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Rezension zu


Elaine Pagels, Das Geheimnis des fünften Evangeliums. Warum die Bibel nur die halbe Wahrheit sagt, Stuttgart: dtv 2006 (englischer Originaltitel: Beyond Belief. The Secret Gospel of Thomas)


von Axel Ziemke


Irgendwann im Jahr 1945 geht der ägyptische Bauer Mohammed Ali Samman in den Bergen bei Nag Hammadi auf die Suche nach Naturdünger. In einer kleinen Höhle stößt er auf einen etwa ein Meter großen Tonkrug, in dem sich dreizehn in Leder gebundene Papyrusbücher finden. Er nimmt sie mit nach Hause, da er das Papier zum Feueranzünden gut gebrauchen kann. Glücklicherweise erfährt wenig später ein religiöser Würdenträger des Dorfes von dem Fund, dessen Wert ihm nach der ersten Augenscheinnahme wohl ansatzweise bewusst wird. Jedenfalls wandern letztlich wohl nur einige wenige Papiere im Herdfeuer des Fellachen, während der größere Teil „zu Geld gemacht“ wird. Nach Bemühungen der ägyptischen Regierung und anderer Institutionen um einen Rückkauf der verstreuten Teile der Bibliothek werden ab 1955 Wissenschaftler auf die Schriften aufmerksam und beginnen mit der Sichtung, Übersetzung, Interpretation und historischen Einordnung der Papiere. Der Fund von Nag Hammadi erweist sich als eine einmalige Bibliothek altkoptischer Übersetzungen „apokrypher“ christlicher Literatur aus den ersten drei Jahrhunderten, also von Schriften, die die sich damals entwickelnde römisch-katholischen Kirche letztlich nicht zum Kanon des Neuen Testaments zu rechnen bereit war. Hierzu gehören neben vielen anderen das Philippusevangelium, das Evangelium der Wahrheit, das Apokryphon des Johannes, die Apokalypse des Jakobus – und das Thomasevangelium, auf das sich der Buchtitel bezieht.


Die Autorin Elaine Pagels, heute Professorin für Religionswissenschaften an der Princeton University, zählt seit ihrem 1979 veröffentlichten Buch „The Gnostic Gospels“ (dt. Versuchung durch Erkenntnis. Die gnostischen Evangelien, 1981) zu den international anerkannten Experten für die Schriften von Nag Hammadi. In ihrem 2003 in den USA, 2004 erstmals in Deutschland und nun auch als Taschenbuch erschienen Werk präsentiert sie die Ergebnisse von 25 Jahren Forschung in allgemein verständlicher und spannender Form. Sie stellt insbesondere das Thomasevangelium, das dem Buch als Anhang angefügt ist, in den Kontext der vier neutestamentlichen Evangelien, vergleicht es mit dem Johannesevangelium und untersucht, warum letzteres, aber nicht ersteres Eingang in die Bibel gefunden hat. Obgleich sie immer wieder Bezug auf ihre eigene religiöse Entwicklung nimmt, geschieht all das nie in polemischer Weise, sondern außerordentlich ausgewogen, sowohl die besondere Spiritualität des Thomasevangeliums würdigend als auch um Verständnis für die Motive der Kirchenväter bemüht.


Sowohl das Thomas-, als auch das Johannesevangelium datiert die Autorin auf das Ende des ersten Jahrhunderts. Beide sind damit jüngeren Datums als die „synoptischen“ Evangelien von Markus (um 70), Matthäus und Lukas (zwischen 80 und 90). Jedem Leser des Neuen Testaments werden die vielfältigen Abweichungen des Johannesevangeliums von den anderen drei Evangelien auffallen. Dass es dennoch den drei anderen zur Seite gestellt wurde, verdanken wir der eindeutigen Identifikation von Jesus Christus mit dem göttlichen Logos, wie er uns im Prolog und vielen Gleichnissen des Johannesevangeliums entgegentritt. Irenäus (140-200) meint, dass Matthäus uns Jesus als einen Gott verheißenden König darstellt, Markus als Propheten des Herrn, Lukas als Priester, nur Johannes aber als Gott. Origenes (185-254) hebt ihn von den drei anderen Evangelien ab, indem er betont, dass „keines von ihnen mit gleicher Eindeutigkeit von Jesu Göttlichkeit spricht wie Johannes“. Und tatsächlich zeigt Elaine Pagels, dass der griechische Urtext der drei synoptischen Evangelien keine Attribute Jesu verwendet, die nicht auch für einen Propheten oder den kommenden König der Juden üblich gewesen wären. Wenn wir heute Bezeichnungen wie „Menschensohn“ synonym mit dem „Mensch gewordenen Gott“ verstehen, so geschieht dies lediglich aus der uns anerzogenen Interpretation des gesamten Neuen Testaments vom Standpunkt des Johannesevangeliums aus. Wenn Johannes also zu auffälligen Abweichungen in der Darstellung des Lebens Jesu kommt, dann „sagt er zwar nicht immer buchstäblich Wahres, aber er sagt immer spirituell Wahres“ – so Origenes.


