Ist Reinkarnation möglich?
von Axel Ziemke
(veröffentlicht in Info3, Dezember 2006)
Unsere Kindheit prägt unsere spätere Entwicklung, auch unser Denken. Zu unseren ersten Erkenntnissen zählen Erfahrungen dieser Art: Die Mama verbirgt ihr Gesicht hinter ihren Händen, einem Handtuch, einem Möbelstück. Und plötzlich macht sie sich sichtbar mit einem „Kuckuck“, „Ba“ oder einem ähnlichen Ausruf. Wir haben gelacht - weil wir eine fundamentale Entdeckung gemacht haben: Die Mama bleibt auch erhalten, wenn sie mal nicht zu sehen, nicht zu spüren ist. Später vertiefen wir diese Erfahrung vielleicht mit einem schönen roten Ball. Er rollt unter einen Schrank. Anfangs ist damit die Sache erledigt. Später aber krabbeln wir ihm hinterher. Denn wir gehen davon aus, dass er erhalten geblieben ist. Noch später vertiefen wir diese Erfahrung vielleicht mit einem Wecker. Wir bearbeiten ihn mit allen Kräften. Er geht kaputt. Aber irgendwas bleibt übrig von ihm. So sehr wir uns auch anstrengen. Psychologen nennen diese Entdeckung „Objektkonstanz“. Wir lernen sehr früh, Dinge als relativ konstant, ihre „Substanz“ aber als absolut konstant zu verstehen. Ohne diese Erfahrung ist unser alltägliches Leben nicht denkbar. Wir würden keinen Schlüssel wiederfinden, wenn wir nicht von seiner Konstanz ausgehen würden. Wir würden kein Loch im Dach suchen, wenn wir nicht davon ausgehen würden, dass die Pfütze auf dem Boden „irgendwo her kommen muss“, nicht aus dem Nichts entstanden sein kann. Doch selbst die Chemiker können nur die Verwandlung der Stoffe verstehen, wenn sie davon ausgehen, dass sie nicht aus dem Nichts entstehen und in das Nichts vergehen, sondern sich verwandeln. E = m * c2 drückt aus, dass selbst in der modernen Physik zwar die Masse in einem System zu- oder abnehmen kann, nicht aber Substanz in ihrem philosophischen Sinne entstehen oder verschwinden; denn Masse verwandelt sich in Energie. Dieser Grundsatz unseres Denkens kann aber auch zur Falle werden, wenn wir ihn falsch anwenden. Dies geschieht nicht selten. Dies geschieht fast immer, wenn Menschen über das Verhältnis von Leib und Seele nachdenken – wie bei der Frage nach der Möglichkeit von Reinkarnation.
Erinnern wir uns: Wie versteht Rudolf Steiner Reinkarnation? Der Mensch besteht aus Leib, Seele und Geist. Der Leib besteht aus dem physischen Leib, dem Ätherleib und dem Seelen- oder Astralleib. Die Seele setzt sich aus Empfindungsseele, Verstandesseele und Bewusstseinsseele zusammen. Zum Geist gehören Geistselbst, Lebensgeist und Geistesmensch – von denen die letzteren beiden allerdings im heutigen Menschen noch nicht inkarniert sind. Die Seele vermittelt im lebenden Menschen sozusagen das Geistige mit dem Leiblichen. Dies ist möglich, weil der Astralleib Träger der Empfindungsseele ist und das Geistselbst in ähnlicher Weise mit der Bewusstseinsseele verbunden ist. Im subjektiven Empfinden hat die Seele somit über die Empfindungsseele am Leiblichen teil und erlebt die physische Welt. Über die Bewusstseinsseele ist sie mit dem Geistigen verbunden und erlebt die geistigen Inhalte und Werte. Gleichzeitig vermittelt sie dem Geist die Eindrücke der physischen Welt und setzt Impulse des Geistes in der physischen Welt um. Der Klang der Musik wird von der Seele empfunden und dem Geiste mitgeteilt. Ein Gedanke, der im Geist auftritt wird in der Seele zu einem Wunsch, den sie mit Hilfe des Leibes umsetzt. Hier liegt letztlich die Basis für menschliche Freiheit. Nach dem Tod löst sich zunächst Seele und Geist vom Körper. Das Geistselbst oder Ich durchläuft dann noch eine Reihe von Entwicklungsschritten, in denen es sich nach und nach auch von den Seelenteilen löst, um dann von Leib und Seele befreit in die geistige Welt einzugehen und sich von dort aus zu reinkarnieren – um seine Aufgabe von Inkarnation zu Inkarnation immer besser erfüllen zu können: Immer mehr aus dem Geistigen heraus seine Richtung zu erhalten. Sein Erkennen soll von dem Geiste der ewigen Wahrheit, sein Handeln von der ewigen Güte bestimmt werden.
