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Zufall oder Design. Tertium non datur?

von Axel Ziemke

erschienen in Info3 (März 2006)

Im Jahr 1859 veröffentlichte Charles Darwin sein Buch „On the Origin of Species by Means of Natural Selection or The Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life”. Er formulierte die Theorie, dass sich die Evolution der Lebewesen im Wesentlichen mit zwei Prinzipien erklären ließe: Variation und Selektion. Es treten zufällig kleine erbliche Variationen in den Merkmalen von Lebewesen auf. Diese Veränderungen können sich negativ, aber auch positiv auf ihre Überlebenswahrscheinlichkeit und damit auch auf ihren Fortpflanzungserfolg auswirken – je nachdem ob sie ihre Angepasstheit an die Umwelt vergrößern oder verringern. Es tritt also eine natürliche Selektion auf. Die Varianten mit einem höheren Fortpflanzungserfolg geben ihre Merkmale an die folgenden Generationen weiter. In kleinen Schritten sollten sich die Lebewesen verändern. Irgendwann bewirken diese kleinen Veränderungen, dass sich neue Arten bilden, Gruppen von Lebewesen also, die nur noch untereinander fortpflanzungsfähige Nachkommen hervorbringen können. Sehr viele dieser durch die Selektion begünstigten Variationen sollten letztendlich zur Herausbildung ganz neuer Baupläne von Lebewesen führen und somit zu neuen Ordnungen, Klassen und Stämmen von Tieren und Pflanzen.

Darwins Theorie revolutionierte die Biologie. Die Genetik erforschte immer mehr die Gesetzmäßigkeiten der Vererbung und entdeckte in den verschiedenen Formen von Mutationen und den vielfältigen Rekombinationsprozessen von Genen die Grundprozesse der natürlichen Variabilität. Die Ökologie verhalf zu einem immer besseren Verständnis von Anpassung und Selektion. Die Paläontologie entdeckte einige eindrucksvolle Entwicklungsreihen von Lebewesen, die Darwins Theorie bestätigten: den Stammbaum der Pferde, die Entwicklung der Wale und nicht zuletzt die Evolution des modernen Menschen aus seinen nächsten Vorfahren. Die Populationsgenetik erlaubte eine Mathematisierung der Theorie Darwins. Seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts spricht man von der „Synthetischen Evolutionstheorie“, die nicht nur eine Synthese der Forschungen aus praktisch allen Bereichen der Biologie darstellt, sondern auch die Grundlagentheorie der Biologie überhaupt ist. „Nichts in der Biologie macht Sinn, außer im Licht der Evolution“ - so Theodosius Dobzhansky, einer der Begründer dieser Synthese.

Darwins Theorie revolutionierte aber nicht nur die Biologie. Sie veränderte grundlegend das Weltbild der Menschen. Bis ins 18. Jahrhundert nahm man den biblischen Schöpfungsbericht als Tatsache hin. Im beginnenden 19. Jahrhundert entstanden die ersten biologischen Entwicklungstheorien. Doch nach wie vor galt Gott selbst den meisten Biologen noch als Schöpfer der Pflanzen, der Tiere und natürlich des Menschen. Mit jener Revolution der Biologie war Gott immer mehr Menschen allenfalls noch der Auslöser für jenes ewige Wechselspiel von Variation und Selektion. Darwins Theorie fand natürlich schon immer Kritiker der verschiedensten Art. Auf der einen Seite stehen vielfältige Versuche, die Theorie aus religiösen Motiven heraus in Frage zu stellen. So sorgte noch in den letzten Jahrzehnten der „Kreationismus“ in den USA für Aufsehen, der den biblischen Schöpfungsbericht mit pseudowissenschaftlichen Argumenten zu „beweisen“ und die Darwinsche Theorie von den Lehrplänen amerikanischer Schulen zu streichen versuchte. Auf der anderen Seite gab es immer wieder auch Biologen, die auf Erklärungsdefizite der synthetischen Evolutionstheorie verwiesen. „Intelligent Design“ wird leider in den Medien nicht selten mit dem Kreationismus verwechselt oder in einen Topf geworfen, obwohl sich seine Vertreter zunächst einmal in erster Linie als Wissenschaftler verstehen, die diese Erklärungsdefizite möglichst genau herausarbeiten wollen. Forscher wie William Dembski, Michael Behe, Michael Denton oder Stephen Meyer in den USA, aber auch Wolf-Ekkehard Lönnig, Siegfried Scherer oder Reinhard Junker in Deutschland leugnen dabei im Gegensatz zum Kreationismus keineswegs die Tatsache einer biologischen Evolution und sie befürworten eine noch viel tiefgehendere Auseinandersetzung mit der Synthetischen Evolutionstheorie im Schulunterricht – einschließlich ihrer Erklärungsgrenzen. Vor allem aber nehmen sie Darwin ernst im besten wissenschaftstheoretischen Sinne.

