Freiheit und Liebe in Philosophie und Anthroposophie
An Gottes Stelle den freien Menschen? - An Gottes Stelle den liebenden Menschen!
von Axel Ziemke
erschienen in Info3, Februar 2003
Freiheit und Liebe - dem Widerstreit dieser beiden gewaltigen Motive im Denken der Menschheit und ihrer möglichen Synthese ist der folgende Essay gewidmet. Er greift dabei nicht nur die bedeutendsten Ströme der abendländischen Philosophie auf, sondern führt das Problem auch bis in die konkreten Zusammenhänge anthroposophischer Ideenbildung und Sozialgestaltung hinein.
An
Stelle Gottes den freien Menschen!!! Mit diesen Worten (und drei
Ausrufungszeichen) formuliert der dreißigjährige Rudolf
Steiner auf einem Fragebogen sein "Lebensmotto". Zwei Jahre
später veröffentlicht er sein philosophisches Hauptwerk,
die Philosophie der Freiheit. Auf den ersten Blick mag dieses Motto
durch einen dezidierten Atheismus irritieren und provozieren. Im
Lichte des philosophischen Denkens, von dem Steiner beeinflusst wird
- namentlich also der klassischen deutschen Philosophie - wird
allerdings deutlich, dass hier ganz im Gegenteil eine auf
Diesseitigkeit orientierte Religiosität zum Tragen kommt, die
den Anspruch des Menschen nach einer Freiheit nicht neben, sondern
eben an Stelle Gottes deutlich macht. Nun drückt sich in einer
jeden "guten" Philosophie - geistig verfeinert, sublimiert
und oft Zukünftiges erahnend wie beschwörend - die
Geisteshaltung ihrer Epoche aus - so auch in derjenigen Steiners. Es
ist eine Epoche, die "Freiheit" zu dem zentralen Attribut
des Göttlichen wie des Menschlichen macht. Wir werden sehen,
dass dieser Anspruch ein Stück weit "zeitlos" ist, und
doch eine jede Zeit und eine jede den Geist dieser Zeit ausdrückende
Philosophie gerade in diesem Anspruch zu Vereinseitigung neigt.
Das
Gegenmotiv zur Freiheit ist in der Überschrift dieses Essays
ausgedrückt: Liebe. Die Vereinbarkeit von Freiheit und Liebe
wird heute in jeder als "normal" betrachteten Beziehung
vorausgesetzt. Und dennoch sprechen viele gescheiterte Beziehungen
von den Schwierigkeiten dieser Vereinbarkeit. Liebe heißt immer
auch ein Stück weit Selbstaufgabe, Freiheitsverlust. Freiheit
bedeutet immer auch unabhängig zu sein, auch von einem anderen
Menschen. Oft fühlen sich Menschen in einer Liebesbeziehung
ihrer Freiheit beraubt, oft fühlen sich Menschen in ihrer
Freiheit ungeliebt. Nicht selten baut die Angst vor Freiheits- und
damit Selbstverlust eine "Mauer" zwischen Menschen und
ihren Gefühlen auf, die Liebe nicht mehr zulässt. Für
die Liebe bleiben, wenn sie überhaupt gelebt wird, "Inseln"
im Beziehungsalltag übrig, die ihren Platz haben, wenn Freiheit
hinreichend ausgelebt ist, ein - oft "geplantes" - Gespräch
oder ein erotischer Tagesabspann. Offen bleibt dabei, was unter
diesen Umständen noch unter Liebe, aber auch Freiheit gemeint
sein kann.
Die Kinder dieser Beziehungen sind nicht nur Opfer
ihres häufigen Scheiterns, sondern auch des Konfliktes von
Freiheit und Liebe selbst. Auf der einen Seite stehen Eltern, die in
ihrer Liebe ihren Kindern auch da "Freiheiten" einräumen,
wo alles in ihnen nach liebevoll gezogenen Grenzen verlangt, auf der
anderen Seite Eltern, die den Weg ihrer Kinder in die Freiheit in
missverstandener Liebe ersticken.
Was in Familien oft auf der
Hand liegt, findet sich in "weiteren" sozialen
Zusammenhängen verwickelter und verborgener wieder, aber es
findet sich auch dort und es findet sich noch extremer. Freiheit ist
in unserer Gesellschaft überhaupt, ganz besonders aber in
anthroposophisch inspirierten Zusammenhängen, so hoch gewertet,
dass man Liebe selbst im allgemeinsten Sinne immer nur unter dem
Vorbehalt geben zu können meint, den anderen in seiner Freiheit
nicht zu berühren, aber auch sich selbst in dieser Liebe nicht
zu bloßzustellen, nicht zu "outen", nicht zu
offenbaren. Umgekehrt ist das Empfangen von Liebe oftmals
angstbesetzt in der Hinsicht, dass man sich zu Gegenliebe
"verpflichtet" fühlt. Den Grenzen zwischen freien
Menschen wird so hoher Respekt gezollt, dass liebende Annäherung
schnell als Grenzüberschreitung gedeutet wird und Angst vor
Selbstverlust bewirkt. Wir leben eben in einer freiheitlichen
Grundordnung und nicht in einer liebevollen. Andererseits wird aber
Liebe auch in sozialen "Inseln" kultiviert: In Kirche oder
andersartig institutionalisierter Moral wird Liebe oft gerade durch
das Aussperren von Freiheit abgeschmackt. Und auch in der Kunst geht
Liebe oft mit dem Beigeschmack des Kitschigen einher -
bezeichnenderweise abgesehen von der Jugendkultur. Die folgenden
Abschnitte sollen für all das keine "Lebenshilfe"
bieten. Sie werden nicht mit "Beispielen aus dem Alltag"
dienen. Sie sollen im Gegenteil die Abstraktheit philoso-phischen
Denkens, die Ferne von Lebenszusammenhängen in der Hinsicht
wahren, dass sie jeder Leserin und jedem Leser die Möglichkeit
geben sollen, eigene Bezüge zu eigenen Lebenszusammenhängen
herzustellen.
Das
Christentum oder Die Religion der blutenden Herzen
Oft
sind es die Logiker unter den Philosophen, die uns die tiefsten
Einsichten über das Wesen der Religiosität vermitteln - so
etwa Betrand Russel in seinem Buch Mystik und Logik (1952): "Wie
wir fühlt sich auch der Wilde bedrückt von seiner Ohnmacht
vor den Gewalten der Natur; doch da er in seinem Inneren nichts
findet, das er höher achtet als die Macht, ist er bereit, sich
vor seinen Göttern in den Staub zu werfen, ohne zu prüfen,
ob sie auch seiner Verehrung wert sind. Doch allmählich, mit dem
Kühnerwerden der Moralvorstellungen, beginnt sich der Anspruch
der idealen Welt fühlbar zu machen und die Menschen nehmen eine
Haltung ein, die wir gewöhnlich als spezifisch religiös
betrachten; sie behaupten, dass die Welt der Tatsachen in einer uns
verborgenen Art und Weise in Wirklichkeit mit der Welt der Ideale
harmoniere. So erschuf sich der Mensch den allmächtigen und
allgütigen Gott, die mystische Einheit dessen, was ist, und
dessen, was sein soll."
