Braucht die Hirnforschung eine neue Ethik?
Zur Begründung eines normativen Wissenschaftsverständnisses in den Neurowissenschaften
von Axel Ziemke und Simone Cardoso de Oliveira
(erschienen in: Jahrbuch für Geschichte und Theorie der Biologie 4, 15-34 (1997)
1. Die Relevanz ethischer Fragestellungen für die Hirnforschung
Die Hirnforschung ist in der öffentlichen Meinung hinsichtlich ihrer ethischen Bewertung zunehmend fragwürdig geworden. Auf medienwirksamen Veranstaltungen, wie dem im letzten Jahr vom Wissenschaftszentrum NRW unter dem Titel "NeuroWorlds - Zukunftswege der Hirnforschung" abgehaltenen Kongreß, wird an exponierter Stelle über ethische Probleme der Neurowissenschaften diskutiert. Eine Umfrage des Bielefelder EMNID-Institutes (ebenfalls vom Wissenschaftszentrum in Auftrag gegeben) hat gezeigt, daß die Mehrheit der Bevölkerung zwar einen relativ geringen Wissensstand über die Hirnforschung besitzt, jedoch gegenüber dieser Forschung und der Anwendung ihrer Ergebnisse starke ethische Bedenken hegt.
Unbestritten scheint auch nach den Ergebnissen dieser Umfrage die medizinische Berechtigung der Hirnforschung zur Heilung neurologisch bedingter Krankheiten zu sein. Als Kehrseite dieser ethisch zweifelsohne positiv zu bewertenden Fortschritte ergeben sich jedoch eminente ethische Probleme. Wie schon im Falle der Gentechnik fürchtet man durch die Hirnforschung die vollständige Durchleuchtung des eigenen Organismus. Stehen bei der unkontrollierten Anwendung der Gentechnologie durch Unfälle geschaffene, bösartige neue Krankheiten und die Durchschaubarkeit der eigenen Person anhand von Untersuchungen des genetischen Materials zu befürchten, sieht man im Falle der Hirnforschung die privaten Gedanken, die Ungestörtheit der menschlichen Seele in Gefahr.
Hinzu kommt noch die Frage, ob man das Gehirn überhaupt unbegrenzt erforschen dürfe, sei es doch der Sitz der Seele, und darum vor dem unkontrollierten Zugriff der Forscher zu schützen. Vor allem aber scheint durch die Erforschung des Gehirns die letzte Bastion des Subjektiven, der persönlichen Freiheit, ja das Bewußtsein selbst der Gefahr einer subtilen Manipulation im Rahmen der Forschung und ihrer Anwendung ausgesetzt. Jene Angst vor der eigenen Manipulierbarkeit wurzelt tief in den Wertvorstellungen unserer am Ideal der persönlichen Freiheit orientierten bürgerlichen Gesellschaft. Sehr unklar ist allerdings, was in diesem konkreten Fall mit einer Manipulation des Menschen gemeint sein kann. Die offensichtlichsten Befürchtungen, die auch in der genannten Umfrage bestätigt wurden, betreffen die Möglichkeiten medizinischer Eingriffe in das Gehirn. Noch problematischer sind aber gewiß neue Einsichten darüber, wie man das Gehirn über seine "natürlichen Angriffsflächen", nämlich die Sinnesorgane manipulieren kann.
Spätestens seit der Entwicklung der Kernspaltung ist man sich bewußt geworden, daß wissenschaftlicher Fortschritt immer auch mit der Gefahr seines Mißbrauchs einhergeht. Ethische Diskussionen um jene Gefahren weisen aber immer schon ein resignatives Moment auf: Hat es einen Sinn nach der Ethik der Wissenschaft zu fragen, wo doch ihre Erfolgskriterien allein an ihrem Objektivitätsanspruch orientiert zu sein scheinen? Hat es einen Sinn, Wissenschaft auf "das Gute" verpflichten zu wollen, wo sie doch allein nach "dem Wahren" zu suchen bestimmt zu sein scheint? Über Ethik der Wissenschaften zu diskutieren ist zwar erbaulich, aber fast gesetzmäßig wirkungslos, weil diese Ethik nicht als ein wissenschaftsimmanentes Problem aufgefaßt wird, sondern erst im Nachinein an die Wissenschaft herangetragen zu werden scheint. Folgt man dieser Resignation, scheint es nur zwei mögliche Konsequenzen zu geben: Entweder man erachtet die ethischen Argumente als vorrangig und verbietet schlichtweg jede weitere Erforschung des Gehirns oder man nimmt den fatalistischen Standpunkt ein, daß was erforscht werden kann auch erforscht werden wird, und macht weiter wie bisher.
2. Wissenschaft als zweckgebundenes Handeln
In der Tat ergibt sich dieses Dilemma, wenn man einem empiristischen Selbst(miß)verständnis wissenschaftlicher Forschung aufsitzt, das allerdings auch von analytisch orientierten Wissenschaftstheoretikern geteilt wird. Dementsprechend nimmt man an, daß die Methoden wissenschaftlicher Forschung schon durch ihren Anspruch einer "wahren" und "objektiven" Erkenntnis der Forschungsobjekte unumgänglich festgelegt seien. Theorien werden im Rahmen eines "Theorienrealismus" als Beschreibungen der Wirklichkeit interpretiert. Empirische Forschung hat die Aufgabe, diese Theorie zu bergünden - etwa durch die Messung von Relationen, die in der Theorie vorausgesagt werden. "Begründung" muß dabei natürlich nicht "Verifikation" bedeuten, sondern kann ebenso als das "Ausbleiben einer Falsifikation" oder als die "Kontingenz innerhalb eines Forschungsprogrammes" interpretiert werden. Erkenntnistheoretisch problematisch ist diese Position, weil die empirisch zugängliche Wirklichkeit keineswegs ein Stück "unberührter Natur" darstellt, sondern immer schon eine durch das Experiment, die messende Beobachtung, zumindest aber die beobachtende Wahrnehmung reflektierte, interpretierte, veränderte, ja sogar erzeugte Wirklichkeit ist. Nicht zuletzt muß auch die zu begründende Theorie selbst in jene empirische Forschung "investiert" werden. Die "Wahrheit" einer Theorie als Beschreibung einer objektivistisch verstandenen Wirklichkeit ist somit empirisch überhaupt nicht zugänglich.
