Rezension zu: Simon Conway Morris, Jenseits des Zufalls. Wir Menschen im einsamen Universum, Berlin University Press 2008
von Axel Ziemke
Vor 150 Jahren veröffentlichte Charles Darwin sein Werk „On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or The Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life”. Darwin stellte in diesem Werk seine Evolutionstheorie vor, die schon damals die religiösen Gemüter in Aufregung versetzte. Gerade in den letzten Jahrzehnten ist die damals begonnene Diskussion erneut aufgeflammt. Christliche Fundamentalisten versuchen unter dem Schlagwort „Keationismus“ mit eindeutig pseudowissenschaftlichen Argumenten einen buchstabengetreuen biblischen Schöpfungsglauben zu „beweisen“. Wesentlich ernster zu nehmende Wissenschaftler hinterfragen Defizite der auf Darwin zurückgehenden Synthetischen Evolutionstheorie und schlagen, allerdings mehr oder minder christlich motiviert, ein „Intelligent Design“ als Lückenbüßer für diese Defizite vor. Viele Evolutionsbiologen verurteilen solche “God-of-the-gaps”-Argumente und versuchen ihrerseits, aus der Evolutionstheorie einen „wissenschaftlichen Atheismus“ abzuleiten, der oft nicht weniger fundamentalistisch als die Positionen ihrer Kontrahenten ist. Das bereits 2003 in englischer Sprache unter dem Titel „Life`s Solution. Inevitable Humans in a Lonely Universe“ erschienene Buch des englischen Paläontologen Simon Conway Morris verdankt dieser polarisierten Atmosphäre zwar einerseits hitzige Diskussionen, doch andererseits auch eine über den Rahmen der Scientific Community hinaus gehende Beachtung.
Jenseits des Zufalls
Morris gehört als Erforscher der Lebenswelt des Kambriums zweifelsohne zu den „Big Names“ der modernen Evolutionsbiologie. Und zunächst einmal ist sein Buch eine beeindruckend umfassende Abhandlung über die Rolle der Konvergenz in der biologischen Evolution. Zu den bekanntesten Erzeugnissen konvergenter Entwicklung zählen die Linsenaugen von Wirbeltieren, Kopffüßern und manchen Ringelwürmern. Obwohl die genannten Tiergruppen in der biologischen Systematik weit voneinander entfernt sind und sich wahrscheinlich schon 500 Millionen Jahre lang getrennt entwickelt haben, weisen ihre Augen einen sehr ähnlichen Aufbau und eine praktisch identische Funktion auf. Diese Ähnlichkeit geht also nicht (wie im Falle der homologen Organe) auf eine gemeinsame Abstammung zurück. Die Linsenaugen haben sich unabhängig voneinander in der Evolution entwickelt, weil sie eine optimale Anpassung an die Physik des sichtbaren Lichtes darstellen. Sie sind, in der Sprache der gängigen Biologielehrbücher, „analoge Organe“. Der größte Teil des Buches stellt solche Beispiele konvergenter Entwicklung dar. Es zeigt, wieso die DNA als Erbmolekül, der genetische Code, die Struktur des Hämoglobins oder des Chlorophylls, der Körperbau unterirdisch lebender Tiere, Flügel und Skeletttypen, Facettenaugen und verschiedene Hör- und Geruchssinnesorgane, aber auch bestimmte Ernährungsweisen und Sozialstrukturen optimale Lösungen im Möglichkeitsraum der biologischen Evolution darstellen und sich daher mehrfach unabhängig in verschiedenen systematischen Gruppen des Tier- und Pflanzenreiches entwickelt haben. Manche dieser Beispiele erschließen sich wahrscheinlich nur einem Leser mit soliden biologischen Grundkenntnissen, andere, wie die konvergente Entwicklung der Sozialstrukturen von Pottwalen und Elefanten oder die Evolution von Säugetiermerkmalen bei Reptilien und Vögeln lesen sich hingegen wie spannende biologische Abenteuergeschichten. Morris versucht auf diese Weise, wie der deutsche Buchtitel bereits andeutet, zu zeigen, dass die Zufälligkeit der biologischen Variabilität oder der genetischen Drift, dass das Würfelspiel von Mutation und sexueller Rekombination der Gene zwar den „Weg“ der Evolution bestimmt, dass ihre Ergebnisse hingegen in den allermeisten Fällen die notwendig bestimmten und daher gesetzmäßig vorhersagbaren optimalen Lösungen von Anpassungsproblemen sind.