Charles Darwin selbst war nämlich nicht nur der große Revolutionär der Biologie, sondern vor allem ein außerordentlich sorgfältiger und in seinen Thesen zurückhaltender Forscher. Jahrelang zögerte er mit der Veröffentlichung seines ersten Buches. Erst 1871, zwölf Jahre nach dessen Erscheinen, wagte er in „The Descent of Man“ eine Übertragung seiner Theorie auf den Menschen. Und in wissenschaftstheoretisch bester Manier beschränkte er sich in seinen Werken nicht nur darauf, eine Fülle empirischer Belege für seine kühne Theorie aufzuführen, sondern machte auch deutlich, welche Möglichkeiten einer empirischen Widerlegung seiner Theorie er sich vorstellen könnte: „Wenn gezeigt werden könnte, dass ein komplexes Organ existiert, welches sich nicht durch viele aufeinanderfolgende geringfügige Modifikationen entwickelt haben könnte, dann würde meine Theorie vollkommen zusammenbrechen.“ Darwin bekundete natürlich, noch nie ein solches Organ gefunden zu haben. Die Ausgangsfrage der ID-Forscher ist ganz in diesem Sinne: Gibt es sie vielleicht doch?

Wird die Fangblase des Wasserschlauchs zur Fußangel für Darwins Theorie?

Utricularia sandersonii Pictures, Images and Photos

Der Wasserschlauch Utricularia ist eine Wasserpflanze, die ihren Energiebedarf wie alle Pflanzen über die Photosynthese deckt. Wie nicht wenige andere Pflanzen hat sie jedoch eine zusätzliche Nahrungsquelle: Die Ernährung durch Fang und Verdauung von Kleinstlebwesen. Dazu verfügt sie über eine äußerst raffinierte Fangvorrichtung, die unsere Abbildung zeigt: Dieses Bläschen ist über eine Art „Falltüre“ wasserdicht verschlossen. Durch Drüsen an der Außenseite wird Wasser nach außen gepumpt, so dass letztlich im Inneren des Bläschens ein viel geringerer Druck als außen entsteht. Berührt nun etwa ein vorbeipaddelnder Wasserfloh die Härchen an der Außenseite der „Falltüre“, dann öffnet sich diese und der Wasserfloh wird in das Bläschen hineingesogen. Die Falltüre schließt sich hinter ihm und die Drüsen sondern einen Cocktail von Enzymen zu seiner Verdauung ab. Die freigesetzten Nährstoffe werden dem Stoffwechsel der Pflanze zugeführt.

Bei dieser Fangblase handelt es sich ganz offensichtlich um eine Blattmetamorphose. Sie müsste sich aus Sicht der Theorie Darwins also in vielen kleinen aufeinanderfolgenden Schritten aus Blättern der Vorfahren unseres Wasserschlauches entwickelt haben. Jeder dieser Schritte müsste die Fortpflanzungswahrscheinlichkeit der jeweiligen Pflanze erhöht haben, um sich in den nächsten Generationen durchzusetzen – und dann eines Tages dieses faszinierende Gebilde hervorzubringen. Wie aber kann man sich das vorstellen? Die wasserdicht abschließende „Falltüre“ wird den Fortpflanzungserfolg nicht steigern, wenn das Blatt nicht schon ein Bläschen bildet und wenn nicht die Drüsen vorhanden sind, die in dem Bläschen einen Unterdruck erzeugen und Enzyme zur Verdauung der Beute ausschütten. Die Ausschüttung der Enzyme ist eine unnötige, den Fortpflanzungserfolg mindernde Energieverschwendung, wenn nicht schon Bläschen, Unterdruckpumpen und „Falltüre“ vorhanden sind. Und selbst die wasserdicht schließende und von den empfindlichen Härchen zu öffnende „Falltüre“ erfordert ihrerseits die aufeinander abgestimmte Entwicklung vieler Zellen, von denen jeder isolierte Schritt nicht den mindesten Sinn macht. Erst das gesamte System mit all seinen aufeinander abgestimmten Teilen macht die Nutzung tierischer Nahrung möglich und stellt einen Selektionsvorteil dar. Dass aber all diese Veränderungen „zufällig“ auf einmal auftreten, scheint völlig unmöglich zu sein.