Diesem Verständnis von "Wissenschaft als Beschreibung" stellen wissenschaftstheoretische Konzepte wie der Methodische Konstruktivismus der Erlanger Schule (Janich et al. 1974, Mittelstraß 1989, Janich 1992) ein Verständnis von "Wissenschaft als Handlung" gegenüber. Es ist zunächst völlig trivial und unkontrovers, daß Wissenschaft auf den Handlungen von Menschen beruht. Die Konsequenzen dieser Selbstverständlichkeit werden aber im Selbstverständnis der meisten Wissenschaftler und auch im Wissenschaftsverständnis vieler Philosophen nicht hinreichend bedacht. Handlungen sind etwa dadurch gekennzeichnet, daß sie gelingen oder mißlingen können. Kriterium für das Gelingen einer Handlung ist die Erfüllung eines Zweckes. Der Zweck von Handlungen im Rahmen empirischer Forschung kann nun aber, wie wir gesehen haben, nicht die Begründung einer Theorie als Beschreibung der Wirklichkeit sein. Ganz im Gegenteil sollte sich die Begründung einer Theorie an der Erfüllung der Zwecke empirischen Handelns selbst messen lassen, in das diese Theorie "investiert" wurde. Die entscheidende Fragestellung an eine Theorie ist also nicht, ob sie die Wirklichkeit zutreffend beschreibt, sondern, ob auf Grundlage dieser Theorie ein erfolgreiches Handeln möglich ist. Man kann im Rahmen eines solchen "Theorienrealismus" nach verschiedenen Zwecken fragen, zum Beispiel, ob sich aufgrund der Theorie eine Krankheit erfolgreich behandeln läßt, oder ob ein technisches System, das auf der Grundlage dieser Theorie konstruiert wurde, bestimmten Leistungsanforderungen entspricht, aber auch, ob ein Experiment als Erzeugung der von dieser Theorie vorausgesagten Relationen unter den von dieser Theorie gemachten Voraussetzungen gelingt. Die Erfüllung oder Nichterfüllung eines bestimmten Zweckes von Wissenschaft als Handlung - wohlgemerkt über den "Scheinzweck" hinaus, die "Wahrheit" zu erkennen - ist aber nicht nur ein erkenntnistheoretisches Kriterium, um Theorien begründen zu können. Die Zwecke wissenschaftlichen Handelns machen die Forschung auch in einem ethischen Sinne kritikfähig. Die Begründung einer Theorie erfolgt durch die Erfüllung der Zwecke empirischen Handelns. Welche Zwecke sich dieses Handeln aber setzt, ist eine ethische Entscheidung. Eine konstruktive Wissenschaftstheorie bildet also sowohl einen Ansatzpunkt für ein normatives Wissenschaftsverständnis, als auch für eine wissenschaftsimmanente Ethik.
3. Über die Zwecke empirischer Forschung als Handlung
Ist von empirischer Forschung die Rede, denkt man zunächst an experimentelle Methoden. Das Experiment als empirische Begründung für theoretische Hypothesen hat seinen Ursprung in der klassischen Physik. Als Handlung betrachtet, besteht der Zweck eines Experimentes in der Herstellung einer Relation von systematisch variierten unabhängigen und messend bestimmten abhängigen Variablen. Von einer "Herstellung" zu sprechen, ist nicht nur auf Grund der systematischen Variation der unabhängigien Variablen durch den Experimentator möglich, sondern besonders durch die Auswahl der relevanten Variablen überhaupt, die Kontrolle der Randbedingungen und den Ausschluß von Störungen, die für den "Nachweis" solcher Relationen unumgänglich sind. Theorien gehen in ein Experiment in Form einer speziellen Hypothese ein, die die zu erzeugenden Relationen festlegt, in Form einer allgemeinen Grundlagentheorie, die bestimmt, welche Variablen relevant sind, wie das Forschungsobjekt in Zustände versetzt werden kann, die den unabhängigen Variablen entsprechen, und welche Randbedingungen zu kontrollieren bzw. welche Störgrößen auszuschließen sind, und letztlich in Form einer Meßtheorie, die die Zuordnung der abhängigen Variablen zu direkt meßbaren Größen zum Gegenstand hat. Man kann jene Theorien also als "Handlungsanweisungen" experimenteller Forschung zum "allgemeinen Zweck" der Manipulation und Kontrolle von Naturprozessen interpretieren. Aus jenem "allgemeinen Zweck" resultiert nicht zuletzt die Möglichkeit, diese Theorien im Rahmen von "Maßstabsvergrößerungen" und "Zusatzannahmen" ingenieurtechnisch zur Erfüllung ("besonderer") technologischer Zwecke einsetzen zu können. Zweck experimenteller Forschung ist die Erzeugung von technischem Verfügungswissen über die Natur.
Die Hirnforschung beruht nun allerdings keineswegs ausschließlich auf experimentellen Methoden. Hier spielen nach wie vor Beobachtung und Beschreibung eine entscheidende Rolle. Man denke nur an die Anatomie, die Histologie oder die Cytologie. Durch den Einsatz modernster Meßtechnik sind diese Methoden keineswegs weniger "exakt" als das Experiment. Allerdings besteht ihr Zweck nicht in der Manipulation, sondern in der Vorhersage von Naturprozessen. Zweifelsohne gewinnen aber in der modernen Hirnforschung experimentelle Methoden immer mehr an Bedeutung. Neben molekularbiologischen und biophysikalischen Disziplinen bedient sich insbesondere die Neurophysiologie als das "Herzstück" dieses Forschungsprogrammes des Experiments. Verdeutlichen wir uns die experimentelle Herangehensweise in der Hirnforschung beispielhaft an einem experimentellen Paradigma, dem neurophysiologische Forschung heute oft folgt, sofern sie auf die Untersuchung der "systemischen" Eigenschaften des Gehirns hinsichtlich seiner sensorischen Leistungen ausgerichtet ist.
