Intelligent Design in der Diskussion
Zufall oder Design - Tertium
non datur?
Von Axel Ziemke
(erschienen
in : Info3 März 2006)
Im Jahre 1859
veröffentlichte Charles Darwin sein Buch On the Origin of Species by Means of
Natural Selection or The Preservation of Favoured Races in the Struggle for
Life. Er formulierte darin
die Theorie, dass sich die Evolution der Lebewesen im Wesentlichen mit zwei
Prinzipien erklären ließe: mit Variation und Selektion. Jedes Kind kennt
heute diese Vorstellung: Es treten zufällig kleine erbliche Variationen in
den Merkmalen von Lebewesen auf. Diese Veränderungen können sich negativ,
aber auch positiv auf ihre Überlebenswahrscheinlichkeit und damit auch auf
ihren Fortpflanzungserfolg auswirken - je nachdem, ob sie ihre Angepasstheit
an die Umwelt vergrößern oder verringern. Es tritt also eine natürliche
Selektion auf. Die Varianten mit einem höheren Fortpflanzungserfolg geben
ihre Merkmale an die folgenden Generationen weiter. In kleinen Schritten
sollen sich demnach die Lebewesen verändern. Irgendwann bewirken diese
kleinen Veränderungen, dass sich neue Arten bilden, Gruppen von Lebewesen
also, die nur noch untereinander fortpflanzungsfähige Nachkommen
hervorbringen können. Sehr viele dieser durch die Selektion begünstigten
Variationen sollen letztendlich zur Herausbildung ganz neuer Baupläne von
Lebewesen führen und somit zu neuen Ordnungen, Klassen und Stämmen von Tieren
und Pflanzen.
Darwins Theorie revolutionierte die Biologie. Die Genetik erforschte immer
intensiver die Gesetzmäßigkeiten der Vererbung und entdeckte in den
verschiedenen Formen von Mutationen und den vielfältigen Rekombinationsprozessen
von Genen die Grundprozesse der natürlichen Variabilität. Die Ökologie
verhalf zu einem immer besseren Verständnis von Anpassung und Selektion. Die
Paläontologie entdeckte einige eindrucksvolle Entwicklungsreihen von
Lebewesen, die Darwins Theorie bestätigten: den Stammbaum der Pferde
beispielsweise, die Entwicklung der Wale und nicht zuletzt die Evolution des
modernen Menschen aus seinen nächsten Vorfahren. Die Populationsgenetik
erlaubte eine Mathematisierung der Theorie Darwins. Seit der Mitte des
vorigen Jahrhunderts spricht man von der "Synthetischen
Evolutionstheorie", die nicht nur eine Synthese der Forschungen aus
praktisch allen Bereichen der Biologie darstellt, sondern auch die
Grundlagentheorie der Biologie überhaupt ist. "Nichts in der Biologie
macht Sinn, außer im Licht der Evolution", so Theodosius Dobzhansky, einer der Begründer dieser Synthese.
Verändertes Weltbild
Darwins Theorie revolutionierte aber nicht nur die Biologie. Sie veränderte
grundlegend das Weltbild der Menschen. Bis ins 18. Jahrhundert nahm man den
biblischen Schöpfungsbericht noch als Tatsache hin. Im beginnenden 19.
Jahrhundert entstanden die ersten biologischen Entwicklungstheorien. Doch nach
wie vor galt Gott selbst den meisten Biologen noch als Schöpfer der Pflanzen,
der Tiere und natürlich des Menschen. Mit jener Revolution der Biologie war
Gott für immer mehr Menschen allenfalls noch der Auslöser jenes ewigen
Wechselspiels von Variation und Selektion.
Darwins Theorie fand natürlich schon immer Kritiker der verschiedensten Art. Ende
des 19. Jahrhunderts kam es zwischen dem Hauptvertreter des Darwinismus in
Deutschland, Ernst Haeckel, und kirchennahen Wissenschaftlern in Deutschland
zu einer Art Kulturkampf, in dessen Verlauf sich unter anderem Rudolf Steiner
auf die Seite Haeckels und des Evolutionsgedankens stellte. Aber bis heute
gibt es vielfältige Versuche, Darwins Theorie aus religiösen Motiven heraus
in Frage zu stellen. So sorgte noch in den letzten Jahrzehnten der so
genannte "Kreationismus" in den USA für
Aufsehen, der den biblischen Schöpfungsbericht mit pseudowissenschaftlichen
Argumenten zu "beweisen" und die Darwin'sche
Theorie von den Lehrplänen amerikanischer Schulen zu streichen versuchte. Auf
der anderen Seite gab es immer wieder auch Biologen, die aus rein fachlichen
Gründen auf Erklärungsdefizite der synthetischen Evolutionstheorie verwiesen.
