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Das Gehirn und das Ich


Was ist das "Ich"? Oder besser: was bin ich?


von Axel Ziemke


erschienen in Info3, November 2005


Ich schreibe diesen Artikel. Ich stelle diese Fragen. Ich bin 1960 geboren. Ich habe als Säugling viel geschlafen. Ich bin erst in den Kindergarten, dann in die Schule gegangen. Ich war Soldat. Ich tanze. Ich denke. Ich habe Angst. Ich liebe dich. Ich bin wach. Ich will Klavier spielen lernen. Ich habe gut geschlafen. Ich bin hungrig. Ich fühle mich schlecht. Ich bin ich und nicht du. Ich habe mit dir geschlafen. Ich bin aufgewacht. Ich verzweifle. Ich zweifle an mir. Ich bin Lehrer. Ich sehe eine wunderschöne Frühlingswiese. Ich wiege 70 Kilo. Ich möchte dein Mann werden. Ich stehe neben mir. Ich möchte mal die Pyramiden besuchen. Ich denke immer nur an mich. Ich fühle mich dafür verantwortlich. Ich meditiere. Ich laufe. Ich arbeite. Ich übergebe mich. Ich pflücke Äpfel. Ich bin müde. Ich werde mit der Fähre nach Griechenland fahren. Ich bin der Axel. Ich muss mal. Ich erkenne. Ich bin Vater von drei Kindern. Ich werde sterben.


"Ich" ist ein Personalpronomen mit philosophisch-grammatisch interessanten Strukturbeziehungen. Ich bin ich und nicht du. Doch für dich bist du ich und nicht ich. "Ich" ist merkwürdig leer. Es kann jeden bezeichnen. Doch es ist gerade dadurch übervoll, weil es immer den bezeichnet, der es ausspricht. Es bezeichnet keineswegs nur den Teil von mir, der "Ich" sagt oder denkt, sondern mich als Ganzes mit jenem Teil - und vielen anderen. Mich als den "Ich"-sagenden, aber auch mich als den fragenden, geborenen, Angst habenden, liebenden, wachenden, schlafenden, hungrigen, sich-schlecht-fühlenden, ... sterbenden.


"Ich" kommt in unserer Sprache wesentlich seltener in einer anderen Weise vor: mit einem sächlichen Artikel und (auch mitten im Satz) großgeschrieben, substantiviert: Das Ich. Zunehmend in der Philosophie des 19. Jahrhunderts. In der Psychologie. Natürlich auch in der Anthroposophie. Dieser Sprachgebrauch stellt viele der eingangs formulierten Verwendungen des Wortes "Ich" explizit oder implizit in Frage. Ist es in jedem dieser Sätze wirklich "das Ich", das "wirkliches" Subjekt ist. Oder ist es nicht oft mein Leib, mein Körper, mein Nervensystem, mein Es, mein Über-Ich. Und nicht zu vergessen: mein Ätherleib, mein Astralleib, mein höheres Selbst. Viel seltener und wenn überhaupt, dann eigentlich immer betont metaphorisch spricht man von "dem Du", "dem Wir", "dem Ihr" ...


Eben dieses "Ich" wird aber zunehmend von gerade der Naturwissenschaft in Zweifel gezogen, die es - nicht zuletzt im Gefolge der Psychologie - zu ihrem Gegenstand erklärte: der Hirnforschung. "Das Ich - eine Illusion?" übertitelt der Frankfurter Neurobiologe Wolfgang Singer einen in Magdeburg gehaltenen Vortrag. Der Bremer Hirnforscher Gerhard Roth gesteht dem Ich in einem Interview der Zeitschrift "advaita" durchaus eine Realität zu - allerdings nur als ein Konstrukt unseres Gehirns, das sich bei tiefer gehender Analyse als unzutreffend erweist: "Ein Bewusstseinzustand - und das Ich gehört dazu - kann in direktem Sinne keine Illusion sein. Der Zustand ist ja da. Aber im tieferen Sinne - da haben Sie recht - ist das Ich durchaus eine Illusion. Denn erstens ist das Ich keine Einheit, wie wir immer vermuten. Es gibt ja tatsächlich viele verschiedene Iche. Zweitens ist das Ich auch nichts Festes. Drittens - und dies scheint mir entscheidend - ist der Glaube an das Ich als Herr der Gedanken und der Handlungen eine Illusion. Wer handelt? Wer spricht? Wer entscheidet? Kein "Ich", sondern das Gehirn, und es zwingt uns auf irgendeine geheimnisvolle Weise dazu, zu denken, "Ich" als Bewusstseinszustand sei der Verursacher meiner Handlungen. Zwar glauben wir, Herr im eigenen Haus zu sein, aber wir sind es nicht. Das Hirn handelt, nicht das Ich. In diesem Sinne ist das Ich tatsächlich eine Illusion." Ähnliche Positionen lassen sich bei vielen Hirnforschern und die Hirnforschung reflektierenden Philosophen finden. Wie kam es zu dieser steilen Karriere "des Ich", wie zu seiner ebenso raschen Diskreditierung?


