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Liegt die Farbe im Auge des Betrachters?


Betrachtungen und Experimente über Farbphänomene

im Biologie- und Philosophieunterricht


von Axel Ziemke (Remscheid)


(erschienen in Erziehungskunst 13, 795-806 (2002))


Nicht zufällig ist Goethes Farbenlehre1 eines, wenn nicht das Grundlagenwerk einer goetheanistischen Naturwissenschaft. Farbphänomene drängen sich auf als Gegenstand einer am Phänomen orientierten Naturbetrachtung; Farben ergreifen den so Betrachtenden in allen Ebenen oder, wenn man so will, Wesensgliedern seines Menschseins. Dass künstlerischer Unterricht es mit Farben zu tun bekommt, ist selbstverständlich. Doch auch im naturwissenschaftlichen Unterricht bieten sich Farben durch ihre unmittelbare Erlebbarkeit als Gegenstand theoretischer und beobachtender Betrachtung an. Gerade im Rahmen der Physik ist Farbe, vielleicht im Kontrast zwischen Goethes und Newtons Betrachtungsweise, traditionell ein bevorzugter Gegenstand der Epoche in der 12. Klasse. Doch nicht nur in der Geistigkeit der Kunst und der Materialität der Physik ist die Farbe zuhause. Gerade in dem großen Feld zwischen den beiden Extremen, im Übergang von Leiblichem, Seelischem und Geistigem, bietet Farbe eine Fülle von Ansätzen biologischer und philosophischer Betrachtungen. Einige davon sollen hier skizziert werden. Sie erheben nicht den Anspruch, Goethes Farbenlehre zu "modernisieren", sondern sollen einen didaktisch reduzierten Kenntnisstand moderner Forschung so aufbereiten, dass er im Lichte einer goetheanistischen Betrachtungsweise aufzuscheinen vermag.


Farben der Natur (Biologie 12. Klasse)


Die Farben haben nicht wenig zur Entstehung des physischen Menschen beigetragen. Um dieses etwas spekulative Bekenntnis zu verstehen, versetzen wir uns in die Kreidezeit (vor 135 bis 65 Millionen Jahren). Die Saurier erlebten ihre letzte Blütezeit. In der Vegetation lösten Laubholzwälder die bis dahin dominierenden Palmfarne ab. Die bedecktsamigen Pflanzen bestimmten zunehmend das Bild der Erde. Ihr Pollen wurde, wie bei den heutigen Gräsern, in erster Linie vom Wind verbreitet - eine sehr aufwändige Art der Bestäubung, denn viel Pollen muss produziert werden, damit der Zufall genug davon zu Blüten der eigenen Art trägt. Magnoliengewächse waren wohl die erste Pflanzenfamilie, die sich nicht mehr auf diesen Zufall verließ. Sie begannen nektarähnliche Säfte zu produzieren, der den von pflanzlichen und tierischen Säften, Exkrementen und Kadavern lebenden Insekten eine energiereiche Zusatzkost anbot. So wurden sie von Blüte zu Blüte "verführt" und transportierten auf diese Weise den Pollen des Magnoliengewächses zu seinem Bestimmungsort. Es war der Anfang geschaffen für das, was Biologen heute "Koevolution" nennen: Die Entwicklung von zwei oder mehr Arten von Lebewesen, in der die eine(n) jeweils die Evolution der anderen bestimmen. Die Magnoliengewächse und auch die wenig später entstandenen Hahnenfußgewächse spezialisierten sich zunehmend auf die Bestäubung durch Insekten, die Insekten ihrerseits spezialisierten sich auf die Ernährung von Nektar. Die Pflanzen entwickelten Nektarien, die den zuckerreichen Saft in größeren Mengen produzierten, die Mundwerkzeuge der Insekten spezialisierten sich auf die Aufnahme des Nektars, ihr Verdauungssystem und ihr Stoffwechsel auf seine Verwertung. Die Pflanzen bildeten Duftstoffe, um Insekten anzulocken, die Insekten verbesserten ihre Geruchswahrnehmung, um die Blüten zu finden. Die Pflanzen bildeten auffällige Blütenformen, die Insekten verbesserten ihre visuelle Wahrnehmung, um sie zu entdecken. Die Pflanzen bildeten farbige Blüten und die Insekten die Fähigkeit, die Farbe der Blüte vor dem grünen Hintergrund der Blattwerks zu entdecken. Die Farbenwelt der Biologie war geboren.


Nun ist es für eine Pflanzenart vorteilhaft, sich auf spezielle Bestäuber zu spezialisieren, die bevorzugt Blüten der eigenen Art anfliegen und so den Pollen an die richtigen Adressaten zu versenden. Auch für die Bestäuber ist die Spezialisierung auf bestimmte Blütenformen vorteilhaft, wenn sie damit die Konkurrenz anderer Arten um den Nektar auszuschließen vermögen. Diese Spezialisierung führte zur Isolation verschiedener Ausprägungsformen und im Anschluss daran zur Bildung neuer Arten. Der Artenreichtum der Magnolien- und Hahnenfußgewächse nahm erheblich zu. Ebenso derjenige der Käfer und Zweiflügler. Mit den Schmetterlingen und Mitte des Tertiär den Bienen und Hummeln entstanden neue Insektenformen. Mit der Vielfalt der Arten nahm aber auch die Vielfalt der Farben zu.


Doch auch anderen Tiergruppen bot dieses koevolutive Wechselspiel von Blütenpflanzen und Insekten neue Entwicklungschancen. Zu ihnen gehörte nicht zuletzt ein kleine Gruppe absonderlich lebender Tiere, die sich gegen Ende des Jura (dem Erdzeitalter vor der Kreide) von den Reptilien abgespaltet hatte und sozusagen "im Schatten" der immer noch dominierenden Dinosaurier ein "Schattendasein" führten: die Vorfahren der heutigen Säugetiere. Es handelte sich um spitzmausähnliche Lebewesen, die sich vorwiegend von Insekten ernährten und dank zunehmender Verbreitung der Insekten durch die geschilderten Koevolution mit den Blütenpflanzen immer reichhaltigere Nahrungsgrundlagen erhielten. Nicht so sehr dieser Umstand wie das noch bis heute rätselhafte Aussterben der Dinosaurier machte die Nachfahren dieser Ur-Insektenfresser zu einer der dominierenden Tiergruppen des Tertiär und Quartär - bis in die heutige Zeit. Sie besetzten die durch das Aussterben der Dinosaurier frei werdenden ökologischen Nischen und entwickelten im Rahmen dieser Entwicklung den noch heute vorfindbaren Artenreichtum. Eines hatten viele Insektengruppen diesen Ur-Insektenfresser allerdings voraus: die Farbwahrnehmung. Wie für die meisten heute lebenden Säuger bestand auch für ihre damaligen Vorfahren die visuelle Welt nur aus Grautönen. Man geht heute davon aus, dass auch die Entstehung der Farbwahrnehmung unter den Säugetieren, der auch wir die Farbigkeit unserer visuellen Welt verdanken, einer Koevolution mit der Pflanzenwelt entspringt.