Anschaulich verfolgen lässt
sich die von Russel gekennzeichnete Entwicklung im griechischen
Altertum: Da begegnen uns die Götter des Olymp in den Gesängen
Homers als mächtige, aber allzumenschliche Gestalten,
Verkörperungen der Naturgewalten und heroischer menschlicher
Qualitäten, aber in ihrem Verhalten allenfalls oberflächlich
moralisch, inwendig jedoch zutiefst selbstsüchtig. In ihrer
Macht entsprechen sie dem Ideal der Freiheit, so wie es die Antike
verstand. In ihrer Selbstsucht sind sie geradezu das Gegenbild der
Liebe. In Griechenland ist es nun gerade die Philosophie in der
Gestalt des Sokrates, die in dieses "Liebesvakuum" die
Frage nach der "Tugend", der "Moral" stellt.
Dieser Sokrates wird für sein Fragen nach der Tugend als der
erste "Märtyrer" der Philosophiegeschichte zum Tode
durch den Schierlingsbecher verurteilt. Man unterstellt ihm, dass er
die Jugend verdorben habe, indem er den olympischen Göttern die
Verehrung versagt und neue göttliche Wesen eingeführt habe.
Zu wenig ist von den Lehren des Sokrates bekannt, die uns ja nur über
seine Schüler Platon und Xenophon überliefert sind, um
genau sagen zu können, was mit jenen "neuen göttlichen
Wesen" gemeint ist. Ist es der "daimonos", Sokrates'
von ihm selbst so benanntes "philosophisches Gewissen",
oder der "logos", den er wohl schon in seiner
Doppeldeutigkeit als Göttliches im Menschen und in der Welt
versteht, oder gar ein monotheistisches Gotteswesen?
Der
"Anspruch der idealen Welt" macht sich spätestens in
der Philosophie Platons geltend. Seiner Auffassung nach ist unsere
"Sinnenwelt" nur ein Abbild der "Ideenwelt", der
er die Ideen als "Urbilder" der Dinge zuschreibt, in der er
aber auch die Quelle der Ideen als "Begriffe" unseres
Denkens sieht, an die wir uns im diesseitigen Leben "zurückerinnern";
denn der Mensch wird nach jedem Tode immer wieder geboren und
verbringt die Zeit "zwischen" Tod und Geburt eben in dieser
Ideenwelt. Vor allem aber sind die Ideen "Ideale" und die
höchsten Ideen die Ideale des Guten, Wahren und Schönen.
Diese Ideen zu "schauen" ist für Platon natürlich
ein geistiger Akt. Was uns aber dazu bewegt, sie zu schauen, ist die
Liebe. In seinem Dialog Symposion (Das Gastmahl) berichtet Sokrates -
üblicherweise die Hauptfigur in Platons Dialogen - davon, dass
ihn die Priesterin Diotima in seiner Jugend den "rechten Weg der
Liebe" gelehrt habe: Dieser beginne mit der - im alten
Griechenland gewöhnlich homosexuellen - Liebe zu den "schönen
Leibern", setze sich fort in der Liebe zu den schönen
Seelen, in der Liebe zu den Kunstwerken, wissenschaftlichen
Erkenntnissen und Gesetzen der Polis und finde seine Erfüllung
im liebenden Schauen der Idee des Schönen selbst - und mit ihr
im Schauen der Idee des Guten und Wahren.
Dieser Anspruch der
idealen Welt findet seine angemessene Mäßigung durch den
Platonschüler Aristoteles und setzt sich fort in den -
eigentlich an nichts anderem als an ethischen Fragen interessierten -
"hellenistischen" Philosophien: den Stoikern, den Kynikern
und den Epikureern. Die Begegnung der griechischen Philosophie mit
dem Judentum strebt dem entgegen, was Steiner das "Mysterium von
Golgatha" nennt, dem Ursprung des christlichen Glaubens. Der
"allmächtige Gott", dessen mythologischer Ausdruck das
Judentum und dessen philosophisches Konzept die griechische
Philosophie war, opfert seinen Sohn aus Liebe zu den Menschen.
Heute lässt sich kaum noch die geistesgeschichtliche
Gewalt dieses Ereignisses ermessen. Nietzsche versucht dies in seiner
Schrift Jenseits von Gut und Böse - wenn auch mit letztlich
religionskritischer Intention - zu verdeutlichen: "Die modernen
Menschen, mit ihrer Abstumpfung gegen alle christliche Nomenklatur,
fühlen das Schauerlich-Superlativische nicht mehr nach, das für
einen antiken Gechmack in der Paradoxie der Formel 'Gott am Kreuze'
lag. Es hat bisher noch niemals und nirgendwo eine gleiche Kühnheit
im Umkehren, etwas gleich Furchtbares, Fragendes und Fragwürdiges
gegeben wie diese Formel: sie verhieß die Umwertung aller
antiken Werte." Eben diese Umkehrung ist es, die Russel mit dem
"allmächtigen und allgütigen Gott", der
"mystischen Einheit dessen, was ist, und dessen, was sein soll"
anspricht, jener verborgenen Harmonie der "der Welt der
Tatsachen mit der Welt der Ideale". Neben die absolute Freiheit
des einen Schöpfergottes tritt die Liebe als wesentliches, wenn
nicht noch wesentlicheres Attribut: Der menschgewordene allmächtige
Gott gibt am Kreuz seine Allmacht, seine absolute Freiheit auf, um
aus Liebe zu den Menschen zu sterben.
Und mit einem Schlag
verwandelt sich das Ideal der Menschlichkeit vom Helden im Glanze
seiner Freiheit zum Liebenden in seiner Leidens- und
Mitleidensfähigkeit. Es war die Religion der blutenden Herzen
geboren, deren Kultus nicht Zweck, sondern Mittel zum Zwecke der
Liebe war - sofern Liebe ein Zweck sein kann. Das Matthäus-Evangelium
spricht davon, wenn es die Nächstenliebe der Gottesverehrung
gleichstellt: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von
ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Das ist
das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem
gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. In
diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten".
Ausgesprochen findet sich dies auch in jener berühmten Sentenz
der Johannesbriefe: "Gott ist die Liebe und wer in der Liebe
bleibet, der bleibt in Gott und Gott in ihm."
Theodizee
oder Gott vor dem Tribunal der blutenden Herzen
"Der
bleibt in Gott und Gott in ihm" - das drückt seinerseits
ein zunächst oberflächliches Paradox aus, das schon in der
angesprochenen Doppeldeutigkeit des Logos im griechischen Verständnis
als Göttliches in der Welt und im Menschen liegt: Gott ist
ebenso die Grundlage der Harmonie von Tatsachen und Idealen, die den
Menschen in der Welt hält, wie der Harmonisierung von Tatsachen
und Idealen im Menschen selbst. Steiner sieht gerade in jenem "Gott
in uns" als "Christus in uns" den Schwerpunkt
ur-christlicher Religiosität. Gewiss aber birgt spätestens
die spirituelle Machtentfaltung der katholischen Kirche in sich die
gänzliche Verdrängung dieses Aspekts durch die Betonung der
Sündhaftigkeit des Menschen einerseits und durch die
Hypostasierung göttlicher Allgüte und Allmacht
andererseits. Unendliche Freiheit und Liebe wurden zu Prädikaten
Gottes, während der Mensch durch die Sünde unfrei und der
Liebe unfähig wurde - oder eben in seinem Freiheitsanspruch und
seiner Liebe sündhaft.