Wo im Gehirn ist das Ich?


Die Geburtsstunde der modernen Hirnforschung schlug, als es Adrian im Jahre 1928 gelang, eine effektive Methode zur Messung der elektrochemischen Aktivität von Nervenzellen zu entwickeln. Nervenzellen bestehen aus einem Zellkörper mit oft sehr vielen, stark verzweigten und verhältnismäßig langen Fortsätzen, den Dendriten und Axonen. Untereinander sind sie durch Kontaktstellen, Synapsen genannt, verbunden, die die Axone einer Nervenzelle mit Dendriten von anderen verbinden. Die Aktivität von Nervenzellen beruht auf elektrischen Potentialschwankungen, die entlang der Dendriten zum Zellkörper hingeleitet werden können und dort unter bestimmten Umständen eine elektrische Entladung erzeugen können, die sich dann als sogenanntes "Aktionspotential" das Axon entlang ausbreitet. An den Synapsen führen diese Aktionspotentiale zur Ausschüttung von chemischen Botenstoffen, Neurotransmittern, die Potentialschwankungen in den Dendriten der folgenden Nervenzellen verstärken oder abschwächen. Die Dendriten von Nervenzellen können auf ähnliche Weise von Sinneszellen erregt werden. Die Axone von Nervenzellen wirken analog auf Muskelzellen oder Drüsenzellen ein. Die Aktionspotentiale der Nervenzellen als Ausdruck ihrer Aktivität konnten nun mit Hilfe haarfeiner Mikroelektroden gemessen werden. In den 30er und 40er Jahren gelang es Hartline erstmals, auch an lebenden Versuchstieren die Aktivität dieser Nervenzellen zu messen. In den 50er Jahren stellten sich die ersten Ergebnisse ein, die ein genaueres Verständnis der Funktion des Gehirns versprachen. Forscher wie Barlow, Lettvin und Maturana zeigten zunächst an Nervenzellen der Netzhaut von Fröschen, dass diese Zellen genau dann aktiv sind, wenn kleine schwarze Flecken durch ihr Sehfeld, das "rezeptive Feld" bewegt wurden. Die Bezeichnung "bug detectors" legte die erstaunliche Interpretation nahe, dass schon das Auge des Frosches Fliegen als dessen bevorzugte Nahrung zu erkennen in der Lage wäre. In den 60er Jahren schließlich gelang es Forschern wie Barlow, Hubel und Wiesel, im visuellen Cortex von Katzen und Affen, also dem für das Sehen zuständigen Teil der Großhirnrinde, Nervenzellen nachzuweisen, die genau dann Aktionspotentiale mit großer Häufigkeit erzeugten, wenn durch ihr Sehfeld Balken mit einem bestimmten Winkel oder einer bestimmten Bewegungsrichtung, einer bestimmten Farbe, Form oder räumlichen Tiefe bewegt wurden. Schließlich gelang sogar der Nachweis von Zellen, die selektiv auf Gesichter, Hände oder Nahrungsmittel reagierten.