Die Fangblase des Wasserschlauches ist nun bei weitem nicht das einzige Beispiel. Michael Behe nennt solche Organe „unreduzierbar komplexe Systeme“ („irreducible complex systems“). Solche Systeme sind, wie die Fangblase des Wasserschlauches, aus verschiedenen fein aufeinander abgestimmten Teilen zusammengesetzt, die zusammen die Funktion des Systems garantieren. Der Ausfall eines einzigen Teiles bewirkt dabei sofort, dass das gesamte System seine Funktion nicht mehr erfüllen kann. Es scheint demzufolge undenkbar, dass sich solche Systeme über die vielen kleinen Zwischenschritte entwickelt haben könnten. Sie wären also Beispiele für solche Organe, deren Vorhandensein nach Darwins eigenen Worten seine „Theorie vollkommen zusammenbrechen“ lassen würden. Weitere Beispiele solcher unreduzierbar komplexer Systeme sind die Cilien und Geißeln von Bakterien mit ihrem komplizierten Bewegungsapparat, das System der Blutgerinnung, Gelenke von Wirbeltieren und viele andere. Diese Beispiele mögen auf den ersten Blick nicht besonders wichtig für ein Verständnis der Stammesgeschichte oder gar der Herkunft des Menschen erscheinen. Doch ist diese Auswahl andererseits ein Indiz für die Wissenschaftlichkeit der in dem jeweiligen Zusammenhang formulierten Hypothese der unreduzierbaren Komplexität. Man muss ein System sehr genau verstanden haben, um behaupten zu können, dass es unreduzierbar komplex ist. Oder umgekehrt: Die These, dass ein bestimmtes Organ ein unreduzierbar komplexes System ist, erfüllt das wichtigste Kriterium einer wissenschaftlichen Theorie: Sie ist offen für eine empirische Widerlegung. Über diese Ebene exakter Forschung hinaus sind natürlich Spekulationen erlaubt – wenn sie als solche gekennzeichnet werden. Was könnten noch solche unreduzierbar komplexen Systeme sein? Das Linsenauge vielleicht? Oder das mehrkammerige Herz mit dem doppelten Blutkreislauf? Oder gar der aufrechte Gang des Menschen?

Bringt die kambrische Explosion die Evolutionstheorie zum Zusammenbruch?

Das Fundamentalproblem, das die Synthetische Evolutionstheorie mit den unreduzierbar komplexen Systemen hat, trifft sich mit einem weiteren Erklärungsdefizit dieser Theorie. Während die Mikroevolution, also die Veränderung einzelner Merkmale innerhalb einer Art bis hin zur Herausbildung neuer Arten theoretisch einigermaßen verstanden und empirisch oftmals gut belegt ist, gibt die Makroevolution, also die Entwicklung neuer Tiergruppen mit grundsätzlich neuen Bauplänen der Evolutionstheorie bislang unlösbare Rätsel auf. Nach Darwins Theorie sollten sich auch hier die neuen Lebensformen über geologisch lange Zeiträume und über sehr viele Zwischenstufen, die sich untereinander nur geringfügig unterscheiden, entwickelt haben. Was zeigen aber die Fossilienfunde, die die wichtigste empirische Basis zur Erforschung der Makroevolution sind? Etwa 3,6 Milliarden Jahre alt sind die ersten Fossilien einzelliger Lebewesen. Etwa drei Milliarden Jahre lang bleibt es, abgesehen von der sogenannten Ediacara-Lebenswelt - bei Einzellern. Vor etwa 570 Millionen Jahren entwickeln sich innerhalb eines geologischen „Augenblicks“ von höchstens fünf Millionen Jahren wenigstens 41 Stämme mehrzelliger Tiere mit den denkbar verschiedensten Bauplänen. Übergangsformen finden sich nicht. Die Lebewesen der Ediacara-Lebenswelt lassen sich als Vorfahren sicher ausschließen. Das Erdzeitalter, das mit diesem Evolutionsschub beginnt, nennt man Kambrium, den Evolutionsschub selbst „kambrische Explosion“. Was hier massenweise auftritt, wiederholt sich bei der Entstehung praktisch aller Stämme des Tier- und Pflanzenreiches: Den Fossilien zufolge entstehen die neuen Baupläne in erdgeschichtlich kurzen Zeiträumen und ohne irgendwelche nachweisbaren Zwischenstufen oder Übergangsformen. Wie sollen sich diese Befunde mit Hilfe der Synthetischen Evolutionstheorie erklären lassen? Andererseits stellt sich hinsichtlich der Entwicklung dieser Grundbaupläne aber auch das gleiche theoretische Problem: Wie sollen sich die Übergangsformen zwischen verschiedenen Bauplänen entwickelt haben, wenn doch nur der vollständige neue Bauplan eine sinnvolle Anpassung zum Überleben in einer neuen Umgebung darstellt? Sind vielleicht auch Grundbaupläne oder wesentliche Organe der verschiedenen Tier- und Pflanzenstämme „unreduzierbar komplex“?

