt also nur die eine Seite der Unterscheidung aus. Es spezifiziert "das Wahre", nicht aber "das Falsche". Die Negativität des logischen Bildes bleibt unbestimmt. Mit dieser Ne­gativität bleibt aber auch das "einfache Unterscheiden" "als Selbst und Wissen überhaupt" unbestimmt. Eben in dieser Bestimmung von Negativität geht Hegel über das klassische Denken vor und nach ihm hinaus. Wie dieses Negative "als das Selbst im Wahren als solchem selbst noch unmittelbar vorhanden" ist, haben wir bei der Darstellung des Wahrnehmungskapitels der Phänomenologie gesehen. Das Bewußtsein unterscheidet, welche Eigenschaften dem Ding zukom­men und welche ihm nicht zukommen, indem es dem gegebenen Ding als "Eins" die vom Bewußtsein erzeugten "vielen" Materien zuordnet bzw. indem es die gegebenen "vielen Materien" zu dem vom Bewußt­sein erzeugten Ding als "Eins" zusammenfaßt. Nimmt das Bewußtsein das Ding als "Eins" wahr (als "das Wahre"), so erzeugt es das "Nicht-Eins" der vielen Materien als "das Falsche". Nimmt das Be­wußtsein die Materien als "Viele" wahr (als "das Wahre"), so er­zeugt es das "Nicht-Viele" des Dinges als "Eins". Nimmt das Bewußtsein den Unterschied verschiedener Dinge wahr, so erzeugt es die Unterscheidung dieser Dinge als ihre Negation. Der Gegensatz von "Eins" und "Vielem" bzw. die Unterscheidung verschiedener Dinge ist hier die "Ungleicheit" von "Wissen" und "Substanz", von der Hegel schreibt: "Allein diese Un­gleichheit ist das Unterscheiden überhaupt, das wesentliches Mo­ment ist". Die Vereinigung von "Eins" und "Vielem" in der Wahrneh­mung des einen Dinges mit seinen vielen Eigenschaften ist die Gleichheit, in der "die Ungleichheit als das Negative, als das Selbst im Wahren als solchem selbst noch unmittelbar vorhanden ist". Wahrnehmen ist so nicht "Repräsentieren" des einen Dinges und der vielen Materien, sondern Negation der Vielheit der Mate­rien durch die Einheit des Dinges bzw. der Einheit des Dinges durch die Vielheit der Materien und letztlich die Negation der Dinge überhaupt durch ihre Unterscheidung. Und wiederum geht es darum festzuhalten, daß es hier nicht um irgendeine, sondern um eine be­stimmte Negation geht, die ihre Bestimmung aus den Zwecken des Handelns gewinnt. Dieses Verständnis von Negativität verändert nicht zuletzt fundamental den Charakter der logischen Werte "wahr" und "falsch". Hegel verweist darauf, indem er schreibt, daß "das Falsche nicht mehr als Falsches ein Moment der Wahrheit" ist. Die notwendige Reinterpretation kann aber nicht an der zu Hegels Zei­ten erst rudimentär entwickelten Logik ansetzen, sondern muß von der modernen formalen Logik ihren Ausgangspunkt nehmen. Der ein­zige Versuch, jene "bestimmte Negation" Hegels zu der Idee einer transklassischen Logik zu entwickeln, sind die Arbeiten von Gott­hard Günther (1958, 1976, 1979, 1980).


In seiner Dissertation aus dem Jahre 1933 versuchte Günther (1938) in Hegels Logik eine "neue Theorie des Denkens" aufzudec­ken. Das alte Den­ken, von dem sich diese Theorie abhebt, ist die Aristotelische Logik. In der Auseinandersetzung mit der modernen formalen Logik entwickelt Günther (1958, 1959) nun "Idee und Grundriß einer Nicht-aristotelischen Logik". Gekennzeichnet ist jenes Nicht-aristotelische Denken durch einen grund­sätzlichen Wechsel der "Bewußtseinsthematik". Thema des Klassischen Denkens war das "Sein des Seienden", Thema des transklassischen Denkens ist das (klassische) Denken selbst oder die "Reflexion". Nach Mei­nung der Philosophen des Deutschen Idealismus kann je­nes Denken des Denkens aber nicht mehr formal sein, da mit der Dualität von Subjekt und Objekt auch jene von Form und Inhalt aufgehoben wird. Diese Auffassung ist aber nach Günthers Meinung falsch. Er stellt ihr die folgenden Thesen gegenüber:

"1) Die Reflexion auf die klassische Reflexionssituation impli­ziert eine neue, trans-klassische Logik, die keine einfache Itera­tion des traditionellen, identitätstheoretischen Denkens dar­stellt.

2) Die Reflexion auf die Reflexion ist in dem gleichen Sinne for­mal wie ihr "Objekt", die erste Reflexion.

3) Alle theoretischen Bewußtseins-(Reflexions-)prozesse sind grundsätz­lich zweiwertig" (1958,374; 1976,155).


