Immanuel Kant zum 200. Todestag
Gott, Freiheit und Unsterblichkeit
von Axel Ziemke
erschienen in Info3, Februar 2004
Kein anderer Philosoph genießt bis heute ähnliches Ansehen wie Immanuel Kant, dessen Todestag sich am 12.2.2004 zum 200. Mal jährt. Mit keinem anderen Philosophen hat sich Rudolf Steiner so intensiv und so kritisch auseinandergesetzt wie mit ihm. Axel Ziemke zeigt, warum auch spirituell denkende Menschen von Kant profitieren können.
"Aufklärung
ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten
Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich
seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.
Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache
derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung
und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu
bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu
bedienen!, ist also der Wahlspruch der Aufklärung."
Diese
Antwort auf die Frage "Was ist Aufklärung", stammt von
dem bedeutendsten Philosophen der deutschen Aufklärung: Immanuel
Kant. Vor 200 Jahren, am 12. Februar 1804, verstarb Kant in
Königsberg, in der Stadt, in der er auch geboren wurde und deren
Umkreis er Zeit seines Lebens nicht verlassen hatte. Nicht nur in
dieser Hinsicht zählt sein Leben zu dem Langweiligsten, was
einem Biographen zum Material werden kann - abgesehen von bizarren
Anekdoten seiner preußischen Pedanterie und Pünktlichkeit
- ganz im Gegensatz zur Kraft seiner Gedanken. Ähnlich
widersprüchlich gestaltet sich auch die Lektüre seiner
Werke: Seitenlange Schachtelsätze geben schwerfällig
Gedanken wieder, die, im Zusammenhang verstanden, zu dem
Tiefsinnigsten zählten, was philosophisches Denken jemals
hervorgebracht hat.
Doch nicht nur den philosophisch, sondern
auch den anthroposophisch interessierten Menschen sollte das Jubiläum
dieses Mannes zum Anlass dienen, dessen Gedanken zu bedenken; denn
auch Steiners philosophische Entwicklung ist nachhaltig von Kant
geprägt worden. Kant zählte zu den ersten Philosophen, die
bereits der junge Steiner gelesen hatte. Besonders aber sind jene
Philosophen, die als akademische Lehrer Steiners gelten können,
durchweg "Neukantianer" gewesen, Angehörige der zu
Steiners Studienzeit in Deutschland uneingeschränkt
dominierenden philosophischen Strömung. Kant ist dementsprechend
wohl auch der am meisten zitierte Philosoph in Steiners Werken. Fast
alle auf Kant bezogenen Darstellungen Steiners verfolgen allerdings
eine eindeutig kritische Intention. Selbst wenn man bedenkt, dass es
in philosophischen Kreisen durchaus als Wertschätzung eines
Autors gelten darf, wenn man sich kritisch mit ihm auseinandersetzt,
ist ein tiefgreifender Gegensatz zwischen den Weltanschauungen Kants
und Steiners unübersehbar. Dies gilt allerdings auch für
wichtige Parallelen im Werk Kants und Steiners. Würde man Kant
befragen, was er für die wichtigsten Themen seiner Philosophie
hält, wäre seine Antwort wohl eindeutig: "Gott,
Freiheit und Unsterblichkeit [...] Die ganze Zurüstung also der
Vernunft in der Bearbeitung, die man reine Philosophie nennen kann,
ist in der Tat nur auf die drei gedachten Probleme gerichtet."
Auch wenn Steiner Freiheit teilweise anders auffasst, widmet er eben
diesem Problem sein philosophisches Hauptwerk. Auch wenn geistige
Welten für Steiner mehr sind als dies, ist die Frage nach dem
Göttlichen für ihn ebenso zentral. Und fügt man der
Unsterblichkeit noch die "Ungeborenheit" und deren
Einbettung in Wiedergeburt und Karma hinzu, wird auch hier die
Übereinstimmung der Themen deutlich. Wo liegt also der
wesentliche Dissens?