Ein für die jeweiligen Untersuchungen geeignetes Versuchstier wird mit einem Narkotikum anästhesiert, an einer geeigneten Stelle über den zu untersuchenden Hirnstrukturen die Haut entfernt, der Schädelknochen abgetragen und ein "Ableitzylinder" installiert. Das Tier wird in einer Halterung fixiert und mit einem Muskelrelaxans paralysiert. Da die Paralyse die Atmungsmuskulatur lahmlegt, muß das Tier in der Regel künstlich beatmet und seine Körpertemperatur reguliert werden. Durch den Ableitzylinder wird eine Mikroelektrode mit einem Schrittmotor in die zu untersuchende Hirnstruktur eingeführt. Wenn die Zielstruktur erreicht ist, werden dem Tier Reize der zu erwartenden Modalitäten angeboten und der Vortrieb Mikrometer für Mikrometer fortgesetzt, bis die Mikroelektrode auf ein aktives Neuron trifft, dessen Aktivität auf einem Oszillographen sichtbar und über einen Lautsprecher hörbar gemacht werden kann. Nun werden durch systematische Variation eines zu untersuchenden Reizangebotes diejenigen (visuellen, auditorischen, somatosensorischen etc.) Reizparameter bestimmt, bei denen es zur Veränderung der Aktivität dieser Zelle kommt. Bei der Erforschung der "visuellen" Hirnstrukturen geschieht dies in der Regel, indem die Reize auf einen Schirm projiziert werden, der das Gesichtsfeld des Tieres abdeckt. Im auditorischen System verwendet man entsprechend definierte Töne, im somatosensorischen Berührungen etc. Zweck dieses Experimentes ist es ganz im Sinne unserer Bestimmung des Experimentes, eine signifikanten Korrelation (Relation) zwischen bestimmten Reizparametern (unabhängige Variablen) und der über die Zeit registrierten Entladungsrate bestimmter Zellen (abhängige Variable). Die Randbedingungen des Experiments werden so kontrolliert, daß dieser Zweck erfüllt werden kann. Insbesondere sind während des Experiments Narkose und Paralyse vor allem daher erforderlich, weil jede Bewegung des Tieres, ja selbst das Zittern des Muskeltremors durch die Veränderung der relativen Lage des Tieres zum Reiz (etwa die Verschiebung des Bildes auf der Retina) über die streng geordneten Projektionen zur "Verschiebung" der Aktivität von der untersuchten Zelle zu anderen Bereichen der Zielstruktur führen und die Herstellung der Korrelation so unmöglich machen würde. Auf Grundlage solcher Untersuchungen existiert heute ein sehr detailliertes Wissen über die "Reizkorrelate" in der neuronalen Aktivität der sensorischen Areale des Gehirns. Auch hinsichtlich der Motorik ist es gelungen, die Aktivität von Nervenzellen in motorischen und prämotorischen Arealen der Großhirnrinde und in subcorticalen Zentren mit einfachen Bewegungsparametern zu korrelieren.
Was aber die Vermittlung zwischen Sensorik und Motorik angeht, die zentrale Instanz, die aufgrund eines gegebenen Eingangs die richtige motorische Reaktion selektiert, darüber herrscht weitgehende Unklarheit. Stellt man, wie auch unter Psychologen nach wie vor gängige Praxis, das Gehirn wie eine kybernetische Maschine voller black boxes dar, so steht an dieser kritischen Stelle eine box, in der Begriffe wie "höhere kognitive Leistungen" oder gar "Bewußtsein" vorkommen. Erklärtes Ziel ist es aber, die neuronalen Verarbeitungsprozesse vom sensorischen "Input" bis zum motorischen "Output" verfolgen und theoretisch angemessen modellieren zu können und auf diesem Wege auch diesen "höheren" Gehirnfunktionen in der letzten, bisher noch im Dunkeln gebliebenen black box auf die Spur zu kommen.
Aus dieser Darstellung experimenteller Hirnforschung als (zweckgebundener) Handlung ergeben sich zwei wesentliche Konsequenzen: Einerseits scheinen die Befürchtungen der Öffentlichkeit, auf die einleitend hingewiesen wurde, tatsächlich eine ernstzunehmende Begründung zu haben. Die Möglichkeit zu einer externen Manipulation und Kontrolle ist nicht nur eine Option der Anwendung von Ergebnissen der Hirnforschung, sondern stellt als Zweck des Experiments das immanente Erfolgskriterium neurowissenschaftlicher Forschung überhaupt dar. Experimentell begründete Theorien der Funktion des Gehirns sind demzufolge nichts weniger als "Handlungsanweisungen" zur Manipulation und Kontrolle des Gehirns. Auch dieser "allgemeine Zweck" der Hirnforschung ist letztlich die Grundlage für die Anwendung dieser Theorien und Methoden zur Erfüllung besonderer (außerwissenschaftlicher) Zwecke. So könnten sich etwa neben neuen Behandlungserfolgen auch die in der Bielefelder Umfrage befürchteten Manipulationen durch medizinische Eingriffe aus Experimenten ergeben, in denen die unabhängigen Variablen Zuständen des Gehirns selbst entsprechen, die durch Reizelektroden, psychoaktive Wirkstoffe oder chirurgische Eingriffe "systematisch variiert" wurden. Manipulationen über die Sinnesorgane, wie sie heute schon in der Werbung genutzt werden, könnten durch die Ergebnisse von Experimenten perfektioniert werden, die unabhängige Variablen des Reizangebots zu den Zuständen des Gehirns in Relation setzen. Theorien, die voraussagen, zu welchem "output" des Gehirns ein bestimmter "input" führt, wären perfekte "Handlungsanweisungen" zur Manipulation menschlichen Verhaltens. Allerdings würde die Frage nach der notwendigen Komplexität solcher Manipulationen und der zu wählenden theoretischen Beschreibungsebene dieses Problem vielleicht auf die Ebene psychologischer, verhaltensbiologischer oder gar soziologischer Forschung verschieben. Wichtiger im Kontext dieser Arbeit ist aber die zweite Konsequenz:
Andererseits wird aus dieser Darstellung nämlich klar, daß die Manipulierbarkeit des Gehirns nicht aus dem Anspruch, eine wissenschaftliche Hirnforschung zu betreiben, selbst resultiert, sondern den Zweck einer bestimmten, historisch gewachsenen Methodologie jener Forschung darstellt. Eine andere Methodologie der Hirnforschung könnte anderen Zwecken verpflichtet sein. Nicht zuletzt könnte man schließen, daß eine Aufhebung der technischen Beherrschbarkeit als Hauptziel der Neurowissenschaft ebenso eine Aufhebung der Möglichkeit zur Manipulation aufgrund der Fortschritte eben dieser Wissenschaft bedingen würde.