Seit relativ kurzer Zeit findet auch in der deutschen Öffentlichkeit eine
Richtung, die aus den USA stammt und unter der Bezeichnung "Intelligent
Design" Kritik an der Theorie Darwins formuliert, Beachtung. Dieser
Ansatz wird leider von Seiten mancher Wissenschaftler, besonders aber auch in
den Medien nicht selten mit dem Kreationismus
verwechselt oder in einen Topf geworfen, obwohl sich seine Vertreter zunächst
einmal in erster Linie als Wissenschaftler verstehen, die diese
Erklärungsdefizite möglichst genau herausarbeiten wollen. Forscher wie
William Dembski, Michael Behe,
Michael Denton oder Stephen Meyer in den USA, aber
auch Wolf-Ekkehard Lönnig (Genetiker am Max Planck
Institut Köln), Siegfried Scherer (Professor für Biologie an der TU München)
oder Reinhard Junker (promovierter Oberstufenlehrer für Biologie) in
Deutschland leugnen dabei im Gegensatz zum Kreationismus
keineswegs die Tatsache einer biologischen Evolution. Außerdem befürworten
sie eine noch viel tiefgehendere Auseinandersetzung mit der Synthetischen
Evolutionstheorie im Schulunterricht - allerdings einschließlich ihrer
Erklärungsgrenzen. Vor allem aber nehmen sie Darwin im besten
wissenschaftstheoretischen Sinne ernst.
Charles Darwin selbst war nämlich nicht nur der große Revolutionär der
Biologie, sondern vor allem ein außerordentlich sorgfältiger und in seinen Thesen
zurückhaltender Forscher. Jahrelang zögerte er mit der Veröffentlichung
seines ersten Buches. Erst 1871, zwölf Jahre nach dessen Erscheinen, wagte er
in The Descent of Man
eine Übertragung seiner Theorie auf den Menschen. Und in
wissenschaftstheoretisch bester Manier beschränkte er sich in seinen Werken
nicht nur darauf, eine Fülle empirischer Belege für seine kühne Theorie
aufzuführen, sondern machte auch deutlich, welche Möglichkeiten einer
empirischen Widerlegung seiner Theorie er sich selbst vorstellen könnte:
"Wenn gezeigt werden könnte, dass ein komplexes Organ existiert, welches
sich nicht durch viele aufeinanderfolgende geringfügige Modifikationen
entwickelt haben könnte, dann würde meine Theorie vollkommen
zusammenbrechen." Darwin selbst ging natürlich davon aus, noch nie ein
solches Organ gefunden zu haben und rechnete wohl auch nicht damit, dass dies
der Fall sein könnte. Die Ausgangsfrage der ID-Forscher
ist jedoch ganz in diesem Sinne: Gibt es sie vielleicht doch, die Fakten, die
seine Theorie "vollkommen zusammenbrechen" lassen würde?
Die Fangblase des Wasserschlauchs als Fußangel für Darwins
Theorie
Der Wasserschlauch mit dem lateinischen Namen Utricularia
ist eine Wasserpflanze, die ihren Energiebedarf wie alle Pflanzen über die
Photosynthese deckt. Wie nicht wenige andere Pflanzen hat sie jedoch eine
zusätzliche Nahrungsquelle: Die Ernährung durch Fang und Verdauung von
Kleinstlebewesen. Dazu verfügt sie über eine äußerst raffinierte
Fangvorrichtung, die unsere Abbildung zeigt: Dieses Bläschen ist über eine
Art "Falltüre" (M) wasserdicht verschlossen. Durch Drüsen an der
Außenseite des Organs wird Wasser nach außen gepumpt, so dass letztlich im
Inneren des Bläschens ein viel geringerer Druck als außen entsteht. Berührt
nun etwa ein vorbeipaddelnder Wasserfloh die Härchen an der Außenseite der
"Falltüre" (B), dann öffnet sich diese und der Wasserfloh wird in
das Bläschen hineingesogen. Die Falltüre schließt sich hinter ihm und die
Drüsen sondern einen Cocktail von Enzymen zu seiner Verdauung ab. Die
freigesetzten Nährstoffe werden dem Stoffwechsel der Pflanze zugeführt.