Kant:
Wege und Irrwege der Vernunft
Kants Werk ist nicht nur der Kulminationspunkt der deutschen
Aufklärung. In ihr begegnen sich ebenfalls die beiden großen
Geistesströmungen der neuzeitlichen Philosophie: Empirismus und
Rationalismus. Beide unterscheiden sich wesentlich in der Methode,
die nach Auffassung der entsprechenden Philosophen zu sicherer
Erkenntnis führen kann. Während für den Empirismus
(Bacon, Locke, Hume) die Sinneserfahrung der Ausgangspunkt sicherer
Erkenntnis sein sollte, ist es für den Rationalismus (Descartes,
Spinoza, Leibniz) im Gegensatz dazu das reine Denken. Kant folgt in
dem Sinne dem Empirismus, dass auch er die sinnliche Erkenntnis als
einzige Quelle unseres Wissens über die Welt akzeptiert. Aber er
gesteht auch dem Rationalismus seine Berechtigung zu, wenn er als
Voraussetzung - oder wie er es nennt: "Bedingungen der
Möglichkeit von Erfahrung" - dem Denken eine Form von
Wissen zugesteht, die unumstößlich notwendig ist.
Notwendig ist dieses Wissen aber nicht in dem Sinne, dass es "wahre"
Erfahrungen über die Welt ausdrücken würde, sondern in
dem Sinne, dass ohne dieses Wissen Erfahrungen überhaupt nicht
möglich wären. Erfahrung ist somit die Einordnung der
Empfindungen unserer Sinne in die schon vor aller Erfahrung gegebenen
Formen unseres Denkens. Zu diesen Formen zählen Raum und Zeit
als Formen der Anschauungen, das Ding mit seinen vielen Eigenschaften
als Einheit unserer Wahrnehmung oder Kausalität und
Substanzerhaltung als Kategorien unseres Verstandes. Wenn Sie, liebe
Leserin, lieber Leser in aufklärerischer Manier Ihren eigenen
Verstand ein wenig gebrauchen wollen, um sich von Kants Behauptungen
überzeugen zu lassen, möchte ich Sie gerne zu der
nebenstehenden "Kostprobe" Kant'schen Denkens einladen.
Konsequenz dieses Denkansatzes ist eine Neuorientierung der
Erkenntnistheorie, die Kant selber mit der Kopernikanischen Wende im
mittelalterlichen Weltbild vergleicht: Die Welt unserer Erfahrung
bestimmt nicht unser Denken; sondern es ist umgekehrt unser Denken,
das bestimmt, was uns als Erfahrung gegeben sein kann. All die
genannten Formen unserer Erfahrung "gibt es" nicht in der
Welt, sondern sie sind die "Werkzeuge" unseres Denkens, um
das Chaos von Sinnesempfindungen zu ordnen. Es gibt in der Welt nicht
Raum und Zeit, sondern unsere sinnliche Anschauung ist so aufgebaut,
dass wir alles, was wir empfinden, nur in Raum und Zeit empfinden
können. Es gibt keine Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge in der
Natur, sondern es ist unser Denken, das unseren Empfindungen durch
das Prinzip der Kausalität Ordnung verleiht. Und letztendlich
haben die Dinge, die wir wahrnehmen, nur vermittelt über die
Sinnesempfindungen etwas mit den "wirklichen Dingen" zu
tun. Die "Dinge an sich", wie Kant sie nennt, sind uns in
unserer Erfahrung nicht gegeben.
Weit wichtiger als diese
Neuorientierung der Erkenntnistheorie ist Kant jedoch, dass sich mit
dieser Theorie des Denkens der Bereich der uns möglichen
Erfahrungen, also die Grenzen unserer Erkenntnis bestimmen lassen.