In der aktuellen biologischen Diskussion ist diese These sicher sehr ungewöhnlich. Seit Entdeckung der genetischen Grundlagen der von Darwin angenommenen Variabilität der Lebewesen hat sich immer mehr die Auffassung durchgesetzt, dass die biologische Evolution sehr weitgehend zufallsbestimmt ist. Im Gegensatz zu den Ansätzen des „Intelligent Design“ bewegt sich Morris aber konsequent im Rahmen der Synthetischen Evolutionstheorie. Man kann seinen Ansatz vielleicht sogar als eine Rückkehr zu den Auffassungen Darwins verstehen, für den der Anpassungsaspekt von Evolution eine weit größere Rolle spielte als für die heutigen Neo-Darwinisten. Sein Prinzip des „Survival of the Fittest“ drängt geradezu die Sichtweise auf, dass nur die optimal angepassten Varianten überleben. Sein Verständnis einer „scharfen Selektion“ ist es ja gerade, das die moderne Evolutionsbiologie durch die Annahme eines „Überlebens der notdürftig genug Angepassten“ ersetzt hat. Doch geht Morris noch weiter: „Konvergenzen zeigen uns, dass wir das Aufkommen wichtiger biologischer Eigenschaften auf der Erde – und in einem zweiten Schritt auch anderswo – näherungsweise vorhersagen können.“ Es gibt seiner Auffassung nach in dem riesigen Raum biologischer Möglichkeiten nur verhältnismäßig wenige lebensfähige Lösungen, auf die die „Suchmaschine“ der biologischen Variabilität geradezu zwangsläufig stoßen muss. Und diese Lösungen herauszufinden, könnte ein neues biologisches Forschungsprogramm sein. Wenn also der Neodarwinismus Darwin gegenüber den Zufallscharakter evolutionärer Geschehnisse betonte, so treibt Morris diesen Zufall so weit, dass er die Zwangsläufigkeit der Darwinschen Anpassung auf einer völlig unerwarteten Ebene restauriert.
Unvermeidliche Menschen in einem einsamen Universum
Morris Standpunkt hat nun über seine evolutionsbiologische Dimension hinaus einige interessante „spekulative“ Konsequenzen. Könnte man die biologische Evolution „zurückspulen“ und noch einmal von ihren Ursprüngen aus beginnen lassen, dann würde seiner Auffassung nach eine sehr ähnliche Lebenswelt entstehen – wenn auch vielleicht auf anderen Wegen. Wenn wir andere belebte Planeten entdecken sollten, dann würden wir sehr ähnlichen Lebensformen begegnen wie auf unserer Erde – wenn sie sich auch möglicherweise aus ganz anderen Ursprüngen entwickelt haben könnten. Seine wohl gewagteste These dürfte jedoch sein: In beiden Fällen werden wir mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Wesen begegnen, die mehr oder weniger so sind wie wir: Menschen.