Auf Grund dieser Ergebnisse entwickelten diese Forscher Modellvorstellungen einer hierarchischen Verarbeitung von Sinnesdaten. In den für die verschiedenen Sinne zuständigen Arealen des Cortex extrahieren Nervenzellen zunächst bestimmte einfache Merkmale der entsprechenden Reize, die in den "höheren" Arealen zu komplexen Merkmalen und letztlich ganzen Objekten zusammengefasst und dann an eine Zentrale im Frontalcortex, also den im Stirnbereich liegenden Arealen der Großhirnrinde, weitergemeldet werden. Die Lokalisation dieses Zentrums schien zunächst nicht schwer, denn seit den Anfängen der Erforschung des menschlichen Gehirns wusste man, dass es insbesondere Verletzungen oder Schlaganfälle in diesem Teil des Gehirns sind, die zu Störungen solcher Funktionen führen, die wir gemeinhin mit unserem Ich verbinden. Am Ende der Verarbeitung von Sinnesreize müssten also "hyperkomplexe Zellen" liegen, die nur bei Anwesenheit ganz bestimmter Objekte aktiv sind. Etwa also, um ein oft gewähltes Beispiel zu verwenden, eine "Großmutterzelle", die nur dann aktiv ist, wenn meine Großmutter zugegen ist. Das Zentrum im Frontalcortex wäre dann eben das "Ich", welches die Großmutter oder andere Objekte wahrnimmt. Von diesem Ich könnte dann gewissermaßen eine Hierarchie "hinabsteigend" die Planung und Steuerung von Bewegungen erfolgen, indem zunächst für bestimmte Bewegungsabläufe zuständige Zellen aktiviert würden, dann für bestimmte Muskelgruppen, Muskeln, Muskelfasern zuständige.


Es gibt kein Ich im Gehirn!


Sehr schnell stellten sich Zweifel an diesen Modellen ein. Für jedes Objekt der Welt müsste es bestimmte Nervenzellen geben. Ja mehr noch: Für jede Perspektive, jeden Zustand eines solchen Objektes. Für meine Oma, wenn sie traurig ist und wenn sie lacht, frisch geschminkt und nach dem Aufstehen, mit 50 und mit 80 Jahren. Schwerwiegender für die Forscher war jedoch, dass sich weder neuroanatomisch eine Hierarchie von Nervenzellen noch mit Hilfe der Messung neuronaler Aktivität solche hochspezifischen Nervenzellen nachweisen ließen. Immer mehr wurde deutlich, dass uns Gehirn ein Netzwerk unglaublich vieler paralleler und immer wieder rückgekoppelter Verarbeitungswege ist, in dem es keine Zentrale gibt, in der Informationen zusammenlaufen und von der aus unser Handeln gesteuert werden könnte. Es wurde immer deutlicher: Es gibt sie nicht, die Großmutterzelle, es gibt es nicht, das Ich im Frontalcortex.


Wie kann es dann aber zu einheitlichen Wahrnehmungen, koordinierter Entscheidung, Planung und Ausführung von Handlungen kommen? Entscheidende Experimente gelangen der Arbeitsgruppe von Singer Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre. Sie zeigten, dass Gruppen von Nervenzellen, die jeweils für verschiedene Merkmale selektiv sind, die Häufigkeit ihrer Aktionspotentiale genau dann untereinander synchronisieren, wenn es sich um Merkmale eines Objektes handelt. Sind es Merkmale verschiedener Objekte, bleiben die Aktivitäten der Nervenzellen unabhängig voneinander. Bewegt man beispielsweise zwei Lichtbalken mit verschiedener Geschwindigkeit und Richtung über die rezeptiven Felder zweier verschiedener Gruppen von orientierungsselektiven (also bei einem bestimmten Winkel dieses Balkens aktiven) Nervenzellen, dann ist die Häufigkeit ihrer Aktionspotentiale voneinander unabhängig. Tut man dies mit gleicher Richtung und Geschwindigkeit der Balken, so kommt es häufiger vor, dass diese Gruppen von Zellen gleichzeitig Aktionspotentiale erzeugen. Bewegt man nur einen Balken über beide rezeptiven Felder, ist diese Synchronisation am höchsten. Meine Großmutter sollte demzufolge in Form der synchronisierten Aktivität von sehr vielen Gruppen der für ihre zu diesem Zeitpunkt sehr vielen verschiedenen Merkmale selektiven Zellen repräsentiert werden. Nicht die (konstante) Verschaltung der Nervenzellen könnte also das "einheitsstiftende" Prinzip des Gehirns sein, sondern die (ständig sich ändernde) gegenseitige Synchronisation und Desynchronisation der Aktivität von Nervenzellen.