Deutlich macht Elaine Pagels das sehr schön an der Austreibung der Wechsler und Händler aus dem Tempel in Jerusalem. Markus, Matthäus und Lukas stimmen darin überein, dass die „Tempelreinigung“ das letzte öffentliche Auftreten Jesu gewesen sei, das die Hohenpriester letztlich dazu bewegt, ihn gefangen zu nehmen und seine Verurteilung zu betreiben. Bei Johannes wird dieser Vorfall zu der ersten Handlung Jesu in der Öffentlichkeit und kündigt seine Mission an, die Gottesverehrung zu neuer Reinheit und in neuer Form zu begründen. Anlass der Verfolgung ist in diesem Evangelium die Erweckung des Lazarus von den Toten. Nach dem Johannesevangelium „ließen die Hohenpriester Jesus nicht gefangen nehmen, weil sie ihn als einen Krawallbruder, der im Tempel Randale machte, ansahen, sondern weil sie insgeheim seine Macht erkannt hatten und fürchteten – eine Macht, dank der er sogar Tote zum Leben erwecken konnte“ – so das Resümee der Autorin.


Das Thomasevangelium ist von seiner äußeren Form her mit dem Johannesevangelium eigentlich kaum vergleichbar. Während letzteres das Wirken Jesu in chronologischer Abfolge darstellt, ist ersteres eigentlich nur eine Sammlung von Aussprüchen Jesu. Vielleicht hätte es aber gerade in dieser Form, die Widersprüche mit den synoptischen Evangelien vermeidend, Bestandteil des Neuen Testaments werden können. Denn wie das Johannesevangelium geht auch das Thomasevangelium weit über die Interpretation Jesu hinaus, die die Synoptiker geben: „Jesus spricht: Ich bin das Licht, das über allem ist. Ich bin das All. Aus mir ist das All hervorgegangen. Spaltet ein Stück Holz – ich bin da. Hebt den Stein auf, und ihr werdet mich dort finden.“ Allerdings weichen die beiden Evangelien in einem entscheidenden Akzent voneinander ab: Nach Johannes ist Jesus und nur Jesus der Mensch gewordene Gott. Der einzige Weg des Christen zur Erlösung besteht im Glauben an Jesus Christus: „Ihr seid von unten her, ich bin von oben her. Der von oben her kommt, ist über allen.“ „Wenn ihr nicht glaubt, dass ich es bin, werdet ihr in euren Sünden sterben.“ „Wer mir nicht nachfolgt, wird in Finsternis wandeln.“ „Wer nicht glaubt, ist schon gerichtet.“ Das Thomasevangelium sieht hingegen das göttliche Licht in allen Menschen, zumindest in allen Christen: „Es existiert Licht im Inneren eines jeden Lichtmenschen, und er erleuchtet die ganze Welt. Wenn er nicht leuchtet, ist Finsternis.“ „Wenn sie zu euch sagen: Woher stammt ihr? Dann sagt ihnen: Wir sind aus dem Licht gekommen, dem Ort, wo das Licht entstanden ist.“ Der Weg, dieses innere Licht zu finden, ist für Thomas nicht primär der Glaube, sondern die spirituelle Erkenntnis: „Erkenne, was vor deinem Angesicht ist, und das, was für dich verborgen ist, wird sich dir enthüllen. Denn es gibt nichts Verborgenes, das nicht offenbar werden wird.“ „Wenn ihr euch erkennt, dann werdet ihr erkannt werden, und ihr werdet begreifen, dass ihr die Kinder des himmlischen Vaters seid.“ „Wer sucht, soll nicht aufhören zu suchen, bis er findet. Und wenn er findet, wird er bestürzt sein. Und wenn er bestürzt ist, wird er erstaunt sein. Und er wird König sein über das All.“


Elaine Pagels hält es sogar für möglich, dass das Johannesevangelium als Reaktion auf den wachsenden Einfluss der „Thomas-Christen“ geschrieben wurde. Zwar ist der Verfasser des Thomasevangeliums wahrscheinlich ebenso wenig Thomas wie Johannes der Verfasser des Johannesevangeliums. Doch spricht für ihre Hypothese, dass der Apostel Thomas, der bei den Synoptikern an keiner Stelle zu Wort kommt, in drei Anekdoten des Johannesevangeliums durchaus Positionen des gleichnamigen Evangeliums vertritt und daraufhin zum „ungläubigen Thomas“ gestempelt wird. In der letzten davon erscheint der Wiederauferstandene zehn Jüngern. Neben Judas ist auch Thomas abwesend. Im Rahmen dieser Erscheinung sendet Jesus die Jünger aus und haucht ihnen die Macht des heiligen Geistes ein. Da Thomas abwesend ist, dürfte er also nach Johannes noch nicht einmal als Apostel gelten. Als die anderen Jünger Thomas von der Erscheinung Jesu berichten, bekundet er mit seinen berühmten Worten eben sein Beharren auf Erkenntnis: „Wenn ich nicht in seinen Händen das Mal der Nägel sehe und meine Finger in das Mal der Nägel lege und lege meine Hand in seine Seite, so werde ich nicht glauben.“ Jesus erscheint diesem Wunsche entsprechend eine Woche später auch Thomas – und rügt ihn wegen seines Unglaubens: „Sei nicht ungläubig, sondern gläubig.“ Als Thomas ihn als seinen Herren und Gott erkennt, fügt er hinzu: „Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind die, die nicht sehen und doch glauben.“