Die erste These schließt an Hegels "neue Theorie des Denkens" an. Die zweite These macht die Differenz zu Hegels Verständnis des Verhältnisses von Form und Inhalt aus. Die dritte These begründet die Möglichkeit und Notwendigkeit dieser Differenz. Was sich unter diesen Voraussetzungen grundsätzlich gegenüber dem klassischen Formalismus ändert, ist der Cha­rakter der logischen Werte. Da das Aristotelische Denken das Sein, den Gegenstand als das Andere des Bewußtseins, der Reflexion zum Gegen­stand hat, muß der irreflexiv-positive Wert als "wahr" interpretiert werden, die Reflexion selbst aber, insofern sie jenes Sein nicht "abbildet", sondern le­diglich etwas vortäuscht, was nicht der Fall ist, als "falsch". Insofern das transklassische Denken aber jene Reflexion selbst zum Gegenstand hat, macht die Kennzeichnung der "bloßen Reflexion" als "Falsches" keinen Sinn mehr. Ebenso kann das "Wahre" nur noch in Bezug auf jene erste Reflexion verstanden werden, "für" die es der Fall ist. Insofern letztlich die zweite Re­flexion der ersten in ihrer Zweiwertigkeit analog ist, müssen wir aber auch sie in ihrer Reflexivität betrachten. Es ergibt sich folgende Interpretation der drei Wahrheitswerte als Minimalsystem einer Transklassischen Logik:

(1) positiv = irreflexiv

(2) negativ = einfach reflexiv

(3) transklassisch-negativ = doppelt reflexiv


Erfüllt werden die in Günthers Thesen dargestellten Voraussetzun­gen durch eine dreiwertigen Logik als "System" von drei zweiwerti­gen Logiken. Wir unterscheiden im Rahmen dieses Systems ein logi­sches Subsystem der Werte 1 und 2 (L1/2), eines der Werte 2 und 3 (L2/3) und eines der Werte 1 und 3 (L1/3). In jedem dieser Subsy­steme soll der zahlenmäßig kleinere Wert als positiver oder desi­gnierender (wahrer) Wert aufgefaßt werden, der höhere als negati­ver oder nicht-desi­gnierender (falscher) Wert. Der Wert "1" würde nun in den Logiken L1/2 und L1/3 "wahr" sein, der Wert "2" in L2/3 "wahr" und in L1/2 "falsch" sowie der Wert "3" sowohl in L2/3 als auch in L1/3 "falsch". Die schematische Darstellung einer solchen Logik zeigt die Tafel.


1 2 3


L1/2 w -------> f

I I

I I

L2/3 I w ---------> f

I I

I I

L1/3 w ---------------------> f


Tafel: Schema einer dreiwertigen Logik: "--->" = Ordnungsrelation, "----" = Umtausch- bzw. Koinzidenzrelation (Erläuterung im Text)


Diese Logik läßt sich nun wiefolgt interpretieren: Die Lo­gik L1/2 zugrundeliegende wahr-/falsch-Unterscheidung entspricht dem vom (beschriebenen) Bewußtsein selbst vollzogenen Akt des Unterschei­dens und macht eben das "Für-es-sein" des Gegenstandes aus. Die den Logiken L2/3 und L1/3 zugrundeliegenden wahr-/falsch-Unter­scheidungen hingegen sind von uns vollzogene Akte. Die in Logik L1/3 erzeugten Unterscheidungen machen, wie Hegel es nennt, das "Für-uns-sein" des Gegenstands aus. Logik L2/3 hingegen unter­scheidet das "wovon" der Unterscheidung durch das Bewußt­sein. Die beiden letztgenannten Logiken beschreiben so das "Für-uns-sein" des "Für-es-seins". Bezogen auf unsere Applikation der Hegelschen Denkformen auf die Neurobiologie würde also L1/2 die den Kognitionen eines kognitiven Systems zugrundeliegenden Unterscheidungen konzeptualisieren, L2/3 und L1/3 hingegen die Unterscheidungen seines Beobachters, des Kognitionswissenschaftlers. Logik L1/2 würde also beispielsweise die Unterscheidung zweier Dinge oder einer Figur von ihrem Grund durch dieses System erfassen, die Logiken L1/3 und L2/3 hingegen jeweils die Unterscheidung korreliert feuernder Zellpopulationen von der jeweils dekorrelierten Aktivität (Ziemke 1994a, 135f).