Wir haben mittlerweile das Tertiär erreicht (das vor 65 Millionen Jahren begann). Wieder standen Pflanzen vor einem ähnlichen "Problem" wie bereits in der Kreidezeit. Diesmal war es nicht der Pollen, sondern der Samen der Blütenpflanzen, dessen Verbreitung zum begrenzenden Umweltfaktor wurde, da er dem Zufall überlassen blieb. Auch jetzt war es bei den meisten Landpflanzen der Wind, der ihn zufällig an irgendeiner Stelle "ablegte" - meist nah bei der Pflanze, seltener weit entfernt, meist an ausgesprochen "unfruchtbaren" Orten, selten an fruchtbaren. Und wieder half die "Verführung" von Tieren durch eine Zusatzkost bei der "Problemlösung": Um die Samen einiger Pflanzenarten bildete sich ein zuckerreiches Gewebe, das manchen Säugern, aber auch anderen Tieren eine leicht verwertbare und energiereiche Nahrung bot. Wenn die Samen, die schon seit jeher auf Unverdaulichkeit optimiert waren, mit verspeist wurden, verbreiteten die entsprechenden Tiere sie nicht selten über weite Strecken und setzten sie, was besonders günstig war, mit einer mehr oder weniger umfangreichen Beigabe organischen Düngers ab. Wieder war der Anfang einer Koevolution gemacht: Immer mehr Pflanzen bildeten Früchte verschiedenster Art mit immer umfangreicherem und nährstoffreicherem Fruchtfleisch, immer mehr Säugetiere stellten ihren Stoffwechsel und ihre Verhaltensweise auf die Ernährung von Früchten um - nicht zuletzt viele Vorfahren der heutigen Affen und physischen Menschen. Zu diesen Verhaltensweisen zählte nicht zuletzt das Klettern in den früchtetragenden Bäumen im Zusammenhang mit den dazu erforderlichen räumlichen Wahrnehmungsleistungen. Wieder entwickelten die Pflanzen Duft- und Geschmacksstoffe, um die früchtefressenden Tiere anzulocken und die Tiere die entsprechenden Sinnesleistungen, um die Früchte zu finden. Und wieder spielte die Farbe plötzlich eine wichtige Rolle, wenn Pflanzen über die Reifefärbung anzeigten, dass ihre Samen reif oder aus Sicht der Tiere die Früchte zuckerreich waren. Und so sind es besonders die Früchtefresser unter den Säugetieren, die über eine gute Farbwahrnehmung verfügten. Letztendlich verdankt wohl auch der physische Mensch sein Farbwahrnehmungsvermögen seinen früchtefressenden Vorfahren.


Auch in anderen Tiergruppen entwickelte sich die Fähigkeit zum Farbensehen. Besonders zu nennen sind hier viele Fisch- und Vogelarten, von denen noch die Rede sein wird. In allen Fällen sind es letztlich koevolutionäre Prozesse, die zusammen mit den Farben der Natur die Fähigkeit zur Farbwahrnehmung entwickelten. Einmal "geschaffen" konnte diese Farbwahrnehmung nun auch für viele Prozesse der innerartlichen und zwischenartlichen Kommunikation genutzt werden, als Signalfarben zwischen den Geschlechtern, als Warn-, Schreck- und Tarnfarben und vieles mehr. Man kann sagen, dass in der Natur nicht viel mehr als der blaue (und manchmal rote) Himmel, das pflanzliche Grün und die Färbung mancher Minerale nicht eigens für den "Zweck" entstanden, gesehen zu werden. Und auch die letztgenannten Farben sehen wir nur, weil sie "zufällig" mit den zuvor genannten übereinstimmen.


Die Biologieepoche der 12. Klasse beschäftigt sich an den Waldorfschulen zu einem mehr oder weniger großen Teil mit Darwins Evolutionstheorie. Die "Evolution der Farbe" liegt den Schülerinnen und Schülern schon sinnlich so nahe und hat daneben so viele fächerübergreifende Bezüge zum Physik-, Kunst- und Philosophieunterricht, dass sie sich als Anwendungsfeld für die Begriffsbildungen der Evolutionstheorie anbietet - vielleicht nicht unbedingt zu ihrer Einführung, da sich hier leichter verständliche "Lehrbuchbeispiele" anbieten, aber für ihre Weiterführung und Anwendung. Für jeden der genannten Evolutionsschritte lässt sich über die Überproduktion von Lebewesen einer Art, ihre natürliche Variabilität und die entsprechenden Selektionsprozesse zeigen, wie sich neue Merkmale zufällig entwickeln und auf Grund der höheren Fortpflanzungswahrscheinlichkeit ihrer Träger durchsetzen. Für die Koevolution von Lebewesen bieten sich im Zusammenhang mit der Koevolution von Farbbildung und Farbwahrnehmung geradezu Paradebeispiele. Und auch Probleme der Artbildung lassen sich, wie wir gesehen haben, diskutieren. Es wird auch die Frage "Was war zuerst da?" ebenso zu einem vertieften Verständnis als auch zu offenen Fragen der Evolutionstheorie führen. Auch wenn dieser Unterrichtsgegenstand, den Entwicklungserfordernissen der oberen Oberstufe entsprechend, gerade das begreifende Denken herausfordert, bieten sich gerade durch die Orientierung an Farbphänomenen immer wieder Möglichkeiten zu phänomenologisch orientierten Ansatzpunkten. Wo kommen Farben in der Natur vor? Warum kommen sie dort vor? Welche Lebewesen könnten sie wahrnehmen? Warum tun sie das? All dies sind Fragen, die schnell tief in die Evolutionstheorie führen ohne in Begriffskorsetts zu erstarren.


Farben des Auges (Biologie 9. Klasse)


Während die Biologieepoche der 12. Klasse einen Überblick auf die Stellung des Menschen in der Naturgeschichte verschafft und dadurch doch eine eher theoretische Ausrichtung hat, ist der Schwerpunkt der Biologieepoche der 9. Klasse der menschliche Organismus, so wie er sich konkret in die Welt stellt, und eröffnet so eine Fülle von Möglichkeiten, sich beobachtend und experimentell gerade den Sinnen des Menschen zu nähern. Und auch hier bietet unsere Farbwahrnehmung einen phänomenologisch ergiebigen und pädagogisch ebenso eindrucks- wie wirkungsvollen Zugang.2