Worin nun alternative Zwecke der Hirnforschung bestehen sollen, ist eine normative Frage, die optimalerweise in einem breiten sozialen Diskurs beantwortet werden müßte; denn es ist selbstverständlich nicht möglich, eine ethische Wertentscheidung aus einer erkenntnistheoretischen Analyse abzuleiten. Diese normative Fragestellung selbst muß aber aus methodisch-konstruktiver Sicht an die Wissenschaft nicht herangetragen werden, denn sie gehört stets und immer aufs Neue zu den Voraussetzungen ihrer Konstitution als Wissenschaft. Natürlich kann sich Wissenschaft nicht jeden beliebigen Zweck setzen, nicht jede mögliche ethische Norm verfolgen, ohne ihren Charakter als Wissenschaft aufzugeben. Im Falle der Hirnforschung zeigt jedoch eine kritische Reflexion auf die Erklärungsansprüche einer biologischen Kognitionstheorie sogar, daß eine weit angemessenere empirische Erforschung des lebenden Organismus im allgemeinen und des Gehirns im besonderen möglich wäre, wenn sich die ethische Diskussion gerade für das Gegenbild der Manipulation (Fremdorganisation) und Kontrolle (Heteronomie) entscheiden würde, nämlich Selbstorganisation und Autonomie. Die epistemologischen Grenzen der Orientierung einer Forschung am Zweck der Manipulation und Kontrolle soll der nächste, die Möglichkeiten jener Alternative der übernächste Abschnitt zeigen.
4. Braucht die Hirnforschung eine neue Epistemologie?
Ist die erfolgreiche Manipulation des Gehirns nun tatsächlich ein angemessenens Kriterium für die empirische Begründung einer Hypothese über seine Funktion? Entscheiden läßt sich diese Frage nur durch einen Vergleich der auf Grund von durch empirische Forschung begründbaren Theorien mit dem durch diese Theorien erhobenen Erklärungsanspruch. Schwierig macht diese Entscheidung im Falle der Hirnforschung eine sehr weitgehende Isolation empirischer und theoretischer Forschung, für die man in anderen Disziplinen wohl kaum einen Vergleich findet. Keine andere Wissenschaft verfügt wohl über eine solche Unmenge theoretisch bislang irrelevanter empirischer Daten und empirisch schlecht belegbarer Theorien. Als "common sense" kann man heute allenfalls einen repräsentationalistischen Erklärungsansatz von "Kognition als Repräsentation" verstehen: eine kognitive Leistung gilt dann als erklärt, wenn gezeigt werden kann, wie der Gegenstand dieser Leistung (ein "Reizparameter", ein "Objekt", eine "Szene") in Form von neuronaler Aktivität repräsentiert wird. Expliziert wird dieser Erklärungsansatz zumeist über ein informationstheoretisches Kategoriensystem: Spricht nämlich der Experimentator über jene reizkorrelierte Aktivität, die er in seinen Experimenten gemessen hat, so sagt er zumeist: Die Aktivität der Zelle "codiert" oder "repräsentiert" einen bestimmten Reizparameter, ist für diesen Reizparameter "selektiv". Im Ergebnis der oben zitierten Experimente spricht man also von "bug detectors", "orientierungs-", "richtungs-", "tiefen-" oder "farbselektiven Zellen" und "topologischen Merkmalskarten", von dem "neuronalen Code" oder der "Populationscodierung". Den "theoretischen" Hintergrund für diese Art zu sprechen, bildet ein recht unscharf bestimmter Informationsbegriff, dessen Funktion offensichtlich darin besteht, den gemessenen Korrelationen eine "Semantik" zuzuordnen, die zur Erklärung von Kognition im Allgemeinen und Wahrnehmung im Besonderen unumgänglich scheint. Das "Feuern" der Zellen muß "für" das sensorische System und/oder das Gehirn und/oder den Organismus irgendetwas bedeuten. Das Problem wird offensichtlich, wenn wir uns vergegenwärtigen, daß es zunächst der Experimentator selbst ist, der die Zuordnung von Reiz und reizkorrelierter Aktivität vornimmt. Wie jene Aktivität Bedeutung "für" das System gewinnt, kann bis heute nicht erklärt werden. Sie muß notwendigerweise in dieser Sprechweise vorausgesetzt werden.
Suchen wir nach einer näheren begrifflichen Spezifizierung dessen, was unter "Repräsentation" und "Informationsverarbeitung" verstanden werden soll, müssen wir Theorien betrachten, die diese empirischen Ergebnisse in den Kontext funktionalistischer Überlegungen zur Arbeitsweise des Gehirns stellen. Solche Ansätze werden gerade in den letzten 10 Jahren verstärkt unter dem Schlagwort "Computational Neurosciences" diskutiert. So leiten Sejnowski, Koch & Churchland (1988) einen Übersichtsartikel zu diesem Ansatz ein: "The ultimate aim of computational neuroscience is to explain how electrical and chemical signals are used in the brain to represent and process information". Der Sinn der Anwendung des Informationsbegriffs liegt hier in einer von der experimentellen Neurobiologie abweichenden Form der Erklärung, die sich auf "Information" als semantischem Gehalt neuronaler "Repräsentationen" bezieht: "Mechanical and causal explanations of chemical and electrical signals in the brain are different from computational explanations. The chief difference is that a computational explanation refers to the information content of physical signals and how they are used to accomplish a task". Die Ergebnisse der experimentellen Neurobiologie werden so zu "constraints" von Informationsverarbeitungsmodellen, die bestimmte Berechnungsprobleme zu lösen in der Lage sind und in Computermodellen explizit programmiert oder in letzter Zeit besonders auf lernfähigen Backpropagation-Netzwerk-Architekturen implementiert werden. Indem jene Berechnungsprobleme gelöst werden, wird Information "expliziert", die zunächst nur "implizit" im sensorischen Input gegeben ist. In eben diesem Sinne bestimmt etwa Marr, einer der Väter jenes Forschungsprogrammes, seinen Repräsentationsbegriff: "A representation is a formal system for making explicit certain entities or types of information, together with a specification of how the system does this. And I shall call the result of using an representation to describe a given entity a description of the entity in that representation" (1982,20). In der Fassung von Informationsverarbeitung als "Explikation" von Information verbirgt sich aber auch hier die Voraussetzung von Semantik. Zunächsteinmal wird durch diese Transformationen nämlich nur eine formale Darstellung in eine andere formale Darstellung übertragen. Eine "Explikation" liegt erst dann vor, wenn eine symbolische Entsprechung dieser Darstellung zu immer komplexeren und, wie Marr betont, immer stärker an den objektiven Sachverhalten orientierten Eigenschaften der Objekte postuliert wird. Die "computational explanation" erklärt also die Semantik von Information nicht, sondern verwendet sie als explanans.