Bei dieser Fangblase handelt es sich ganz offensichtlich um eine
Blattmetamorphose. Sie müsste sich aus Sicht der Theorie Darwins in vielen
kleinen aufeinanderfolgenden Schritten aus Blättern der Vorfahren unseres
Wasserschlauches entwickelt haben. Jeder dieser Schritte müsste die
Fortpflanzungswahrscheinlichkeit der jeweiligen Pflanze erhöht haben, um sich
in den nächsten Generationen durchzusetzen - und dann eines Tages schließlich
dieses faszinierende Gebilde hervorzubringen. Wie aber kann man sich das
vorstellen? Machen wir uns Folgendes klar: Die wasserdicht abschließende
"Falltüre" wird den Fortpflanzungserfolg nicht steigern, wenn das
Blatt nicht schon ein Bläschen bildet und wenn nicht bereits die Drüsen
vorhanden sind, die in dem Bläschen einen Unterdruck erzeugen und Enzyme zur
Verdauung der Beute ausschütten. Die Ausschüttung der Enzyme wäre eine
unnötige, den Fortpflanzungserfolg eher mindernde Energieverschwendung, wenn
nicht schon Bläschen, Unterdruckpumpen und "Falltüre" vorhanden
sind. Und selbst die wasserdicht schließende und von den empfindlichen
Härchen zu öffnende "Falltüre" erfordert ihrerseits die aufeinander
abgestimmte Entwicklung vieler Zellen, von denen jeder isolierte Schritt
nicht den mindesten Sinn machen würde. Mit einem Wort: Erst das gesamte
System mit all seinen aufeinander abgestimmten Teilen macht die Nutzung
tierischer Nahrung möglich und erst als ein Ganzes stellt es einen
Selektionsvorteil dar. Dass diese Veränderungen aber alle
"zufällig" auf einmal auftreten, scheint völlig unmöglich zu sein.
Die Fangblase des Wasserschlauches ist nun bei weitem nicht das einzige
Beispiel. Der amerikanische Biochemiker Michael Behe
nennt solche Organe "unreduzierbar komplexe Systeme" ("irreducible complex
systems"). Solche Systeme sind, wie die Fangblase des Wasserschlauches,
aus verschiedenen fein aufeinander abgestimmten Teilen zusammengesetzt, die
zusammen die Funktion des Systems garantieren. Der Ausfall eines einzigen
Teiles bewirkt dabei sofort, dass das gesamte System seine Funktion nicht
mehr erfüllen kann. Es scheint demzufolge undenkbar, dass sich solche Systeme
über die von der synthetischen Evolutionstheorie angenommenen vielen kleinen
Zwischenschritte entwickelt haben könnten. Sie wären also Beispiele für
solche Organe, deren Vorhandensein nach Darwins eigenen Worten seine
"Theorie vollkommen zusammenbrechen" lassen würden. Weitere
Beispiele solcher unreduzierbar komplexer Systeme sind die Cilien und Geißeln von Bakterien mit ihrem komplizierten
Bewegungsapparat, das System der Blutgerinnung, die Gelenke von Wirbeltieren
und viele andere. Diese Beispiele mögen auf den ersten Blick nicht besonders
wichtig für ein Verständnis der Stammesgeschichte oder gar der Herkunft des
Menschen erscheinen. Doch ist diese Auswahl andererseits ein Indiz für die
Wissenschaftlichkeit der in dem jeweiligen Zusammenhang formulierten
Hypothese der unreduzierbaren Komplexität. Man muss ein System sehr genau
verstanden haben, um behaupten zu können, dass es unreduzierbar komplex ist. Oder
umgekehrt: Die These, dass ein bestimmtes Organ ein unreduzierbar komplexes
System ist, erfüllt das wichtigste Kriterium einer wissenschaftlichen
Theorie: Sie ist offen für eine empirische Widerlegung. Über diese Ebene
exakter Forschung hinaus sind natürlich Spekulationen erlaubt - wenn sie als
solche gekennzeichnet werden. Was könnten noch solche unreduzierbar komplexen
Systeme sein? Das Linsenauge vielleicht? Oder das mehrkammerige
Herz mit seinem doppelten Blutkreislauf? Oder gar der aufrechte Gang des
Menschen?