Nachdem die Schülerinnen und Schüler auf der Grundlage einfacher psychophysischer Experimente3 den Aufbau des Auges vertiefend kennen gelernt haben, kann man sich dem Aufbau und der Funktionsweise der Netzhaut zuwenden. Man wird hier die Eintrittsstelle des Sehnerven, den blinden Fleck mit den üblichen Experimenten identifizieren können. Und man wird auch die Sehgrube als Ort des schärfsten Sehens entdecken, wenn man ein Muster sehr kleiner Punkte anbietet, in dem in einem bestimmten Abstand nur noch die Punkte getrennt voneinander wahrgenommen werden können, deren Licht auf eben diese Sehgrube fällt - während der Hintergrund im Grau verschwimmt (Abb.1). Hat man die Sehgrube identifiziert, dann werden neben der Schärfe der Abbildung anhand alltäglicher Beobachtungen noch andere Unterschiede auffallen. Ein für unsere Belange wichtiger Unterschied ist, dass wir mit der Sehgrube im Dunkeln besonders schlecht sehen. Schauen wir uns etwa den Sternenhimmel an, dann können wir sehr lichtschwache Sterne nur dann erblicken, wenn wir knapp neben sie schauen, also so, dass ihr Licht nicht in, sondern eben neben die Sehgrube fällt. Andererseits ist es aber offensichtlich, dass wir unter nächtlichen Lichtverhältnissen keine Farben mehr unterscheiden können. Die Sehgrube ist also weniger lichtempfindlich als ihre Umgebung. Andererseits sind die Sinneselemente außerhalb der Sehgrube, die uns das Dunkelsehen in der Nacht erlauben, aber nicht farbempfindlich. Spätestens an dieser Stelle sollte man die Unterscheidung von zwei Klassen von Sinneselementen oder Sinneszellen einführen: Es gibt einmal die Zapfen, die wenig lichtempfindlich, farbspezifisch und besonders dicht in der Sehgrube angeordnet sind, während sie außerhalb der Sehgrube weniger dicht verteilt sind. Außerdem findet man in der Netzhaut die Stäbchen, die stark lichtempfindlich, nicht farbspezifisch und nicht in der Sehgrube vorhanden sind.


Jede dieser Sinneszellen ist mit einem lichtempfindlichen Pigment (Sehfarbstoff) gefüllt, das bei Belichtung zerfällt und dabei eine elektrochemischen Potentialänderung (eine Hyperpolarisation) hervorruft, die über ihre Verschaltung mit den Bipolarzellen und den Ganglienzellen der Netzhaut einer ersten "Verarbeitung" unterzogen wird, deren "Ergebnis" in Form von Aktionspotentialen über den Sehnerv zum Gehirn geleitet wird. Werden die Sinneszellen nicht mehr belichtet, dann wird der Sehfarbstoff regeneriert. Dies geschieht in der Dunkelheit, aber auch schon dann, wenn wir im Hellen dunkle Oberflächen betrachten. Wie in diesem Prozess Farben entstehen, sollte man im Unterricht über ein vereinfachendes Modell erklären: In unserer Netzhaut gibt es drei Typen von Zapfen, die verschiedene Sehfarbstoffe enthalten: Erythrolabe, Chlorolabe und Cyanolabe (oder rot-, grün- und blauempfindliches Rhodopsin). Erythrolabe hat ein Empfindlichkeitsmaximum bei langwelligem Licht, also bei Licht, das ein normaler Mensch unter normalen Bedingungen rot wahrnimmt. Chlorolabe ist am empfindlichsten für Licht mittlerer Wellenlänge, also für Licht, das ein normaler Mensch unter normalen Bedingungen grün wahrnimmt. Cyanolabe hat ein Empfindlichkeitsmaximum bei kurzwelligem Licht, also bei Licht, dass ein normaler Mensch unter normalen Bedingungen als blau(violett) empfindet. Man nennt diese drei Zapfentypen nach den entsprechenden Farbempfindungen R-, G- und B-Zapfen (für rot, grün und blau). Diese Zapfen sind durch die Horizontalzellen und Bipolarzellen der Netzhaut so verschaltet, dass zwei "Farbkanäle" entstehen: ein Rot-Grün-Kanal und ein Blau-Gelb-Kanal. Über den Rot-Grün-Kanal wird die Aktivität der R- und G-Zapfen miteinander verglichen, so dass bei Überwiegen des Zerfalls von Erythrolabe in den R-Zapfen eine Rotempfindung auftritt, bei Überwiegen des Zerfalls von Chlorolabe der G-Zapfen eine Grünempfindung. Komplizierter aufgebaut ist der Blau-Gelb-Kanal. Hier wird die Aktivität der R- und G-Zapfen mit der Aktivität der Blauzapfen verglichen. Es entsteht eine Blauempfindung, in den B-Zapfen mehr Sehfarbstoff zerfällt und eine Gelbempfindung wenn in den G- und R-Zapfen mehr Sehfarbstoff zerfällt(bzw. eine Grün- oder Rotempfindung wenn R- und G-Zapfen unterschiedlich aktiv sind). Keine Farbempfindung tritt jeweils bei gleicher Erregung aller Zapfen auf. Wir nehmen dann, je nach Lichtintensität, weißes oder graues Licht wahr.4


Diese zunächst sehr abstrakt anmutende Theorie kann nun viele Experimente und Beobachtungen erklären, die man die Schülerinnen und Schüler durchführen lassen kann. Hierzu gehören zunächst positive Farbmischungen, die man, anders als die negativen Farbmischungen beim Mischen von Farbpigmenten in der Palette, durch das Mischen von Licht erhält. Man kann dafür zwei bis drei Diaprojektoren verwenden, die man auf eine weiße Wand richtet und mit Folien verschiedener Farben versieht. Man kann sich die gleichen Effekte aber auch an einer Bühnenbeleuchtung deutlich machen. Mischt man grünes Licht, das das Pigment der G-Zapfen zerstört, mit rotem Licht, für das die R-Zapfen empfindlich sind, dann ergibt sich, ganz wie die Theorie es vorhersagt, gelbes Licht. Mischt man rotes mit blauem Licht ergibt sich Purpur, mischt man grünes mit blauem Licht, erhält man türkis. Mischt man rotes, blaues und grünes Licht so, dass der Sehfarbstoff in allen drei Zapfentypen gleichmäßig zerfällt, erhält man weißes Licht. Gerade wenn die Schülerinnen und Schüler mit positiven Farbmischungen aus dem Unterricht aus der Klassenlehrerzeitnoch nicht vertraut sind, wird man einiges Erstaunen erwarten können, wenn die Beobachtungen nicht etwa die Erinnerungen an die eigenen Farbkästen sondern die sinnesphysiologische Theorie bestätigen.