Wenn unser Denken nur dem Zweck dient, Erfahrungen auf Grundlage
unserer Sinnesempfindungen möglich zu machen, muss jeder
Gebrauch unseres Denkens, der über diese Erfahrungen hinaus
geht, zunächst einmal unzulässig sein. Den Verstand, der
über die Grenzen der Erfahrung hinausdenkt, nennt Kant die
"spekulative Vernunft". Ihr setzt er die "kritische
Vernunft" entgegen, die sich darauf beschränkt, dieser
spekulativen Vernunft die angemessenen Grenzen zu setzen. Und hier
kommen wir zu einem ersten Ergebnis hinsichtlich der drei eingangs
genannten Fragen nach Freiheit, Unsterblichkeit und Gott. Allen
diesen Themen ist gemeinsam, dass sich unser Denken über die
Grenzen möglicher Erfahrung hinauswagt. Egal ob wir behaupten
oder bestreiten, dass es Freiheit, Unsterblichkeit und Gott gäbe,
wir benutzen Kategorien unseres Verstandes in unzulässiger
Weise, indem wir sie nicht auf sinnlich Gegebenes, sondern auf
"Übersinnliches" beziehen. Unser theoretisches Denken
kann daher nach Kants Auffassung die Freiheit unseres Willens, die
Unsterblichkeit der Seele oder die Existenz Gottes weder beweisen
noch widerlegen, sollte sich also der nutzlosen Auseinandersetzung
mit diesen Fragen enthalten. Wieder möchte ich Sie einladen,
Kants Argumentation am Beispiel der Freiheit in einer "Kostprobe"
nachzuvollziehen.
Allerdings ist Kant damit in der Behandlung
dieser drei Fragen noch keineswegs am Ende. Was hier angedeutet
wurde, ist der wesentliche Inhalt von Kants umfangreichstem Werk, der
1781 erschienenen Kritik der reinen Vernunft. Ihr schließt die
wesentlich kürzer gehaltene, 1788 erschienene Kritik der
praktischen Vernunft an. Kant unterscheidet nämlich zwei
Möglichkeiten, unsere Vernunft zu gebrauchen: die theoretische
und die praktische. Bislang haben wir uns mit ihrem theoretischen
Gebrauch auseinandergesetzt, der auf die Erkenntnis der Welt (und des
Menschen) gerichtet ist. In unserem alltäglichen Leben,
insbesondere dort, wo es um moralische Fragen geht, nutzen wir unsere
Vernunft hingegen praktisch. In der Kritik der praktischen Vernunft
untersucht Kant nun, welche, ebenso vor aller Erfahrung gegebenen,
Formen unserem praktischen Vernunftgebrauch zugrunde liegen. Er
findet hier seinen berühmten "Kategorischen Imperativ"
als Grundlage unseres moralischen Denkens und Handelns. Seine
bekannteste, vielleicht aber auch missverständlichste
Formulierung ist: "Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die
du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde."
Er schlägt an anderer Stelle eine Formulierung vor, die zwar
nicht so nahtlos an seine Argumentation anschließt, aber die
eigentliche Intention dieses Prinzip deutlicher macht: "Handle
so, dass du die Menschheit, sowohl in deiner Person, als in der
Person eines jeden anderen, jederzeit zugleich als Zweck, niemals
bloß als Mittel brauchst."
Im Anschluss an den
Kategorischen Imperativ nähert sich Kant nun ein weiteres Mal
den großen Fragen nach Gott, Freiheit und Unsterblichkeit: Zwar
"weiß" jeder Mensch, wenn er seine praktische
Vernunft nur eingehend genug untersucht, auf Grund des Kategorischen
Imperativs, was in einer bestimmten Situation ein moralisch
angemessenes Handeln wäre. Doch heißt das noch nicht
notwendig, dass der Kategorische Imperativ damit auch zum Motiv
seines Handelns werden muss. Um dies zu gewährleisten, muss die
praktische Vernunft drei "Voraussetzungen" schaffen: Der
Mensch muss frei, seine Seele unsterblich und ein Gott existent sein.
Nur unter diesen drei Voraussetzungen macht es für einen
Menschen Sinn, dem Kategorischen Imperativ zu folgen. Das heißt
nicht, dass damit nun doch die Wahrheit dieser Behauptungen bewiesen
wäre. Das heißt vielmehr, dass unter den Umständen,
dass diese Behauptungen theoretisch weder zu beweisen noch zu
widerlegen sind, die praktische Vernunft nicht anders kann, als diese
Antworten als zutreffend anzunehmen, eben weil sie im
praktisch-moralischen Lebenszusammenhang des Menschen Sinn machen.