Ein solcher repräsentationalistischer Kognitionsbegriff kann nun tatsächlich im Rahmen jener am Kriterium der Manipulierbarkeit orientierten experimentellen Forschung belegt werden. Ja mehr noch, sie scheinen nur im Rahmen einer solchen "Manipulation", die alle Eigenaktivität des Versuchstieres ausschließt, empirisch begründbar zu sein. Narkose und Paralyse des Tieres sind, wie wir gesehen haben, in einem großen Teil der Experimente Voraussetzung dafür, daß der Experimentator die durch eine repräsentationalistische Theorie vorausgesagte Abbildungsbeziehung in Form einer Reizkorrelation überhaupt messen oder - konstruktivistisch gesprochen - erzeugen kann. Der Preis für diese erfolgreiche Manipulation ist das Verfehlen dessen, was man in Methodendiskussionen der Kognitiven Psychologie "ökologische Validität" genannt hat: Lassen Ergebnisse aus Untersuchungen in solchen hochgradig künstlichen Laborsituationen überhaupt Rückschlüsse auf das Funktionieren des Gehirns eines Tieres in ökologisch relevanten Verhaltensweisen zu? Können Theorien, die auf Befunden auf solchen Experimenten beruhen, irgendeinen Erklärungswert hinsichtlich des Verhaltens eines Tieres beanspruchen? Hat speziell das, was in dem narkotisierten, paralysierten und künstlich beatmeten Versuchstier geschieht, irgendetwas mit "Wahrnehmung" zu tun, die für unsere Intuition untrennbar mit Wachheit, Aufmerksamkeit und Aktivität verbunden ist? Ganz in diesem Sinne läßt sich aber auch fragen, ob die Erklärungsdefizite hinsichtlich der Semantik von Informationsverarbeitungsprozessen im Gehirn nicht gerade in dem manipulativen Zugriff auf das Lebewesen in ihrer empirischen Begründung ihre Ursache haben? Ist es vielleicht der Handlungsbezug oder gar der Handlungscharakter von Wahrnehmung, der durch diesen manipulativen Zugriff ausgeschlossen wird, aber gerade die Semantik von Wahrnehmung bestimmt? Heißt "Bedeutung haben" nicht gerade "Bedeutung für das Handeln" des Organismus zu haben? Würde dann aber empirische Hirnforschung nicht nur auf Grund ihrer normativen Vorentscheidungen, sondern sogar wegen das Wesens von Kognition als ihrem Gegenstand andere Erfolgskriterien als jene erfolgreiche Manipulation erfordern?
Die ethische Vorentscheidung, empirische Forschung am Zweck der experimentellen Manipulation und Kontrolle zu orientieren, bedingt also in der Hirnforschung erhebliche erkenntnistheoretische Probleme. Wie im Falle der Ethikdiskussion jener manipulative Zugriff durchaus in vieler Hinsicht - etwa bezüglich seines Wertes für die Medizin - seine Berechtigung hat, so verdanken wir auch jenem experimentellen Zugang einen großen Teil unseres Wissens über das Gehirn. Aber wie wir uns ethisch vielleicht auch für das Gegenbild jener Kontrolle, nämlich die Autonomie als Zweck empirischer Forschung zu entscheiden haben werden, so ist auch erkenntnistheoretisch eine an der Autonomie orientierte, zu jenem Kontrollaspekt "komplementäre" (Varela 1979) Forschung für ein Verständnis der kognitiven Leistungen des Gehirns erforderlich. Die empirische Hirnforschung hat ein gutes Stück weit zu einer Vereinseitigung unserer Sichtweise auf das Gehirn geführt, indem seine experimentelle Manipulierbarkeit im Zentrum der Betrachtung stand.
5. Autonomie als neuer Zweck experimenteller Hirnforschung?
Als theoretisches Problem biologischer Forschung war die Frage nach jenem Spezifikum der Lebenserscheinungen, die sie dem mechanistischen Zugriff einer physikalistisch orientierten Wissenschaft entzieht, im Grunde schon seit der Entwicklung der klassischen Physik präsent. Seit jener Zeit versuchen manche Biologen immer wieder das Besondere des Lebens teleologisch-vitalistisch zu begründen und sich damit von den aufkeimenden Maschinen-Modellen des Lebendigen abzusetzen. Vermittlungsversuche zwischen beiden Auffassungen finden wir z.B. in der frühen Kybernetik. Ihr Anliegen war es nicht mehr, herauszufinden, wie der Beobachter die Kontrolle über ein lebendes System gewinnt, sondern umgekehrt, wie es einem System gelingt, anhand seiner eigenen Ziele die Kontrolle über seine Umgebung herzustellen. Eines der für die Neurowissenschaften einflußreichsten Konzepte dieser Zeit waren die Arbeiten von V. Holst zum Reafferenzprinzip. Hier wird die Umkehrung der Perspektive gegenüber dem Behaviorismus einerseits und der Reflexphysiologie andererseits deutlich:
"The characteristic feature of this new conceptual framework is a rotation of the point of attack through 180°. Rather than asking about the relationship between a given afference and the evoked efference (i.e., about the reflex), we set out in the opposite direction from the efference asking: What happens in the CNS with the afference (referred to as the "reafference") which is evoked through the effectors and receptors by the efference?" (1979,141).
Ähnlich sieht auch H. von Förster die Intention der Arbeiten an dem legendären Biological Computer Laboratory in Urbana, Illinois, zu einer Kybernetik zweiter Ordnung als die "Suche nach Mechanismen in lebenden Organismen [...], die diese instandsetzen, ihre Umwelt in eine triviale Maschine zu verwandeln, und nicht so sehr als die Suche nach Mechanismen der Umwelt, die die Organismen in triviale Maschinen verwandeln" (1985,206).