 

Noch tiefer Eindringen in ein Verständnis der Funktion der Netzhaut kann man über Experimente mit Nachbildern. Man kann diese wieder studieren, indem man mit einem Diaprojektor eine farbige Folie projiziert und danach das Dia entfernt, so dass die weiße Wand beleuchtet wird. Man kann diese Beobachtungen aber auch in Einzel- oder Partnerarbeit durchführen, indem man die Schülerinnen und Schüler auf einem Bogen weißen Papiers einen Punkt festlegen und darauf ein farbiges Transparentpapier legen lässt. Nachdem sie etwa 20 Sekunden lang auf den Punkt gestarrt haben, sollen sie das Transparentpapier wegnehmen und den Punkt weiter fixieren. In beiden Fällen wird auf dem weißen Hintergrund ein farbiges Nachbild in der Komplementärfarbe sichtbar: Eine blauviolette Folie bzw. das entsprechende Transparentpapier ergibt ein gelbes Nachbild und umgekehrt; eine grüne Folie gibt ein purpurnes Nachbild und umgekehrt; eine rote Folie ergibt ein türkises Nachbild und umgekehrt. Erklären kann man sich diese Nachbilder im erstgenannten Fall so: Dort, wo das Licht der blauen Folie auf die Netzhaut fällt, zerfällt der Farbstoff der B-Zapfen, nicht hingegen jener der R- und G-Zapfen. Die dadurch bewirkten Potenzialänderungen in der Zapfen und folgenden Bipolar- und Ganglienzellen rufen im Gehirn die Blauempfindung hervor. Fällt nun das weiße Licht der Wand oder des Papiers auf die selbe Stelle der Netzhaut, dann zerfällt in den R- und G-Zapfen viel Sehfarbstoff, da sie ja noch sehr viel Sehfarbstoff enthalten. In den B-Zapfen hingegen, deren Sehfarbstoff zu einem Teil verbraucht ist, wird nicht mehr so viel Sehfarbstoff abgebaut. Durch die resultierenden Potenzialänderungen entsteht eine Gelbempfindung im Gehirn. Analoge Erklärungen sind für die Umkehrung und die anderen Beispiele möglich. Wir begegnen hier einem Phänomen der "Farbadaptation", auf das wir nochmals zurückkommen werden.


Eine Konsequenz aus dieser Theorie, die den Erfahrungen der Schülerinnen und Schülern mit der Farbpalette wieder entgegen kommt ist die folgende: Da alle Farbempfindungen des Menschen durch die Erregung der genannten drei Zapfentypen zustande kommen, können wir alle Farben aus drei Grundfarben mischen: Blauviolett, Grün und Rot im Falle der positiven Farbmischung, Purpur, Blau und Gelb im Falle der negativen Farbmischung. Beeindruckend an der Begründung dieser Erkenntnis ist für die Schülerinnen und Schüler nun gemeinhin, dass die Ursache hierfür nicht etwa in der Physik der Farbe liegt, sondern in der Biologie der Farbe. Hätten wir vier statt drei Zapfentypen in unserer Netzhaut, dann bräuchten wir auch vier Grundfarben, um alle Farben mischen zu können; hätten wir nur zwei Zapfentypen, dann wären es auch nur zwei Grundfarben. Mit dem ersten Fall wäre allerdings ein wesentlich reicheres Farberleben verbunden, mit dem letzteren ein ärmeres.


Der Vergleich mit dem Farbensehen verschiedener Tierarten illustriert dies nun recht eindrucksvoll. Bekannt ist zumeist das ins Ultraviolett verschobene Farbspektrum der Bienen. Allerdings sind uns diese Insekten immerhin in der Hinsicht ähnlich, dass auch sie über drei Grundfarben verfügen. Bereits erwähnt wurde auch, dass die meisten Säugetiere keine Farben unterscheiden können, da sie eben keine verschiedenen Zapfentypen ausbilden. Viele weitere Säugetiere weisen zwei Zapfentypen auf, sollten also in einer Farbwelt leben, die sich aus zwei Grundfarben ableiten lässt. Hierzu gehören Eichhörnchen, Kaninchen, Spitzmäuse, Katzen und einige Affenarten. Goldfische und Süßwasser-Schildkröten weisen hingegen vier Zapfentypen, Tauben wahrscheinlich sogar fünf auf.5 Wäre van Gogh also eine Taube gewesen, dann müsste er fünf Grundfarben verwenden, um alle Farben mischen zu können, die er zu sehen in der Lage wäre. Sein Farbempfinden wäre so unglaublich reich, wie es für uns schlichtweg nicht vorstellbar ist.


Farben der Seele (Biologie 9. Klasse / Philosophie 12./13. Klasse)


Spätestens an dieser Stelle ist nun die Beantwortung einer Frage notwendig, die bislang nur im Hintergrund unserer Betrachtungen zurückblieb: Was ist eigentlich Farbe? Schon bis hierher sollte deutlich geworden sein, was Farbe gewiss nicht ist: nämlich die Wellenlänge des Lichtes. Farbe entsteht erst "im Auge des Betrachters". Wenn dieser Betrachter farbenblind ist, kann er auch bei Licht verschiedener Wellenlänge keine Farben wahrnehmen. Wenn "er" eine Taube ist, wird er viel mehr Farben wahrnehmen als wenn er ein Mensch ist. Doch man muss noch weiter gehen: der Zusammenhang von Wellenlänge und Farbempfindung ist keineswegs "proportional", sondern höchst komplex. Wenn wir - so wie unsere früchtefressenden Vorfahren - etwa das Rot von Walderdbeeren in einem dicht belaubten Waldstück wahrnehmen, so fällt dennoch überwiegend Licht mittlerer Wellenlänge, das wir unter Standardbedingungen als "grün" empfinden würden, auf unsere Netzhaut. Da das Pigment unserer G-Zapfen aber durch den Aufenthalt unter dem Blätterdach zu einem relativ großen Anteil abgebaut wurde, während das Pigment der R-Zapfen weitestgehend "unverbraucht" ist, sind letztere viel empfindlicher als erstere, so dass wir das wenige Licht langer Wellenlänge der Walderdbeeren viel intensiver empfinden als das viele Licht mittlerer Wellenlänge, das die Beleuchtung unter dem Blätterdach ausmacht. Eben hier verbirgt sich der Sinn der Farbadaptation, die wir über die Nachbilder kennen lernen können.


Doch ist diese Unterscheidung noch keineswegs die letzte, die für die Beantwortung der Frage nach der Farbe erforderlich ist. Noch tiefer gehend ist das Problem, ob mit all dem bislang dargestellten Funktionen der Netzhaut und des Gehirns das überhaupt schon berührt ist, was wir empfinden, wenn wir Farben sehen. Erstaunlicherweise haben besonders Schülerinnen der 9. Klasse oftmals bereits ein Bewusstsein für dieses Problem. In jeder Epoche dieser Klassenstufe, die ich bislang unterrichtet habe, wurde irgendwann einmal eine Frage aufgeworfen, die in etwa so formuliert wird: Sieht eigentlich jeder Mensch genau das gleiche, wenn er einen Gegenstand einer bestimmten Farbe anschaut? Und in jeder Epoche zweifelt die Fragende an meiner Kompetenz, wenn ich antworten muss: Ich weiß es nicht! Hinter dieser Frage verbirgt sich das Leib-Seele-Problem oder, wie man es heute nennt, Gehirn-Geist-Problem. In diesem Falle spitzt es sich zu auf die Frage: Wie verhält sich die Farbempfindung (unserer Seele) zu der Erregung der Zapfen bzw. der nachgeschalteten Ganglien- und Gehirnzellen (unseres Leibes)? Eine systematische Behandlung dieses Problems muss dem Philosophieunterricht überlassen bleiben, der in vielen Waldorfschulen mittlerweile in der 12. und 13. Klasse erteilt wird. Das Problembewusstein für diese Frage wecken oder entwickeln kann man - gerade am Beispiel der Farbempfindung - bereits in der 9. oder 10. Klasse.