Doch je mehr sich der christliche
Mensch mit der Renaissance der Eigenständigkeit seines Denkens
versicherte, desto mehr verzweifelten die blutenden Herzen an ihrer
Leidens- und Mitleidensfähigkeit. Es machte sich ein Zweifel am
monotheistisch verstandenen Gott geltend, der schon der Antike, hier
in der Person Epikurs, nicht fremd war: "Entweder will Gott die
Übel beseitigen und kann es nicht, oder er kann es und will es
nicht, oder er kann es nicht und will es nicht, oder er kann es und
will es. Wenn er nun will und nicht kann, so ist er schwach, was auf
Gott nicht zutrifft. Wenn er kann und nicht will, so ist er
missgünstig, was ebenfalls Gott fremd ist. Wenn er nicht will
und nicht kann, dann ist er sowohl missgünstig wie auch schwach
und dann auch nicht Gott. Wenn er aber will und kann, was allein sich
für Gott ziemt, woher kommen dann die Übel und warum nimmt
er sie nicht weg?" In der christlichen Renaissance wird dieser
Zweifel wiedergeboren als das Empfinden der Widersprüchlichkeit
zwischen der Allmacht und Allgüte Gottes, seiner absoluten
Freiheit und seiner absoluten Liebe.
Leibniz gibt dem Problem
den Namen "Theodizee" - Rechtfertigung Gottes - und
untertitelt seine Essais de Théodizée aus dem Jahre
1710 mit: "Über die Güte Gottes, die Freiheit des
Menschen und den Ursprung des Bösen" (Sur la bonté
de Dieu, la liberté de l'homme et l'origine du mal). Er
rechtfertigt seinen Gott als Schöpfer der "besten aller
denkbaren Welten". Seiner Auffassung nach resultiert ein großer
Teil der Leiden des Menschen, nämlich jene, die wie
Naturkatastrophen oder Mangel an Nahrung nicht dem Handeln der
Menschen selbst entspringen, einfach aus der Geschöpflichkeit
und damit Endlichkeit und Unvollkommenheit der Welt. Die
tiefgreifenderen "moralischen Übel" hingegen
entspringen der Freiheit des ebenso endlichen und also unvollkommenen
Wesens Mensch, die hier ausdrücklich neben die Allmacht, also
Freiheit Gottes gestellt und von dieser gewollt gedacht wird.
Nicht
aber seine Lösung des Problems sondern das Problem selbst wird
ein Menschenleben später aus der philosophischen Studierstube in
unglaublich tiefgreifender Weise in das öffentliche Bewusstsein
gehoben, als eine gigantische Naturkatastrophe auf das im Geiste der
Aufklärung gewachsene moralische Selbstbewusstsein der Menschen
traf. Goethe gibt dem in seiner Autobiographie Aus meinem Leben
Ausdruck: "Durch ein außerordentliches Weltereignis wurde
die Gemütsruhe des Knaben zum ersten Mal im Tiefsten
erschüttert. Am ersten November 1775 ereignete sich das Erdbeben
von Lissabon, und verbreitete über die in Frieden und Ruhe schon
eingewohnte Welt einen ungeheuren Schrecken. Eine große
prächtige Residenz, zugleich Handels- und Hafenstadt, wird
ungewarnt von dem furchtbarsten Unglück betroffen. Die Erde bebt
und schwankt, das Meer braust auf, die Schiffe schlagen zusammen, die
Häuser stürzen ein. Kirchen und Türme darüber
her, der königliche Palast zum Teil vom Meere verschlungen, die
geborstene Erde scheint Flammen zu speien: denn überall meldet
sich Rauch und Brand in den Ruinen. Sechzigtausend Menschen, einen
Augenblick zuvor noch ruhig und behaglich, gehen miteinander
zugrunde, und der Glücklichste darunter ist der zu nennen, dem
keine Empfindung, keine Besinnung über das Unglück mehr
gestattet ist. Hierauf ließen es die Gottesfürchtigen
nicht an Betrachtungen, die Philosophen nicht an Trostgründen,
an Strafpredigten die Geistlichkeit nicht fehlen. Der Knabe, der
alles dieses wiederholt vernehmen musste, war nicht wenig betroffen.
Gott, der Schöpfer und Erhalter des Himmels und der Erde, den
ihm die Erklärung des ersten Glaubensartikels so weise und
gnädig vorstellte, hatte sich, indem er die Gerechten mit den
Ungerechten gleichem Verderben preisgab, keineswegs väterlich
bewiesen. Vergebens suchte das junge Gemüt sich gegen diese
Eindrücke herzustellen, welches überhaupt umso weniger
möglich war, als die Weisen und Schriftgelehrten selbst sich
über die Art, wie man ein solches Phänomen anzusehen habe,
nicht vereinigen konnten."
Im Geiste dieser Zeit
vollzieht sich - auch religionsphilosophisch - mit dem Werk von
Immanuel Kant eine entscheidende Neuorientierung, die von dem
Königsberger Philosophen selbst mit der kopernikanischen Wende
verglichen wurde: Unterzieht man die menschliche Vernunft einer
genauen Untersuchung - von Kant "Kritik" genannt - erkennt
man die ihr gewissermaßen eingeborene Beschränktheit durch
die Grenzen der uns möglichen Erfahrung. Diese Beschränktheit
zwingt uns aber geradezu, die Welt und letztlich auch Gott eben aus
dem Blickwinkel dieser Vernunft zu betrachten. Es mischt sich hier
scheinbare Anmaßung mit einer tiefen erkenntnistheoretisch
begründeten Bescheidenheit: Nicht die Vernunft muss sich nach
der Welt richten, sondern die Welt nach dieser Vernunft - die für
die erste Perspektive schlichtweg nicht hinreichend ist. Entsprechend
formuliert auch Kant das Theodizeeproblem aus dem Blickwinkel der
Vernunft: "Unter einer Theodizee versteht man die Verteidigung
der höchsten Weisheit des Welturhebers gegen die Anklage, welche
die Vernunft aus dem Zweckwidrigen der Welt gegen jene erhebt."
Und erwartungsgemäß kommt er zu dem bis heute letztendlich
von den meisten Theologen akzeptierten Ergebnis, "dass unsere
Vernunft zur Einsicht des Verhältnisses, in welchem eine Welt,
so wie wir sie durch Erfahrung immer kennen mögen, zu der
höchsten Weisheit stehe, schlechterdings unvermögend
sei".