Kehren wir nun zu Hegels Interpretation des "Wahren" und "Falschen" zurück: Die Beziehung des "Wahren" "für uns" in L1/3 und des "Wahren" "für es" in L1/2 ist jene der "Koinzidenz". Das bedeutet: Das Wissen, das wir erzeugen und seine Wahrheit behaup­ten, ist ein Wissen derselben "Substanz", desselben Gegenstands, von dem das Bewußtsein sein Wissen erzeugt und seine Wahrheit be­hauptet. Doch die "Unterscheidung und Bestimmung des Inhalts" er­folgt gegen ein anderes "Falsches", aus einer anderen "Ungleicheit mit der Substanz" heraus. Das "Falsche" unserer Unterscheidung entspricht dem dritten, das "Falsche" der Unterscheidung des (beschriebenen) Bewußtseins dem zweiten Wert. Erst aus dieser Un­terscheidung wird ihre Gleicheit mit der Substanz, also die Koin­zidenz des Wahren. Die koinzidierenden Wahren "für uns" und "für es" sind also "nicht so Wahrheit, als ob die Ungleichheit wegge­worfen wäre [...] sondern die Ungleicheit ist als das Negative, als das Selbst, im Wahren als solchem selbst noch unmittelbar vor­handen" (2,38). "Für uns" ist das "Für-es-sein" also nur insofern als wir neben der Koinzidenz des Wahren "für uns" und "für es" auch das "Falsche" beschreiben, das jener Negativität als "Selbst und Wissen" des (beschriebenen) Bewußtseins zugrundeliegt. Eben dies wird in der die beiden Beschreibungen "vermittelnden" Logik L2/3 möglich. Die Beziehung des "Wahren" dieser Beschreibung zu jenem "Falschen" in Logik L1/2 ist nun allerdings inhaltlich gese­hen nicht mehr jene "Koinzidenz", sondern der "Umtausch": Was im Unterscheiden des Bewußtseins das Falsche, Negative ist, muß für uns das Wahre, Positive werden. Da eben die Negativität von Wahrem und Falschem das "Selbst und Wissen" des Bewußtseins und somit das "Für-es-sein" des Gegenstands ausmacht, müssen wir die "Selbständigkeit" jener wahr-/falsch-Unterscheidung des Bewußts­eins "anerkennen". Wir müssen dem Bewußtsein die Unterschei­dung von Wahrem und Falschem im gleichen Maße zuerkennen, wie wir dies uns selbst tun. Andernfalls verfehlen wir das "Für-es-sein".


In eben dieser Form kann eine transklassische Logik auch der An­satz sein, eine Sprache zu entwickeln, in der sich formal expli­zite und empirisch operationalisierbare Modelle des Verhältnisses von "Mind" und "Brain" formulieren lassen, das die Konzepte von "Intentionalität", "Individualität", "Bewußtsein" und "mentaler Verursachung" so schwierig zu machen scheint. L1/3 und L2/3 ent­sprechen den Unterscheidungen, die der Neurowissenschaftler voll­zieht, wenn er das Gehirn beobachtet, und die seinen mentalen Zu­ständen während dieser Beobachtung zugrundeliegen. L1/2 hingegen entspricht den von diesem Gehirn selbst vollzogenen Unterscheidun­gen, die unter näher zu bestimmenden Bedingungen ebenso mentalen Zuständen zugrundeliegen. Unabhängig davon, wie die nähere Bestim­mung dieser Bedingungen aussieht, entspricht aber L1/2 der "Perspektive des Gehirns" und L1/3 sowie L2/3 der "Perspektive des Hirnforschers". Logisch gesehen ist die erstgenannte Perspektive, auf das Gehirn bezogen, eine "Perspektive erster Person" ("Individualität"), die letztgenannte hingegen eine "Perspektive dritter Person" (als Beschreibung dieser "Individualität"). Die erstgenannte Perspektive bezieht sich auf die Gegenstände der Ko­gnition des Gehirns ("Intentionalität"), die letztgenannte auf das Verhältnis des Gehirns zu seinem Gegenstand in seinen Kognitionen (als Beschreibung dieser "Intentionalität").


Noch kann keine Rede von einer geschlossenen Formalisierung einer solchen Logik sein, obgleich Versuche in dieser Richtung in den letzten Jahren wesentliche Fortschritte gemacht haben (vgl. Ziemke & Kaehr 1995). Auch wird die Entwicklung einer solchen Sprache al­lein nicht die Lösung des Problems des "bewußten Erlebens" lie­fern. Jedoch wird sich in einer solchen Sprache die zentrale Schwierigkeit des "Mind-Body-Problems" auflösen lassen: das Pro­blem der Subjektivität mentaler Zustände. Dennett (1992), Church­land (1986) oder auch Varela und Thompson (1992) behaupten gewiß zurecht, daß es nirgendwo im Gehirn eine "zentrale", allem Gesche­hen "übergeordnete" "Instanz" geben kann, in der die "Objektivität" neuronaler Prozesse in die "Subjektivität" eines Selbst "umschlägt". Vielmehr wird sich eine naturwissenschaftliche Theorie der Subjektivität ergeben, wenn wir Kognition im Kontext der Zweckbestimmtheit der Lebensprozesse biologischer Systeme bzw. menschlichen Handelns zu verstehen lernen, wenn wir eine Logik ko­gnitionswissenschaftlicher Forschung entwickelt haben, die soetwas wie die "Negativität" von Kognition und ihre "Aufhebung" in der Handlung empirisch zu erforschen und theoretisch zu modellieren gestattet. "Subjekt" ist der Mensch nicht kraft eines Homunculus irgendwo im Cortex, sondern als "Organismus", als "Leib" in seinen biologischen und - was in dieser Darstellung ausgespart bleiben mußte - in seinem sozialen Kontext.


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