Erinnern wir uns: Wie versteht die Philosophie das Problem? Die Reinkarnation ist eine Idee, die nach Herodots Darstellung Pythagoras von seinen Reisen durch Ägypten nach Griechenland brachte. Sie erreichte ihre höchste Blüte in der Philosophie Platons, der den sterblichen Leib des Menschen von seiner unsterblichen Seele unterschied. Letztere geht nach dem Tode in die Ideenwelt ein, um sich von dort aus wieder neu zu verkörpern. Die beiden alternativen Vorstellungen vom Menschen: Nach Demokrit aus Abdera besteht alles aus Atomen, auch der Mensch. Seine Seele besteht ebenfalls aus – besonders feinen – Atomen. Nach Aristoteles besteht der Mensch aus Leib, Seele und Geist. Mit den Pflanzen hat der Mensch die vegetative Seele gemein, mit den Tieren die animalische Seele. Nur dem Menschen kommt die „nous“ zu, die man mit Vernunft oder eben Geist übersetzt. Die „leidende nous“ stirbt mit dem Menschen, die „tätige nous“ hingegen ist ewig. Da letztere aber gerade der überindividuelle Teil des Menschen ist, sollte für Aristoteles eine persönliche Unsterblichkeit auszuschließen sein. Die Renaissancephilosophie greift die griechische Debatte als Substanzproblem auf. Es gibt zwei Definitionen von Substanz, die sich auseinander ableiten lassen: Substanz ist das, was übrig bleibt, wenn man von einem Subjekt (Ding) alle Prädikate (Eigenschaften) abzieht. Und: Substanz ist das, was nicht entstehen und nicht vergehen kann. In jenem Satz finden wir unsere Kindheitserfahrung wieder. Mit tiefgreifenden Konsequenzen: Wenn eine Philosophie nur eine Substanz annimmt, dann spricht man von Monismus. Für Spinoza ist diese Substanz Gott, für die neuzeitliche Naturwissenschaft die Materie. Wenn eine Philosophie hingegen zwei Substanzen annimmt, eine seelisch-geistige und eine materielle, dann spricht man von Dualismus. Wenn es nur eine materielle Substanz gibt dann kann es auch keine Unsterblichkeit oder Reinkarnation nach dem Zerfall des Körpers geben. Eine Unsterblichkeit der Seele kann dann gegeben sein, wenn sie auf einer anderen Substanz als jener materiellen beruht. Jeder Monismus schließt Unsterblichkeit der Seele und Reinkarnation aus. Jede Auffassung, die von der Unsterblichkeit der Seele nach dem Tode des Körpers ausgeht, ist dualistisch. Die Lehre Rudolf Steiners sollte also wenigstens dualistisch sein – wenn man Leib, Seele und Geist nicht gar als drei Substanzen verstehen will. Wieso nennt Steiner seine Philosophie dann aber einen Monismus?