Die zweite Hälfte des Buches befasst sich mit der Frage, wie sich der heute übliche Kanon der vier Evangelien und das auf Johannes gegründete Glaubensverständnis in den ersten vier Jahrhunderten nach Christus durchgesetzt hat. Im Mittelpunkt steht dabei Irenäus (140-200), Bischof von Lyon. Er sieht sich in seinem Ringen um eine die (römische) Welt umspannende „katholische“ Kirche zwei großen Hindernissen gegenüber: Die Christenverfolgungen in vielen Teilen des römischen Reiches, der auch er selbst ausgesetzt ist – und die geradezu inflationär auftretenden christlichen Lehren, die eben aus der Suche vieler Christen nach der vom Thomasevangelium geforderten eigenen spirituellen Erkenntnis entspringen. Immer wieder neue christliche Lehrer verkünden immer wieder andere, einander widersprechende Wahrheiten, die sie mit der Autorität Jesu oder des Heiligen Geistes rechtfertigten. Hinzu kommen die vielfältigen Interpretationen der Synoptiker oder des Johannesevangeliums, etwa die Deutung von Taufe, Jungfrauengeburt und Auferstehung als geistige Sinnbilder, wie sie etwa in dem auch in Nag Hammadi gefundenen Philippusevangelium erfolgt. Nicht selten begründeten diese christlichen Gruppierungen andere Formen des Kultus, andere christliche Rituale. Die Motive für den Kampf des Irenäus gegen all diese Bedrohungen des christlichen Glaubens sucht Elaine Pagels nicht in der gern unterstellten Machtgier des Klerus, sondern in eindeutig sozialen Motiven: All diese Bemühungen möchten eines verhindern: Dass Christen zwischen „wahren Christen“ und „falschen Christen“ oder „weniger vollkommenen Christen“ unterscheiden – und damit den solidarischen Zusammenhang der Christenheit untereinander auf Grundlage des Gebotes der Nächstenliebe gefährden. Der Weg zu diesem Ziel besteht für Irenäus darin, nur eine sehr begrenzte Anzahl von Schriften als authentisch zu akzeptieren – im Wesentlichen jene, die noch heute das Neue Testament bilden -, diese Schriften buchstabengetreu und nicht sinnbildlich zu interpretieren, die Taufe als hinreichendes Sakrament zu erklären, um aus einem Menschen einen Christen zu machen, und diesen Christen auf eine an das Taufbekenntnis angelehnte überschaubare Liste von Glaubensinhalten zu verpflichten.


Das Vermächtnis des Irenäus sollte sich im weiteren Verlauf der Geschichte erfüllen: Als Kaiser Konstantin am Nachmittag des 28. Oktober 312 eine Lichterscheinung in Form eines Kreuzes erblickte und in Sorge um sein Seelenheil das Christentum zu protegieren und schrittweise zur römischen Staatsreligion zu machen beginnt, beschränkt er seine Gunstbezeigungen ausdrücklich auf die von Irenäus geformte katholische Kirche, deren Anhänger zu diesem Zeitpunkt etwa die Hälfte der Christen im römischen Reich ausmachen. Die anderen christlichen Gruppen werden zunächst stärker besteuert, später sogar enteignet und mit Versammlungsverbot belegt. Das 325 von Konstantin einberufene Konzil von Nicäa macht die auf Grundlage des Johannesevangeliums begründete „Wesensgleichheit“ von Gott und Jesus Christus – und nur ihm – zum Dogma, legt den Textkanon des Neuen Testaments fest und beschließt das Glaubensbekenntnis, das im wesentlichen auch heute noch in den großen Kirchen gesprochen wird. Als Bischof Athanasius 367 in Alexandria wie viele andere Kirchenhäupter zur Verbrennung der apokryphen Schriften aufruft, widersetzen sich einer oder mehrere Mönche eines in der Nähe von Nag Hammadi gelegenen Klosters offenbar diesem Befehl und verbergen einen Tonkrug mit dreizehn in Leder gebundenen Papyrusbüchern in einer Höhle – in der sie knapp zwei Jahrtausende verborgen bleiben sollten.