Die besten Erfahrungen habe ich gemacht, wenn dieses Problem über Störungen der Farbempfindung angegangen wurde. So könnte man sich zunächst fragen, was denn eigentlich ein rot-grün-blinder Mensch empfindet, wenn er Gegenstände anschaut, die wir "Normalsichtigen" als rot oder grün empfinden. Da in Europa 8% der Männer zumindest unter einer erblichen Rot-Grün-Sehschwäche leiden, hat man unter den Schülern meist auch einen, der für erste Auskünfte zur Verfügung stehen kann. Zunächst ist das Ergebnis der Befragung für die Klasse recht ernüchternd, denn meist lautet die Auskunft des Schülers, dass er "irgendwie" schon weiß, was rot und grün ist, aber richtig erkennen könne er es eben nicht. Um auf das Wissen der Schülerinnen und Schüler zurückgreifen zu können, geht man theoretisch von der am einfachsten verständlichen Form von Rot-Grün-Blindheit aus: Bei dieser Störung sind die R-Zapfen nicht mit Erythrolabe, sondern "fälschlicherweise" - wie die G-Zapfen - mit Chlorolabe gefüllt. Manchmal tappen die Jugendlichen zunächst in die Falle anzunehmen, dass diese Menschen nun nur grün wahrnehmen könnten. Doch im Rückgriff auf die sinnesphysiologische Theorie kommen sie zu dem Ergebnis, dass die Konsequenz dieser Störung darin besteht, dass G- und R-Zapfen immer gleichermaßen aktiv sind. Somit ist eine Rot-Grün-Unterscheidung nicht mehr möglich. Die Farbempfindung beim Anblick roter oder grüner Gegenstände müsste also, je nach Erregung der G- und R-Zapfen, im Vergleich zu der Erregung der B-Zapfen im Bereich zwischen Gelb und Blau liegen. Was einem Farbenblinden dennoch die Unterscheidung der "Farben" möglich macht, ist ihre unterschiedliche Helligkeit in Verbindung mit dem Blau-Gelb-Spektrum. Glaubt man der Theorie, so hat er also gelernt, eine ganz andere Empfindung "rot" oder "grün" zu nennen als wir das tun.


Noch deutlicher wird diese Veranschaulichung des Problems bei der Betrachtung einer "pseudonormalen" Farbwahrnehmung.6 Es gibt nämlich eine wesentlich seltener auftretende Störung, bei der umgekehrt die G-Zapfen fälschlicherweise - wie die R-Zapfen - mit Erythrolabe gefüllt sind. Diese Störung hat natürlich ebenfalls eine Rot-Grün-Blindheit zur Folge, weil wieder beide Zapfentypen unabhängig von der Wellenlänge des Lichtes die gleiche Erregung aufweisen. Da beide genetischen Defekte aber unabhängig voneinander vererbt werden, müssten mit dem Produkt ihrer Wahrscheinlichkeiten, schätzungsweise bei einem von tausend Männern, beide Defekte gleichzeitig auftreten: Die R-Zapfen wären dann mit dem - normalerweise in den G-Zapfen enthaltenen - Chlorolabe gefüllt, die G-Zapfen hingegen mit dem - normalerweise in den R-Zapfen enthaltenen - Erythrolabe. Glaubt man der sinnesphysiologischen Theorie, sollten solche Menschen ein umgekehrtes Rot-Grün-Spektrum wahrnehmen: Rot wäre dann die Empfindungsqualität, die dann auftritt, wenn mehr Farbstoff in den R-Zapfen als in den G-Zapfen zerfällt. Beim Pseudonormalen wäre das aber dann der Fall, wenn Licht mittlerer Wellenlänge vorherrscht, das ein Normaler als grün empfinden würde. Grün wäre die Empfindungsqualität, die dann auftritt, wenn mehr Farbstoff in den G-Zapfen als in den R-Zapfen zerfällt. Beim Pseudonormalen wäre das aber dann der Fall, wenn Licht langer Wellenlänge vorherrscht, das ein Normaler als rot empfinden würde. Ein Pseudonormaler würde also dort rot sehen, wo der Normalsichtige grün sieht und dort grün, wo der Normalsichtige rot sieht. Welche Konsequenzen hätte das für sein Leben? Erstaunlicherweise keine! Da er in seiner Kindheit gelernt hätte, seine "grüne" Farbempfindung "rot" und seine "rote" Farbempfindung "grün" zu nennen, würde seine Farbwahrnehmungsstörung überhaupt nicht auffallen. Er würde ebenso wie ein normalsichtiger Mensch auf Grund seiner Farbempfindung reife Tomaten "rot" nennen und essen und unreife Tomaten "grün" nennen und verschmähen. Er würde bei roten Ampeln anhalten und bei grünen losfahren und bei ersteren die Furcht entwickeln, Knöllchen zu kassieren, wenn er sich anders verhielte. Man nennt solche Menschen eben darum "pseudonormal", weil sie der Theorie zufolge keine Verhaltensauffälligkeiten, d.h. Farbunterscheidungsprobleme aufweisen dürften. Damit ließe sich auch erklären, warum Menschen mit einer solchen Farbwahrnehmungsstörung bisher nicht identifiziert werden konnten.


Allerdings würde sich hier durchaus die Frage stellen, ob wir nicht dem Pseudonormalen glauben sollten, wenn er behauptete, bei reifen Tomaten und dem oberen Ampellicht eine Rotempfindung und bei unreifen Tomaten oder dem unteren Ampellicht eine Grünempfindung zu haben. Könnte es nicht sein, dass unser Farbempfinden überhaupt nicht so sehr von unserem Nervensystem, sondern vielmehr von unseren Lebenserfahrungen bestimmt wird? Könnte es nicht sein, das es für die Empfindungsqualität "rot" gar nicht so wichtig ist, wie viel Farbstoff in den R- und G-Zapfen zerfällt, sondern viel wichtiger, was für eine Qualität die Empfindung der Lippen oder Brustwarzen der Mutter für den Säugling, die Empfindung der von Aufregung oder Wut gefärbten Haut eines Menschen oder eben einer reifen Frucht für das kleine Kind hatte? Könnte entsprechend die Empfindungsqualität "grün" vielmehr von dem Anblick des Blätterdaches über dem Kinderwagen während eines Familienausfluges oder dem Geschmack eines unreifen Apfels bestimmt sein als von der Erregung der Netzhaut? Ist Farbe also etwas, was wir in unserer Kindheit "lernen"? Ist es vielleicht sogar etwas, was noch in späterem Alter unmerklich im Verwandeln ist? Prägt unser alltägliches Erleben oder auch unser künstlerisches Schauen und Tun die Empfindungsqualität von Farbe? Für und gegen beide Sichtweisen lassen sich in der Diskussion mit den Schülerinnen und Schülern sicher einige Argumente finden. Doch scheitert ein endgültiges Urteil letztlich an der Unbeantwortbarkeit der eingangs erwähnten Schülerfrage: Wir können eben so wenig in die Erlebniswelt eines "Pseudonormalen" hineinschauen wie in das Farbempfinden eines beliebigen uns nahen Menschen. Was wir mit unseren physischen Sinnen beobachten können, ist nur der Körper des Anderen und sein sprachliches und nicht-sprachliches Verhalten. Die Seele des "Du" liegt jenseits all dessen. Ergibt diese Sichtweise vielleicht noch eine ganz andere Denkmöglichkeit? Ist unser Farbempfinden vielleicht etwas, was unsere Seele auf die Welt - und in den Körper - mitbringt? Liegt Farbe also nicht wesentlich "im Auge", sondern letztlich sogar "in der Seele des Betrachters"