Was sonst?

Für die Wissenschaftler des Intelligent Design sind diese Erklärungsdefizite der Synthetischen Theorie Grund genug, die Erklärung der Evolution durch Variation und Selektion auf die Mikroevolution zu beschränken und für die Makroevolution einen anderen Erklärungsansatz zu wählen: Da sowohl die unreduzierbar komplexen Organe als auch die neuen Baupläne von Lebewesen plötzlich und ohne vorangehende Übergangsformen entstehen, ist ihre Funktionalität durch die herkömmliche Evolutionstheorie nicht zu erklären. Als Alternative für ihre Entstehung bleibt also nur, dass eine wie auch immer geartete Intelligenz die Organe und Grundbaupläne so gestaltet hat, dass sie so funktionieren, wie wir es beobachten können. Neue Baupläne von Lebwesen, unreduzierbar komplexe Organe sind das Ergebnis von „intelligent design“. In den Worten von Behe: „Intelligent Design ist eine wissenschaftliche Theorie, die aussagt, dass einige Aspekte des Lebens am besten als das Ergebnis von Design erklärt werden können und dass der starke Eindruck von Design im Lebendigen wirklich und nicht nur scheinbar ist.“ Wie sich diese Schöpfung vollzogen hat, ist eine biologische Frage, die die ID-Forscher allerdings auf Grund unseres heutigen Wissens noch nicht beantworten zu können vorgeben. Wer der „Designer“ sein könnte, ist ihrer Auffassung nach überhaupt keine naturwissenschaftliche, sondern eine philosophische oder religiöse Frage. Man könnte also ebenso gut spekulieren, dass eine kosmische Intelligenz die DNA vorangegangener Lebensformen in geeigneter Form „umprogrammiert“ hat, wie dass ein „Gott“ seine „Energie“ in Form der neuen Lebensformen selbst (unter Verwendung bewährter molekularer Grundprinzipien) materialisiert hat. Man könnte natürlich auch im Sinne Rudolf Steiners überlegen, ob sich hier die isolierten Aspekte des geistig-kosmischen Menschen inkarnierten, um seine eigene „Fleischwerdung“ vorzubereiten!

Ist dieser Schluss auf eine irgendwie geartete Intelligenz nicht etwas unvermittelt, könnte man sich fragen. Ich glaube, dass viele Vertreter des Intelligent Design diesen Vorwurf „schlucken“ würden. Michael Behe schrieb dazu in der New York Times: „Der starke Eindruck von Design (in den Lebenserscheinungen – A.Z.) erlaubt ein entwaffnend einfaches Argument: Wenn es aussieht, läuft und schnattert wie eine Ente, dann sind wir berechtigt zu schließen, dass es eine Ente ist – solange es keinen zwingenden Beweis des Gegenteils gibt. Design sollte nicht übersehen werden bloß weil es so offensichtlich ist.“ Wenn also etwas wie Design aussieht, sollten wir davon ausgehen, dass es Design ist – solange die Empirie nicht dagegenspricht. Und die, so haben wir ja gesehen, spricht hinsichtlich der Makroevolution eher gegen Darwin und die Synthetische Evolutionstheorie. Entsprechend einfach ist auch die Evolutionstheorie des Intelligent Design: Neue Baupläne von Lebewesen entstehen ebenso wie unreduzierbar komplexe Organe gewissermaßen von heute auf morgen auf eine uns (noch) unbekannte Weise durch einen Prozess von intelligentem Design durch eine der Naturwissenschaft (wohl immer) unbekannte Intelligenz.