Im Selbstverständnis von Kant dient die ganze
umfängliche Kritik der reinen Vernunft also nur dem Zweck, eine
Einmischung der theoretischen Vernunft in die zentralen Fragen
unseres Menschseins unmöglich zu machen, weil sie Sache der
praktischen Vernunft sind. In der Kritik der praktischen Vernunft
sieht er entsprechend das Herzstück seiner Philosophie. Die
Philosophiegeschichtsschreibung spricht hier vom "Primat der
praktischen gegenüber der theoretischen Philosophie", die
von Kant eingefordert wird.
Die Argumentation, warum Freiheit
eine Voraussetzung unseres moralischen Handelns sein muss, gibt die
"Kostprobe III" wieder. Die Argumentationen für die
Unsterblichkeit der Seele und die Existenz Gottes als Voraussetzungen
des Kategorischen Imperativs zählen nach meiner Auffassung zu
den theoretisch schwächsten Leistungen Kants. Sie gehen beide
davon aus, dass ein Mensch, der nach dem Kategorischen Imperativ
handelt, mit den Konsequenzen dieses Handelns auch glücklich
werden können muss: Nur, wenn ein Gott existiert, kann
moralisches Handeln Glückseligkeit zur Folge haben. Nur, wenn
die Seele unsterblich ist, kann sie irgendwann Glückseligkeit
und Tugend im absoluten Sinne entwickeln. Auch wenn Kant sich alle
Mühe gibt, diese Fremdbestimmtheit unseres Handelns so
umzudeuten, dass sie der von ihm beschworenen Autonomie der Vernunft
gerecht wird, gelingt ihm dieser Spagat nur in einem sehr
beschränkten Umfang.
Umso mehr möchte ich jedoch
die von Kant betonte Bedeutung des praktischen Vernunftgebrauches im
Zusammenhang mit seiner einleitend zitierten Bestimmung von
"Aufklärung" würdigen: Kants Philosophie stellt
in dieser Hinsicht gerade in der heutigen Zeit ein mächtiges
Bollwerk gegen die Entmündigung des Menschen durch ein
philosophisches, wissenschaftliches, religiöses oder anders
begründetes "Expertentum" dar: Die wirklich
wesentlichen Fragen, die unser Menschsein betreffen, lassen sich
durch kein noch so qualifiziertes theoretisches Denken beantworten.
Wir sollten, die theoretische Offenheit dieser Fragen im Bewusstsein,
die Antworten suchen, die in unseren praktischen Lebenszusammenhängen
Sinn machen. Wenn die moderne Hirnforschung die Freiheit des Menschen
oder die Existenz seiner Seele bestreitet, können wir mit Kant
davon ausgehen, dass sie sich in unzulässiger Weise über
die ihr möglichen Erfahrungen hinwegbewegt - ebenso allerdings
wie der Priester, der beides als "gottgegebene" Tatsachen
verkündet. In unserem Leben haben wir die Antwort zu suchen, ob
es für uns Sinn macht, uns und den anderen Menschen als
biologische Maschine oder freies und beseeltes Wesen zu behandeln.
Das heißt nicht, dass es nicht interessant sein könnte,
sich mit wissenschaftlichen und philosophischen Abhandlungen zu
diesen Fragen auseinander zu setzen oder nach religiösen
Wahrheiten zu suchen. Den eigenen Verstand zu gebrauchen heißt
aber, den eigenen praktischen Lebensvollzug zum Kriterium zu machen,
der gute Antworten oder auch gut gestellte Fragen von theoretischen
Scheinwahrheiten unterscheidet.