Der Dualismus hatte spätestens nach der Kritik Spinozas an Descartes mit dem Problem der Kausalität zu kämpfen: Wenn es zwei Substanzen gibt, wie soll dann die eine auf die andere einwirken? Wie soll die materielle Substanz, etwa bei einer Empfindung, auf die seelisch-geistige wirken? Oder noch schlimmer: Wie soll die seelisch-geistige, etwa bei einer Handlung, auf die materielle wirken? Würde dies nicht voraussetzen, dass ein physikalischer Prozess ohne physikalische Ursache beginnen müsste? Wie verträgt sich dies mit der Annahme, dass alles, was geschieht, eine Ursache hat, die ähnlich tief in unserem Erkenntnisvermögen verwurzelt ist wie der Substanzerhaltungssatz? Wie verträgt sich dies mit dem Kausalgesetz? Immanuel Kant war der erste Philosoph, der den Substanzbegriff und mit ihm den der Kausalität grundsätzlich in Frage stellte. Im Ergebnis seiner Untersuchung kam er zu dem Schluss, dass die Substanz nichts weiter sei als eine Kategorie unseres Verstandes und der Substanzerhaltungssatz ein synthetisches Urteil a priori, also eine nicht durch empirische Erfahrung gesicherte Voraussetzung unseres Verstandes, die es uns erlaubt, über unsere Erfahrungen nachzudenken. Hegel verzichtet im Anschluss an Kant völlig auf den Begriff der Substanz. Er findet etwa in seiner „Phänomenologie des Geistes“ einen anderen Weg, Geistig-Seelisches zu denken. Der Substanzbegriff verschwindet in der Annahme eines bestimmungslosen und mit dem Nichts identischen Sein. Die sinnliche Gewissheit, die dieses Sein zum Gegenstand hat, gelangt zu der Einsicht, dass es vollkommen leer und inhaltslos ist. Erst die eigene Wahrnehmung bringt Unterscheidung in diese Unbestimmtheit, indem sie Dinge mit verschiedenen Eigenschaften konstruiert. Im nächsten Schritt entdeckt das Bewusstsein die „übersinnliche Welt“ des Verstandes, dessen Gegenstand Verhältnisse, Relationen sind. Wenn dann das Bewusstsein zum Selbstbewusstsein wird, erkennt es, dass es eben diese Relationen sind, die Seelisches und im weiteren Gedankengang der Phänomenologie in immer neuen Gegensätzen und ihrer Aufhebung auch Geistiges ausmachen. Nicht durch eine zweite Substanz ist Seelisch-Geistiges von dem Sein des Materiellen unterschieden, sondern durch von ihm selbst erzeugte Relationen. Goethe drückt dies aus, indem er die Polarität zum Prinzip der Materie, die Steigerung zum Prinzip des Geistes macht – ohne die beiden als Substanzen voneinander zu unterscheiden: „Weil aber die Materie nie ohne Geist, der Geist nie ohne Materie existiert und wirksam sein kann, so vermag auch die Materie sich zu steigern, so wie der Geist sich’s nicht nehmen lässt, anzuziehen und abzustoßen; wie derjenige nur allein zu denken vermag, der genugsam getrennt hat, um zu verbinden, genugsam verbunden hat, um wieder trennen zu mögen.“ Mit anderen Worten: Die Steigerung setzt auf einer höheren Stufe in Relation, was die Polarität getrennt hat. Die Relation ist das Wesen des Seelisch-Geistigen.
Die mutige Auseinandersetzung Kants oder Hegels mit unseren Kindheitserfahrungen ist heute fast vergessen. Wenn die Frage nach dem Verhältnis von Leib und Seelisch-Geistigem, nach der Unsterblichkeit oder Reinkarnation der letzteren gestellt wird, kommt es in aller Regel zur Konfrontation der alten Gegner: Dualismus und Monismus. Dabei hat letzterer heute eine durch die Erkenntnisse der Neurowissenschaften gut fundierte empirische und theoretische Grundlage, die bestenfalls noch durch neokantianische Skeptizismen in Frage gestellt werden kann, während der Dualismus sich in geradezu abenteuerliche Spekulationen begeben muss, um noch den Hauch einer Denkmöglichkeit bewahren zu können. Die Relationalität des Geistes wird interessanterweise praktisch nur noch von Wissenschaftlern vertreten, die einer Forschungsrichtung angehören, die eigentlich wie keine andere im Verdacht des Reduktionismus steht – von einem humanistischen Standpunkt aus zurecht, erkenntnistheoretisch zu Unrecht: der Artificial Intelligence oder Künstlichen Intelligenz. Philosophisch ist ihre Position der Funktionalismus und dieser kennzeichnet seelisch-geistige Zustände über ihre Relationen zu anderen seelisch-geistigen (oder anders gearteten inneren) Zuständen sowie zu Inputs und Outputs. Seelisch-geistige Zustände haben somit an sich keine Bedeutung, sie gewinnen sie erst in einem Netzwerk von Beziehungen. Diese Zustände können realisiert sein als Zustände neuronaler Aktivität im menschlichen Gehirn. Sie können aber auch Zustände elektronischer Aktivität in einem Computersystem sein. Um keinen Zweifel aufkommen zu lassen: Ich halte den Anspruch einer Artificial Intelligence für kompletten Unsinn. Doch vermag dieses technische Modell eines zu zeigen: Ein System von Relationen (wie ein Computerprogramm) ist unabhängig von einer bestimmten materiellen Realisierung (wie einem Computer). Wenn sie es nicht glauben: Kopieren Sie ein Programm von einem Computer auf einen anderen. Mit etwas Glück wird es laufen! Wenn das Geistig-Seelische des Menschen ein System von Relationen ist (nicht im Sinne der AI, sondern im Sinne Hegels oder Goethes), so kann es in gewissen Grenzen unabhängig von seinem Leiblichen verstanden werden – ohne eine zweite Substanz sein zu müssen.