Auch hier argumentiert Morris wieder mit einer Fülle von Beispielen konvergenter Entwicklung, die zeigen, wie Merkmale, die wir als typisch menschlich empfinden, optimale Lösung adaptiver Probleme sind und sich in der Evolution mehrfach unabhängig voneinander entwickelt haben. Für die Entwicklung unserer Intelligenz macht er letztendlich die komplexen Sozialstrukturen verantwortlich, welche man in Analogie zu den heute lebenden Menschenaffen auch bei unseren Vorfahren vermutet. Die rasch wechselnden Intrigen, Allianzen und Koalitionen zwischen mehr oder weniger „befreundeten“ Schimpansen, die häufigen Zu- und Abgänge in einer Horde verlangen eine außerordentliche soziale Intelligenz. Ähnliche Sozialstrukturen findet man auch bei Delfinen und anderen Walen – und auch hier korreliert mit einer überdurchschnittlichen Hirngröße und erstaunlicher Intelligenz. Auch eine symbolische Kommunikation und ein anfängliches Selbstbewusstsein kann man nicht nur Menschenaffen, sondern auch diesen Meeressäugern, aber auch intelligenten Vögeln zuschreiben. Werkzeuggebrauch ist nicht nur bei Primaten, sondern auch bei vielen Vögeln, ja sogar Insekten verbreitet. Sowohl ihre kommunikativen als auch ihre „handwerklichen“ Fähigkeiten werden bei vielen Primaten und Vögeln tradiert. Und wenn auch letztendlich das Problem der Entstehung unseres aufrechten Ganges evolutionsbiologisch noch nicht befriedigend gelöst werden konnte, so kann man Morris zufolge dennoch davon ausgehen, dass er sich in unserer ausgestorbenen Verwandtschaft mehrfach unabhängig voneinander entwickelt hat. Während die meisten Evolutionsbiologen also annehmen, dass der Mensch ein kosmischer Zufall unvorstellbaren Ausmaßes ist, meint Morris anhand dieser Konvergenzen zeigen zu können, dass der Mensch ein notwendiges Ergebnis der Evolution auf der Erde oder anderswo im Universum sein muss. Hätten wir uns nicht in der Primatenevolution entwickelt, dann hätte irgend ein anderer Zweig unseres Stammbaumes ein aufrecht gehendes, intelligentes, handwerklich geschicktes Wesen mit komplexer Sozialstruktur und kultureller Tradition hervorgebracht, die den Ursprung einer Weltgeschichte bilden würde. (Dass die Erde heute von einer Primatenzivilisation und nicht durch eine Delfinkultur beherrscht wird, liegt, Morris zufolge, einfach daran, dass man unter Wasser keine Schmiedefeuer unterhalten und somit keine fortgeschrittene Technologie entwickeln kann. Und es hätte seiner Auffassung nach nicht viel gefehlt und die südamerikanischen Kapuzineraffen mit ihrem leidenschaftlichen Drang, alle möglichen Dinge zu erforschen, auseinander zu nehmen und wieder zusammen zu setzen, wären den großen Menschenaffen Afrikas in der Menschwerdung zuvorgekommen.)
Mancher Anthroposoph mag sich (wenn auch sehr metaphorisch!) an Steiners Evolutionsverständnis erinnert fühlen, wenn Morris resümiert: „In diesem Sinn lag der Mensch als biologischer Typus spätestens seit dem Kambrium – wenn nicht schon früher – in der Luft“. Und mancher Science-Fiction-Fan wird die Menschenähnlichkeit der „Aliens“ in seinen Lieblingsfilmen durch ein von Morris ins Feld geführtes Zitat Robert Bieris gerechtfertigt sehen: „Wenn wir jemals in der Lage sein werden, erfolgreich mit anderen denkenden Wesen außerhalb unseres Sonnensystems zu kommunizieren, werden dies weder Kugeln noch Pyramiden, weder Würfel noch Pfannkuchen sein. Aller Wahrscheinlichkeit nach sähen sie uns schrecklich ähnlich.“
Den provokanten Abschluss des Buches bildet (abgesehen von einem kurzen Epilog) ein Kapitel unter dem Titel „Auf dem Weg zu einer Theologie der Evolution“. Morris versucht hier, die Entwicklung eines „Gen-Fundamentalismus“ aufzuzeigen, der seine Ursprünge in der Instrumentalisierung der Evolutionstheorie Haeckels für die Entwicklung der nationalsozialistischen Ideologie hatte und heute nicht nur in einer für ökologische und gesundheitliche Risiken blinden Gentechnologie, sondern in offenkundig eugenischen Zukunftsphantasien auf ihren Höhepunkt zusteuert. Als Ursache hierfür diagnostiziert er die Abkehr vieler Evolutionsbiologen von einer religiösen Sinngebung, die er mit einem Zitat John Greenes belegt: „Naturwissenschaft wird zwecklos und sogar zerstörerisch, wenn ihr nicht eine religiöse Reflexion Bedeutung und Richtung verleiht, die den Sinn und Wert menschlicher Existenz zum Thema hat.“ Im Anschluss daran verweist Morris auf die Möglichkeit, sein Verständnis von Evolution mit dem Schöpfungsgedanken in Einklang zu bringen und somit diese Bedeutsamkeit menschlicher Existenz zu begründen. Die Einsicht in die allgegenwärtige Konvergenz der Evolution versteht er als Rechtfertigung des anthropischen Prinzips: Der Mensch ist kein Zufallsprodukt, sondern das zwangsläufige und somit vorbestimmte Ergebnis der kosmischen Evolution.