Steiners
Auseinandersetzung mit Kant
Sucht man den Namen "Kant" in den Personenregistern der
Schriften Steiners, trifft man in sicher über der Hälfte
der Fälle auf Auseinandersetzungen mit Kants These von der
Unerkennbarkeit der "Dinge an sich" im Gegensatz zu den
Dingen, die nach Kants Auffassung nichts anderes als Konstrukte
unserer Wahrnehmung sind. So schreibt er in seiner Philosophie der
Freiheit: "Betrachten wir aber die Summe aller Wahrnehmungen als
den einen Teil und stellen diesem dann einen zweiten in den Dingen an
sich gegenüber, so philosophieren wir ins Blaue hinein. Wir
haben es dann mit einem bloßen Begriffsspiel zu tun. Wir
konstruieren einen künstlichen Gegensatz, können aber für
das zweite Glied desselben keinen Inhalt gewinnen, denn ein solcher
kann für ein besonderes Ding nur aus der Wahrnehmung geschöpft
werden." Mit anderen Worten: Da die "Dinge an sich" ja
gerade als die Dinge definiert sind, die jenseits unseres Erkennens
existieren, ist die Behauptung, dass sie unerkennbar wären, eine
platte, nichtssagende Tautologie.
Die in dieser oder
ähnlicher Form vorgetragene Kritik Steiners an Kants "Ding
an sich" ist nun keineswegs neu. Sie findet sich in ganz
ähnlicher Form auch schon bei Hegel. Ihre Betonung durch Steiner
ist allerdings symptomatisch für die meiner Auffassung nach
entscheidende Differenz der beiden Weltanschauungen: Beide, Steiner
und Kant, stellen sich die Fragen nach der menschlichen Seele, der
göttlich-geistigen Weltordnung, der Freiheit des Menschen.
Steiner sucht in seiner Philosophie und mehr noch in seiner
Anthroposophie nach Antworten auf diese Fragen mit einem
(geistes-)wissenschaftlichen, also theoretischen Anspruch.
Selbstverständlich haben seine Antworten erhebliche Folgen für
den praktischen Lebensvollzug der Menschen, finden in diesem
Lebensvollzug vielleicht sogar ihre Bestätigung. Aber sie sind
den durch Denken und übersinnliche Forschung gewonnenen
Ergebnissen logisch nachgeordnet. Kant hingegen bestreitet gerade den
theoretischen Anspruch unseres Erkennens, in diesen Fragen zu
gültigen Ergebnissen zu kommen, und macht den praktischen
Lebensvollzug der Menschen zum Kriterium einer Entscheidung. In
Kant'scher Terminologie hätte also bei Steiner die
theoretische Vernunft klar das Primat gegenüber der praktischen,
bei Kant selbst ist es genau umgekehrt. In der Diskussion der "Dinge
an sich" wird dieser Gegensatz gewissermaßen auf die
Spitze getrieben: Wenn ich schon das Wasserglas vor mir auf dem Tisch
nicht erkennen kann, wie dann eine geistige Welt oder das Schicksal
der Seele in dieser Welt?
Herausgearbeitet wird dieser
Gegensatz schon in Steiners Schrift Goethes Weltanschauung - als ein
Gegensatz zwischen Kants und Goethes Verständnis von Erkenntnis:
"Wer im Sinne der Goethe'schen Weltanschauung denkt, der sucht
den Wirklichkeitscharakter der Ideenwelt dadurch zu erkennen, dass er
das Wesen der Idee erfasst, indem ihm klar wird, wie diese in der
sinnlichen Scheinwelt Wirklichkeit anschauen lässt. Dann darf er
sich fragen: Inwieweit kann ich durch den so erlebten
Wirklichkeitscharakter der Ideenwelt in die Gebiete eindringen, in
denen die übersinnlichen Wahrheiten der Freiheit, der
Unsterblichkeit, der göttlichen Weltordnung ihr Verhältnis
zur menschlichen Erkenntnis finden? Kant verneinte die Möglichkeit,
über die Wirklichkeit der Ideenwelt aus deren Verhältnis
zur Sinneswahrnehmung etwas wissen zu können. Aus dieser
Voraussetzung heraus ergab sich für ihn als wissenschaftliches
Ergebnis dasjenige, was, ihm unbewusst, von seiner religiösen