Was aber genau ist eine Relation? Mathematisch oder logisch gesehen ist sie einfach die Beziehung zwischen zwei oder auch sehr viel mehr voneinander unterschiedenen Variablen. Beispielsweise y = x2. X und y können viele verschiedene Werte annehmen: 1 und 1, 2 und 4, 3 und 9, 1000 und 1000000. Wichtig ist nur, dass sie eben diese Relation erfüllen. X kann jeden Wert annehmen. Hat man aber einen davon festgelegt, ist auch y bestimmt. Umgekehrt kann aber auch y jeden (positiven) Wert annehmen, bestimmt dann aber (zwei mögliche Werte von) x. Für Hegel ist die einfachste inhaltlich bestimmte Form einer Relation das „Spiel der Kräfte“ der klassischen Physik. Man findet sie also schon, wenn man das Denken der klassischen Billardkugelkausalität rekonstruiert. Man sagt etwa, dass die Bewegung der einen Kugel die Ursache für die Bewegung der anderen ist. Ebenso kann man aber auch sagen, das Abbremsen der einen Kugel ist die Wirkung der Ruhe der anderen. Schon das Denken der rein mechanischen Kausalität ist eine Relation, die sich nicht in Ursache und Wirkung auflösen lässt, wie es unser verdinglichendes Denken gerne tut. Dabei sind Relationen durchaus etwas alltägliches: Eine Ehe beispielsweise ist eine Relation zwischen zwei Menschen. Sie ist nicht der eine plus der andere. Sie kann nicht sein ohne die beiden Menschen, doch sie ist etwas anderes als diese beiden Menschen. Das, was wir mit Ehe meinen, kann zudem unter ganz verschiedenen Personen realisiert sein. Eine Person kann sogar nacheinander mit verschiedenen anderen verheiratet sein.
