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Wie offenbart sich Schöpferkraft?

Ist Gott ein "Intelligent Designer"?

Von Axel Ziemke

(erschienen in: Info3 März 2006)

"Intelligent Design ist eine wissenschaftliche Theorie, die aussagt, dass einige Aspekte des Lebens am besten als das Ergebnis von Design erklärt werden können und dass der starke Eindruck von Design im Lebendigen wirklich und nicht nur scheinbar ist" - so kennzeichnet der amerikanische Biologe Michael Behe den Denkansatz. Mit der Frage, wer der Designer sein könnte, wollen sich die Forscher des Intelligent Design nicht auseinandersetzen, da dies eine philosophische oder religiöse, sicher aber keine biologische Frage sei. Man sollte sich jedoch die Frage stellen, ob nicht bereits dieses Verständnis von "Design" selbst ein Bild seines Designers impliziert - und ich meine, dies tut es. Und zwar das Bild eines Gottes, der seiner Schöpfung in irgendeiner Weise gegenübersteht und von Zeit zu Zeit in diese Schöpfung eingreift - indem er neue Typen von Lebewesen, neue Organe bestehender Lebewesen, neue Entwicklungsschübe in der Evolution bewirkt.

Einerseits ist dies ein Bild Gottes, das tief in der Laiengläubigkeit verwurzelt ist. Betet man nicht zu Gott, damit er etwas bewirke? Wenn im Kleinen, warum dann nicht im Großen? Andererseits hat sich das Bild eines "Uhrmachergottes", der einstmals die Welt möglichst perfekt geschaffen oder ihr evolutives Räderwerk in Gang gesetzt hat, so in ein eher intellektuelles Gottesverständnis eingegraben, dass dieser Eingriff von Zeit zu Zeit eher das beunruhigende Moment ist.

Kann man Gott aber vielleicht auch ganz anders denken?

Unter den Ausführungen Rudolf Steiners zu seinem Gottesverständnis empfinde ich eine Passage aus dem Buch Das Christentum als mystische Tatsache und die Mysterien des Altertums als die eindrucksvollste: "Wo ist Gott?", schreibt da Steiner. "Das war die Frage, die dem Mysten sich vor die Seele stellte. Gott ist nicht, aber die Natur ist. In der Natur muss er gefunden werden. In ihr hat er sein Zaubergrab gefunden. In einem höheren Sinne fasst der Myste die Worte: Gott ist die Liebe. Denn Gott hat diese Liebe bis zum Äußersten gebracht. Er hat sich selbst in unendlicher Liebe hingegeben; er hat sich ausgegossen; er hat sich in die Mannigfaltigkeit der Naturdinge zerstückelt; sie leben und er lebt nicht in ihnen. Er ruht in ihnen. Er lebt im Menschen. Und der Mensch kann das Leben Gottes in sich erfahren. Soll er ihn zur Erkenntnis kommen lassen, muss er diese Erkenntnis schaffend erlösen."

Ein anderes Bild Gottes als jenes des intelligenten Designers tritt uns hier entgegen. Kein Gott, der der Natur gegenübersteht, sondern ein Gott, der in der Natur ruht, der Natur ist, der sich im Akt der Schöpfung in die Natur verwandelt hat und den der Mensch in sich erfahren kann. Es ist ein Gottesbegriff, den Baruch de Spinoza im 17. Jahrhundert in die neuzeitliche Philosophie einbrachte. Gott war für ihn die eine unendliche Substanz, die Ursache ihrer selbst ist. Wir Menschen können sie unter zwei Attributen erfahren: unter dem Attribut der Ausdehnung in Raum und Zeit als Natur und unter dem Attribut des Denkens als unsere Geist-Seele. Zu seiner Zeit galt dieses Verständnis Gottes den meisten Menschen als Irrglaube. Später, in der deutschen Klassik und Romantik, haben viele große Geister dieses Verständnis zu ihrem eigenen gemacht und weiterentwickelt. Der junge Goethe gehörte zu ihnen und vermittelt uns in seinem Fragment Die Natur einen tiefen Eindruck davon. Besonders Hegel entwickelte Spinozas Ideen dann weiter zu seiner großartigen philosophischen Entwicklungstheorie, in der selbst Gott sich entwickeln muss. Vor Erschaffung der Welt müssen wir ihn uns demnach als ein träumendes Bewusstsein denken, welches zwar absolut frei, aber sich seiner Freiheit nicht bewusst ist. In der Schöpfung ergießt sich Gott in die Welt, wird zu dieser Welt, beweist so seine Freiheit. Doch verliert er in der Schöpfung sein Bewusstsein, entfremdet sich von sich selbst. Die Entwicklung der Natur und später der menschlichen Kultur verfolgt den Zweck, dass Gott sein Bewusstsein zurückerlangt - doch jetzt auf einer höheren Stufe, als Selbstbewusstsein, als Bewusstsein seiner absoluten Freiheit. Und er erlangt dieses Bewusstsein in nichts anderem als in dem Menschen, der sich der Natur, der Kultur, seiner selbst und seiner Freiheit bewusst wird: in Religion, Kunst und Philosophie.

In einem solchen Verständnis Gottes gründet die Fortsetzung des eben begonnenen Steiner-Zitats: "Der Mensch blickt nun in sich. Als verborgene Schöpferkraft, noch Dasein-los, wirkt das Göttliche in seiner Seele. In dieser Seele ist eine Stätte, in der das verzauberte Göttliche wieder aufleben kann. Die Seele ist die Mutter, die das Göttliche aus der Natur empfangen kann. Lasse die Seele von der Natur sich befruchten, so wird sie ein Göttliches gebären. Aus der Ehe der Seele mit der Natur wird es geboren. Das ist nun kein "verborgenes" Göttliches mehr, das ist ein offenbares. Es hat Leben, wahrnehmbares Leben, das unter den Menschen wandelt. Es ist der entzauberte Geist im Menschen, der Spross des verzauberten Göttlichen. Der große Gott, der war, ist und sein wird, der ist er wohl nicht; aber er kann doch in gewissem Sinne als dessen Offenbarung genommen werden. Der Vater bleibt ruhig im Verborgenen; dem Menschen ist der Sohn aus der eigenen Seele geboren."

Spinoza, Goethe, Hegel und Steiner vertreten also ein Gottesverständnis, welches demjenigen eines der Welt gegenüberstehenden Designers diametral gegenübersteht. Die zweifellos wichtigste Konsequenz dieses Verständnisses ist, dass der Vater "Sohn" werden kann, dass der Mensch das Göttliche in sich beleben kann. Vielleicht bietet es aber auch einen Ansatz, eine der Natur innewohnende Intelligenz zu begreifen, die auch im Rahmen der biologischen Evolution in ständiger Entwicklung begriffen ist. Vielleicht braucht die Natur keinen intelligenten Designer, weil sie selbst intelligent genug ist?