Aufklärung
oder Die Entmündigung der blutenden Herzen
Auf
den ersten Blick mag es erscheinen, als ob diese Selbstbescheidung
der aufklärerischen Vernunft den blutenden Herzen das Feld
überlässt. Doch letztlich macht sich der Anspruch dieser
Vernunft geltend, an eben die Stelle zu treten, die vordem die
göttlich verstandene Liebe des Menschen einnahm. Noch Blaise
Pascal philosophierte Mitte des 17. Jahrhunderts: "Es ist das
Herz, das Gott spürt, und nicht die Vernunft. Das ist der
Glaube: Gott spürbar im Herzen und nicht in der Vernunft."
Und Kant ist dahingehend seiner Auffassung, dass er der, wie er sie
nennt, theoretischen Vernunft jeden Wert zur Entscheidung der Frage
nach Gott abspricht: "Ich bin zwar nicht der Meinung, dass man
hoffen könne, man werde dereinst noch evidente Demonstrationen
der zwei Kardinalsätze unserer reinen Vernunft: es ist ein Gott,
es ist ein künftiges Leben, erfinden. Vielmehr bin ich gewiss,
dass dieses niemals geschehen werde. Denn wo will die Vernunft den
Grund zu solchen synthetischen Behauptungen, die sich nicht auf
Gegenstände der Erfahrung beziehen, hernehmen? Aber es ist auch
gewiss, dass niemals irgendein Mensch auftreten werde, der das
Gegenteil behaupten könne. Denn weil er dies doch bloß
durch reine Vernunft dartun könnte, so müsste er es
unternehmen, zu beweisen: dass ein höchstes Wesen, dass das in
uns denkende Subjekt, als reine Intelligenz unmöglich sei. Wo
will er aber Kenntnisse hernehmen, die ihn, von Dingen über alle
mögliche Erfahrung hinaus so synthetisch zu urteilen,
berechtigten?"
Doch stellt Kant der theoretischen
Vernunft eine praktische, die Moral des Menschen betreffende Vernunft
gegenüber. Für eben diese Vernunft ist die Annahme Gottes
nach Kants Auffassung eine notwendige Voraussetzung: Das moralische
Streben des Menschen gilt dem, was man in der Philosophie "das
höchste Gut" nennt. René Descartes schrieb ein
Jahrhundert vor Kant in einem seiner Briefe an Christine von
Schweden, dieses höchste Gut wäre einerseits Gott selbst in
seiner Vollkommenheit, würde aber im Leben des individuellen
Menschen "in einem festen Willen, Gutes zu tun, und in der
dadurch erzeugten Befriedigung bestehen". Noch für
Descartes war jene Befriedigung, die dadurch entsteht, dass man einem
anderen Menschen Gutes tut, selbstverständliche Konsequenz
christlich verstandener Menschenliebe. Für Kant besteht aber
zwischen den beiden Aspekten des höchsten Gutes - er nennt sie
"Tugend" und "Glückseligkeit" - kein
notwendiger Zusammenhang. Was tugendhaftes Handeln ist, gebietet dem
Menschen eben seine praktische Vernunft in Form des berühmten
"Kategorischen Imperativs": "Handle stets so, dass du
die Maxime deines Handelns zum allgemeinen Gesetz erheben kannst."
Es ist aber zunächst überhaupt nicht ausgemacht, dass man
mit einem solchen Handeln auch glücklich werden kann. Eben das
muss aber vorausgesetzt werden, damit dieses höchste Gut
moralisches Handeln motivieren kann. Demzufolge müssen wir einen
Zusammenhang zwischen Tugend und Glückseligkeit voraussetzen.
Und dies muss eine Instanz sein, die einerseits die einer Handlung
zugrunde liegende Gesinnung nach moralische Maßstäben
bewerten kann, anderseits aber den Weltlauf so beeinflussen kann,
dass diese Handlung auch glücklich machen kann. Und eben dies
kann nur ein ebenso allgütiger wie allmächtiger Gott sein.
Wir können also nur dann moralisch handeln, wenn wir die
Existenz dieses Gottes voraussetzen. Kant fasst seinen kühnen
Gedanken zusammen: "Zwar wird freilich sich niemand rühmen
können, er wisse, dass ein Gott und dass ein künftig Leben
sei. Nein, die Überzeugung ist nicht logische, sondern
moralische Gewissheit, und da sie auf subjektiven Gründen (der
moralischen Gesinnung) beruht, so muss ich nicht einmal sagen: es ist
moralisch gewiss, dass ein Gott sei usw., sondern: ich bin moralisch
gewiss usw. Das heißt: der Glaube an einen Gott und eine andere
Welt ist mit meiner moralischen Gesinnung so verwebt, dass, so wenig
ich Gefahr laufe, die erstere einzubüßen, ebenso wenig
besorge ich, dass mir der zweite jemals entrissen werden könne."
Einerseits beginnt mit Kant gewissermaßen die
"Rücknahme" des allmächtigen und allgütigen
Gottes vom Himmel in den Menschen, der philosophiegeschichtlich
erste, noch vorsichtige Schritt, "an Gottes Stelle den freien
Menschen" zu denken. Zwar wird Gott noch eine selbstständige
Existenz zugeschrieben, aber eben nur kraft der praktischen Vernunft
des Menschen. Der Mensch gewinnt seine Freiheit, indem er aus den
Geboten der Vernunft heraus zu handeln imstande ist. Und er ist nur
dann frei, wenn er sich von allen anderen Beweggründen zu
befreien versteht.
Andererseits gewinnt damit die Güte
Gottes und die moralische Qualität des handelnden Menschen einen
völlig anderen Charakter. Ganz im Geiste der Aufklärung
wird die Grundlage der Moral eben nicht in Gefühlen wie
"Mitleid" oder "Nächstenliebe" gesucht,
sondern in der Vernunft. Das aus Liebe handelnde blutende Herz
verdient kein Interesse mehr, da es eben nicht aus Freiheit den
moralischen Imperativen seiner Vernunft, sondern, wie Kant sagen
würde, lediglich seiner Neigung folgt. Kant würde ein
solches Handeln nach dem Herzen natürlich nicht "unmoralisch"
nennen, aber er würde es als moralisch überhaupt nicht
bewertbar einordnen. Die Liebe des Menschen verschwindet so
weitestgehend aus dem Sachregister philosophischer Werke. Die Liebe
Gottes wird entsprechend zur bloßen Metapher für die ihr
entsprechenden moralischen Wertmaßstäbe.
Romantik
oder Die Privatisierung der blutenden Herzen
Wie
alle historischen Extreme findet auch die Aufklärung im Sturm
und Drang und letztlich in der Romantik ihr Gegenbild. Betrachtet man
jedoch die philosophischen Systeme, die in dieser Zeit entstanden,
findet man eher eine Fortsetzung der Trennung zwischen Liebe und
Freiheit als eine Versöhnung. Die Romantik verortet Liebe ganz
entschieden in den Bereich des Übersinnlichen, Religiösen.