Jene Erweiterung der Kybernetik geht von der Einsicht aus, daß auch kybernetische Systeme, die auf dem Prinzip der Rückkopplung beruhen, über die vom Designer oder Beobachter vorausgesetzten Referenzwerte kontrollierte Systeme sind. Aus der Tatasache, daß Lebewesen aber ohne extern vorgegebene "Beobachterreferenz" auskommen müssen, leitet er die Notwendigkeit einer Theorie der "Regelung der Regelung" ("Regelung zweiter Ordnung") zur Erklärung der "Selbstregelung" lebender Systeme ab. Ein Zentralbegriff dieser Theorie, die operationale und organisationale Geschlossenheit wird in der "Biologie der Kognition" von H. Maturana (1982) und F. Varela (1979, vgl. Varela & Thompson 1992) zum Ausgangspunkt für die Entwicklung einer Theorie der Autonomie lebender Systeme genommen. Nicht nur der ganze Organismus, sondern auch das Nervensystem ist dieser Theorie zufolge durch geschlossene und selbstbezügliche Relationen gekennzeichnet. Als wichtige Konsequenz dieser Betrachtungsweise ergibt sich, daß ein Nervensystem durch seine Umwelt (und somit den Beobachter) nicht "instruiert" oder "kontrolliert", sondern lediglich "perturbiert" werden kann. Diese "Perturbationen" sind "Störungen" des Systems, deren Kompensation durch das System selbst erst zu den strukturellen Veränderungen führt, die ein Beobachter als Kognition beschreiben kann. Man sollte also dementsprechend nicht mehr von einer "Aufnahme" und "Verarbeitung" von Information sprechen, sondern bestenfalls von ihrer Erzeugung durch das System selbst. Dieses konstruktiven Aspekts von Kognition ist man sich in den Kognitionswissenschaften zwar durchaus bewußt, jedoch werden die erkenntnistheoretischen Folgen dieser Einsicht bislang wenig beachtet.
Die genannten Ansätze betonen also die Autonomie des lebenden Systems und seines Gehirns gegenüber der Umwelt und somit auch gegenüber Manipulationen durch den Wissenschaftler über die Variation eines Reizangebotes. In Bezug auf die angedeutete Logik experimenteller Forschung findet der Zweck der Manipulation und Kontrolle des (tierischen oder menschlichen) Organismus über seine Umwelt also seine Grenze darin, daß es in seiner (ökologisch validen) Umwelt keine "unabhängigen Variablen" gibt, da alle relevanten Variablen von dessen Aktivität selbst abhängig sind. Die Kybernetik zweiter Ordnung fügt dem noch die Einsicht hinzu, daß es solche "unabhängigen Variablen" - etwa in Form des vom Designer oder Benutzer als "Konstante" festgelegten Referenzwert - auch im System selbst nicht geben kann, da durch die zirkuläre, rekursive und geschlossene Organisation eines lebenden Systems bzw. seines Nervensystems jede relevante Variable des Systems von allen anderen relevanten Variablen abhängig ist. Dem Aspekt der Kontrolle und Manipulation in den beiden angedeuteten Varianten steht also ein Aspekt der Autonomie und Selbstorganisation des Organismus gegenüber, dessen "Erzeugung" zum Zweck einer empirischen Hirnforschung werden könnte.
Seit der frühen Kybernetik ist man sich allerdings darüber bewußt, daß das theoretische Paradigma der Autonomie lebender Systeme im Gegensatz zu der "Logik" experimenteller Forschung steht, wie sie etwa im Behaviorismus für die biologische Verhaltensforschung expliziert wurde. So schreibt etwa W.R. Ashby in seinem einflußreichen Buch "Design for a Brain" aus dem Jahre 1952: "It is necessary to point to the existence of feedback in the relation between the free-living organism and its environment because most physiological experiments are deliberately arranged to avoid feedback. Thus, in an experiment with spinal reflexes, a stimulus is applied and the resulting movement recorded; but the movement is not allowed to influence the nature or duration of the stimulus. The action between stimulus and movement is therefore one-way. A similar absence of feedback is enforced in the Pavlovian experiments with conditioned reflexes: the stimulus may evoke salivation, but the salivation has no effect on the nature or duration of the stimulus. Such an absence of feedback is, of course, useful or even essential in the analytic study of the behaviour of a mechanism, whether animate or inanimate. But its usefulness in the laboratory should not obscure the fact that the free-living animal is not subject to these constraints" (1952,38f).
Umgekehrt gibt es hinreichend viele empirische und theoretische Anhaltspunkte dafür, daß eine Beschreibung des Nervensystems als "selbstorganisierendes" oder "autonomes" System angemessen ist. Völlig unkontrovers dürfte sein, daß die Funktion des Nervensystems die Erzeugung erfolgreichen Verhaltens in seiner Umgebung ist. Erfolgreiches Verhalten besteht aber eben in einer Kontrolle der Umwelt durch das Lebewesen, und nicht in einer Kontrolle des Lebenwesens durch seine Umwelt - und sei es in Form der "Suche" nach einer dem Lebewesen angemessenen Umwelt durch die Bewegung in dieser Umwelt. Daß auch ein repräsentationistisches Kognitionsverständnis eine aktive Interpretation oder Bedeutungszuweisung voraussetzt, haben wir bereits gesehen. Auch die Selbstorganisationsdynamik neuronaler Netze (sowohl in ihrer Ontogenese als auch in der Aktualgenese ihrer Aktivitätsverteilungen) zeigt, daß die Strukturveränderungen dieser Netze durch die "Umwelt" (die in diesem Fall durch den input bestimmt ist) zwar moduliert, keineswegs jedoch beliebig manipuliert werden kann. Selbst unsere Wahrnehmung zeigt fließende Übergänge zu einem "Erkundungsverhalten", die etwa deutlich werden, wenn wir ein uns unbekanntes Objekt wahrnehmen, indem wir vielfältige Bewegungen ausführen, um es von allen Seiten, aus allen Blickwinkeln zu sehen und es sogar mit den Händen "begreifen". Jene senso-motorische Reziprozität setzt sich bis in die Mikrostruktur der Wahrnehmung fort. So sind die Leistungen der Okulomotorik eine Grundbedingung für unsere visuelle Wahrnehmung. Sofort einsichtig ist dies im Falle der "Sakkaden", jener schnellen "Sprünge", die wir mit unseren Augen vollziehen, um ein uns interessierendes Objekt zu betrachten, oder der "glatten Augenfolgebewegungen", mit denen wir bewegte Objekte verfolgen. Doch selbst das scheinbar ruhende Auge vollzieht noch Mikrosakkaden und Tremorbewegungen, deren Lähmung in wenigen Sekunden zum Zusammenbruch der Wahrnehmung führt. Auch die Tastwahrnehmung basiert ganz wesentlich auf dem Muskeltremor und selbst unser Ohr nimmt nicht nur Schallwellen auf, sondern erzeugt sie auch. Neben den fast auschließlich sensorisch innervierten "inneren Haarsinneszellen" findet man in der Cochlea auch die vorwiegend effektorisch innervierten "äußeren Haarsinneszellen", die spontan oder reizinduziert durch ihre Bewegungen Schallschwingungen erzeugen. Der Ausfall der Beweglichkeit dieser Zellen führt zu einer beträchtlichen Abnahme der Sensitivität und Selektivität der auditorischen Wahrnehmung.