Mit vielen anderen experimentellen Befunden ergab sich also eine völlig andere Theorie der Funktion des Gehirns: Alle komplexen Funktionen unseres Gehirns, Wahrnehmung, Denken, Entscheiden, Fühlen, Handeln, beruhen auf der zeitlichen Abstimmung der Aktivität ständig wechselnder Gruppen von Nervenzellen in allen Teilen unseres Gehirns. Zwei Gruppen, die noch eben in ihrer Aktivität untereinander synchronisiert waren, desynchronisieren sich wenig später um ihre Aktivität mit anderen Gruppen abzustimmen. Immer wieder vereinen sich die Aktivitäten bestimmter Gruppen von Zellen zu globalen Erregungsmustern, die parallel dazu von anderen begleitet und Augenblicke später von wieder anderen abgelöst werden. Welche Gruppen von Nervenzellen sich auf diese Weise miteinander verbinden, entscheidet sich immer wieder neu in einem physikalischen Selbstorganisationsprozess, in dem die Nervenzellengruppen untereinander den energetisch "besten" Kompromiss ihrer eigenen Dynamik suchen, in dem sich die globalen Aktivitätsmuster durchsetzen, die die Aktivität verschiedener Gruppen von Nervenzellen optimal miteinander verbinden. Man spricht hier von der "Theorie der Selektion neuronaler Gruppen". Was sich schon auf Grund der empirischen Ergebnisse abzuzeichnen begann, findet in dieser Theorie seine Bestätigung: Es gibt kein Zentrum im Gehirn, in dem alles Wahrgenommene zusammenläuft, von dem aus das Handeln des Menschen gesteuert werden könnte. Alle Teile des Gehirns arbeiten mehr oder minder gleichberechtigt zusammen. Immer wieder andere Neuronengruppen bestimmen, was wir wahrnehmen oder tun. Es gibt Nichts im Gehirn, das die Rolle des Ich als zentraler Instanz unseres Denkens, Fühlens und Wollens spielen könnte.


Wie bereits einleitend zitiert, bedeutet dies alles nun nicht, dass Hirnforscher die Existenz eines Ich gänzlich leugnen könnten. Es ist einfach evident, dass Menschen mit dem Wort "Ich" etwas verbinden. Dies geht so weit, dass die Psychiatrie vielfältige "Ich-Störungen" kennt, die keineswegs positiv zu bewertende "Desillusionierungen" sind, sondern in aller Regel mit schweren Verhaltensstörungen einhergehen. Das "Ich" als ein funktionsloses Epiphänomen zu deuten, verbietet sich also offensichtlich. Gerhard Roth sieht etwa in seinem Buch "Fühlen, Denken, Handeln. Wie das Gehirn unser Verhalten steuert" im "Ich" einen vom Gehirn konstruierten "virtuellen Agenten", der vor allem drei Funktionen erfüllt: Als "Zuschreibungs-Ich" unseres Erlebens schreibt sich das Ich Wahrnehmungen, Gedanken, Vorstellungen, Gefühle und vor allem (auch autobiographische) Erinnerungen zu, die letztlich die Identität der menschlichen Persönlichkeit über ihren Lebenszusammenhang begründen. Als "Handlungs- oder Willens-Ich" schreibt sich das Ich die wesentlichen Entscheidungen im Rahmen der Handlungssteuerung zu, meint also zumindest in gewissem Umfang "frei" zu entscheiden. Als "Legitimations- oder Interpretations-Ich" macht es sich und anderen gegenüber die eigenen Handlungen plausibel, übernimmt also sozusagen "Verantwortung" für das vom Gehirn gesteuerte Verhalten. Nötig sind diese Selbstzuschreibungen, um die eigenen Hirnzustände unter einem globalen Oberbegriff zusammenfassen und von den Hirnzuständen anderer Menschen unterscheiden zu können. Doch schon zuvor relativiert Roth diese Funktionen mit den Worten: "Selbstverständlich ist dies eine Illusion, denn Wahrnehmungen, Gefühle, Intentionen und motorische Akte entstehen innerhalb der Individualentwicklung lange bevor das Ich entsteht." Das Ich ist also eine praktische "Erfindung" im Rahmen der Hirnökonomie, wenn man so will ein "Hirngespinst" mit einem gewissen praktischen Nutzen. In der Realität der Hirnprozesse gibt es nichts, was dieses "Ich" bezeichnen würde. Das Ich ist eine nützliche Illusion.