Sie erscheint in der Poesie oder Literatur im Allgemeinen, nicht
jedoch im Philosophieren. Geradezu biographisch vorgeführt
bekommt man diese Entwicklung an drei der Geistesgrößen
jener Zeit, die einen Abschnitt ihrer Jugend im Tübinger Stift
als Freunde und zeitweilig sogar Zimmer-genossen miteinander
verbrachten: Hölderlin, Schelling und Hegel. Hölderlin,
einstmals der philosophische Kopf des Triumvirats, widmet sich der
Poesie, zerbricht an seiner Liebe zu "Diotima" und wird
selbst zu einem Sinnbild der blutenden Herzen. Der frühreife
Schelling wählt den Weg in die Philosophie, achtet in seinem
philosophischen System allerdings die Kunst noch vor der Philosophie
als höchsten Ausdruck des Weltgeistes. Hegel letztlich schafft
das umfassendste philosophische System der Geschichte, von dem bis
heute viele Menschen sagen, dass es die Erfüllung der
Philosophie schlechthin war. Sein Anspruch war nicht weniger als das
Denken des Absoluten vom Standpunkt des Absoluten. Setzt man für
Absolutes "Gott", so wird der Bezug zum Thema Freiheit und
Liebe wiederum deutlich.
Hegel versteht die Weltgeschichte -
einschließlich der Naturgeschichte - als einen Prozess der
Verwirklichung des Absoluten. Während Gott zunächst in
einem träumenden Bewusstsein zu denken ist, entäußert
er sich im Prozess der Schöpfung in die Welt, wird also zum
Göttlichen in der Natur und später auch in der menschlichen
Kultur. Er existiert also nicht in einem jenseits unserer Erfahrung
zu denkenden Bereich der Wirklichkeit, sondern ist diese Wirklichkeit
selbst. Allerdings ist er Gott nur noch in einer sich selbst
entfremdeten Form: Er ist zunächst "bewusstlose"
Natur, hat das Bewusstsein seiner selbst im Akt der Schöpfung
verloren. Alle Weltgeschichte läuft nun darauf hinaus, dass Gott
aus diesem Stadium der Selbstentfremdung wieder zum Bewusstsein
seiner selbst gelangen kann. Und eben dies geschieht im erkennenden
Menschen beziehungsweise der menschlichen Gesellschaft. Gott wird
sich seiner Selbst bewusst, indem sich der Mensch Gottes in Natur und
Gesellschaft bewusst wird. Historisch wirklich wird diese Entwicklung
in der Verwirklichung von Freiheit und dies heißt für
Hegel immer Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit. "Es ist
also ... als der Endzweck der Welt das Bewusstsein des Geistes von
seiner Freiheit und eben damit die Wirklichkeit seiner Freiheit
überhaupt angegeben".
Plausibel wird dies, wenn man
sich Gott als Schöpfer und die Schöpfung der Welt als
Ausdruck einer gewissermaßen absoluten Freiheit vorstellt, an
deren Stelle in der Selbstentfremdung Gottes die Naturnotwendigkeit
tritt und erst im Handeln der Menschen auf Grund der Erkenntnis
dieser Naturnotwendigkeiten wieder zur Freiheit führt. Im
Bewusstsein seiner Freiheit gelangt der Mensch also zum Bewusstsein
des Göttlichen - und damit an den Endpunkt der Geschichte. Es
zeigt sich nun nicht nur Hegels realistischer Blick auf das damalige
(und heutige?) Weltgeschehen, sondern auch eine neue Perspektive auf
das Theodizeeproblem, wenn er unterstellt, dass dieses Handeln der
Menschen selten dem Streben nach Freiheit entspringt, sondern
zunächst und zumeist Leidenschaften, Interessen und
Selbstsüchten folgt, die auch "Böses"
hervorbringen. Aber dieses Leiden der Menschheit hat nach Hegels
Auffassung eben seinen tieferen Sinn darin, dass die Menschheit über
dieses Leiden gewissermaßen in ihre Freiheit gezwungen wird,
die Einsicht gewinnt, dass nur in Freiheit eine Begrenzung dieses
Leidens möglich ist. Das gigantische geistige System der
Hegelschen Philosophie findet so als Endzweck der Weltgeschichte "an
Stelle Gottes den freien Menschen" - und wird im Kontext der
Werke von Fichte und Schelling zum philosophischen Bezugspunkt des
jungen Rudolf Steiner.
So eindrucksvoll Hegels "Philosophie
der Freiheit" auch sein mag, so ist hier ebenso deutlich, dass
in einer solchen Philosophie, aber auch in einer Gesellschaft, die in
einer solchen Philosophie ihren Ausdruck findet, die Liebe
bedeutungslos geworden ist. Die Liebe und das Leiden der blutenden
Herzen ist ganz dem Gang der Weltgeschichte zur Freiheit
untergeordnet. Auch die Liebe fällt unter die Leidenschaften des
Menschen, die eine "List der Vernunft" sind, um den
Menschen zu seiner Freiheit zu führen. Es steckt Realismus, aber
durch die Rechtfertigung dieses Zustandes auch Verachtung des Leidens
in der berühmten These Hegels: "Die Weltgeschichte ist
nicht der Boden des Glücks. Die Perioden des Glücks sind
leere Blätter in ihr; denn sie sind die Perioden der
Zusammenstimmung, des fehlenden Gegensatzes." Es ist nicht
erstaunlich, dass gerade nach der Katastrophe des zweiten Weltkrieges
der auf die Geschichtsphilosophie Hegels zurückgehende
Historismus in dieser Hinsicht heftiger Kritik ausgesetzt war.
Schlachtfelder, zerbombte Städte und Vernichtungslager als
Mittel Gottes auf dem Weg zu seiner Selbsterkenntnis verstehen zu
wollen, widerstrebte selbst dem modernen Rationalismus. "Die
Behauptung, dass Gott sich in dem offenbart, was man gewöhnlich
'Geschichte' nennt, in der Geschichte internationaler Verbrechen und
Massenmorde, diese Behauptung ist eine grobe Lästerung; und sie
wird nicht besser, wenn wir an die zukünftigen Machthaber und
Massenmörder appellieren" - so bringt Karl Raimund Popper
seine Kritik in seinem 1945 erschienenen Hauptwerk Die offene
Gesellschaft und ihre Feinde auf den Punkt. Betrachtet man jedoch
seine Alternative, findet man, dass diese Kritik letztlich auf eine
Bestätigung Hegels hinaus läuft: "Die Geschichte hat
keinen Sinn; das ist meine Behauptung. Aber aus dieser Behauptung
folgt nicht, dass wir nichts tun können, dass wir die Geschichte
der politischen Macht mit Entsetzen akzeptieren müssen oder dass
wir gezwungen sind, sie als einen grausamen Scherz hinzunehmen... Wir
können die Geschichte der Machtpolitik deuten im Sinne unseres
Kampfes für die offene Gesellschaft, für eine Herrschaft
der Vernunft, für Gerechtigkeit, Freiheit, Gleichheit und für
die Kontrolle des internationalen Verbrechens. Obwohl die Geschichte
kein Ziel hat, können wir ihr dennoch diese unsere Ziele
stellen. Und obwohl die Geschichte keinen Sinn hat, können doch
wir ihr einen Sinn geben." Ja aber, kann man fragen, ist es
nicht eben das, was für Hegel der Endpunkt der Geschichte ist?