Was sind dies nun aber für Relationen, die dem Geistig-Seelischen zugrunde liegen? Machen wir einen Brückenschlag von Goethe in die moderne Hirnforschung. Und was würde sich da eher anbieten als die Farbwahrnehmung? Goethe versteht Farbe als die Steigerung der Polarität von Licht und Dunkel. Farbe beruht also nicht auf einer gegebenen Substanz, die oder deren Wirkungen wir in uns aufnehmen, sondern auf der Relation der Steigerung, die wir erzeugen. Goethes Farbenlehre und die moderne Psychophysik und Sinnesphysiologie der Farben widersprechen sich gewiss in vielem, über das ich hier nicht urteilen möchte. Sie begegnen sich aber in einem wesentlichen Punkt: Farbselektivität beruht auch für die moderne Forschung auf Relationen! Die Netzhaut unseres Auges enthält (mindestens) zwei Klassen von Sinneszellen: die sehr lichtempfindlichen, aber auf keine bestimmte Wellenlänge spezialisierten Stäbchen und die weniger lichtempfindlichen, aber auf bestimmte Wellenlängenbereiche spezialisierten Zapfen. Unter den Zapfen kann man wieder drei Typen unterscheiden, die Pigmente enthalten, welche bei drei verschiedenen Wellenlängen des einfallenden Lichtes ihr Absorptionsmaximum haben. Man nennt diese drei Zapfentypen nach den entsprechenden Farbempfindungen R-, G- und B-Zapfen (für rot, grün und blauviolett). Diese Zapfen sind vielen Modellen zufolge durch die Ganglienzellen der Netzhaut so verschaltet, dass zwei „Farbkanäle“ entstehen: ein Rot-Grün-Kanal und ein Blau-Gelb-Kanal. Über den Rot-Grün-Kanal wird (zumindest) die Aktivität der R- und G-Zapfen miteinander verglichen, so dass bei Überwiegen der Erregung der G-Zapfen eine Rotempfindung auftritt, bei Überwiegen der Erregung der R-Zapfen eine Grünempfindung. (Dieses Paradox resultiert daher, dass die Lichtabsorption Sehzellen hemmt, indem sie diese hyperpolarisiert und somit die Transmitterausschüttung verringert). Entscheidend für das Erkennen der Farbe rot ist das Verhältnis der Aktivität von R- und G-Zapfen und nicht die Aktivität der R-Zapfen allein. Bei strahlendem Sonnenlicht sind die R-Zapfen unter Umständen viel stärker gehemmt als beim gedämpften Licht einer Salzkristalllampe. Da aber im ersteren Fall die G-Zapfen ebenso stark gehemmt sind und im letzteren nicht, sehen wir trotz der viel stärkeren Rotlicht-Intensität das Sonnenlicht weiß und trotz der viel geringeren Rotlichtintensität das Licht der Kristalllampe rot. Ähnliche Beziehungen ergeben sich auch über die Zeit. Blicken wir auf eine rote Fläche und danach auf eine weiße, sehen wir ein türkises Nachbild. Entscheidend ist nicht der Lichteinfall der weißen Fläche, sondern seine Relation zu dem zuvor eingestrahlten roten Licht, das die Pigmente der R-Zapfen zerstört hat, während die der G- und B-Zapfen erhalten geblieben sind. Den wahrscheinlich komplizierter aufgebauten Blau-Gelb-Kanal brauchen wir hier nicht zu beachten. Wir sehen schon hier: Farbselektivität beruht auf Relationen.
Gehen wir einen Schritt weiter: Noch haben wir nicht verstanden, wie es zu einem bewussten Farbempfinden kommt. Die moderne Hirnforschung erklärt dies stark vereinfacht so: Infolge der Weiterleitung der Erregungen der Netzhaut, die wir eben beschrieben haben, ist eine bestimmte Gruppe von Nervenzellen in Großhirnrinde und Thalamus beim Anblick eines roten Gegenstandes aktiv. Diese Nervenzellen werden ihre Aktivität nun im Rahmen physikalischer Selbstorganisationsprozesse mit vielen anderen Gruppen von Nervenzellen in verschiedenem Maße stärker synchronisieren und mit noch mehr anderen Gruppen eher desynchronisieren. Die Aktivität dieser Gruppe rotempfindlicher Nervenzellen wird so eingebunden in einen globalen Aktivitätszustand des Gehirns. Es werden Relationen hervorgebracht mit der Aktivität von Neuronengruppen, die etwa für Form, Abstand und Bewegung dieses Gegenstandes sensitiv sind, mit solchen, die für Farbe, Form, Abstand, Bewegung der Gegenstände im Hintergrund, des Hintergrundes überhaupt sensitiv sind; aber auch mit Gruppen von Nervenzellen, die Gerüche, Geräusche, Berührungen des Körpers repräsentieren. Sie synchronisieren sich mit Zellen, die für die Bedeutung des roten Gegenstandes, seine Essbarkeit vielleicht zuständig sind, mit solchen, die den anderen Gegenständen und dem Raum, in dem die Person sich befindet, eine Bedeutung verleihen. Aber