Allgegenwärtige Konvergenz?
Meiner Meinung nach ist das große Verdienst des Buches für die Evolutionsbiologie die (Wieder-)Entdeckung der Konvergenz. Seine Schwäche könnte aber vielleicht, wie bei so vielen Entdeckungen, die Verabsolutierung dieses Verdienstes sein. Überzeugend ist Morris’ Argumentation für eine allgegenwärtige Konvergenz vielleicht, wenn man die Anpassung von Lebewesen an einigermaßen invariante abiotische Umweltfaktoren betrachtet. Überzeugt sie aber auch im Falle der biotischen Umweltfaktoren, also der Anpassung an die sich dynamisch verändernden Wechselbeziehungen mit anderen Lebewesen? Die Evolution einer Population von Lebewesen bringt nicht nur Lösungen hervor, sondern sie schafft mit jeder Lösung auch Probleme (oder auch Chancen) für andere Lebwesen, deren Lösungen für diese Population selbst wieder zum Problem (oder zur Chance) werden. Verändert sich der Raum des biologisch Möglichen dadurch nicht so schnell, dass die evolutionäre „Suchmaschine“ kaum eine Chance hätte, „die optimale Lösung“ zu finden? Und wenn sie auf sie stößt: Wird sie sich nicht sehr schnell wieder als relativ erweisen? Kann man letztendlich für ein Verständnis der Stammesgeschichte des Menschen von einer solchen hochgradig „nicht-linearen“ Dynamik evolutionärer Veränderungen abstrahieren?
Abgesehen von diesen evolutionsbiologischen Zweifeln könnte Morris’ Ansatz allerdings durchaus einen Beitrag zur Aufhebung der eingangs dargestellten Polarisierung zwischen christlichen und atheistischen Fundamentalisten in der Diskussion um die Evolutionstheorie leisten. Sein Buch zeigt, dass man einen christlichen Glauben durchaus mit einem in den wesentlichen Grundzügen darwinistischen Verständnis von Evolution verbinden kann. Ein Kenner der europäischen Geistesgeschichte wird sich vielleicht sogar an die Philosophie Hegels erinnert fühlen, der zufolge sich Gott in seine Schöpfung verwandelt, um im Ergebnis der Natur- und Weltgeschichte im Menschen zum Bewusstsein seiner selbst zu finden. All dem steht aber nicht nur Morris’ radikales Bekenntnis zum Theismus, also zum Glauben an einen persönlichen Gott, sondern auch das im Ton und in der Wahl der historischen Bezüge Atheisten gegenüber ausgesprochen aggressive Abschlusskapitel entgegen. Entsprechend polarisiert fällt auch die Rezeption seines Buches im englisch-amerikanischen Sprachraum aus, die sich zwischen Vereinnahmung durch Vertreter der „Intelligent Design“ und oftmals fachlich mangelhaft begründeter Verurteilung durch (wie Morris sie nennt) „Ultra-Darwinisten“ bewegt. Nicht zuletzt weckt dieses (vor-)letzte Kapitel den Verdacht, dass die Verabsolutierung einer allgegenwärtigen Konvergenz nicht die Einsicht des großen Paläontologen, sondern die Ideologisierung eines christlichen Fundamentalisten Simon Conway Morris sein könnte.