Bringt die kambrische Explosion die
Evolutionstheorie zum Zusammenbruch?
Das Fundamentalproblem, das die Synthetische Evolutionstheorie mit den
unreduzierbar komplexen Systemen hat, trifft sich mit einem weiteren
Erklärungsdefizit dieser Theorie. Während die Mikroevolution, also die
Veränderung einzelner Merkmale innerhalb einer Art (bis hin zur Herausbildung
neuer Arten), theoretisch einigermaßen verstanden und empirisch oftmals gut
belegt ist, gibt die Makroevolution, also die Entwicklung neuer Tiergruppen
mit grundsätzlich neuen Bauplänen der Evolutionstheorie bislang unlösbare
Rätsel auf. Nach Darwins Theorie sollten sich auch hier die neuen
Lebensformen über geologisch lange Zeiträume und über sehr viele
Zwischenstufen, die sich untereinander nur geringfügig unterscheiden,
entwickelt haben. Was zeigen aber die Fossilienfunde, die die wichtigste
empirische Basis zur Erforschung der Makroevolution sind?
Etwa 3,6 Milliarden Jahre alt sind die ersten Fossilien einzelliger
Lebewesen. Etwa drei Milliarden Jahre lang bleibt es, abgesehen von der so
genannten Ediacara-Lebenswelt, bei Einzellern. Vor
etwa 570 Millionen Jahren entwickeln sich dann plötzlich innerhalb eines
geologischen "Augenblicks" von höchstens fünf Millionen Jahren
wenigstens 41 Stämme mehrzelliger Tiere mit den denkbar verschiedensten
Bauplänen. Schnecken, Krebstiere und Armfüsser
gehören zu den Tierklassen, die damals entstanden sind und sich noch heute
zahlreicher Vertreter erfreuen. Die mit den Spinnentieren verwandten
Pfeilschwanzkrebse zählen heute zu den Lehrbuchbeispielen "lebender
Fossilien", deren Körperbau seit dieser Zeit praktisch unverändert
geblieben ist. Noch rätselhafter als ihr plötzliches Entstehen ist der
Befund, dass nicht eine Übergangsform in dieser Zeit Fossilien hinterlassen
hat. Die Lebewesen der Ediacara-Lebenswelt lassen
sich als Vorfahren sicher ausschließen. Das Erdzeitalter, das mit diesem
Evolutionsschub beginnt, nennt man Kambrium, den
Evolutionsschub selbst "kambrische
Explosion". Was hier massenweise auftritt, wiederholt sich bei der
Entstehung praktisch aller Stämme des Tier- und Pflanzenreiches: Den
Fossilien zufolge entstehen die neuen Baupläne in erdgeschichtlich kurzen
Zeiträumen und ohne irgendwelche nachweisbaren Zwischenstufen oder
Übergangsformen. Wie sollen sich diese Befunde mit Hilfe der Synthetischen
Evolutionstheorie erklären lassen? - Andererseits stellt sich hinsichtlich
der Entwicklung dieser Grundbaupläne aber auch das gleiche theoretische
Problem: Wie sollen sich die Übergangsformen zwischen verschiedenen Bauplänen
entwickelt haben, wenn doch nur der vollständige neue Bauplan eine sinnvolle
Anpassung zum Überleben in einer neuen Umgebung darstellt? Sind vielleicht
auch Grundbaupläne oder wesentliche Organe der verschiedenen Tier- und
Pflanzenstämme "unreduzierbar komplex"?
Was sonst?