auch mit Zellen, die besonders bei Gedanken an die Herkunft, den Preis oder andere abstrakterer Eigenschaften dieses Gegenstandes aktiv sind. Sie synchronisieren sich mit Gruppen von Zellen, die bestimmte Bewegungen auslösen, bestimmte Bedürfnisse, bestimmte Gefühle, Erinnerungen wachrufen, Gedanken entsprechen, sprachliche Überlegungen oder sogar das Sprechen eines Wortes oder eines Ausrufes bewirken. Sie desynchronisieren sich aber auch mit Gruppen von Zellen, die im Zusammenhang mit dem vor einigen Zehntelsekunden Wahrgenommenen aktiv waren. Sie bleiben desynchronisiert mit Zellen, die bei Schmerzen im Unterleib aktiv sind oder bei religionsphilosophischen Gedankengängen. Kurz gesagt: Die Gruppe von Nervenzellen, die durch die Prozesse in der Netzhaut aktiviert wurde, stellt Beziehungen oder eben Relationen zu allen möglichen Teilen des Gehirns her und gewinnt nur in der Relation mit all diesen Prozessen ihre subjektive Bedeutung. Unsere bewusste und subjektive Empfindung des roten Gegenstandes ergibt sich nicht nur aus den Relationen der Aktivität dieser Gruppe von Nervenzellen mit der Retina, sondern mit einer riesig komplexen Anzahl anderer Gruppen von Nervenzellen. Nicht diese Nervenzellen sind es, die für unser seelisches Erleben entscheidend sind, sondern die Relationen ihrer Aktivität. Die Nervenzellen sind austauschbar. Sie realisieren in ihrer Aktivität lediglich die Relationen des Seelisch-Geisstigen. Auch die moderne Hirnforschung versteht also Bewusstsein in seiner Relationalität – und nähert sich damit nicht nur der funktionalistischen Definition seelisch-geistiger Zustände an, sondern auch ihrem Verständnis durch Goethe oder Hegel. Bewusstsein ist in seiner Relationalität unterscheidbar von seiner materiellen Grundlage, ohne deshalb eine eigene Substanz sein zu müssen.
Gewiss reinkarniert sich aber nicht das ganze Bewusstsein des Menschen. Was dann? Nach Steiner, so haben wir uns erinnert, ist es das Geist-Selbst oder Ich. Wie können wir dieses Ich verstehen? Ich habe dies im Kontext der Hirnforschung kürzlich in Info3 (12/2005) darzustellen versucht: Anfangs ging die Neurobiologie von hierarchischen Modellen der Verarbeitung der von unseren Sinnesorganen kommenden Informationen aus und von einer ebenso hierarchischen Organisation von Entscheidungsprozessen bis hin zu der Planung und Auslösung von Bewegungen, von einem „Ich“ im Frontalcortex, an dem sich alle Information bündelt und von dem alle Entscheidungen ausgehen. Die Forschungen haben aber gezeigt, dass es dieses „Ich“ im Frontalcortex nicht gibt, sondern, dass alle Teile unseres Gehirns mehr oder weniger gleichberechtigt zusammenarbeiten, dass Nervenzellpopulationen in allen Teilen des Gehirns in den kompetitiven Prozessen die gleichen Chancen haben, mit anderen Zellpopulationen globale Erregungsmuster zu bilden, die entscheidend für unsere Wahrnehmungen, Gedanken und Entscheidungen werden. Diese Erkenntnisse erlauben uns eine Rückbesinnung auf die Bedeutung des Wortes „ich“ in unserer Alltagssprache: „Ich“ sagen wir nicht nur, wenn wir von unserer Gegenwart reden, sondern auch, wenn wir uns auf unser vergangenes und zukünftiges Leben beziehen. Wenn ich jedoch über mich in der Zeit von meiner Geburt bis zu meinem Tode in Ich-Sätzen spreche, so hat sich während dieser Zeit mein Aussehen, mein Körper, mein Seelenleben völlig verändert. Fast alle Zellen meines Körpers und alle Makromoleküle sind während dieses Zeitraums immer und immer wieder abgebaut und erneuert worden. Physisch ist also von mir als Säugling praktisch nichts übrig geblieben, was die Zuschreibung des Wortes „ich“ rechtfertigt. Und auch von den materiellen Bestandteilen meines jetzigen Körpers wird bis zu meinem Tod, wenn er nicht sehr bald eintreten sollte, kaum etwas erhalten bleiben. Um dies mit zwei treffenden Worten der deutschen Sprache auszudrücken: Ich bin von Geburt bis Tod der selbe, ohne der gleiche zu bleiben. Auch das von uns mit „ich“ bezeichnete ist eine von ihrer materiellen Realisierung unterscheidbare Relation. Sie ist in meinem Falle eine Relation zwischen den zu jedem Augenblick meines Lebens vorhandenen materiellen A.Z.s , die einerseits ohne diese A.Z.s nicht denkbar wäre, aber andererseits nicht einfach die Summe dieser A.Z.s darstellt, sondern ihren - geistigen - Zusammenhang.