Spätestens an dieser Stelle sollte man einen Neunt- oder Zehntklässler mit seinen Gedanken allein lassen. Im Philosophieunterricht der 12. oder 13. Klasse kann man das Problem dann gegebenenfalls wieder aufgreifen, indem man es in die historische und aktuelle philosophische Diskussion zum Leib-Seele-Problem einordnet. Die drei Positionen, von denen aus das Problem des pseudonormalen Farbensehens hier diskutiert wurde, sind der Materialismus (der oft auch als Reduktionismus, materialistische Monismus oder Physikalismus bezeichnet wird), der Funktionalismus und der Dualismus.


Der Materialismus geht davon aus, dass Seelisches nichts anderes als die physikalisch-chemischen Aktivitätszustände des Nervengewebes ist. Diesem Standpunkt entspricht die Vorhersage der Farbempfindung eines Pseudonormalen durch die Young-Helmholtzsche Theorie. Folgt man einer materialistischen Interpretation des Verhältnisses von Leib und Seele, so wäre die Empfindungsqualität "rot" eben nichts anderes als die Erregung der Zapfen und nachgeschalteten Ganglien- und Hirnzellen, die dann auftritt, wenn mehr Farbstoff in den R-Zapfen als in den G-Zapfen zerfällt. Beim Pseudonormalen wäre das aber dann der Fall, wenn Licht mittlerer Wellenlänge vorherrscht, das ein Normaler als grün empfinden würde. "Grün" wäre materialistisch definiert als Empfindungsqualität, die der Erregung von Zapfen und nachgeschalteten Ganglien- und Hirnzellen entspricht, die dann auftritt, wenn in den G-Zapfen mehr Sehfarbstoff zerfällt als in den R-Zapfen. Beim Pseudonormalen wäre das aber dann der Fall, wenn Licht langer Wellenlänge vorherrscht, das ein Normaler als rot empfinden würde.


Die Gegenposition ist der Dualismus, der davon ausgeht, dass Leib und Seele grundsätzlich verschieden voneinander sind. Traditionell wird diese Verschiedenheit über den "Substanzbegriff" formuliert: Seelische Vorgänge spielen sich demzufolge in einer Art "Seelensubstanz" ab und sind wohl unterschieden von den entsprechenden körperlichen Prozessen, die in einer "materiellen Substanz" ablaufen. Dabei ist es wichtig, "Substanz" nicht in einem stofflichen Sinne zu verstehen, sondern lediglich als etwas, was den von außen, aus einer "Perspektive dritter Person" zu beobachtenden körperlichen Eigenschaften und den nur aus der Innenperspektive des jeweiligen "Ich" fassbaren seelischen Eigenschaften zugrunde liegt und was gemeinhin als unentstanden und unvergänglich gedacht wird. Stirbt der Körper, löst er sich in andere Erscheinungen der materiellen Substanz auf: er verfault. Während der Materialismus davon ausgehen muss, dass mit dem Zerfall des Körpers auch die Seele zugrunde gegangen ist, lässt sich dualistisch die Unsterblichkeit der Seele denken. Ist auch die Seele eine Substanz, dann besteht die Möglichkeit, dass sie nach dem Tode erhalten bleibt oder auch vor der Zeugung schon gegenwärtig war.


Farbqualitäten wären aus der Sicht des Dualismus "Eigenschaften" der Seele des Menschen, die zwar von leiblichen Wahrnehmungsprozessen "ausgelöst" werden, nicht aber auf diese reduziert werden könnten. Was ein Pseudonormaler sieht, lässt sich von diesem Standpunkt aus nicht vorhersagen, eben weil die Qualität seiner Farbempfindung ja nicht durch die Untersuchung des Gehirns oder des sprachlichen und nichtsprachlichen Verhaltens des Pseudonormalen zu erschließen ist. Dies mag zunächst wie ein Defizit dieses Standpunktes anmuten, doch entspricht der Dualismus damit eigentlich nur der erkenntnistheoretischen Intuition, dass eine solche Vorhersage nicht denkbar ist. Sein Ansatz ist damit radikal anti-reduktionistisch: Geistiges ist klar unterschieden von Körperlichem. Eine Reduktion auf die Aktivität von Nervengewebe, wie sie der Materialismus vornimmt, ist ihm zufolge undenkbar. Die Empfindung der Qualität von Farbe ist mehr als nur die Aktivität von Nervenzellen. Sie ist etwas unreduzierbar Seelisches.


In allen Klassen, in denen ich mich mit dieser Problematik philosophisch auseinander gesetzt habe, war der Dualismus der von einer übergroßen Mehrheit von Schülerinnen und Schülern favorisierte Standpunkt. Daran änderte sich auch selten etwas, wenn wir uns mit dem theoretischen Fundamentalproblem dieser Position auseinander gesetzt hatten: Wie soll eine nicht-materielle Substanz auf Materielles wirken und umgekehrt? Wie kann Nichtmaterielles wirken, ohne die durchgängige Kausalität der materiellen Substanz zu durchbrechen? Alle bislang vorgeschlagenen Lösungen werden als theoretisch jedoch so fragwürdig angesehen, dass der Substanzdualismus in der aktuellen philosophischen Diskussion um das Körper-Geist-Problem praktisch keine Rolle spielt.