6. Perspektiven für die empirische Hirnforschung
Doch wie sollen Theorien jener senso-motorischen Reziprozität kognitive Leistungen oder auch nur Theorien jener "Selbstorganisationsdynamik" neuronaler Netze empirisch begründbar sein, wenn experimentelle Forschung doch gerade in der Manipulation der untersuchten Systeme besteht und somit ihre Kontrollierbarkeit voraussetzt? Um diese Frage zu beantworten, ist es zunächst erforderlich, den manipulativ-kontrollierenden Charakter der aktuellen empirischen Hirnforschung etwas zu relativieren, um dann die Möglichkeiten einer am Zweck der Autonomie orientierten empirischen Hirnforschung anzudeuten. Wir haben bereits betont, daß ein großer Teil der Hirnforschung nicht auf experimentellen, sondern auf beschreibenden und beobachtenden Methoden beruht, die nicht dem Zweck der Manipulation und Kontrolle des Gehirns folgen. Doch selbst ein neurophysiologisches Experiment läßt sich nicht in dem gleichen Sinnne als "Herstellung" eines bestimmten Zusammenhangs verstehen wie ein physikalisches Experiment. Die gemessenen Korrelationen zwischen Reiz und neuronaler Aktivität werden nicht schon durch den Reiz selbst zwingend festgelegt, sondern beruhen im wesentlichen auf der spezifischen Sensibilität des Nervensystems des Versuchsobjektes. Die neuronale Aktivität ist nicht a priori durch den Reiz determiniert, sondern viel stärker von den internen Zuständen des Nervensystems abhängig, so daß man höchstens von einer reizgetriggerten Modulation sprechen kann. Auch jene spezifischen Verbindungen zwischen vielen Neuronen, die etwa einer bestimmten "Merkmalsselektivität" zugrunde liegen, sind nicht vom Experimentator selbst hergestellt, wie etwa eine Hebelvorrichtung in der Mechanik. In der experimentellen Hirnforschung müssen also immer schon gewisse "Lebensprozesse", aber auch "kognitive Leistungen" des untersuchten Systems vorausgesetzt werden, die der Manipulation durch den Experimentator erhebliche Grenzen setzen. Diese Grenzen zu explizieren, wäre nicht nur ein wichtiger Schritt zur Entwicklung der Hirnforschung zu einer reifen Wissenschaft, sondern würde auch vielen Befürchtungen der Öffentlichkeit ein gutes Stück weit die Grundlage entziehen. Doch würde sich mit dieser "Selbstbescheidung" noch nichts an der Vereinseitigung der Hirnforschung auf die Erzeugung von Manipulationswissen ändern. Um Strategien zur Erweiterung der Autonomie des Individuums liefern zu können, müßte eine Empirie entwickelt werden, die es erlaubt, die Autonomie kognitiver Systeme über die Wahl geeigneter Variablen zu erfassen und zu operationalisieren. Die Messung dieser Variablen dürfte nicht in Abhängigkeit von vom Beobachter gesetzten Reizen, sondern von anderen, internen Zuständen geschehen, um durch das System selbst erzeugte Relationen zu thematisieren.
Ansätze für eine Thematisierung der internen Relationen des Nervensystems haben sich bereits in aktuellen Forschungsrichtungen der Hirnforschung manifestiert. So kann man zum Beispiel die Aktivität mehrerer Neurone gleichzeitig verfolgen und in Abhängigkeit voneinander analysieren. Diese Vorgehensweise trägt außerdem der Tatsache Rechnung, daß aller Wahrscheinlichkeit nach Objekte im Gehirn nicht streng lokal "kodiert" sind, sondern eher global über eine größere Anzahl von Neuronen, den sogenannten "neuronal assemblies" verteilt. Durch Multi-Zell-Ableitungen gewonnene Daten stellen zwar ganz neue Herausforderungen an die anzuwendenden Analysemethoden, die im Moment noch erst zu entwickeln sind. Jedoch könnten die beobachteten internen Korrelationen zumindest potentiell vom System selbst erzeugte Relationen darstellen, die in den Prozess der internen Generierung von Bedeutung involviert sind. Insbesondere werden heute zeitliche Korrelationen zur Lösung des sogenannten "binding-Problems" (die Verknüpfung verschiedener Eigenschaften zu einem Objekt) vorgeschlagen.
Die experimentellen Hinweise hierzu lassen sich an einem viel diskutierten Experiment von Engel et al. zeigen: Durch die parallele Messung mit zwei Mikroelektroden an anästhesierten, aber auch wachen Versuchstieren (Katze, Affe) konnten in der Aktivität von jeweils zwei Neuronenpopulationen mit der gleichen Orientierungsselektivität Oszillationen nachgewiesen werden, die unabhängig voneinander sind, wenn die Lichtbalken in ihren rezeptiven Feldern sich unabhängig voneinander bewegen, die sich untereinander synchronisieren, wenn die Lichtbalken sich kohärent bewegten, die aber am stärksten synchronisiert sind, wenn nur ein Lichtbalken beide rezeptive Felder überstreicht. Solche Synchronisationen können innerhalb bestimmter Kolumnen, zwischen verschiedenen Kolumnen und, was besonders wichtig ist, zwischen verschiedenen Hirnarealen und beiden Hirnhemisphären nachgewiesen werden. Die Synchronisation von Oszillationen könnte also das Prinzip sein, nach dem das Gehirn jene Korrelation der Aktivitäten merkmalselektiver Einheiten erzeugt, die erforderlich wäre, um die vielen Merkmale im Gesichtsfeld zu ganzheitlichen "Gestalten" oder "Objekten" zu binden bzw. Szenen zu segmentieren. Auch in diesem Experiment erzeugt der Experimentator eine genau definierte Relation zwischen der Bindung der Balkenteile zu einem Balken und der Synchronisation von Aktivität. Daß diese Synchronisation trotzdem eine vom System selbst erzeugte Relation ist, wird eigentlich bereits durch den Nachweis klar, daß sie nicht auf einem "gemeinsamen Input" beruht, sondern auf der reziproken Aktivierung von Neuronenpopulationen. Deutlicher wäre dies geworden, wenn ein reicheres (ökologisch valideres) Reizangebot verwendet worden wäre, das die Bindung zu verschiedenen Objekten zulassen würde (wie dies etwa im Fall von "Kippfiguren" oder Vexierbildern der Fall ist). Dann wäre es dem Experimentator nicht mehr möglich, eine bestimmte Synchronisation zu erzeugen, sondern würde in seiner Beobachtung Zeuge werden, wie das System selbst zwischen den angebotenen Alternativen unterscheidet.