Wie konstituiert sich diese Relation der Identität, die wir mit dem Wort „ich“ bezeichnen?
Einen schönen Ansatz bietet hier die Theorie der Autopoiese (von „autos“ = „selbst“ und „poiein“ = „schaffen“) von Humberto Maturana. Lebende Systeme werden hier als autopoietische Systeme verstanden. Autopoietische Systeme sind Netzwerke von Relationen der Produktion, Transformation und Destruktion von Bestandteilen, die eben dieses Netzwerk von Prozessen, das sie erzeugte, neu hervorbringen und dieses Netzwerk als eine konkrete Einheit in dem Raum, in dem die Bestandteile existieren, aufrechterhalten. Lebewesen erhalten also ihre Identität innerhalb ihrer Körpergrenzen, indem sie sich permanent immer wieder neu produzieren oder eben selbst schaffen. Die Organisation eines Lebewesens wird hier nicht über seine Bestandteile, sondern rein relational, also über die Beziehungen zwischen den Bestandteilen definiert, die über die Zeit eben die für unsere Frage entscheidende Relation der Identität erzeugen. Auch das Nervensystem ist nach Maturanas Auffassung ein solches, wie er es allgemeiner nennt, operational geschlossenes System. Es ist definiert durch Relationen neuronaler Aktivität. Und zwar nicht nur zu einem bestimmten Augenblick, sondern auch in zeitlicher Hinsicht. Jeder Zustand neuronaler Aktivität eines Nervensystems ist das Ergebnis der neuronalen Aktivität vorangegangener Zustände neuronaler Aktivität und bringt weitere Zustände neuronaler Aktivität hervor. Selbst die neuronale Aktivität von Sinneszellen ist immer dadurch beeinflusst, dass motorische Neuronen Bewegungen verursacht haben, die die entsprechenden Sinnesorgane einem Reiz ausgesetzt haben. Und nur in Relation zur neuronalen Aktivität der motorischen Neuronen wird die Aktivität der Sinneszellen interpretiert. Auch das Nervensystem erhält also seine Einheit, indem es immer wieder Relationen neuronaler Aktivität hervorbringt. Diese Einheit konstituiert sich über die Relationen neuronaler Aktivität und nicht über diese Aktivität selbst. Und eben hier begegnet diese Organisation wieder den modernen neurobiologischen Bewusstseinstheorien. Auch das Bewusstsein ist ja gekennzeichnet durch solche Relationen, nämlich die mehr oder minder ausgeprägten Synchronisation zwischen der Aktivität von Neuronenpopulationen – zu einem bestimmten Zeitpunkt und in ihrem zeitlichen Verlauf. Die Identität eines Menschen in der Zeit zwischen Geburt und Tod beruht also nicht auf seiner materiellen „Substanz“, sondern auf den Relationen, durch die er sich im Verlauf seines Lebens, seiner Inkarnation immer wieder selbst hervorbringt: als Lebewesen, als Nervensystem, als Bewusstsein.