Der einzige in der aktuellen Diskussion häufig vertretene anti-reduktionistische Standpunkt ist der Funktionalismus. Ein seelischer Zustand ist diesem Ansatz zufolge, wie der Name sagt, "funktional" gekennzeichnet, und zwar durch seine Beziehungen zu "Inputs" aus der Umwelt (Reizen), zu anderen seelischen Zuständen und zu seinen "Outputs" in die Umwelt (Verhalten). Ihm würde also die zuerst genannte alternative Interpretation des pseudonormalen Sehens entsprechen: Trotz umgekehrter Pigmentfüllung der Zapfen würde ein Pseudonormaler aus funktionalistischer Sicht die gleichen Farbqualitäten empfinden wie ein Normalsichtiger. Denn eine Rotempfindung wäre eben nicht definiert durch die Erregung von Zapfen, Ganglien- und Hirnzellen, sondern durch ihre Beziehung zu den Inputs, die zu dieser Empfindung führen, zu den anderen seelischen Zuständen, mit denen sie in Beziehung steht, und zu den Outputs, die sie zur Folge hat. Ein Pseudonormaler hätte also, um bei unseren Beispielen zu bleiben, wie ein normalsichtiger Mensch eine Rotempfindung genau dann, wenn er reife Tomaten sieht (Input), sie als "rot" bezeichnet und isst (Output) oder Appetit auf sie hat (Verhältnis zu anderen seelischen Zuständen). Er hätte eine Grünempfindung, wenn er unreife Tomaten (Input) "grün" nennt, verschmäht (Outputs) und die Überzeugung hat, dass sie ungenießbar wären (Verhältnis zu anderen Zuständen). Für den Funktionalisten wäre es ein hinreichender Beleg für eine normale Farbempfindung, wenn der Pseudonormale bei roten Ampeln (Input) anhält (Output) und bei grünen (Input) losfährt (Output) und bei ersteren die Furcht entwickelt, Knöllchen zu kassieren, wenn er sich anders verhielte (Verhältnis zu anderen seelischen Zuständen).


Eine Vermittlung von Dualismus und Monismus versucht der Funktionalismus zu sein, indem er beiden Positionen eine gewisse Berechtigung zugesteht. So stimmt er mit dem Materialismus dahingehend überein, dass er annimmt, alle mentalen Zustände wären in irgendwelchen physikalischen Systemen realisiert. Er stimmt dem Dualismus aber dahingehend zu, dass der gleiche mentale Zustand in physikalisch oder biologisch ganz verschieden aufgebauten physikalischen Systemen realisiert sein könnte. Die konkrete physikalische Struktur ist also für den jeweiligen mentalen Zustand völlig irrelevant. Die wichtigste Analogie zur Verdeutlichung und wissenschaftlichen Anwendung des Funktionalismus ist die Computerprogrammanalogie: Die Seele verhält sich zum Gehirn wie Computerprogramm zu Computer. Denn wie die Seele im Verhältnis zum Körper kann auch ein Computerprogramm seine durch Inputs, Outputs und Beziehungen zu anderen Programmen definierte Funktion auf ganz verschiedenen Computerarchitekturen erfüllen (und von einer zur anderen "kopiert" werden). Im Umkehrschluss hat ein Computerprogramm die gleichen mentalen Zustände wie ein Mensch, wenn es die gleichen Inputs, Outputs und Beziehungen zu anderen Systemzuständen aufweist. Forschungen zu einer "künstlichen Intelligenz" haben hier ihre philosophische Grundlage.7


In der modernen philosophischen Diskussion ist man geneigt, sich hinsichtlich des pseudonormalen Sehens der materialistischen Interpretation anzuschließen und das Problem der "umgekehrten Farbqualitäten" ("inverted qualia") als ein Argument gegen den Funktionalismus zu verwenden. Den Philosophen genügt hierfür schon das Gedankenexperiment, dass es doch eine solche Umkehrung von Empfindungsqualitäten geben und eine funktionale Kennzeichnung seelischer Zustände diese nicht erfassen könne. Die Schwierigkeiten mit dem Nachweis der tatsächlichen Empfindungsqualität machen aber auch die Begrenztheit des Materialismus deutlich. Schülerinnen und Schülern kann man dies an einem Gedankenexperiment des amerikanischen Philosophen Frank Jackson8 noch weiter verdeutlichen, das wiederum an das Erleben von Farbe anknüpft: Stellen wir uns eine Neurobiologin namens Mary vor, die ihr ganzes Leben über in einem Raum gelebt hat, in dem man genauestens darauf geachtet hat, dass es dort keine Farben gibt, sondern nur Schattierungen von weiß, grau und schwarz. Ihre Informationen über die äußere Welt wurden ihr durch Schwarz-Weiß-Fernsehen übermittelt. Stellen wir uns weiter vor, dass sie auf die eine oder andere Weise alles über das Gehirn erfahren hat und darüber, wie es funktioniert. Das heißt, sie hat eine vollständige Neurowissenschaft verstanden, die unter anderem die Natur des Denkens, Fühlens und Wahrnehmens, einschließlich des Wahrnehmens von Farben erklärt. Obwohl sie alles über das Gehirn und das visuelle System weiß, was es zu wissen gibt, würde da aber noch immer etwas sein, das Mary nicht kennt, wohl aber ihre Verwandten mit einer normaleren Kindheit, nämlich die Natur des Erlebens der Farbe rot, einer roten Tomate beispielsweise. Würde sie ihr Labor endlich einmal verlassen können, dann würde sie eine völlig neue Erfahrung machen, ein völlig neues Wissen gewinnen. Ihre utopische Neurowissenschaft kann also etwas im Erleben eines Menschen nicht erfassen, weil es eben keine Eigenschaft des Gehirns, sondern eine Eigenschaft oder Qualität der Seele ist. Die Unfähigkeit des Materialismus, seine Behauptung zu beweisen, dass Pseudonormale tatsächlich dort rot sehen, wo normalsichtige Menschen grün sehen und umgekehrt, liegt also in der Begrenztheit seines eigenen Standpunktes begründet.


Unschwer lässt sich Jacksons Argumentation natürlich auch auf einen funktionalistischen Standpunkt beziehen: Es würde Mary auch nichts helfen, genau zu studieren, welche Gegenstände bei anderen Menschen zu Rotempfindungen führen, zu was für Meinungen, Begierden oder Vorsätzen diese Empfindungen jeweils Anlass geben oder was für Reaktionen oder sprachliche Äußerungen auf diese Rotempfindung folgen. Sie hätte den "rotempfindenden Menschen" dann genauestens funktional gekennzeichnet, aber immer noch kein Wissen davon, wie es ist, rot zu empfinden. Nicht nur das Problem des pseudonormalen Sehens, sondern auch diese Argumentation im Rückgang auf das Empfinden von Farbe sprechen also gegen den Funktionalismus.


Gewiss ist damit der Dualismus nicht "bewiesen". Die Schülerinnen und Schüler werden selbst abwägen müssen, welche Urteile sie auf Grundlage der philosophischen Argumente und ihrer alltäglichen Überzeugungen bilden. Legt man aber als ein Bildungsideal des Oberstufenunterrichtes die Entwicklung der Urteilsfähigkeit der Jugendlichen auf der Grundlage begrifflichen Denkens zugrunde, so bietet die Auseinandersetzung mit dem Problem der Farbe im Bezug auf das eigene Farberleben der Schülerinnen und Schüler eine Möglichkeit, auch hinsichtlich tiefer philosophischer Probleme eine Erfüllung dieses Ideals zu verfolgen, ohne auf eine phänomenologische Methodik verzichten zu müssen.