Für die Wissenschaftler des Intelligent Design sind diese Erklärungsdefizite
der Synthetischen Theorie Grund genug, die Erklärung der Evolution durch
Variation und Selektion auf die Mikroevolution zu beschränken und für die
Makroevolution einen anderen Erklärungsansatz zu wählen: Da sowohl die
unreduzierbar komplexen Organe als auch die neuen Baupläne von Lebewesen
plötzlich und ohne vorangehende Übergangsformen entstehen, ist ihre
Funktionalität durch die herkömmliche Evolutionstheorie nicht zu erklären. Als
Alternative für ihre Entstehung bleibt also nur, dass eine wie auch immer
geartete Intelligenz die Organe und Grundbaupläne so gestaltet hat, dass sie
so funktionieren, wie wir es beobachten können. Neue Baupläne von Lebewesen,
unreduzierbar komplexe Organe sind das Ergebnis von "intelligent
design". In den Worten von Behe:
"Intelligent Design ist eine wissenschaftliche Theorie, die aussagt,
dass einige Aspekte des Lebens am besten als das Ergebnis von Design erklärt
werden können und dass der starke Eindruck von Design im Lebendigen wirklich
und nicht nur scheinbar ist."
Wie sich diese Schöpfung vollzogen hat, ist eine biologische Frage, die die ID-Forscher allerdings auf Grund unseres heutigen Wissens
noch nicht beantworten zu können vorgeben. Wer der "Designer" sein
könnte, ist ihrer Auffassung nach überhaupt keine naturwissenschaftliche,
sondern eine philosophische oder religiöse Frage. Man könnte also ebenso gut
spekulieren, dass eine kosmische Intelligenz die DNA vorangegangener
Lebensformen in geeigneter Form "umprogrammiert" hat, wie dass ein
"Gott" seine "Energie" in Form der neuen Lebensformen
selbst (unter Verwendung bewährter molekularer Grundprinzipien)
materialisiert hat. Auch ein an Rudolf Steiners Anthroposophie angelehntes
Entwicklungsdenken könnte in diesem Zusammenhang ganz im Sinne von
Intelligent Design überlegen, ob sich in der Evolution der Lebewesen die
isolierten Aspekte des geistig-kosmischen Menschen inkarnierten,
um seine eigene "Fleischwerdung" vorzubereiten!
Ist dieser Schluss auf eine irgendwie geartete Intelligenz nicht etwas
unvermittelt, könnte man sich fragen. Ich glaube, dass viele Vertreter des Intelligent
Design diesen Vorwurf "schlucken" würden. Michael Behe schrieb dazu in der New York Times: "Der starke
Eindruck von Design (in den Lebenserscheinungen - A.Z.) erlaubt ein
entwaffnend einfaches Argument: Wenn es aussieht, läuft und schnattert wie
eine Ente, dann sind wir berechtigt zu schließen, dass es eine Ente ist -
solange es keinen zwingenden Beweis des Gegenteils gibt. Design sollte nicht
übersehen werden, bloß weil es so offensichtlich ist." Wenn also etwas
wie Design aussieht, sollten wir davon ausgehen, dass es Design ist - solange
die Empirie nicht dagegenspricht. Und die, so haben wir ja gesehen, spricht
hinsichtlich der Makroevolution eher gegen Darwin und die Synthetische
Evolutionstheorie. Entsprechend einfach ist auch die Evolutionstheorie des
Intelligent Design: Neue Baupläne von Lebewesen entstehen ebenso wie
unreduzierbar komplexe Organe gewissermaßen von heute auf morgen auf eine uns
(noch) unbekannte Weise durch einen Prozess von intelligentem Design durch
eine der Naturwissenschaft (wohl immer) unbekannte Intelligenz.