Was ist "das Ich"?


Immer wieder gibt es sie, die erstaunlichen Erkenntnisse der Naturwissenschaft, die unser Selbstverständnis als Menschen in Frage stellen, indem sie zentralen Begriffen dieses Selbstverständnisses die Daseinsberechtigung absprechen: "Gott", "Seele", "Leben", "Freiheit" oder eben "Ich". Immer wieder ist das Geschäft der Philosophie dabei, das nachzuholen, was der Naturwissenschaftler eigentlich im Vorfeld zu leisten gehabt hätte: Eine genaue Analyse des betreffenden Begriffes. Und so ist es auch in diesem Falle die gleiche Frage, die sich ein philosophisch denkender Mensch stellen muss: Was verbirgt sich hinter dem "Ich", dessen illusionären Charakter die Hirnforschung bewiesen zu haben glaubt. Was hat dieses "Ich" mit dem "ich" zu tun, dass für mein Selbstverständnis als Mensch tatsächlich von Belang ist? Was dieses Ich der Hirnforschung ist, sollte aus dem Vorangegangenen deutlich geworden sein: Ein Zentrum in unserem Gehirn, in dem alle Informationen unserer Sinnesorgane miteinander verbunden werden, von dem aus alle Entscheidungen in Abstimmung mit tieferliegenden körperlichen und emotionalen Befindlichkeiten und im Anschluss an die entsprechenden Denkprozesse getroffen werden und von dem aus unsere Handlungen gesteuert werden. Und von eben diesem Ich wird man angesichts der empirischen und theoretischen Ergebnisse der Hirnforschung sagen müssen: Nein, ein solches Ich gibt es nicht! Eben so deutlich dürfte aber auch geworden sein, dass dieses Ich letztlich eine von der Hirnforschung selbst entworfene Hypothese ist. Das Ich der Hirnforschung ist also eine von ihr selbst aufgebaute Strohpuppe, die abzuschießen dann nicht allzu schwer war? Diese Behauptung ist sicher nicht nur zu boshaft, sondern auch zu simpel. In dieses Konzept von Ich ist gewiss auch nicht wenig an philosophischem, nicht zuletzt cartesianischem und kantianischem Denken eingeflossen - das allerdings meiner Meinung nach gründlich materialistisch missverstanden wurde. Denn sowohl Descartes als auch Kant haben "das Ich" wesentlich als ein denkendes Ich gedacht, das in der Erfahrung Einheit stiftet in der Vielfalt der Sinneseindrücke, das Empfindungen zu Dingen, Dinge zu Aussagen und Urteilen verbindet. Beide haben im Ich aber etwas wesentlich Geistiges gesehen, das der räumlich ausgedehnten Welt unserer sinnlichen Erfahrung enthoben ist, so dass es für beide ein grober Denkfehler wäre, dieses Ich im Gehirn oder wo auch immer lokalisieren zu wollen.