Finden wir nicht auch hier "an Stelle Gottes den freien
Menschen?" Sind wir nicht ganz im Sinne Hegels zum Bewusstsein
unserer Freiheit gelangt, wenn wir der Geschichte in jenem Sinne
einen Sinn geben? Lacht der Weltgeist auch über Popper und die
moderne Demokratie, die seiner List entsprungen sind?
Nihilismus
oder Die Verbannung der blutenden Herzen
Doch
ist die moderne Gesellschaft wirklich der Sieg menschlicher Freiheit?
Erinnert sie nicht eher an die Prophezeiung Nietzsches aus Also
sprach Zarathustra: "Wehe! Es kommt die Zeit, wo der Mensch
nicht mehr den Pfeil seiner Sehnsucht über den Menschen hinaus
wirft, und die Sehne seines Bogens verlernt hat, zu schwirren! Ich
sage euch: man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden
Stern gebären zu können. Wehe! Es kommt die Zeit, wo der
Mensch keinen Stern mehr gebären wird. Wehe! Es kommt die Zeit
des verächtlichsten Menschen, der sich selber nicht mehr
verachten kann. Seht! Ich zeige euch den letzten Menschen. 'Was ist
Liebe? Was ist Schöpfung? Was ist Sehnsucht? Was ist Stern?' -
so fragt der letzte Mensch und blinzelt. Die Erde ist dann klein
geworden, und auf ihr hüpft der letzte Mensch, der alles klein
macht. Sein Geschlecht ist unaustilgbar, wie der Erdfloh; der letzte
Mensch lebt am längsten. 'Wir haben das Glück erfunden' -
sagen die letzten Menschen und blinzeln. Sie haben die Gegenden
verlassen, wo es hart war zu leben: denn man braucht Wärme. Man
liebt noch den Nachbarn und reibt sich an ihm: denn man braucht
Wärme. Krankwerden und Misstrauen-haben gilt ihnen sündhaft:
man geht achtsam einher. Ein Thor, der noch über Steine oder
Menschen stolpert! Ein wenig Gift ab und zu: das macht angenehme
Träume. Und viel Gift zuletzt, zu einem angenehmen Sterben. Man
arbeitet noch, denn Arbeit ist eine Unterhaltung. Aber man sorgt,
dass die Unterhaltung nicht angreife. Jeder ist gleich: wer anders
fühlt, geht freiwillig in's Irrenhaus. 'Ehemals war alle Welt
irre' - sagen die Feinsten und blinzeln. Man hat sein Lüstchen
für den Tag und sein Lüstchen fr die Nacht: aber man ehrt
die Gesundheit. 'Wir haben das Glück erfunden' - sagen die
letzten Menschen und blinzeln".
Sind wir jene "letzten
Menschen", von denen Nietzsche spricht? Was ist es, das ihnen
fehlt? Was ist es, das sie dennoch "glücklich" macht?
Sie wissen nichts mehr von Liebe, von Sehnsucht, von Schöpfung,
von Stern. Sie haben kein Chaos mehr in sich, nichts mehr, was sie
über sich hinausträgt. Doch eben dadurch sind sie da
angelangt, wohin sie wollten. In einem "Glück", in dem
sie ihre Sehnsucht für erfüllt halten: Sie können tun,
wozu sie Lust haben. Nichts bringt sie mehr wirklich in Bedrängnis,
nicht einmal mehr das eigene Gefühl. Sie haben sich von alldem
"befreit". Und in dieser "Freiheit" haben sie ihr
Glück gefunden. Zumindest solange sie "blinzeln",
solange sie nicht die Augen öffnen. Wobei hier gewiss nicht die
leiblichen Augen gemeint sind, aber auch nicht der "Blick"
des unbeteiligten Denkens, das Verwirrung, aber nicht Chaos bergen
kann. Es ist das Herz, das sehen kann und beim "letzten
Menschen" nicht mehr sieht. Es ist das Chaos von Sehnsucht und
Liebe, das den Menschen wie einen Pfeil über sich hinausträgt.
Aber auch Nietzsche sucht die Alternative zu jenen letzten
Menschen keineswegs in der Liebe, sondern ganz im Gegenteil in der
rücksichtslosen Freiheitsentfaltung auf dem Wege zum
"Übermenschen". Nicht mehr die Einheit von Freiheit
und Liebe, von Glückseligkeit und Tugend sollten für den
Menschen sinnkonstituierend sein, sondern eben jener "Wille zur
Macht", den der Übermensch rigoros zu entfalten den Mut
haben soll - ein Bild, das die Nationalsozialisten dankbar
aufzugreifen verstanden. Entsprechend schließt Nietzsche den
ersten Teil von Also sprach Zarathustra mit den Worten: "Tot
sind alle Götter: nun wollen wir, dass der Übermensch
lebe!"
In den Schrecken des zweiten Weltkrieges fanden
diese Worte ihre grauenhafte Verwirklichung. Und es scheint
tatsächlich Hegels Geschichtsphilosophie zu bestätigen,
dass diese Leiden des Menschen zunächst in einem Teil Europas zu
einer "freiheitlichen Grundordnung" geführt haben, in
deren demokratischen Institutionen es für "Übermenschen"
keinen Platz mehr gibt. Doch scheint dies tatsächlich auch der
Tummelplatz für Nietzsches "letzten Menschen" geworden
zu sein: Dieser Mensch hat Freiheit gewonnen, sie ist ihm sozusagen
verfassungsmäßig garantiert, doch sie ist hohl und leer.
Wir haben die Freiheit vom Himmel geholt, um sie im Handeln der
Menschen zu verwirklichen; doch die Menschen wissen nicht mehr, wie
sie diese Freiheit füllen sollen. Freiheit ist nur noch Freiheit
zu tun, wozu man Lust hat - und somit keine Freiheit mehr. Das Chaos
des Herzens wird nicht mehr zugelassen. Liebe wird sozialisiert oder
instrumentalisiert, ist aber nicht mehr sinnkonstituierend für
das menschliche Dasein, so wie sie es gewesen ist, als der Mensch
sich noch in einem Gott, der Liebe ist, aufgehoben fühlte.
Sinnsurrogate stehen auf der einen Seite und machen alles klein, was
einst menschlich sein sollte. Unbeantwortete Sinnfragen stehen auf
der anderen Seite, doch sie bringen den Menschen zumeist nur noch zum
Blinzeln, nicht mehr zum Schauen. Dort wo er schaut, verzweifelt der
Mensch nicht mehr an seiner Unfreiheit, sondern an seiner Freiheit.
In der Philosophiegeschichte wird dies vielleicht am deutlichsten im
Existenzialismus. "Wir sind zur Freiheit verurteilt"
resümiert Sartre; denn "die Existenz geht der Essenz
voraus". Wir sind zunächst nur da, wir existieren. Doch
wissen wir zunächst nicht wozu, was die Essenz, das Wesen
unseres Lebens ausmachen sollte. Der Mensch ist "frei"
gelassen, ohne von der Liebe gehalten zu werden.