Und die Reinkarnation? Der Dualismus sagt uns, es gäbe eine seelisch-geistige Substanz, die unsterblich sei, sich vielleicht reinkarnieren könne. Der Monismus und die Hirnforschung zeigen uns, dass diese Annahme höchst unplausibel ist. Was sagt eine relationale Auffassung der Geistig-Seelischen? Was wohl anders als: Reinkarnation kann sich nicht anders vollziehen als über eine Relation oder ein System von Relationen, die die Identität des Menschen nach seinem Tod bis zu seiner neuen Geburt, also über den Zerfall seines biologischen Organismus und seines Nervensystems hinaus aufrechterhält. Diese Relationen mögen darüber hinaus noch vieles anderes bewirken: Ähnlichkeiten oder Unterschiede zwischen dem Menschen in dieser und der nächsten Inkarnation, Schicksalsaufgaben, Karma. Doch zumindest Identität. Und was wäre dann das sich reinkarnierende Geistselbst? Es mag vieles sein. Aus dem Gesagten ableiten kann man aber immerhin, was es sicher nicht sein kann: Nämlich eine vom Materiellen verschiedene „Substanz“, ein immaterielles „Ding“. Und man kann ableiten, was es zumindest sein könnte: Eben dieses System von Relationen, das unsere Identität während dieses Lebens, aber auch von einer Inkarnation zur nächsten erhält.
Wie könnte diese Identität von einer Inkarnation zur nächsten, über den Tod des Körpers hinaus konstituiert werden? Kann vielleicht das, was uns Steiner aus Sicht einer übersinnlichen Wahrnehmung über das Schicksal der Seele zwischen Tod und neuer Inkarnation berichtet, von dem abstrakten Verstand als ein gewaltiges System von rein geistigen Relationen gedacht werden, die die Identität des Menschen erhalten? Oder etabliert sich diese Identität vielleicht ganz einfach durch all die komplexen Relationen, die nach den wissenschaftlichen Auffassungen von heute die Entwicklung der menschlichen Seele beeinflussen: Relationen zu Genen, Erziehung, Umwelt und – vor allem - zu sich selbst? Vielleicht ist unsere Realität aber auch ganz anders beschaffen als wir das heute denken. Die Quantentheorie kennt genug Relationen, die nicht auf einen unmittelbaren räumlich-zeitlichen Zusammenhang beruhen. So wie beim Zerfall eines Elementarteilchens in zwei neue der Spin des einen Teilchens ohne Möglichkeit einer raumzeitlichen Beziehung den Spin des anderen Teilchens beeinflusst (das Phänomen der verschränkten Zustände), könnte auch unsere vorige Inkarnation die jetzige, unsere jetzige die folgende beeinflussen. Vielleicht verkörpern sich letztendlich die Relationen der geistigen Welten gerade eben in diesen heute schon bekannten und noch unbekannten Zusammenhängen der physischen Realität? Vielleicht ist die geistige Welt ebenso in der materiellen verkörpert wie unser Geistig-Seelisches in unserem Leibe? Vielleicht hat Goethe recht: So wie im Menschen „der Geist nie ohne Materie existiert“, so existiert auch „die Materie nie ohne Geist“. Vielleicht hat Hegel recht, wenn er meint, dass unsere Wirklichkeit uns zwar zunächst materiell erscheint, ihrem Wesen nach aber geistig ist. Vielleicht hat Steiner recht, wenn er den Monismus seiner „Philosophie der Freiheit“ als philosophische Grundlage seiner späteren anthroposophischen Schriften sieht – und somit auch für sein Verständnis von Reinkarnation.
Viele Vielleichts. Was ist damit gewonnen? Solange man die Idee der Reinkarnation an den Substanzbegriff bindet, scheint diese Idee angesichts des Kausalitätsproblems und der Ergebnisse der Hirnforschung völlig absurd zu sein. Man kann zwar beides mit einem neokantianischen Skeptizismus in Frage stellen. Plausibel wird der Dualismus damit aber nicht. Versteht man das Seelisch-Geistige des Menschen hingegen aus seiner Relationalität heraus, dann verträgt sich diese Vorstellung immerhin mit all den neueren Ergebnissen neurowissenschaftlicher Forschung. Reinkarnation ist dann immer noch ein großes Mysterium. Doch scheint ihre Möglichkeit immerhin denkbar. Eben so denkbar wie die Möglichkeit, dass unser Geistig-Seelisches sich in dem Ozean der materiellen Welt verliert, dass es aufgehoben bleibt im Geiste Gottes, dass all dies nur Worte für die gleiche Tatsache sind. Aber mehr als die Möglichkeit von Reinkarnation kann das Denken nicht erweisen. Sie zu erfahren bedarf es mehr.