Wichtiger als dies ist vielleicht ein Vergleich damit, was "ich" dort bezeichnet, wo es mit Sicherheit am häufigsten gebraucht wird: nämlich in unserer Alltagssprache. Die Einleitung zu diesem Artikel liefert dazu bereits eine Kostprobe. Wir gebrauchen das Wort "ich" keineswegs nur, um uns denkende Tätigkeiten oder Eigenschaften des Geistes zuzuordnen, wie dies der Philosophie Kants oder Descartes entsprechen würde (Ich schreibe diesen Artikel. Ich stelle diese Fragen. Ich zweifle an mir. Ich denke immer nur an mich.). Wir benutzen sie auch keinesfalls nur, um komplexe Wahrnehmungen auszudrücken oder unsere Entscheidungen für Handlungen kundzutun (Ich sehe eine wunderschöne Frühlingswiese. Ich pflücke Äpfel. Ich fühle mich dafür verantwortlich.). Wir bezeichnen mit ihr auch körperliche Eigenschaften (Ich wiege 70 Kilogramm). Wir beziehen uns auf Tätigkeiten unseres Körpers - selbst solche, die ausgesprochen unbewusst, ohne Zutun des Bewusstseins verlaufen (Ich habe gut geschlafen. Ich bin hungrig. Ich fühle mich schlecht. Ich bin aufgewacht - letzteres noch deutlicher etwa im Französischen: Je me suis réveillé). Nur dann, wenn ein Teil unseres Körpers ausgesprochen isoliert tätig ist, dann erscheint uns das "ich" unangebracht (Mein Herz schlägt. Mein Bein schmerzt. Mein Magen knurrt). Und natürlich drücken wir mit dem Wort "ich" auch Gefühle aus, die wir kaum bewusst zu steuern vermögen (Ich liebe dich.). Diese Gefühls- und Körperbezogenheit lässt sich bis in die Körpersprache verfolgen: Wenn ich betont über mich spreche, lege ich - wie wohl fast alle Menschen in unserer Kultur - eine oder beide Hände auf meine Brust - und nicht auf den Kopf. All das lässt gewiss keinen Zweifel daran, dass wir mit dem Wörtchen "ich" zwar sehr oft einen Kern von Bewusstheit verbinden, aber fast immer mehr meinen als nur eine Steuerzentrale unseres Seelenlebens. Ich denke, dass das Wort "Ich" dazu verführt, eine Unterscheidung zurückzunehmen, die allen Sprechakten und Denkprozessen zugrunde liegt: Das, was in uns "Ich" sagt und denkt ist keineswegs denkungsgleich mit dem, was mit diesem Wort bezeichnet, gesagt und gedacht wird. Unser Ich-Bewusstsein ist nicht das Bewusstsein unseres Ich-Bewusstseins, sondern das Bewusstsein unseres Ich. Wenn ich "ich" denke, dann denke ich nicht nur das in mir, was "ich" denkt, sondern auch all das andere, was mich als Menschen ausmacht.


Wenn nach Auskunft unserer Alltagssprache "ich" viel weniger paradox, auch viel weniger "vergeistigt" ist, als gemeinhin behauptet wird, so legt sie doch auch Zeugnis ab von einer durchaus paradox erscheinenden, ausgesprochen immateriellen Existenz des Ich. "Ich" sagen wir nicht nur, wenn wir von unserer gegenwärtigen Existenz sprechen, sondern auch, wenn wir uns auf unser vergangenes und zukünftiges Leben beziehen. (Ich bin 1960 geboren. Ich habe als Säugling viel geschlafen. Ich bin erst in den Kindergarten, dann in die Schule gegangen. Ich war Soldat. Ich werde mit der Fähre nach Griechenland fahren. Ich werde sterben.) Zunächst scheint dies das "ich" von allen möglichen Substantiven nicht zu unterscheiden. Auch von einem Baum, einem Haus, einem Kleid können wir in ihrer Gegenwart oder Vergangenheit sprechen. Zumindest im Falle von unbelebten Gegenständen wird dieser Sprachgebrauch dadurch gerechtfertigt, dass sie aus dem selben Stoff, der selben Materie bestehen. Bei Lebewesen, vor allem bei Menschen und Tieren, beruht die "Selbigkeit" aber gerade nicht auf der Materie, die sie physikalisch aufbauen, sondern auf dem fortlaufenden Lebensprozess, der ihre Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verbindet. Wenn ich über mich in der Zeit von meiner Geburt bis zu meinem Tode in Ich-Sätzen spreche, so hat sich während dieser Zeit mein Aussehen, mein Körper, mein Seelenleben völlig verändert. Fast alle Zellen meines Körpers (ein Teil der Nervenzellen ausgenommen) und alle Makromoleküle sind während dieses Zeitraums immer und immer wieder abgebaut und erneuert worden. Physisch ist von mir als Säugling praktisch nichts übrig geblieben, was die Zuschreibung des Wortes "Ich" rechtfertigt. Und auch von den materiellen Bestandteilen meines jetzigen Körpers wird bis zu meinem Tod, wenn er nicht sehr bald eintreten sollte, kaum etwas erhalten bleiben. Um dies mit zwei treffenden Worten der deutschen Sprache auszudrücken: Ich bin von Geburt bis Tod der selbe, ohne der gleiche zu bleiben. Während ich diese Form von "Selbigkeit" mit Tieren und ansatzweise auch schon Pflanzen gemeinsam habe, bin ich jedoch als Mensch das einzige Wesen, welches die eigene Selbigkeit über die Zeit von Geburt bis zum Tod in dem Wort "ich" von sich selbst behaupten kann. Dieser Aspekt des Wörtchens "ich" ist es auch, der eine sehr scharfe Grenze zum Tierreich zieht. Während einige Primatenarten durchaus in der Hinsicht ein gewisses Selbstbewusstsein haben, dass sie sich - etwa in einem Spiegel - von anderen Artgenossen unterscheiden können, hat nur der Mensch ein Bewusstsein seiner "Selbigkeit" von Geburt bis Tod, ein Bewusstsein darüber, geboren zu sein und sterben zu müssen.