Anthroposophie
und Christentum oder Die Wiedergewinnung der blutenden Herzen
Anthroposophie
ist nicht nur Weisheit vom Menschen, sondern auch Weisheit der
Menschlichkeit - und somit geistesgeschichtlich durchaus ein Stück
weit als Alternativentwurf zu Nietzsches Nihilismus zu verstehen,
aber vielleicht auch als Erlösungsweg für die von ihm
gegeißelten "letzten Menschen". Schon die Philosophie
der Freiheit zeigt, dass ein "liebloses" Handeln nach den
jeweils augenblicklichen Bedürfnissen, die für den Menschen
der Konsumgesellschaft kennzeichnend ist, keine wirkliche Freiheit
ist. Doch ist auch die von Steiner angestrebte Menschlichkeit ganz im
Sinne der Klassischen Deutschen Philosophie in einer Freiheit
begründet, die in der denkenden oder im weiteren Sinne
intuitiven Durchdringung geistiger Wirklichkeiten ihren Ursprung hat
- und nicht im blutenden Herzen. Zwar setzt sich Steiner gegen Kants
in moralischen Normen begründete Pflichtethik ab, wenn er
schreibt: "Eine Handlung wird als freie empfunden, soweit deren
Grund aus dem ideellen Teil meines individuellen Wesens hervorgeht;
jeder andere Teil einer Handlung, gleichgültig, ob er aus dem
Zwange der Natur oder aus der Nötigung einer sittlichen Norm
vollzogen wird, wird als unfrei empfunden. Der bloße
Pflichtbegriff schließt die Freiheit aus, weil er das
Individuelle nicht anerkennen will, sondern Unterwerfung des
Letzteren unter eine allgemeine Norm fordert." Doch wird ganz im
Sinne Kants das Gefühl und mit ihm die Liebe als ethisch
irrelevant betrachtet: "Das Individuelle in mir ist nicht mein
Organismus mit seinen Trieben und Gefühlen, sondern das ist die
einige Ideenwelt, die in diesem Organismus aufleuchtet."
Diese
Ideenwelt ist es denn auch, die für Steiner mitmenschliches
Zusammenleben konstitutiv sein soll: "Der Unterschied zwischen
mir und meinem Mitmenschen liegt durchaus nicht darin, dass wir in
zwei ganz verschiedenen Geisteswelten leben, sondern dass er aus der
uns gemeinsamen Ideenwelt andere Intuitionen erfährt als ich. Er
will seine Intuitionen ausleben, ich die meinigen. Wenn wir beide
wirklich aus der Idee schöpfen und keinen äußeren
Antrieben folgen, so können wir uns nur in dem gleichen Streben,
in den gleichen Intentionen begegnen. Ein sittliches Missverstehen,
ein Aufeinanderprallen ist bei sittlich freien Menschen
ausgeschlossen. Nur der sittlich Unfreie, der dem Naturtrieb oder
einem angenommenen Pflichtgebot folgt, stößt den
Nebenmenschen zurück, wenn er nicht dem gleichen Instinkt und
dem gleichen Gebot folgt."
Und Steiner schließt
seine berühmte "Grundmaxime der freien Menschen" an:
"Leben in der Liebe zum Handeln und Leben lassen im
Verständnisse des fremden Wollen". Interessanterweise
bindet diese Maxime auch das Wort "Liebe" ein, aber eben
nicht in Bezug auf den Mitmenschen. Ihm gegenüber bleibt nur das
"Leben lassen" - auch wenn sie sicher oft genug übertreten
wird - also nicht mehr als eine ethische Minimalforderung. Die Liebe
ist ganz meiner Freiheit und der meines Mitmenschen untergeordnet.
Wie die Philosophie der Freiheit durchzieht auch dieses Motiv im
Weiteren die gesamte Anthroposophie Rudolf Steiners. Forderungen wie
diejenige, bei jedem Schritt in die geistigen Welten zwei Schritte in
der moralischen Vervollkommnung zu gehen, sind gewiss gut gemeint,
doch stehen sie neben und nicht in der Anthroposophie. Und selbst
jene moralische Vervollkommnung steht für Steiner neben der
Liebe, wenn er zwar unseren Handlungen über das Gesetz des Karma
Folgen für dieses und folgende Leben zuspricht, aber Handlungen
aus Liebe davon explizit ausschließt, wie er dies in seinem
Vortrag Die Liebe und ihre Bedeutung in der Welt tut.
Nun
soll nicht übersehen werden, dass Steiner auch in anderen
Zusammenhängen die Bedeutung der Liebe betont hat; doch stellt
sie gewiss kein "zentrales Konzept" der Anthroposophie dar.
Bestätigt sich in diesem geistigen Hintergrund vielleicht der
Verdacht, dass gerade in anthroposophischen Institutionen und
Zusammenhängen die oft prekären sozialen Probleme aus einer
Überbetonung von Freiheit gegen Liebe resultieren? Hat die
Anthroposophie eine besondere Anziehungskraft für Menschen,
denen Freiheit mehr bedeutet als Liebe? Wird in sozialen
Zusammenhängen die "Dreigliederung" von Geistes-,
Rechts- und Wirtschaftsleben mit ihren Idealen von Freiheit,
Gleichheit und Brüderlichkeit oft als "Dreiteilung"
missverstanden, in der es mit Letzterer nicht sehr weit gediehen ist?
Doch wie ist Freiheit vereinbar mit Liebe? Die Frage, die
sich dem orientalischen Bewusstsein stellte, als es den gedemütigten
Gott am Kreuz wahrnahm, die sich in der Theodizee stellte, als sie
fragte, wie man denn angesichts der Übel der Welt an einen
gleichzeitig allmächtigen und allgütigen, also absolut
freien und absolut liebenden Gott glauben könne, stellt sich
jetzt hinsichtlich des Menschen: Wie lässt sich das christliche
Ideal der Liebe mit dem modernen Ideal der Freiheit verbinden? Die
Philosophiegeschichte bietet uns hier eine logische und eine
dialektische Antwort. Eine logische findet sich in der
Religionskritik Feuerbachs, eine dialektische in der
Jünglingsphilosophie Hegels. Beide können vielleicht
"Grenzmodelle" von moderner Sozialität und
Partnerschaft sein.
Für Feuerbach ist Gott eine
Projektion der Ideale des Menschen, seines menschlichen
Gattungswesens, also dessen, was einem Menschen nicht als Individuum,
sondern als Mensch überhaupt zu verwirklichen möglich oder
zumindest wünschenswert sein sollte. Sie sind nicht deshalb
Ideale des Menschen, weil sie göttlich sind, wie die Kirche
behauptet, sondern sie sind göttlich, weil sie den Idealen des
Menschen entsprechen. Und so hat Gott zu verschiedenen Zeiten und in
verschiedenen Kulturen ganz verschiedene Eigenschaften als Projektion
dieser Ideale. In unserer Kultur gehören hierzu allmächtige
Freiheit ebenso wie allumfas-sende Liebe. Diese Ideale zu
projizieren, entlastet den Menschen wesentlich von eigenen Ansprüchen
an sein Leben. Gott ist frei - wie kann ich mich anmaßen es zu
sein? Gott ist Liebe - wie kann ich den Anspruch haben, so zu lieben
wie ich es ihm unterstelle? Andererseits habe ich immerhin eine
Beziehung zu einem liebenden, freien Wesen, nämlich zu Gott.