Ein anderer experimenteller Ansatz könnte die Thematisierung der Strategien sein, mit denen sich das System durch motorische Orientierungsaktivität für einen bestimmten Zweck geeignete sensorische "Eingänge" zugänglich macht. So mag die Unzufriedenheit der Neurobiologen selbst mit dem geschilderten experimentellen Ansatz der Grund dafür sein, daß in letzter Zeit immer mehr an wachen Versuchstieren gearbeitet wird, die in gewissem Umfang zu Bewegungen in der Lage sind. Das Tier, zumeist ein Affe, wird in einen "Primatenstuhl" gesetzt, in dem der Kopf des Tieres fixiert ist und die Ableitung durchgeführt werden kann. Die Augenbewegungen werden durch am Auge implantierte Spulen gemessen die sich in einem Magnetfeld bewegen. Der Affe wird trainiert, auf bestimmte Signale bestimmte (ruhende oder bewegte) Punkte auf dem Schirm zu fixieren oder zu verfolgen und/oder auf bestimmte Signale innerhalb einfacher Diskriminierungsaufgaben mit bestimmten Bewegungen (etwa die Berührung eines "touch bars") zu reagieren. Das Training und die Messung der Bewegungen des Tieres garantieren die Kontrollierbarkeit des Experiments. Allerdings verdient nicht jede Handbewegung die Bezeichnung "Handlung". Minimalforderung eines "relevanten" Experiments wäre die selbständige Unterscheidung von Verhaltensstrategien durch das Tier, die die Unterscheidung verschiedener "Wahrnehmungsstrategien" einschließen und ihrerseits zur Erzeugung und Modifikation des Reizes und seiner Einwirkung auf das Tier führen sollten. An die Stelle der Kontrolle einer vorgegebenen Bewegung würde so die empirische Untersuchung der Bewegungen des Tieres während der Messung seiner neuronalen Aktivitätsparameter und in Bezug auf die Auswertung der vom System selbst erzeugten Relationen neuronaler Akivität stehen.
7. Schlußfolgerungen
Die Botschaft einer Konstruktiven Wissenschaftstheorie in der Diskussion um eine neue Ethik der Hirnforschung ist, daß normative Maßstäbe an die wissenschaftliche Forschung nicht erst herangetragen werden müssen, sondern bereits zu den Vorentscheidungen einer jeden Wissenschaft hinsichtlich ihrer Zwecksetzungen zählen, deren Erfüllung oder Nichterfüllung der empirischen Begründung einer Theorie zugrundeliegt. Worin diese Wertmaßstäbe bestehen, kann letztendlich nur in einer öffentlich geführten Diskussion bestimmt werden. Das öffentliche Meinungsbild spiegelt im Moment vor allem die Angst vor einer unbegrenzten Manipulation des Menschen durch die Erforschung seines Gehirns wider. Tatsächlich scheint diese Angst durch das Erfolgskriterium technischer Beherrschbarkeit gerechtfertigt, das der am Ideal des physikalischen Experiments orientierten empirischen Neurowissenschaft zugrundeliegt. Es scheint daher vernünftig, eine Hirnforschung vorzuschlagen, die an dem alternativen Kriterium der Autonomie als Grundlage der Organisation von lebenden Systemen orientiert ist, die also nicht die Möglichkeiten der Kontrolle des Gehirns durch den Beobachter, sondern die Kontrolle der Umwelt durch das Gehirn im Rahmen seiner Handlungen untersucht.
Die Diskussion im letzten Abschnitt sollte nun gezeigt haben, daß die Orientierung am Kriterium der Autonomie nicht nur machbar, sondern, an Maßstäben wie der "Abgemessenheit", "Relevanz" oder "ökologischen Validität" gemessen, durchaus vom Standpunkt der modernen Forschung begründbar ist. Zudem wurde auf Ansätze einer Methodik verwiesen, die durchaus schon gewisse Kriterien einer solchen normativen Neuorientierung entsprechen würde. Die Forderung nach einer neuen Ethik der Hirnforschung ließe sich also durchaus wissenschaftsimmanent als Notwendigkeit einer neuen Erkenntnistheorie reformulieren und begründen.
Gewiß würde eine solche Umorientierung hohe Ansprüche an die Methodenentwicklung in der Hirnforschung stellen. Sie würde nicht weniger als eine neue Logik empirischer Forschung verlangen. Doch würden sich dabei auch für andere ethische Aspekte der Neurowissenschaften mögliche Problemlösungen ergeben, etwa für die Tierschutzproblematik. Die meisten Tierschützer wenden sich ja nicht gegen die Haltung von Tieren überhaupt, sondern gegen eine nicht artgerechte Behandlung. Die Möglichkeit zu artgerechtem Verhalten ist aber genau die Forderung, die eine am Kriterium der ökologischen Validität orientierte Hirnforschung erfüllen würde. Damit könnte sie dem Vorwurf der Tierquälerei entgehen, ohne dabei auf Tierexperimente verzichten zu müssen. Wie wichtig auch in Zukunft solche Experimente insbesondere mit Primaten sind, die sich mit ihrem hoch intelligenten und flexiblen Verhalten die Autonomie gegenüber der Umwelt sehr erfolgreich erkämpfen, sollte inzwischen einzusehen sein. Sie hätten einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung einer am Kriterium der Autonomie des Individuums orientierten Hirnforschung zu leisten, und ihr bedingungsloses Verbot würde keineswegs einen Fortschritt in Richtung auf eine verantwortungsvollere Hirnforschung bedeuten.
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