Zufall oder Design! Tertium non datur?

Wie ist die Theorie des „Intelligent Design“ zu bewerten? Dass es Organe gibt, deren Evolution durch das Wechselspiel von Variabilität und Selektion kaum erklärbar zu sein scheint, besonders aber, dass die Fossilienfunde einer darwinistischen Erklärung der Makroevolution fundamental zuwiderlaufen, ist ein Erklärungsdefizit der heutigen Synthetischen Evolutionstheorie, auf den die Wissenschaftler des „Intelligent Design“ keineswegs als erste und einzige hinweisen. Sie ist schon von vielen ihr Forschungsgebiet kritisch reflektierenden Evolutionsbiologen herausgestellt worden – nicht zuletzt von Ernst Mayr, dem im vorigen Jahr verstorbenen „Papst der Evolutionsbiologie“. In beiden Richtungen gibt es Ansätze, die Synthetische Theorie weiter zu denken. Für die Bildung neuer Organe mit synergistisch zusammenwirkenden Teilen diskutiert man die Möglichkeit von Funktionswechseln und merkt an, dass Zwischenstufen nicht unbedingt einen höheren Fortpflanzungserfolg garantieren, sondern lediglich das Überleben nicht unmöglich machen dürfen. Die Evolutionssprünge in der Makroevolution werden über die Konzepte der unterbrochenen Gleichgewichte oder der Binnenselektion zu erklären versucht. Keiner dieser Ansätze scheint diese Probleme bis zum heutigen Tage aber wirklich befriedigend lösen zu können.

Neu ist hingegen, dass diese Kritik an der Synthetischen Theorie von den Vertretern des „Intelligent Design“ konkretisiert, verschärft und zur Begründung eines gänzlich neuen Erklärungsansatzes geführt wird. Die Erklärung der Makroevolution durch einen Prozess von Intelligent Design ist in ihrer Provokanz sicher durchaus spannend. Die Alternative entspringt aber letztlich einem doch recht simplen Ausschlussverfahren: Wenn sich die Zweckmäßigkeit lebender Organismen und ihrer Organe nicht durch Variabilität und Selektion erklären lässt, dann kann es doch nur Intelligent Design sein. Kehren wir doch einfach zu der naheliegenden Grundannahme zurück, über die sich vor Darwin praktisch alle Menschen einig waren! Hier stellt sich mir die Frage: Gibt es wirklich nichts Drittes? Gibt es wirklich nur Zufall oder Design?