Empfindungsrichtung gefordert wurde: dass das wissenschaftliche
Erkennen Halt machen müsse vor solchen Fragen, welche die
Freiheit, die Unsterblichkeit, die göttliche Weltordnung
betreffen. Ihm ergab sich, dass das menschliche Erkennen nur bis an
die Grenzen gehen könne, die den Sinnesbereich umschließen,
und dass für alles, was darüber hinaus liegt, nur ein
Glaube möglich sei. Er wollte das Wissen eingrenzen, um für
den Glauben Platz zu erhalten. Im Sinne der Goethe'schen
Weltanschauung liegt es, das Wissen erst dadurch mit einer festen
Grundlage zu versehen, dass die Ideenwelt in ihrem Wesen an der Natur
geschaut wird, um dann in der befestigten Ideenwelt zu einer über
die Sinneswelt hinaus liegenden Erfahrung zu schreiten [...] Im Sinne
der Goethe'schen Weltanschauung liegt es, von "Dingen an sich"
so viel erkennen zu wollen, als das an der Natur erfasste Wesen der
Ideenwelt gestattet. Im Sinne der Kant'schen Weltanschauung liegt
es, der Erkenntnis das Recht abzusprechen, in die Welt der "Dinge
an sich" hineinzuleuchten."
Dem so formulierten
"Forschungsprogramm" bleibt Steiner Zeit seines Lebens
treu. Und so meint er auch Antworten auf Kants große Fragen
durch "geisteswissenschaftliche" Forschung gefunden zu
haben: Ja, der Mensch kann frei sein, denn der Geistesforscher kann
Erfahrungen von der geistigen Welt machen, aus denen ein freier
Mensch die seine Handlungen in einer bestimmten Situation
bestimmenden Intuitionen gewinnen kann. Ja, es gibt eine unsterbliche
(und ungeborene) Seele, denn der Geistesforscher kann den Weg dieser
Seele durch Schlaf und Tod, durch Reinkarnation und Karma verfolgen.
Ja, es gibt eine göttliche Weltordnung, deren Gesetze und deren
Entwicklung dem Geistesforscher ebenso zugänglich sind wie die
Natur dem Naturforscher.
Es ist natürlich nicht
verwunderlich, dass Kant und Steiner auch, was ethische und
lebenspraktische Fragen betrifft, zu unterschiedlichen Auffassungen
kommen. Doch sind diese Gegensätze meiner Ansicht nach
wesentlich oberflächlicher als im Falle der
erkenntnistheoretischen Fragen. Sicher sind einige Kritikpunkte
Steiners an Kants praktischer Philosophie aus ihrer verschiedenen
Weltanschauung und Sicht des Menschen verständlich. Ein
grundsätzlicher Gegensatz findet sich aber nicht. Steiner wird
meiner Ansicht nach Kants Kategorischem Imperativ nicht gerecht, wenn
er sein Sittlichkeitsprinzip des situationsangemessenen Handelns nach
begrifflich-moralischen Intuitionen Kant mit den Worten
gegenüberstellt: "Der gerade Gegensatz dieses
Sittlichkeitsprinzips ist das Kant'sche: Handle so, dass die
Grundsätze deines Handelns für alle Menschen gelten können.
Dieser Satz ist der Tod aller individuellen Antriebe des Handelns.
Nicht wie alle Menschen handeln würden, kann für mich
maßgebend sein, sondern was für mich in dem individuellen
Falle zu tun ist." Was tut Steiner anderes als in eben diesem
"Sittlichkeitsprinzip" einen "Grundsatz des Handelns"
aufzustellen, der für alle Menschen gelten kann? Ein Gegensatz
zum Kategorischen Imperativ würde nur dann bestehen, wenn
Steiner das Recht, nach individuellen moralischen Intuitionen zu
handeln, nur sich selbst, anderen Menschen aber nicht zugestehen
würde. Sein ethischer Individualismus genügt dem
Kategorischen Imperativ also voll und ganz. Er ist in der
inhaltlichen Ausführung wesentlich konkreter als Kant. Und
dementsprechend ist der einzige Vorwurf, den man Kant aus Sicht der
Philosophie der Freiheit wiederum machen kann, die Abstraktheit
seiner Gedankengänge.