Das Wort "ich" bezeichnet in der Alltagssprache also etwas völlig anderes als "das Ich" im Sprachgebrauch der Neurobiologen: Nicht eine Zentrale im Gehirn, sondern die (zumindest!) von der Geburt bis zum Tode vorhandene Identität des ganzen Menschen. Die Existenz des von diesem "ich" Bezeichneten zu bestreiten wird natürlich kein Neurobiologe wagen. Umgekehrt erfüllt das von diesem "ich" Bezeichnete aber auch sämtliche Funktionen, die etwa Roth dem als nützliche Illusion abqualifizierten "Ich als virtueller Agent" zuspricht: Mit diesem "ich" sprechen und denken wir "Wahrnehmungen, Gedanken, Vorstellungen, Gefühle und vor allem (auch autobiographische) Erinnerungen, die letztlich die Identität der menschlichen Persönlichkeit über ihren Lebenszusammenhang begründen", mit diesem "ich" beziehen wir uns auf "Entscheidungen im Rahmen der Handlungssteuerung", die wir unter Umständen auch "frei" nennen. Und mit diesem "ich" machen wir uns und anderen "die eigenen Handlungen plausibel" und übernehmen "Verantwortung".


Wenn die Hirnforschung vom "Ich als Illusion" spricht, so sind die Konsequenzen für unser alltägliches Selbstverständnis also weit bescheidener als dies publikumswirksam behauptet wird. Das Verständnis von "ich", das sich in unserer Sprache ausdrückt, wird von den neueren Erkenntnissen der Hirnforschung praktisch nicht berührt. Mit einer bescheideneren Darstellung könnte sich der tatsächlich mögliche Beitrag der Hirnforschung zu unserem menschlichen Selbstverständnis nun allerdings durchaus formulieren lassen. Tatsächlich räumen diese Erkenntnisse auf mit einem Verständnis des "Ich" als dem Körper und Seele beherrschenden rationalen und autonomen Agenten, den sich rationalistische und kritische Philosophien erträumten, der aber auch lange Zeit von Hirnforschung und kognitivistischer Psychologie selbst vorausgesetzt wurde. Sie hinterfragen vielleicht auch die Rolle des Ich in unserem Seelenleben, wie sie von der Anthroposophie dargestellt wird. Eine verantwortungsvolle philosophische Reflexion vorausgesetzt, könnten uns die Erkenntnisse der Hirnforschung eines Tages vielleicht wirklich besser zu verstehen helfen, dass menschliche Identität durch Körper und Geist, Sinnlichkeit und Verstand, Fühlen, Denken und Wollen begründet wird; dass nur in dieser Einheit Leben lebenswert und Freiheit begründbar ist. Die Frage, ob mit "ich" etwas gemeint sein könnte, was auch noch nach meinem Tode oder gar vor meiner Geburt existiert, ist damit freilich noch nicht einmal berührt. Sie liegt sicher für alle Zeiten jenseits dessen, was naturwissenschaftlich verstandene Hirnforschung zu leisten vermag. Wenn wir von einem solchen "Ich" ausgehen wollen, so könnte ein solches Verständnis des Gehirns uns allerdings vor vorschnellen "Lokalisierungsversuchen" des "Ich im Gehirn" bewahren. Wenn sich "das Ich" inkarniert (="einfleischt"!), dann wird dies sicher nicht irgendwo im Frontalcortex sein, sondern im ganzen Menschen, in Seelischem und Körperlichem, in Denken, Fühlen und Wollen, "vom Kopf bis zu den Füßen"...