Provokant gesagt: Ich bin zwar nicht selbst frei und liebesfähig,
aber ich kenne jemanden, der es ist - und der ist in seiner absoluten
Liebe sogar interessiert an mir. Unsere Aufgabe besteht nun nach
Feuerbachs Auffassung darin, diese Projektion zurückzunehmen,
uns bewusst zu werden, dass es nicht Ideale Gottes sind, sondern
Ideale der Menschheit (oder wie Feuerbach es nennt: des Menschen als
Gattungswesen). Wir begegnen hier also einem in der Tat
"atheistischen" Weg, "an Stelle Gottes den freien
Menschen" zu denken.
Im Falle Feuerbachs allerdings
nicht nur den "freien Menschen". Als Ideale des Menschen
als Gattungswesen widersprechen Freiheit und Liebe einander nämlich
keineswegs; denn es kann ein Mensch mehr seiner Freiheit, ein anderer
mehr seiner Liebe leben. Nur wenn wir "unendliche" Freiheit
und Liebe in einem Wesen, nämlich Gott denken, geraten wir in
Widersprüche. Erkennt der Mensch diesen Gott aber als Projektion
seiner eigenen Ideale, so kann er sie selbst leben, statt sie von
Gott leben zu lassen, kann wählen zwischen Freiheit und Liebe,
muss allerdings auch den Konflikt zwischen beiden ertragen und
letztlich einen Kompromiss zwischen beidem suchen. Das
Theodizeeproblem ist so eigentlich nur eine Projektion des Konfliktes
eines jeden Menschen, zwischen Freiheit und Liebe einen "Mittelweg"
finden zu müssen.
Anders der junge Hegel. Wie wir
gesehen haben, verschwindet der Aspekt der Liebe in Hegels Spätwerk
völlig. In seiner frühesten Schaffensperiode im Umkreis
seiner Jugendfreunde und der Geistesströmung der Romantik ist
ihm die Liebe aber geradezu das Paradebeispiel eines dialektischen
Geschehens. Auch er sieht die Widersprüchlichkeit zwischen
Freiheit und Liebe. Liebe ist zunächst Aufgabe von Freiheit,
Freiheit auch Freiheit von Liebe. Aber wie alle Gegensätze
finden sie auch in ihrer Synthese ihre "Aufhebung", und
zwar in der dreifachen Bestimmung, die in diesem Wort liegt: ihre
Beseitigung in der ursprünglichen Form, ihre Erhaltung in einer
neuen Form und ihre Erhöhung auf eine höhere
Entwicklungsstufe. Freiheit ist zunächst Voraussetzung von
Liebe. Der Mensch muss sich zunächst selbst bejahen, zu sich
selbst stehen, sich seiner Freiheit bewusst sein. Aus dieser Freiheit
heraus aber gibt er sich völlig an den Geliebten hin, gibt seine
Freiheit auf, vergisst sich in dem anderen. Aber gerade dadurch
gewinnt er in der liebenden Vereinigung mit dem anderen seine
Freiheit, sein Selbstbewusstsein auf einer höheren Stufe, indem
er mit dem anderen zusammen Raum für Freiheit erschließt,
sich im anderen bewusst wird, sich im Geliebten bejaht findet. Und
eben dies, was in einer Partnerschaft möglich ist, ist auch im
Sinne einer allgemein menschlichen Liebe in sozialen Zusammenhängen
möglich. Nach Hegels Auffassung gewinnt der Mensch erst in
solchen sozialen Zusammenhängen wirkliche Freiheit. Anders als
für Feuer-bach sind Freiheit und Liebe für den jungen Hegel
in dieser dialektischen Form auch Gott zuzugestehen. In dem
Augenblick, in dem er sich seiner Freiheit als Gott bewusst wird,
entäußert er sich in der Schöpfung völlig in die
Welt, gibt sich ihr ganz hin wie ein Liebender seiner Geliebten - und
findet im Bewusstsein des freien Menschen wieder zu sich.
Man
mag Hegel im Sinne eines erneuerten Christentums weiterdenken: Der
menschgewordene Gott gibt sich aus seiner Freiheit heraus in Liebe zu
den Menschen dem Kreuzestod hin, in dem er alle Freiheit aufgibt, um
als "Christus in uns" wieder aufzuerstehen. Und was könnte
dieser "Christus in uns" dann anderes sein als in Freiheit
gegründete Liebe? Könnte sich so das "höchste
Gebot" des Matthäus-Evangeliums erfüllen, indem die
Liebe zu Gott nicht neben die Liebe zum Menschen gestellt, sondern
mit ihr identifiziert wird? Nicht einen jenseitigen Gott sollen wir
lieben, sondern in Gott sein, Christus in uns tragen, indem wir
diesseitige Menschen lieben? Nehmen wir im Sakrament der Kommunion
mit Brot und Wein einen so verstandenen "Christus in uns"
auf, um im Alltag für jene in Freiheit gegründete Liebe
"geweiht" zu sein?
Ich glaube, dass viele
menschliche Probleme unserer Zeit daher rühren, dass Menschen in
Beziehungen ebenso wie in sozialen Zusammenhängen Liebe im Sinne
unserer Ausdeutung Feuerbachs neben die Freiheit stellen. Zumindest,
meint man, muss es neben der Liebe einen Raum für Freiheit,
einen Freiraum "für sich selbst" geben. Meistens liegt
die Priorität so stark auf der Freiheit, dass für die Liebe
nur eine "Insel" jenseits des Alltäglichen bleibt.
Oftmals ist die Angst vor dem Verlust von Freiheit, vor dem
Selbstverlust so groß, dass er den Mut zum Lieben nimmt. Und so
entgeht uns die Möglichkeit der Erfahrung, dass im Durchgang
durch die völlige Hingabe des Liebens im Sinne Hegels oder
"romantischen" Sinne eine viel umfassendere Freiheit
möglich sein könnte - selbst dann, wenn diese Liebe
unerfüllt bleibt oder tragisch endet.
In sozialen
Zusammenhängen sollten wir ebenso den Versuch unternehmen, statt
in der Freiheit stehen zu bleiben den Weg der Liebe zu gehen und zu
erfahren versuchen, ob sich so nicht eine umfassendere Freiheit
eröffnet. "An die Stelle Gottes den freien Menschen!"
ist gewiss eine angemessene Forderung. Sie bleibt aber leer und
bedeutungslos, wenn sie nicht ergänzt wird durch die Forderung
"An Stelle Gottes den liebenden Menschen!" Freiheit ist die
Voraussetzung von Liebe. Nicht mehr und nicht weniger. Aber der
Mensch ist erst Mensch, wenn er liebt. Vielleicht ist das die
Weisheit vom Menschen?