Kant
oder Steiner?
Sicher ist es müßig, sich die Frage zu stellen, was
Immanuel Kant nach Lektüre der Gesamtausgabe Rudolf Steiners zu
dessen Werk gesagt hätte. Ein qualifizierter "Neukantianismus"
würde sicher nicht zu einem vorschnellen Vorurteil neigen,
sondern eine "kritische" Untersuchung anthroposophischer
Erkenntnismethoden in Angriff nehmen müssen. Schon der Umstand,
dass die Anthroposophie neben oder "über" die
Wahrnehmungen der an physische Sinnesorgane gebundenen Sinne noch
weitere "übersinnliche" Formen der Wahrnehmung stellt,
ändert vieles an den Voraussetzungen Kantianischen Denkens -
auch wenn dies zunächst nicht dessen Verständnis von
Erkenntnis überhaupt berühren muss. Wie es nach Kant
durchaus legitim ist, den Verstand zur Untersuchung der durch die
leiblichen Sinne gegebenen physischen Welt zu benutzen, könnte
es ebenso legitim sein, sich seiner zur Erkenntnis geistiger
Wirklichkeiten auf Grundlage übersinnlicher Wahrnehmungen zu
bedienen. Vielleicht würden sich so Antworten der theoretischen
Vernunft auf die großen Fragen des Menschseins ergeben, die
nach Kant nur der praktischen Vernunft als Voraussetzung dienen
können. Allen Leserinnen und Lesern, die sich auf Steiners
Spuren wirklich auf einem anthroposophischen Erkenntnisweg befinden,
könnte man also mit Kant den Leitspruch der Aufklärung
zurufen: "Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!"
- auch in der übersinnlichen Erkenntnis.
Ich muss für
meinen Teil bekennen, dass ich mich nicht auf diesem Wege befinde.
Und mehr noch: dass mir noch kein Mensch begegnet ist, der auf diesem
Wege mehr als ein anfängliches Bemühen geleistet zu haben
scheint. Für mich und die anderen Menschen, die Erkenntnisse der
höheren Welten nur (oder fast nur) aus Büchern oder
Vorträgen kennen, sollte dieser Leitspruch der Aufklärung
aber gleichermaßen gelten: "Habe Mut, dich deines eigenen
Verstandes zu bedienen!". Es kann nicht darum gehen, all das,
was man dort lesen und hören kann, als Offenbarung zu
akzeptieren. Ja, es reicht auch nicht aus, das dort Gesagte
"verstehend nachzuvollziehen"; denn wenn der Gegenstand,
über den man nachdenkt, nur hinreichend kompliziert und die
Argumentation nicht allzu stümperhaft ist, kann man jede
Behauptung ebenso gut verstehen wie ihr Gegenteil. Es bleibt uns
meiner Meinung nach auch im Umgang mit anthroposophischem Gedankengut
nichts weiter übrig, als das von Kant beschworene Primat der
praktischen Vernunft gegenüber der theoretischen zu akzeptieren:
Was leistet Anthroposophie in meinen alltäglichen
Lebenszusammenhängen? Wo hilft sie mir, mein Verhältnis zur
Welt, zu meinen Mitmenschen, zu mir selbst zu gestalten - sei es im
Beruf oder im "Privatleben"? Wo sie dies tut, kann ich sie
als eine hilfreiche Voraussetzung meines Lebens akzeptieren, ohne
damit auch nur im Mindesten ihre theoretische Geltung zu behaupten.
Wo sie dies nicht tut, sollte ich mich nach anderen Voraussetzungen
umsehen - die zumeist völlig unbeschadet neben den Ersteren
bestehen können; längst nicht so wichtig, aber durchaus
hilfreich: Jeden Satz in einem Vortrag über geistige
Wirklichkeiten, der mit einer Formulierung wie "Es ist ja so,
dass ..." beginnt, sollte ich mir mit einem nachsichtigen
Lächeln anhören.