Versuch einer Zusammenschau
Wie ist nun die Theorie des "Intelligent Design" zu bewerten? Dass
es Organe gibt, deren Evolution durch das Wechselspiel von Variabilität und
Selektion kaum erklärbar zu sein scheint, besonders aber, dass die
Fossilienfunde einer darwinistischen Erklärung der Makroevolution fundamental
zuwiderlaufen, ist sicher ein Erklärungsdefizit der heutigen Synthetischen
Evolutionstheorie. Allerdings sind Wissenschaftler des "Intelligent
Design" keineswegs die ersten und einzigen, die darauf hinweisen. Offene
Fragen sind schon von vielen kritisch reflektierenden Evolutionsbiologen
herausgestellt worden - nicht zuletzt von Ernst Mayr, dem im vorigen Jahr
verstorbenen "Papst der Evolutionsbiologie". In beiden Richtungen
gibt es Ansätze, die Synthetische Theorie weiterzudenken. Für die Bildung
neuer Organe mit synergistisch zusammenwirkenden
Teilen diskutiert man die Möglichkeit von Funktionswechseln und merkt an,
dass Zwischenstufen nicht unbedingt einen höheren Fortpflanzungserfolg
garantieren, sondern lediglich das Überleben nicht unmöglich machen dürfen. Die
Evolutionssprünge in der Makroevolution werden über die Konzepte der
unterbrochenen Gleichgewichte oder der Binnenselektion zu erklären versucht. Keiner
dieser Ansätze scheint diese Probleme bis zum heutigen Tage aber wirklich
befriedigend lösen zu können.
Neu ist hingegen, dass diese Kritik an der Synthetischen Theorie von den
Vertretern des "Intelligent Design" konkretisiert, verschärft und zur
Begründung eines gänzlich neuen Erklärungsansatzes geführt wird. Die
Erklärung der Makroevolution durch einen Prozess von Intelligent Design ist
in ihrer Provokanz sicher durchaus spannend. Die
Alternative entspringt aber letztlich einem doch recht simplen
Ausschlussverfahren: Wenn sich die Zweckmäßigkeit lebender Organismen und
ihrer Organe nicht durch Variabilität und Selektion erklären lässt, dann kann
es doch nur Intelligent Design sein. Etwa nach dem Motto: Kehren wir doch
einfach zu der naheliegenden Grundannahme zurück, über die sich vor Darwin
praktisch alle Menschen einig waren! Hier stellt sich die Frage: Gibt es
wirklich nichts Drittes? Gibt es wirklich nur Zufall oder Design?
Dazu vielleicht ein lehrreiches Beispiel aus der jüngeren Biologiegeschichte:
Man unterscheidet (mindestens) zwei Grundtypen von Zellen: eukaryontische und prokaryontische
Zellen. Eukaryontische Zellen sind die Zellen von
Tieren oder Pflanzen, auch von einigen einzelligen
Lebewesen. Prokaryontische Zellen sind die einzelligen Bakterien oder Blaualgen. Die ersten
Lebewesen hatten gewiss Zellen, die den heutigen prokaryontischen
ähnelten, während sich die ersten eukaryontischen
Einzeller vielleicht vor 1,4 Milliarden Jahren entwickelten. Eukaryontische Zellen sind wesentlich komplexer aufgebaut
als prokaryontische. Sie haben unter anderem einen
echten (griechisch "eu") Zellkern
(griechisch "karyon"), weisen
Mitochondrien und im Falle von Pflanzenzellen Chloroplasten
auf, von denen die Ersteren für die Zellatmung, die Letzteren für die
Photosynthese zuständig sind. Die vor einigen Jahrzehnten gängige
"Theorie der endogenen Kompartimentierung"
erklärte die Entstehung dieses Zelltyps im üblichen darwinistischen Rahmen
durch variationsbedingt kleine Schritte der Einstülpung von Membranen, die
immer komplexere Formen annehmen sollten, bis sich eines schönen Tages die
funktionsfähigen Mitochondrien und Chloroplasten
gebildet hätten. Damals hätte ein Kritiker der Synthetischen Theorie die eukaryontische Zelle vielleicht durchaus als
"unreduzierbar komplex" eingestuft haben können - denn auch
Chlorplasten oder Mitochondrien haben nur dann einen Sinn für das Überleben
und die Fortpflanzung der Zelle, wenn sie vollständig differenziert und zur
Durchführung von Atmung und Photosynthese befähigt sind. Heute erklärt man
die Entstehung der Mitochondrien und Chloroplasten
allerdings völlig anders: nämlich über die Endosymbionten-Theorie.