Dazu vielleicht ein lehrreiches Beispiel aus der jüngeren Biologiegeschichte: Man unterscheidet (mindestens) zwei Grundtypen von Zellen: eukaryontische und prokaryontische Zellen. Eukaryontische Zellen sind die Zellen von Tieren oder Pflanzen, auch von einigen einzelligen Lebewesen. Prokaryontische Zellen sind die einzelligen Bakterien oder Blaualgen. Die ersten Lebewesen hatten gewiss Zellen, die den heutigen prokaryontischen ähnelten, während sich die ersten eukaryontischen Einzeller vielleicht vor 1,4 Milliarden Jahren entwickelten. Eukaryontische Zellen sind wesentlich komplexer aufgebaut als prokaryontische. Sie haben unter anderem einen echten (griechisch „eu“) Zellkern (griechisch „karyon“), weisen Mitochondrien und im Falle von Pflanzenzellen Chloroplasten auf , von denen die ersteren für die Zellatmung, die letzteren für die Photosynthese zuständig sind. Die vor einigen Jahrzehnten gängige „Theorie der endogenen Kompartimentierung“ erklärte die Entstehung dieses Zelltyps im üblichen darwinistischen Rahmen durch variationsbedingt kleine Schritte der Einstülpung von Membranen, die immer komplexere Formen annehmen sollten, bis sich eines schönen Tages die funktionsfähigen Mitochondrien und Chloroplasten gebildet hätten. Damals hätte ein Kritiker der Synthetischen Theorie die eukaryontische Zelle vielleicht durchaus als „unreduzierbar komplex“ eingestuft haben können – denn auch Chlorplasten oder Mitochondrien haben nur dann einen Sinn für das Überleben und die Fortpflanzung der Zelle, wenn sie vollständig differenziert und zur Durchführung von Atmung und Photosynthese befähigt sind. Heute erklärt man die Entstehung der Mitochondrien und Chloroplasten allerdings völlig anders: nämlich über die Endosymbiontentheorie. Zur Atmung befähigte prokaryontische Zellen begannen irgendwann einmal symbiotisch (also zum gegenseitigen Vorteil) in anderen prokaryontischen Zellen zu leben und entwickelten sich - auf dem Weg von Variabilität und Selektion – zu Mitochondrien. Blaualgenartige, zur Photosynthese befähigte Prokaryonten gingen eine solche Endosymbiose mit anderen Prokaryonten ein und entwickelten sich auf ähnliche Weise zu Chlorplasten. Zwei wichtige Schritte auf dem Weg zur eukaryontischen Zelle konnten so erklärt werden – unter Erweiterung der Konzepte der Synthetischen Theorie, bei Beibehaltung ihrer grundlegenden Voraussetzungen und ohne ein intelligentes Design bemühen zu müssen. Ich möchte damit nicht behaupten, dass Endosymbiose der Schlüssel für die von den ID-Forschern aufgezeigten Grenzen der Synthetischen Theorie sei. Das ist sie bestimmt nicht. Ich möchte lediglich zeigen, dass die Natur dem für neue Einsichten offenen Forscher immer wieder erstaunliche und nicht selten erstaunlich einfache Lösungen für die vertracktesten Probleme liefert, die jenseits des Entweder-Oder von Zufall und Design liegen.

Ich möchte mich damit keineswegs nahtlos in die Reihen der ID-Kritiker einreihen. Vielleicht wirkt Gott, der Weltgeist, die geistige Welt tatsächlich viel unmittelbarer auf die Weltenentwicklung ein als es die meisten „modernen“ Menschen glauben. Und selbst wenn es nicht so sein möge: Der mit seiner Falsifikationstheorie für die Wissenschaftstheorie bahnbrechende Philosoph Karl-Raimund Popper hat meiner Ansicht nach zurecht betont, dass eine mutige, für empirische Widerlegungen offene Theorie selbst im Falle ihrer Falsifikation wesentlich mehr zum Wissenschaftsfortschritt beiträgt als opportunistische Flickschusterei an überlebten Konzepten. Und wie ein solche empirische Widerlegung der Theorie des Intelligent Design aussehen könnte, ist offensichtlich: Man müsste „lediglich“ für einen oder einige wenige Tier- oder Pflanzenstämme die Entwicklung des Bauplanes aus einem anderen vorangehenden Bauplan mit Fossilien dokumentieren und theoretisch plausibel machen. Man müsste „lediglich“ für eines oder einige wenige der genannten unreduzierbar komplexen Organe zeigen, dass sie auch bei dem Ausfall eines ihrer Teile irgendeine Funktion erfüllen können – oder auch hier ihre Entwicklung über Zwischenstufen zeigen. In beiden Fällen würde in Darwins Worten die „Theorie (des Intelligent Design) vollkommen zusammenbrechen“. Man sollte mit der Theorie des Intelligent Design wissenschaftlich ebenso fair umgehen wie die Forscher des Intelligent Design mit Darwin. Man sollte Intelligent Design ernst nehmen und es naturwissenschaftlich – und nicht polemisch, journalistisch oder gar politisch – zu widerlegen versuchen. Wenn „Intelligent Design“ dazu führen würde, die Frage nach der Evolution des Lebendigen wieder religiösen Dogmatikern zu überlassen, dann wäre es gewiss berechtigt, diesen Ansatz mit allen (demokratischen) Mitteln zu bekämpfen. Wenn die Thesen dieser Forscher hingegen ein gewisses Maß von Verunsicherung in das wissenschaftliche Dogma der Synthetischen Theorie bringen sollten, so ist Intelligent Design hingegen sicher als ein Weg zu begrüßen, der Offenheit für neue Überlegungen, Entdeckungen und Erfahrungen in ein für unser Weltbild und das Selbstverständnis des Menschen überaus wichtiges Forschungsgebiet bringen könnte.