Wie eingangs angekündigt, ist diese Auseinandersetzung mit Farbphänomenen nicht in dem Sinne "phänomenologisch" oder "goetheanistisch", dass sie von Inhalten der "Farbenlehre" Goethes ausgehen würde. Doch hoffe ich deutlich gemacht zu haben, dass der Bezug auf die moderne wissenschaftliche Erforschung der Farbwahrnehmung einen Unterricht möglich machen kann, der ganz im Sinne Goethes ein Phänomen in Bezug auf das ganze Menschsein betrachtet: auf Physisches, Seelisches und Geistiges, auf Wissenschaft, Kunst und Philosophie.


Weiterhin sollte erkennbar geworden sein, dass ein solcher Unterricht den anti-materialistischen Anspruch eines Waldorfunterrichts im Allgemeinen ebenso zu berücksichtigen vermag wie die altersgemäße Forderung nach eigener Urteilsbildung der Schülerinnen und Schüler im Oberstufenunterricht der Waldorfschule im Besonderen: Es wird eine Position zum Leib-Seele-Problem phänomenologisch zugänglich gemacht, die die Selbstständigkeit der Seele (und im weiteren Fortgang auch des Geistes) gegenüber dem physischen Leib nahe legt, aber auch eine alternative Sichtweise des Problems offen gehalten.


Dabei sollte es den Leser nicht verwundern, wenn diese Sichtweise, im scheinbaren Gegensatz zu Rudolf Steiners Bekenntnis zu einem wissenschaftlichen "Monismus", im Rahmen der aktuellen Diskussion zum Leib-Seele-Problem als "Dualismus" bezeichnet wird. Hinter letztgenanntem "Dualismus" verbirgt sich ja eben nichts anderes als die auch und gerade von der Anthroposophie geteilte ontologische und erkenntnistheoretische Auffassung, dass es eine vom physischen Leib unabhängige Existenz der Seele und des Geistes (vor der Zeugung und nach dem Tode) gibt. Mit dem von Steiner geforderten "Monismus" ist hingegen der viel weiter gehende methodische Anspruch verbunden, dass sich die so verstandene Seele in ihren geistigen Zusammenhängen ebenso wissenschaftlich - eben "geisteswissenschaftlich" - erforschen ließe wie der physische Leib im Zusammenhang mit der materiellen Natur. Einen solchen weiter gehenden Anspruch im Oberstufenunterricht zu verfolgen, wäre vermessen und nicht altersgemäß. Den Beitrag, den eine solche geisteswissenschaftliche Methodik für die aktuelle philosophische und naturwissenschaftliche Diskussion über das Verhältnis von Gehirn und Seele leisten könnte, wenn sie den ernsthaften Dialog über die Grenzen "eingeweihter" Zweige und Gesprächsgruppen hinaus wagen würde, lässt sich hingegen kaum abschätzen.



Anmerkung 2008: Meine Auffassungen zum Körper-Geist-Problem und ebenfalls meine Interpretation des Pseudonormalen Sehens haben sich in den letzten Jahren geändert. Sie finden meine heutige Auffassung in dem Aufsatz "Ist Reinkarnation möglich?" in diesem Ordner - und natürlich in meinem Buch "Im Netzwerk der Unsterblichkeit".



1 Etwa in: Goethes naturwissenschaftliche Schriften, herausgegeben von Rudolf Steiner, Dornach 1975. Man vergleiche Rudolf Steiners Darstellungen zu Goethes Farbenlehre in: Goethes Weltanschauung, Dornach 1979.

2 Meine Vorstellungen zu den Biologieepochen der 9. und 10. Klasse habe ich in dieser Zeitschrift bereits vorgestellt: Ziemke, Axel: Das Auge als Apparat und Organ, Erziehungskunst 10/1998, 1085-1094

3 Einige dieser Experimente habe ich in dem genannten Aufsatz vorgestellt.

4 In der Tat ist die Funktionsweise der Netzhaut so komplex, dass sie angemessen erst im Abiturkurs behandelt werden kann: Licht bewirkt über den Zerfall des Sehfarbstoffs in den Zapfen und Stäbchen - im Gegensatz zu anderen Sinneszellen - eine Hyperpolarisation und folglich das Ausbleiben der Neurotransmitterausschüttung, während die Zelle im Dunkeln depolarisiert (ohne Aktionspotenziale zu bilden)und Transmitter ausschüttet. Sehzellen sind also eigentlich "Dunkelsinneszellen". Erst invertierende Synapsen zu den meisten nachgeschalteten Bipolarzellen (ON-Bipolarzellen)bewirken, dass diese bei Licht depolarisieren (ebenfalls ohne Aktionspotenziale zu bilden) und durch Ausschüttung von Neurotransmitter bei den meisten Ganglienzellen (ON-Ganglienzellen) eine Depolarisation bewirken, die Aktionspotenziale im Sehnerven zur Folge hat. Die Zapfen beeinflussen ihre elektrochemischen Potenziale untereinander durch Horizontalzellen und die Potanziale der benachbarten Ganglienzellen über weitere Bipolarzellen (OFF-Bipolarzellen). Die beiden "Farbkanäle" entstehen im Wesentlichen durch die Aktivität von "Gegenfarbenzellen" (Blue-ON-Yellow-OFF-, Yellow-OFF-Blue-ON-, Red-ON-Green-OFF- und Green-ON-Red-OFF-Ganglienzellen), deren rezeptive Felder im aktivierenden Innenbereich die dem ON-Signal entsprechenden Zapfen und im hemmenden Außenbereich die dem OFF-Signal entsprechenden Zapfen aufweisen. Um diese komplexen Verschaltungen und Potenzialumkehrungen in der Darstellung zu vermeiden, beziehe ich mich im Folgenden ausschließlich auf den Zerfall des Sehfarbstoffs, der recht gut mit der Empfindung im Gehirn in Beziehung zu setzen ist.

5 Francisco Varela, Evan Thompson, Der mittlere Weg der Erkenntnis, Bern: Scherz 1992, S.249ff

6 Diese "schülerfreundliche" Variante des in der Philosophie unter dem Titel "inverted qualia" diskutierten Problems verdanke ich der Philosophin Martine Nida-Rümelin. Ihre Gedanken dazu sind veröffentlicht in:

Nida-Rümelin, M., Pseudonormal Vision. An actual case of qualia inversion? Philosophical Studies, Supplement (1995)

7 Konsequenzen dieser Diskussion für die Computertechnologieausbildung an der Waldorfschule habe ich an anderer Stelle veröffentlicht: Ziemke, Axel, Computerausbildung als Selbsterkenntnis? Philosophische und menschenkundliche Überlegungen zur Computertechnologieausbildung in der Oberstufe der Waldorfschule, in: Buddemeyer, Heinz (Hg.), Computer und Schule, Bremen 2001

8 Jackson, F., Epiphenomenal qualia, Philosophical Quaterly 32, 127-136 (1982)