Zur Atmung befähigte prokaryontische Zellen
begannen irgendwann einmal symbiotisch (also zum gegenseitigen Vorteil) in
anderen prokaryontischen Zellen zu leben und
entwickelten sich - auf dem Weg von Variabilität und Selektion - zu
Mitochondrien. Blaualgenartige, zur Photosynthese befähigte Prokaryonten gingen eine solche Endosymbiose
mit anderen Prokaryonten ein und entwickelten sich
auf ähnliche Weise zu Chlorplasten. Zwei wichtige Schritte auf dem Weg zur eukaryontischen Zelle konnten so erklärt werden - unter
Erweiterung der Konzepte der Synthetischen Theorie, bei Beibehaltung ihrer
grundlegenden Voraussetzungen und ohne ein intelligentes Design bemühen zu
müssen. Ich möchte damit nicht behaupten, dass Endosymbiose
der Schlüssel für die von den ID-Forschern
aufgezeigten Grenzen der Synthetischen Theorie sei. Das ist sie bestimmt
nicht. Ich möchte lediglich zeigen, dass die Natur dem für neue Einsichten
offenen Forscher immer wieder erstaunliche und nicht selten erstaunlich
einfache Lösungen für die vertracktesten Probleme liefert, die jenseits des
Entweder-Oder von Zufall und Design liegen.
Ich möchte mich damit keineswegs nahtlos in die Reihen der ID-Kritiker einreihen. Vielleicht wirkt Gott, der
Weltgeist, die geistig-spirituelle Welt tatsächlich viel unmittelbarer auf
die Weltenentwicklung ein als es die meisten "modernen" Menschen
glauben. Und selbst wenn es nicht so sein sollte: Der mit seiner
Falsifikationstheorie für die Wissenschaftstheorie bahnbrechende Philosoph
Karl-Raimund Popper hat zu Recht betont, dass eine mutige, für empirische
Widerlegungen offene Theorie selbst im Falle ihrer Falsifikation wesentlich
mehr zum Wissenschaftsfortschritt beiträgt als opportunistische
Flickschusterei an überlebten Konzepten. Und wie eine solche empirische
Widerlegung der Theorie des Intelligent Design aussehen könnte, ist
offensichtlich: Man müsste "lediglich" für einen oder einige wenige
Tier- oder Pflanzenstämme die Entwicklung des Bauplanes aus einem anderen
vorangehenden Bauplan mit Fossilien dokumentieren und theoretisch plausibel
machen. Man müsste "lediglich" für eines oder einige wenige der
genannten unreduzierbar komplexen Organe zeigen, dass sie auch bei dem
Ausfall eines ihrer Teile irgendeine Funktion erfüllen können - oder auch
hier ihre Entwicklung über Zwischenstufen zeigen. In beiden Fällen würde in
Darwins Worten die "Theorie (des Intelligent Design) vollkommen
zusammenbrechen".
Man sollte mit der Theorie des Intelligent Design wissenschaftlich ebenso
fair umgehen wie die Forscher des Intelligent Design mit Darwin. Man sollte
Intelligent Design ernst nehmen und es naturwissenschaftlich - und nicht
polemisch, journalistisch oder gar politisch - zu widerlegen versuchen. Wenn
"Intelligent Design" dazu führen würde, die Frage nach der
Evolution des Lebendigen wieder religiösen Dogmatikern zu überantworten, dann
wäre es gewiss berechtigt, diesen Ansatz mit allen (demokratischen) Mitteln
zu bekämpfen. Wenn die Thesen dieser Forscher hingegen ein gewisses Maß von
Verunsicherung in das wissenschaftliche Dogma der Synthetischen Theorie
bringen sollten, so ist Intelligent Design sicher als ein Weg zu begrüßen,
der Offenheit für neue Überlegungen, Entdeckungen und Erfahrungen in ein für
unser Weltbild und das Selbstverständnis des Menschen überaus wichtiges
Forschungsgebiet bringen könnte.
Dr. Axel Ziemke studierte Biochemie und
arbeitete im Rahmen eines interdisziplinären Projekts an der Ruhruniversität
Bochum. Er ist heute Waldorflehrer und unterrichtet in der Oberstufe u.a. das
Fach Biologie.
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Literatur/
Links:
Behe, M.J., Darwins Black Box, New York: The Free Press 1996
Junker, R. & Scherer, Evolution - Ein kritisches Lehrbuch, Gießen: Weyel
Biologie 2001
Dembski, W.A., The Design Revolution, Downers Grove: Inter Varsity Press
http://www.discovery.org/
http://www.weloennig.de/